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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-12-05 · 49 (5.12.1902) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
49 (5.12.1902)
Date
1902-12-05
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Str. 49 Dr. Bloch's WochrnMrifk. Seite 809 Feiwel fand bald Gefallen an der jungen, netten Dame. Er war überrascht und entzückt von ihren reichen Kenntnissen, von ihrer geistigen Entwicklung, ihrer Intelligenz. In ihren Augen und ihrem Gesichtsausdruck las er ihre ganze Leidensgeschichte und war von Mitleid erfüllt. Er verschaffte ihr einige Stunden in ärmeren Familien. Chaike verdiente nun durch Unterricht ihr karges Auskommen. Es verstrich ein Jahr und Chaike und Feiwel wurden Freunde, reine, wahre Freunde, im vollen Sinne des Wortes. Chaike schenkte ihrem neuen Freunde volles Vertrauen. Eines Tages erzählte sie ihm ihr ganzes Leben, ihr Verhältniß zu Lindoliubow's, ihre ganze Leidensgeschichte. Chaike dachte oft an ihre alten Freunde Wieroczka und Iwan Lindoliubow. Sie wußte wohl, daß sie auch in derseben Stadt studirten, aber sie suchte sie nicht auf. Zuletz jedoch sehnte sie sich, ihre alten Freunde wieder zu sehen. Ein ihr unbekanntes Gefühl lockte sie, zog sie hin zu ihnen. Sie gestand nun ihre Gefühle zu den jungen Lmdoliubow ihrem treuen Freund Feiwel und bat ihn, zu erfahren, wo sie wohnten. Feiwel fiel es nicht schwer, den Wohnort der Liudoliubows heranszufinden, er erfuhr aber über Iwan noch mehr, als ihm selbst lieb war. Er ließ sich von dem leichtsinnigen Bummlerleben Jwan's erzählen. Feiwel fand es für Chaike unpassend, ja gefährlich, die alte Freundschaft mit Iwan zu erneuern. „Nun, Feiwel, wissen Sie schon, wo die Lindoliubow's wohnen?" fragte ihn Chaike eines Tages. „Nein, es gelang mir nicht, ihre Adreffe zu erfahren", erwiderte Feiwel und die Röthe stieg ihm ins Gesicht. „Aber, Feiwel, es ist nicht wahr. Es ist nicht schön von Ihnen, mir nicht die Wahrheit zu sagen. Sie können einmal nicht lügen, Sie verrathen sich bald. Sie wollen mir einfach nicht sagen, wo die wohnen. Aber warum denn?" Ja, ich weiß es, aber Iwan.... ist ein Taugenichts geworden, ein Säufer, ein Don Juan." „Ich werde ihn schon wieder gut machen, er ist ein braver, ordentlicher und feinfühlender Mensch." „Vergebens, Chaike, ich fürchte für Sie..." „Aber, ich liebe ihn", sagte Chaike und ahnte nicht, welch harten Schlag sie mit diesen Worten Feiwel verfitzte, als würde sie ihn mit einem scharfen Messer ins Herz treffen und verwunden." — „Nein, Chaike, Sie lieben ihn nicht, Sie schwärmen blos. . . — „Aber glücklich ist man auch im Schwärmen", versktzte Chaike. Feiwel that es leid um Chaike und er sagte ihr: — „Ich will Ihr Glück nicht stören, Chaike, aber ich bitte Sie, überlegen Sie es sich, analysiren Sie ihre Gefühle zu Herrn Lindoliubow. ..." — „Nun, ja, noch schwärme ich für ihn, aber ich werde ihn lieben und werde mit ihm glücklich sein." — „Ich wünsche Ihnen alles Glück, aber ich fürchte, ich zweifle, ob Sie es dort finden." Chaike entschloß sich nun, das arme Haus zu verlassen, wo sie mit Feiwel als Nachbarin wohnte. Sie willigte ein, nach der herrlichen Wohnung Wieroczka's und Jwan's zu ziehen. Sie besuchte nun die Frauencurse. Sie war wieder mit ihren alten Freunden und lebte mit ihnen zwei Jahre zusammen. Schnell verstrichen diese zwei Jahre, und Chaike lebte, und Chaike genoß das Leben mit vollen Zügen . . . zwei Jahre. Eine dunkle, finstere, nasse Nacht. Der Regen goß in Strömen. Auf der Brücke stand eine junge Frau mit einem Brustkind auf dem Arme. Sie schaute ins Wasser hinab und lächelte dem Wasser zu, wie einem neuen aber treuen Freund. Sie drehte sich um, schickte einen verzweifelten Blick auf die Stadt, sah sich nach allen Seiten um, als wollte sie Abschied nehmen von Allem, von der Stadt, von den Menschen, von ihren Freunden, Bekannten, von ihrer Vergangenheit. Sie drückte noch einmal das Kind fest an ihre Brust, sie küßte es und flüsterte: „Feiwel hatte doch Recht, nicht in der Schwärmerei wohnt das Glück." Schon erfaßte sie das Brückengeländer, schon kletterte sie hinauf und wollte sich ins Wasser stürzen, da wurde sie von kräftigen Armen ergriffen und an ihrem Vorhaben verhindert. „Es ist ein gräßliches Verbrechen, sein eigenes Kind zu ertränken! Kommen Sie zu mir!" Chaike erkannte ihren Freund Feiwel und fiel ohnmächtig zur Erde. Feiwel brachte sie mit ihrem Kinde nach ihrer Wohnung . . . Chaike erholte sich von einem heftigen Fieber. Sie wurde bei Feiwel gut gepflegt und genaß. Und wieder weinte Chaike bittere Thränen. Ihre verzweifelte Lage, die Schande vor der Welt, das Vorurtheil, die Schande vor Feiwel. „Chaike", sagte ihr Feiwel eines Tages, „es war mein fester Entschluß Sie zu heiraten. Ich bin in einer Fabrik angestellt und verdiene gut. Ich will vernünftig leben, für die Meinigen, für die Unglücklichen. Aber es fällt mir doch schwer, in meiner Einsamkeit zu verbleiben. Ich verstehe Ihre unglückliche Lage, Chaike, ich biete Ihnen meine Stellung an, meine Stellung in der Gesellschaft, mein Haus und meinen Namen. Für mich ist es durchaus kein Opfer, für Sie und für Ihr Kind kann es von Vortheil sein. Sie werden ja Ihr Studium fortsetzen und wenn Sie fertig sind, so sind Sie frei, Sie können sich dann Ihr Leben einrichien ganz nach Ihrem Gutdünken, nach Ihrem Belieben, und wenn es Ihnen dann paßt, so werden Sie mir auch meinen Namen zurückgeben können." Chaike ging auf dieses Anerbieten des Freundes ein. Sie lebten nun, Feiwel mit Chaike, mit ihrem Kinde, in voller Eintracht und Zufriedenheit. Für die Außenwelt, für die Bekannten, lebten sie als Mann und Frau, im Hause — waren sie die alten treuen Freunde. So vergingen einige Jahre. . . Feiwel erkrankte schwer. Er litt an einem Herzfehler. Die Aerzte gaben alle Hoffnung auf. Chaike war in Verzweiflung. Feiwel Pflegte sie zu rrösten. . . Oh, leben Sie noch, Feiwel, verlassen Sie mich und mein Kind nicht! Ich kann ja nicht mehr ohne Sie leben. Sie sind ein — Mensch!" „Meine Freundin, Chaike, ich muß nun sterben. Ich fühle es. Es ist mir aber eine Genugihuung. mich in meinen letzten L'bensstunden zu überzeugen, daß wahre, innige, reine Freundzwischen Mann und Frau doch möglich ist." „Aber, Feiwel, ich liebe Drch!* „Es ist zu spät, Chaike, zu spät." „Wozu der Selbstbetrug, Feiwel, ich weiß ja, daß Du mich liebst. Und ich wagte es nicht, Dir zu gestehen, daß ich Dich schon lange, lange liebe." „Ja, Chaike, ich liebte Dich und liebe Dich, aber wer liebt, darf nicht glücklich sein." „Nein, Feiwel, ich habe endlich das wahre Glück erkannt. Nicht in der Schwärmerei, aber in der wahren Liebe da haust das Glück." „Chaike, es ist zu spät. Auch ich bin von jenem Stamm, die sterben, wenn sie lieben." Feiwel hauchte seine reine Seele aus. Briefkasten. I. in Bukarest. Von der rumänischen Thronrede gilt das Wort: „Was er mir leise verschweigt, zeigt mrr den Meister des Stils!" Die guten Beziehungen zu allen Staaten werden gerühmt und die amerikanische Note über die Zustände, die die rumänischen Juden zur Auswanderung zwingen, bleibt vorsichtig unerwähnt. Die finanzielle Lage wird in rosenrother Beleuchtung gezeigt. Wohl Denen, die daran zu glauben vermögen. Es gilt auch von Rumänien, was Voltaire einst gesagt: Alles ist vortrefflich in dieser besten aller denkbaren Welten. Dabei hat der M i n i st e r für Handel u tt b Ackerbau, Aurelian, krankheitshalber d e m i s s i o n i r t und S t u r d z a das Portefeuille interimistisch übernommen. Das ist auch eine Illustration zum Optimismus der Thronrede. C. Im Gerichtssaal zu Brüx haben wir Gelegenheit, unsere arischen Sittenrichter in heller Beleuchtung zu sehen und die Gestalten verdienen in der Erinnerung festgehalten zu werden. „Ehrenwerthe Zeugen" nannte der Präsident die großen Politiker, deren „Glaubwürdigkeit" er der Beurtheilung der Geschwornen überließ. &. in Rom lieber die Zahl der Juden in Italien werden jetzt genaue statistische Angaben veröffentlicht. Danach leben zur Zeit in ganz Italien 43.550 Juden, welche über 7:> italienische Plätze zerstreut sind. Davon leben 1950 Juden in 39 Zwerggemeinden von 20—100 Seelen, weitere 3010 Juden bilden 1« kleine Gemeinden von 100—5v.o Seelen. Fünf jüdische Gemeinden mir zusammen 4280 Seelen zählen zwischen 500-1 00 Mitgliedern und endlich wohnen über 32.000 Juden in 13 Gemeinden mit über 1000 Seelen. Von diesen weisen die Städte Mantua, Modena, Neavel und Nizza je 1000 Juden auf, Padua zählt 1050. Ancona i7i.O, Ferrara 1740, Mailand 1080 und Florenz 2100 Inden, lieber 30 0 Juden haben nur die vier italienischen Städte Livorno, Venedig. Turin und Rom aufzuweisen. Davon zählt Venedig 3800 und die alte jüdische Gemeinde Livorno 4050 Juden. Die meisten jüdischen Einwohner weisen aber die beiden Hallptstädte des Königreiches Turin und Rom auf, von denen erstere 430o, letztere 7800 zählt. Außerdem leben 1500 Juden in ganz kleinen Gruppen über ganz Italien zerstreut.

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