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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-12-05 · 49 (5.12.1902) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
49 (5.12.1902)
Date
1902-12-05
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 808 Dr. Bloch*s WochonfchrM. Rr. 4S erblickt, das Licht des Lebens, das Licht des Wissens. In meinem Elternhaus da ist es dunkel, da ist es finster, da... da... Sie haben mich erzogen, Sie haben mir Alles gegeben, was das Leben schön, was das Leben angenehm und würdig macht. Meine Eltern haben mir den Körper geschenkt, Sie haben darin eine Menschenseele hineingehaucht. Ich bin auch Ihre Tochter." So führte und lebte Chaike ein zweifaches Leben. Im Hause ihrer Eltern — ein kaltes, unwissendes Leben, ein Leben ohne Liebe, ohne Aufklärung, ohne Zärtlichkeit; im Hause Lindoliubow — ein warmes, lichtes Leben voll Liebe, voll Wissen, voll Freundschaft. Zuweilen dachte Chaike das elterliche Haus ganz zu verlaffen, aber das natürliche, angeborene Gefühl des Kindes zu seinen Eltern war doch rege in ihr. Sie fühlte, daß ihr Verschwinden aus dem Hause ihre Eltern wie ein Donnerschlag treffen, sie ganz unglücklich machen würde. Das Naturgesetz. das natürliche kindliche Gefühl siegte über ihren Drang zur Freiheit, zum Wissen, über ihre Freundschaft zu Lindoliubow, über ihre Liebe zu Wieroczka, über ihre Anhänglichkeit zu Wanja, der nunmehr Iwan genannt wurde, eine Anhänglichkeit, die die Grenzen der Freundschaft überschritt und — — in Liebe auszuarten drohte. Chaike glaubte Iwan zu lieben, Iwan schien in Chaike verliebt zu sein.... Wieroczka hat bereits die Pension verlaffen, Chaike hat heimlich, ohne Wissen ihrer Eltern, an derselben Pension als Externe die Schlußprüfungen gut bestanden. Iwan hat das Gymnasium absolvirt. Wieroczka und Iwan wollten nach der Hauptstadt, um dort die Hochschule zu besuchen. Sie baten und riethen Chaike, mit ihnen zusammen nach der Hauptstadt zu gehen, um dort die Frauencurse zu besuchen. Chaike kämpfe mit sich selbst, mit ihren Gefühlen, mir ihren Wünschen und beschloß, ihr Leben, ihr Glück, ihr Wohl — den Eltern zu opfern. Chaike blieb ihren Eltern treu. * * * Chaike ist 17 Jahre alt geworden und war fast ganz einsam. Ihre einzigen Freunde, Wieroczka und Iwan waren verreist, Iwan auf der Universität, Wieroczka auf den Frauencursen. Beiden Lindoliubow's verkehrte sie nur äußerst selten. Sie brachte ihre Tage zu Hause zu, wo sie unermüdlich die verschiedensten Bücher las. Die Bücher waren nun ihre einzigen Freunde. * * * Gegen Mitternacht. Im niedrigen, bescheiden aber sauber möblirten Zimmer herrscht todte Stille. Ein ehrwürdiger Greis sitzt über den großen Folianten des Talmuds gebückt, den Kopf auf die Hände gestützt. Er liest nicht, aber er überläßt sich seinen traurigen Gedankm. Daun schüttelt er den Kopf, fährt mit der Hand über die hohe, wüße, gerunzelte Stirn und seufzt tief; er denkt an fein häusliches Unglück und flüstert ganz betrübt: „In Dich. Allmächtiger, fetze ich alle meine Hoffnung! Nur Du allein kannst mir helfen!" Und leichter wurde dem Greis ums Gemüth, er beugt sich wieder über den Talmud und liest darin mit ruhiger, einförmiger Stimme. Einige Minuten verstreichen und ins Zimmer tritt eine alte, starke Frau, von kleinem Wuchs ein und spricht Reb Aarele an: „Schenke Dir der Allgütige ein langes Leben bis 120 Jahren, Reb Aarele leb, mein Mann. Es verdrießt mich nicht um die schwere Arbeit im Laden, in der Wirthfchaft, wenn Du nur ruhig und ungestört unsere Heilige Thora lernen kannst. Ich weiß wohl, welcher Lohn mir im Jenseits bevorsteht dafür, daß rch Dir ermögliche, sorglos unsere heiligen Bücher und unseren Talmud zu studiren. Aber, mein Mann, es wäre doch schon Znt, ja höchste Zeit, au unsere Chaike, unsere einzige Tochter und Freude zu denken. Sie ist doch nicht mehr 10, 12 oder 14 Jahre alt. Gott sei dank, sie ist schon 17 Jahre alt geworden, bis 120 Jahren. Sie mag schon ihr eigenes Haus haben. Wir haben Unglück genug mit Kindern gehabt. Sieben Kinder hat uns der Tod hinweggerafft. Aber Gott. Sein Name sei gelobt und gedankt, hat uns doch Chaike gelaffen. Sieh, mein Mann, meine jüngere Schwester hat bereits alle ihre Kinder verheiratet. Selbst ihre jüngste Tochter, die um ein Jahr jünger als Chaike, auch die ist schon unter der Haube. Aber bei unserer Chaike, da ist noch keine Rede davon. Was soll nun aus ihr werden? Sie wird doch nicht eine alte Jungfer bleiben, bis zum grauen Zopf sitzen? Nein! nein! Du bist zwar ein frommer und gelehrter Mann, aber Du vergißt ganz und gar unsere einzige Tochter. Ich selbst verlange ja nichts von Dir, keinen Schmuck, keine Brillanten, keine Seidennoch Sammtkleider, wenn Du nur für die Zukunft unserer Chaike sorgen wolltest. Wann werde ich endlich meine Chaike mit Glück zur Chuppe führen? Wann werde ich schon Großmutter werden? Ich bitte Dich, ich verlange es von Dir, daß Du sofort, hörst Du, alle Deine Bücher bei Seite legst und Dich bemühst, unsere Chaike zu vcrheiraten. Da kam gestern zn mir Joschke, der Schadchen, und hat mir eine sehr gute Partie mit dem Sohn des Reb Welwele aus M. vorgeschlagen. Daß Du sofort, noch morgen, hinfährst und den jungen Mann in feinen Kenntnissen der heiligen Thora prüfst. Wenn er wirklich ein großer Kenner, ein guter Talmudist ist, so schreibe auch sofort die Verlobung. Fahre noch morgen hin, sonst will ich nichts mehr von Dir wissen." So sprach Sorke, die Frau des Reb Aarele. und wunderte sich selbst über ihre große, lange Rede, über die Dreistigkeit, mit ihrem Mann so streng zu sprechen. Aber was Wunder: bereitete sie sich doch auf diese Rede viele Wochen vor. „Gut, mein Weib, beruhige Dich. Morgen, so Gott will, fahre ich nach M. und mit Gottes Hilfe werden wir unsere Chaike verheiraten." Und so geschah es auch. Am nächsten Tage fuhr Reb Aarele zu Reb Welwele nach M. Nach einigen Tagen schon k hrte Reb Aarele zurück. Wie er ins Haus trat, es war schon später Abend, fand er Frau und Tochter vor. ,Mase1-torv", sagte Reb Aarele, „Chaikeleben, Du bist nun glücklich verlobt und versprochen an einen jungen Mann, einen großen Lerner, der Deiner Eltern und unserer Ahnen würdig ist. Er ist ein guter Kenner unserer heiligen Thora und des Talmuds. Er wird eine Leuchte in Israel sein. Du, meine Tochter, wirst glücklich sein. Alle werden Dich um Deinen Mann beneiden. Nasel-toxv, mit Glück für Dich, für uns, Deine Eltern und für alle Juden!" Die alte Mutter weinte vor Freude und strahlte vor Glück und — küßte ihre Tochter. Und Chaike, ja auch Chaike weinte und weinte die ganze Nacht hindurch. Die Eltern fanden es ganz natürlich, daß ihre Tochter weinte über das Glück, die Frau eines großen Gelehrten, des zukünftigen Rabbiners zu werden. Chaike liegt auf ihrem Bett, weint und denkt. Da schwebt ihr der Patriarch Abraham vor, wie er seinen einzigen Sohn Jsaac Gott zum Opfer bringt. „So wollen meine Eltern auch mich ihrem Gott zum Opfer bringen!"-—- Es wurde nun die Hochzeit von Chaike mit dem Sohn des Reb Welwele gefeiert. Verwandte, Freunde und Bekannte beiderseitiger Eltern versammelten sich im Hause Reb Aarele's. Musikanten stimmten bald traurige, bald lustige jüdische Melodien an. Chaike saß im großen Sessel, ihr Gesicht wurde mit einem großen Tuch bedeckt. Der „Batchen", der Hochzeitsredner, der zuweilen auch Grabreden hielt, improvisirte das Hochzeitsgedicht, das die Gäste rührte, die Weiber sogar zu Thronen und Schluchzen brachte. Unter Spiel, Gebeten, Gesang führte man Chaike zur Chuppe — das Lamm zum Opferaltar. Hier unter der Chuppe wurde ibr ein Mann zugeführt, den sie niemals gesehen, nie gekannt, nie gesprochen, von dem sie nur wußte, daß er in einigen Augenblicken ihr für das ganze Leben angetraut, ihr „Mann" sein wird. Chaike weinte nicht mehr, sie fühlte nichts mehr, selbst als ihr „Mann" ihr den Trauring aufsteckte. Der Rabbiner sprach das Gebet, ein Glas wurde zerschlagen, die Gäste schrieen „Masel* Tow", Chaike — fiel ohnmächtig zu Boden. Eine Frau hob sie auf. goß ihr einige Tropfen Wein in den Mund und führte sie zum gedeckten Tisch. Die Gäste aßen, tranken, schrieen, lärmten. Der Batchen improvisirte wieder, rief die Namen der Gäste aus, die Hochzeitsgeschenke den Neuvermählten machten. Die Gäste tanzten, tranken, hüpften, sangen, schrieen, lärmten. Auch der „Mann" der Chaike freute sich und lärmte mit den Gästen zusammen, Chaike aber war wie eine Marmorstatue, sie trank nichts, berührte keine Speise, sah nichts und war ganz gefühllos. Die Gäste lärmten die ganze Nacht hindurch und feierten so Chaike's Hochzeit. Am nächsten Morgen wurde Chaike vermißt. Ihre Eltern, ihr „Mann" suchten nach ihr, aber fanden sie nicht. Chaike hat noch in der Nacht das Elternhaus verlassen, ist ihrem „Manne" durchgegangen.- Chaike kam nach der Hauptstadt mit sehr bescheidenen Mitteln. Ein schwerer Kamps um's Dasein stand ihr bevor. Hunger und Kälte wurden ihre täglichen Freunde, bis sie zufällig die Bekanntschaft eines Studenten der technischen Hochschule, nennen wir ihn kurz Feiwel, machte. Dieser Student wohnte in demselben großen, kasernenartigen Hause, wie Chaike. Sie begegneten sich täglich im Flur und lernten sich kennen.

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