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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-12-05 · 49 (5.12.1902) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
49 (5.12.1902)
Date
1902-12-05
Page
– (sequence 13)
Language
German
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1,1' i I IIw Nr. 49 gemeinde Herrn Adalbert Hüller einen schweren Verlust erlitten. Herr Adalbert Hüller war eine Zierde unserer kleinen Gemeinde, er besaß ebenso jüdisches Wissen, wie weltliche Bildung und war durch hervorragende Cba'akter- und Herzenscigenschaften ausgezeichnet. An seiner Bahre schilderte Herr Rabbiner Kraus aus Wodnian in beredten Worten das Leben und Wirken des Heimgegangenen im Dienste des allgemeinen Wohles, worauf Herr Cantor Marcus May die üblichen Gebete in ergreifender Weise vortrug. Feuilleton. Chaike. Erzählung aus dem Leben der Juden in Rußland. Von St. Volewski. Chaike war die einzige Tochter armer jüdischer Eltern. Ihre Mutter Sorke hatte einen Colonialwaarenladen, in dem sie den ganzen lieben Tag über bis spät in die Nacht schwer arbeitete. Ihr Vater, Reb Aarele, brachte sein ganzes Leben in Gebeten und Talmudstudien zu. Er galt als sehr frommer Jude und großer Talmudkenner, wofür er auch von der ganzen Gemeinde geachtet und geschätzt wurde. Alle Haussorgen überließ er seiner Frau und selber kümmerte er sich um nichts. Er war eine Art von Privatgelehrter, was im jüdischen Leben „Lern.r" heißt. Er war — der Maurr seiner Fron, und charakteristisch genug, er wurde auch von seinen Bekannten nach seiner Frau benannt; Alle kannten ihn unter dem Namen: „Reb Aarele Sorkes". Wie die meisten Kinder dieses armen, finstern, fanatischen Krämerstandes, wuchs Chaike ohne jegliche Erziehung, ohne jede Aufsicht seitens ihrer Eltern heran, denn diese fanden keine Z^it, üch mit ihrem einzigen Kinde abzugeben. Als Chaike sieben Jahre alt ward, wurde sie nach dem „Cheder" geschickt, wo sie im Jüdisch-Lesen mit noch vielen Mädchen und noch mehr Knaben verschiedenen Alters unterrichtet wurde. Im Cheder aber pflegte Chaike blos den Vormittag zuzubringen, den Nachmittag war sie ganz frei und vollständig sich selbst überlassen, und trieb sich zwecklos im Hofe, in den Straßen umher. Fiel es ihr dagegen ein. den Laden ihrer Mutter zu besuchen, so wurde sie hinausgejogt. „Hier ist kein Platz für dich", pflegte ihre Mutter ihr zu sagen. „Wenn Du verheiratet sein wirst und deinen „Lerner" zum Mann haben wirst, dann wirst Du handeln und mit den Dienstmädchen und Bauern Dich abhetzen können, so viel Du selbst wirst wollen. Aber vorläufig darf Dein Fuß nicht hier senk." — Der Vater war entweder im Bethaus oder in seinem Zimmer eingesperrt, wo er den Talmud studirte. Auf solche Werse bekam Chaike ihre Eltern fast nie zu sehen und hat fast nie mit ihnen sprechen können Als Chaike acht Jahre alt war und an einem Sommernachmittag im Hofe spielen wollte, da fand sie dort ein kleines Mädchen mit einem Knaben, die heiter und munter miteinander spielten. Es waren die Kinder des im selben Hause wohnenden russischen Gymnasiallehrers Lindoliubow. Kinder in diesem zarten Alter kennen den Racen- und Classenunterschied noch nicht. Die Kinder wurden nun bald bekannt und spielten auch schon alle drei zusammen. Allerdings fiel es der Chaike im Anfang ziemlich schwer, mit den ruffischen Kindern zu verkehren, da sie die russische Sprache fast gar nicht verstand; ihre Muttersprache war natürlich der jüdische Jargon. Allmählich jedoch lernte Chaike von ihren neuen Freunden auch ihre Sprache, und sie befreundeten sich schnell, ganz nach unschuldiger-Kinderart. Chaike war ein gutes, ruhiges Kind. Wieroczka und Wanja gewannen sie lieb und pflegten sie schon zu sich ins Haus einzuladen. Hier erblickte Chaike eine ihr ganz fremde Welt, ein ihr ganz unbekanntes Leben. Hier sah sie wohlhabende Eltern, zärtliche Eltern, liebende Kinder. Die Eltern speisten an einem Tisch mit ihren Kindern und unterhielten sich mit ihnen. Dieses enge Zusammenleben von Eltern mit Kindern war ihr ganz neu. Eines Tages, da Chaike bei Lindoliubow's zum Thee war, fragte Herr Lmdoliubow die Wieroczka etwas, worauf sie sehr treffend erwiderte. Vater und Mutter lachten herzlich über die gelungene Antwort und küßten die Tochter. Wie Chaike diese liebliche Familienscene sah, brach sie in Thränen aus. Herr Lindoliubow fragte sie nach dem Seite 807 Gru d ihres Weinens und sie antwortete ganz naiv: „Mich haben meine Eltern noch nie geküßt!" Frau Lindoliubow dachte dabei: „armes Kind, unglückliche Eltern", umarmte das jüdische Mädchen und sagte: „Weine nicht, liebes Kind, auch Deine Eltern lieben Dich, sie haben blos keine Zeit, Dir ihre Liebe zu zeigen. Auch Wieroczka, der die Thränen in den Augen standen, küßte mitleidsvoll ihre jüdische Freundin. Chaike fing nun noch heftiger an zu weinen, ließ ihren Thee stehen und ging nach Hause. Dort legte sie sich auf's Bett und gab freien Lauf ihren Thränen. „Nein, nein, Eltern müffen ihre Kinder lieben, aber mich lieben meine Eltern nicht; sie küssen mich nie, sie sprechen nie mit mir. Nein, ich gehe nicht meyr zu Wieroczka, ich will Wanja nicht mehr sehen". So schluchzte Chaike bis spät in der Nacht und, ohne zu Nacht zu essen, schlief sie endlich ein. Ihre Elrern bemerkten nicht, was mit ihrem Kinde vorging. Nur gegen Mitternacht, nach Ladenschluß, kam die Mutter ins Wohnhaus, fand Chaike schon schlafend und weckte sie aus dem Schlaf: „Wo hast Du Dich den ganzen Tag herumgetrieben, Taugenichts Du! Du hast ja nicht einmal zu Nacht gegessen! Steh' auf, iß etwas, verrichte Dein Nachtgebet und gehe schlafen, Du unwürdige Tochter". Chaike dachte dabei an das liebevolle Verhältniß im Lindoliubow'schen Hause und seufzte tief: „Aber ja, ich bin ja — eine Jüdin! Ich gehe nimmermehr zu ihnen". Und so war es auch. Chaike gab den Verkehr mit den Lmdolmdow's auf. Aus dem Cheder kommend pflegte sie den ganzen Tag schon im Z mmer zu bleiben, sie wollte ihren russischen Freunden nicht mehr begegnen. Nach einigen Tagen kam Wieroczka zu Chaike und fand sie auf ihrem Bette liegen. „Meine liebe Chaike", sprach Wieroczka, „warum kommst Du nicht mehr zu uns? Warum willst Du nicht mehr mit uns spielen? Papa, Mama, auch Wanja bitten Dich, zu uns zu kommen. Wir lieben Dich doch Alle, und ich habe Dich so gern". Chaike vermochte ihr kein Wort zu erwidern, heiße Thränen waren ihre Antwort, und Wieroczka weinte mit ihrer Freundin. Die kleinen Mädchen umarmten sich fest und gingen einen Freundschaftsbund fürs ganze Leben ein. Chaike begann nun wieder jeden Tag die Lindoliubow's zu besuchen und mit den Kindern zu spielen. Die Lindoliubow's beauftragten ihren Hauslehrer, der Wieroczka und Wanja für die Schule vorbereitete, Chaike zu unterrichten. Chaike war sehr fleißig und begabt, sie machte gute Fortschritte. Es dauerte nicht mehr lange und Chaike konnte den Unterricht zusammen mit ihren Freunden folgen. Ihre Eltern merkten noch immer nichts und hatten keine Ahnung von ihrem Verkehr bei Lindoliubow's, wußten nichts von der neuen Lebensweise und den guten Fortschritten ihrer jungen Tochter. Chaike war 11 Jahre alt. An einem Sonntag Nachmittag kam sie, wie alltäglich zu Lindoliubow's. Die Kinder waren zum Spazierengehen angekleidet. „Weißt Du, Chaike", sagte ihr Frau Lindoliubow, „Du hast ja ganz die Figur von Wieroczka, nimm ihr rothes Kleidchen und gehe mit ihnen zusammen aus." „Nein", antwortete Chaike kurz, „ich bin ein armes Mädchen." Monate liefen dahin. Jahre verstrichen. Wieroczka lernte in einer Pension, Wanja besuchte das Gymnasium und Chaike — wurde im Hause Lindoliubow's ganz nach dem Pensions- Programm unterrichtet. — Bei Lindoliubow's wurde Wieroczka's Geburtstag gefeiert. Einige Pensionsfreundinnen von Wieroczka, sowie manche Mitschüler von Wanja waren zum Abendbtod eingeladen; auch Chaike fehlte bei diesem Feste nicht. Da Chaike nicht mitessen wollte, so war Frau Lindoliubow ärgerlich und bat sie, doch etwas zu genießen. Chaike aber sagte ihr: „Ich kann und darf nicht Ihre Speisen berühren. Ich bin eine Jüdin, ich werde gegen den Willen meiner Eltern die jüdischen Gesetze nicht verletzen." Später wurde gespielt und getanzt. Auch Chaike nahm an der allgemeinen Lustigkeit regen Antheil und guter Dinge. Doch bald überfiel sie ein Gefühl des Unbehagens, der Trauer. Sie verließ die Gesellschaft und ging in ein anderes Zimmer. Hier zog sie eine Parall-le zwischen dem Leben bei Lindoliubow's und dem Leben in ihrem elterlichen Hause. Frau Lindoliubow aber vermißte bald das jüdische Mädchen und suchte und traf Chaike, fiel ihr um den Hals, küßte sie und heiße Thränen strömten aus ihren Augen. „Liebe, liebe Frau, schluchzte Chaike, ich wollte Sie nicht verletzen, aber ich konnte doch bei Ihnen nichts effen. Ich achte Sie, ich liebe Sie, Sie sind mir fast mehr als eine Mutter. In Ihrem Hause habe ich das wirkliche Licht der Welt Dr. Bloch's Wochenschrift.

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