Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 49 (5.12.1902)
- Date
- 1902-12-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 49 Sr. ^wch's Wvchensuzcr^ Seite 803 Bon Herrn Julius Straschnow. für Arme anläßlich des Ablebens des Herrn Moses Straschnow . K 60.— Von Herrn kais. Rath Dr. Theodor Lieben für die israelitische Armenanstalt den Ueberschuß einer ihm eingeleiteten Subskription von .... „ 30.— Von demselben, für Arme.„ 1010 Bon Herrn Emerich Herzog, für Arme .... „ 20.— Bon N. R. 33, für Arme.„ 2.— Eutnahnen der Büchsen in den Gemeindebethäusern Stadt und Leopoldstadt: Für die israelitische Armenanstalt .... „ 251.24 Für die „Chewra Kadischa“.„ 150.27 Für die Armen der österr.-ungar. Gemeinden im heiligen Lande.„ 56.07 Wien. Wir konnten in der vorigen Nummer über den befriedigenden Verlauf der diesjährigen Generalversammlung des „Vereines für unentgeltlichen Arbeitsnachweis" berichten. In Ergänzung dieser unserer Mittheilungen möchten wir nun auch das Wissenswertheste aus dem bei der Versammlung zur Verlesung gebrachten und demnächst im Druck erscheinenden Jahresberichte zur Kenntniß unserer Leser bringen. Am besten drückt sich wohl der Ecfolg des Vereines in der Zahl der bisher durchgeführten Vermittlungen — mehr als 5300 — bezw. in der Steigerung aus, die die Ziffern von Jahr zu Jahr aufweisen. Während im ersten Betriebsjahre 1364 Vermittlungen erzielt wurden, gab es deren im 2. Betriebsjahre 1690 und im nun abgelausenen 3. Betriebsjahre schon 2262. Das heißt: Die Zahl der Vermittlungen ist — gegen die erste Periode — um 65 Percent gestiegen. Mit vollem Rechte weist aber der Bericht auch darauf hin, daß in den angeführten Ziffern nicht der ganze Effect der Bereinsthätigkeit zum Ausdruck komme. Es seien nämlich Biele, die in früheren Jahren durch den Arbeitsnachweis in Stellungen gebracht wurden, nunmehr bei einem Wechsel des Arbeitsplatzes durch Berufung auf den Arbeitsnachweis und auf ihre vorherige Beschäftigung besser befähigt, selbstständig eine neue Stellung zu erlangen. Besonders wurde diese Erfahrung bei dem Baugewerbe gemacht, welches Arbeitsgebiet erst durch den Verein den jüdischen Hilfsarbeitern in größerem Maße zugängig gemacht wurde. Der Bericht hebt mit besonderer Genugthuung hervor, daß Se. Excellenz der Herr Handelsminist?r sich spontan veranlaßt sah, dem Vereine eine Subvention zuzuwenden. Auch manche andere Spenden und Legate liefen ein und hüben den Beweis geliefert, daß die Ziele des Arbeitsnachweises allgemein anerkannt werden. Kaum an irgend einem Orte sei diese Wohlfahrtseinrichtung nöthiger als in Wien, wo ein stetes Zuströmen armer Juden aus allen Theilen des Reiches stattfinde, für welche der Beistand des Vereines wohlthätig und erziehlich wirke, die aber auck auf seine Hilfe angewiesen seien, weil ihre Confession ihnen die Erlangung von Arbeitsgelegenheit auf vielen Seiten unmöglich mache. Der Bericht weist endlich auf die große Frequenzziffer hin. die häufig mehr als 250 an einem Tage beträgt. Der Vorstand knüpft daran die Bitte, die Mitglieder mögen die Bureaus des Vereines in den Vormittagsstunden besuchen, um den Andrang der Arbeitsuchenden und die Einrichtungen des Vereines kennen zu lernen. Der Bericht klingt in folgendem Appell aus: Bleiben Sie unseres Institutes im täglichen Leben eingedenk und führen Sie uns neue Mitglieder, aber auch neue Arbeitgeber zu, damit wir in die Lage kommen, immer mehr jüdischen Arbeitern durch Beschaffung von Ecwerbsgelegenheit die rettende Hand zu bieten! Wir glauben nur unsere pnplicistische Pflicht zu thun, wenn wir diesen Appell nachdrücklich unterstützen. Wien. Wir erhalten folgende Zuschrift: Verehrliche Redaction! Ein Abonennt Ihres Blattes spricht sich dagegen aus, daß die jüdischen Hausbesitzer ihre vermeintlich antisemitischen Hausmeister entlassen sollen. Man könnte dann eventuell nicht bei den Hausmeistern allein stehen bleiben, Massenentlassungen würden uns Verlegenheiten bringen, Haß gegen uns erwecken, und seien an sich nicht human, wir sollten uns nicht auf die tiefe sittliche Stufe unserer Gegner herabdrücken lassen. Diese Zuschrift ist nach vielen Richtungen hin schief. Man hat meiner Ansicht nach nicht blos das Recht, sondern die Pflicht, Leute zu entlassen, die uns bekämpfen. Der Unterschied zwischen dem Verfahren unserer Gegner und dem uns'rigen bestände eben darin, daß wir das nicht aus persönlicher Abneigung gegen die Gegner thun, sondern zu unserem eigenen Schutze und zu unserer eigenen Vertheidigung. Der Hausmeister ist ein wichtiger politischer Agent. Die Juden haben, soweit in ihren Kräften steht, die Pflicht, dafür zu sorgen, durch die Verwaltungen ihrer Häuser den christlich-socialen Machthabern nicht Wahlagenten zu liefern. Hierzu kommt, daß die Juden die Verpflichtung haben, den durch die antisemitische Verfolgung brotlos gewordenen Juden Obdach und Unterkunft zu schaffen. Eben ist ein früherer Angestellter der Tramway bei mir gewesen, der von ihr gute Zeugniffe hat und bis zum Uebergang in das städtische Eigenthum 7 Jahre in ihr thätig war. Der Mann ist nach Berlin gekommen, weil er in Wien sich vergeblich um eine Stellung bemüht hatte. Andauernd wendet man sich von Oesterreich nach dem Ausland, um für die Galizianer Brotstellen zu schaffen. Wäre es nicht unter solchen Umständen die Pflicht der österreichischen Jaden zunächst selber das Ihrige zu thun und antisemische Hausmeister durch jüdische zu ersetz-n? Mrt dem jüdischen Optimismus auf eine bessere Zukunft zu warten, ist ja recht schön, für dcn Mann der nichts zu essen hat, aber etwas schwierig. Ich sehe wirklich nicht ein, daß es unsittlich sein soll, einen solchen Mann an Stelle eines antisemitischen Hausmeisters cuizustrllfii, umsomehr, a's man sich ja bemühen kann, einem Hausmeister, dem man kündigt, bei Antisemiten oder anderen Christen zu einer Stellung zu verhelfen. Kurz und gut. der Standpunkt, den „ein Abonnent" einnimmt, scheint mir widernatürlich und durchaus nicht sittlich, denn die Abwehr, statt bloßen Wartens aus den M-ffias oder eine andere beffere Zukunft, ist sittliche Pflicht. Der bloße Optimismus, der sich nicht zur That verdichtet, wird unter der Bezeichnung Fatalismus den Orientalen mit Recht zum Borwurf gemacht. Hochachtungsvoll Ein reichsdeutscher Leser. Wien. (Dreißig Jahre Blindenerziehung.) Zum dreißigstenmal jährte sich am 2. December für das aus Anregung des Dichters L. A. Frankl von dem Freiherrn Jonas v. Königswarter gegründete Blindeninstitut auf der Hohen Warte der Tag seiner Eröffnung. Die Anstalt, welche heute fünfzig Zöglinge zählt, hat bisher zweihundert Kinder ausgenommen, von welchen eine groß? Zahl geachtete Lebensstellungen zu erringen vermochte. Der gewerblichen Ausbildung der Zöglinge, welche sich auf Bürstenbinden, Korb- und Seffelflechten, Maschinstricken, venetianische Kleineisenarbeit und auf die Handhabung von Schreibmaschinen erstreckt, wurde die größte Sorgfalt zugewendet. Das System der Darstellung im Blindenunterricht, welches durch Einführung des Modellirens und Zeichnens von dieser Anstalt begründet worden ist und welches die Gestaltungssäbigkeit der blrnden Zöglinge fortwährend erhöht, wurde durch den Handfertiqkntsunterricht vervollständigt. Dadurch wurde die wirkungsvollste Borbereitung für den Handwerksbetrieb geschaffen, welche das größte Ausmaß von Selbstständigkeit und Fertigkeit ermöglicht. E:ne eifrige Pflege erfuhr auch die Musik, so daß zehn Zöglinge die Staatsprüfung für das Musiklebramt (Clavier, Orgel, Violine, Gesang) ablegen konnten und einige Mädchen die Befähigung zur Ertheilung des Unterrichtes im Zitherspielen erlangten. Eine Reihe geprüfter Clavierstimmer findet lohnenden Erwerb. Zwei ehemalige Zöglinge leiten Musikschulen. Budapest.In der Generalversammlung des ungarischen israelitischen Landes-Stipendienvereines wurde constatirt, daß die Zahl der Stiftungen im Laufe des letzten Jahres um neun gestiegen ist und sich das Vermögen des Vereines um 97.284 K 79 h vermehrt hat. Der Berein brachte im letzten Schuljahre 13.960 L zur Bertheilung, ohne daß aber diese Summe genügt hätte, allen berechtigten Ansprüchen nachzukommen. Bon den größeren Stiftungen abgesehen, sei der Verein nur auf geringe Nebeneinkünste angewiesen gewesen und bestreite seine Bedürfnisse fast ausschließlich von den Zinsen seines Vermögens. Die Abnahme der Unterstützungen seitens der Mitglieder sei — wie der Bericht bemerkt — hauptsächlich auf die mißlichen wirthschaftlichen Verhältnisse zurückzusühren. Seit dem Bestände des Vereines wurden 684 Schüler mit 200.460 K unterstützt. Die Versammlung ertheilte der Bereinsleitung das Absolutormm und nahm die Neuwahlen vor, welche folgendes Resultat ergaben: Präsident: Magnatenhausmitglied Karl Sväb; Bicepräsident: Dr. Samuel Kobn; Sccretäre: Dr. Josef Simon und Doetor Moriz Stiller; Caffier: Jakob Deutsch; Coutrolor: Wilhelm Müller; Ausschußmitglieder: Ludwig Adler, Dr. Jonas Baron, Dr. Anton Baumgarten, Moses Bloch. Dr. Franz Chorin, Samuel Deutsch, Alexander Deutsch, Dr. Rudolf Ehrenhaft.