Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 50 (12.12.1902)
- Date
- 1902-12-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Dr. Bloch’s Jahr,«», HX ♦ Centrslorgan für die gesammten Interessen des Iudenthums. *= A. k. Pofisparraffen-Arnt Clearing-Verkehr Nr. 810.876. LeLarUon und AdministrsUon« Wien IX/1, Berggalle Nr. 38. Talephon Nr. 14.847. Wie«, 12. Derember 1902. I *K" Erscheint jeden Freitag. -- Brief-Adresse: Wien, IX/1, Berggasse 38. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wie«. »rpigsxrri» für Srftrrrrich Halbjährig 8 Xronetu Einzelexemplare 50 Heller, Für'» Ausland: Halbjährig 10 Jttonen. Ganzjährig 20 . Anzeigen Dir 4mak gespaltene P«,»;e,le 24 Heller. 1 Inhalt: Leitartikel: Jüdische Arbeit. — VomJahrmarktdesLebens: Glossen zur Tagesgeschichte. Zar Schächtftage. Der Bischof und der jüdische Doctor. Chanukabescheernng. Hilfsverein für die galizischen Inden. — Harnack und Bouffet über die historische Bedeutung der Diaspora der Hellenen. — Korrespondenzen: Generalversammlung des israelitischen Tempelvereiues Brigittenau. Das Kinderheim in Laa. Ein Beitrag zum Ritualmordmärchen. Wien, Baden, Hieronymus Lorm. Brünn, Falkenau, Paris, London, New-Iork. — Vermischtes: Wien, Brünn, Lemberg, Podgorce, Frankfurt a. M., Weener (Ostfriesland), Prag, Neubidschein. — Feuilleton: Drei R. — Brieflasten. — Inserate. Jüdische Arbeit. In der letzten Sitzung des antisemitischen Gewerbegenossenschafts-Verbandes gelangte ein Circular zur Verlesung, in welchem die österreichischen Industriellen und Gewerbetreibenden zur Beschickung der Weltausstellung in St. Louis aufgefordert wurden. An dieses Circular, welches von zwei Christen und acht Juden unterfertigt ist — wir nennen von den letzteren M. u. I. Mandl, Leinkauf, Sigmund Mayer, Wertheimer und Schorr — knüpfte der Abgeordnete Schneider eine herzbewegliche Jeremiade. Er beklagte es, daß die Oesterreicher bei Ausstellungen sehr mangelhaft vertreten seien, und verwahrte sich dagegen, daß der Gewerbestand und die Industrie Oesterreichs auf der Ausstellung in St. Louis durch ein Judencomite vertreten werden. Was müßten sich die Amerikaner bei Besichtigung eines solchen Comitss, in dem gleich acht Juden und nur zwei Christen sich befinden, über Oesterreich denken? Die Klage des Abgeordneten Ernst Schneider geht uns wirklich tief zu Gemüth. Es ist für einen waschechten Antisemiten fürwahr ein unerträglicher Gedanke, daß es gerade Juden sein sollen, welche den Ruhm und das Ansehen der gewerblichen und industriellen Production Oesterreichs in überseeischen Ländern verbreiten. Wo immer diese Production im Auslande erschien und den Wettbewerb mit den Erzeugnissen anderer Länder aufnahm, waren es zum großen Theile jüdische Firmen, welche diesen Kampf ehrenvoll bestanden. Der Patriotismus des Herrn Schneider verflüchtigt sich sofort, wenn er mit seinem Antisemitismus in Conflict geräth. Wir aber sind gewohnt, die Dinge etwas gründlicher zu betrachten als der alte Stampiglien-Ritter. Indem wir das Zeugniß dieses verbissenen Judenfeindes hier quittiren, stellen wir uns doch auch gleichzeitig die Frage, welchen Ursachen es denn zuzuschreiben sei, daß die christlichen Gewerbetreibenden und Industriellen Oesterreichs so wenig geneigt sind, durch die Betheiligung an großen Ausstellungen den ausländischen Markt mitzuerobern? Warum sie gerade auf diesem Gebiete die Concurrenz gegen die bösen Juden, die sie doch sonst in allen Zweigen des geschäftlichen und des öffentlichen Lebens mit solcher Vehemenz ausgenommen haben, scheuen und zu ihrem eigenen Schaden vermeiden? Nun denn! Die Antwort auf diese Frage wird durch die Thatsachen und Erfahrungen_der letzten Jahre und Jahrzehnte ertheilt. Die christlich-sociale Wirtschaftspolitik hat den österreichischen Gewerbeftand zur vollsten Unselbstständigkeit erzogen. Auf der einen Seite versprach man unseren Gewerbetreibenden goldene Berge von der Zurückdrängung, Entrechtung und womöglich von der Austreibung der Juden. Auf der anderen Seite hat man sie daran gewöhnt, alles Heil nicht von der Bethätigung der eigenen Kraft, sondern von oben her zu erwarten. Statt sie mit kaufmännischem Geiste zu erfüllen, statt ihre fachliche Tüchtigkeit zu heben, statt ihren Blick zu erweitern für die Bedürfnisse des Marktes, für den Wechsel der Mode, für die grundlegenden Veränderungen, welche das Gewerbe durch die Erfindung neuer Maschinen erfahren hat, suchte man ihren Klagen und Beschwerden durch Beschränkungen der freien Concurrenz, durch gesetzliche Bestimmungen abzuhelfen, die mit dem praktischen Leben in grellem Gegensätze standen und nicht die Hebung des Gewerbestandes, sondern die constante Verminderung des Consums zur unausweichlichen Folge haben mußten. Man hat um den Gewerbestand chinesische Mauern aufgeführt und wundert sich nun, daß diese braven Lmte den verzopften Bewohnern des Reiches der Mitte gleichen. Das Fluidum, das von der gewerblichen antisemitischen Agitation ausging, hat naturgemäß auch unsere Industrie ergriffen. Auch aus diesen Kreisen ertönt unausgesetzt die Klage, und zwar die berechtigte Klage, daß es rapid abwärts gehe. Es ist eine höchst beunruhigende Erscheinung, daß speciell die Metall- und Maschineuindustrie im Laufe des letzten Jahres Tausende und Abertausende von Arbeitern entlassen mußte. Und der letzte Jndustriellentag hat sehr lehrreiche Einblicke eröffnet in den Niedergang dieses wichtigen Factors in unserem wirthschaftlichen Leben. Aber er hat auch, von der allgemeinen ökonomischen Depression abgesehen, die Ursachen enthüllt, durch welche die österreichische Industrie, ebenso wie der österreichische Gewerbestand in eine wirkliche Nothlage gerathen sind. Gegenüber dem Bilde von Rührigkeit und Energie, welches die deutsche Industrie bietet, gegenüber