Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 49 (5.12.1902)
- Date
- 1902-12-05
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 802 Dr. Bloch's Wochsnfchrifk. Nr. 49 erwarten; man müsse vielmehr die Krankheiten durch prophylaktische Maßregeln rechtzeitig verhindern. Wir Juden bedürfen einer geistigen Volkshygiene, d. h. man soll so viel als möglich verhindern, daß das Heranwachsende Geschlecht der Gleichgiltigkeit oder gar der Abneigung gegen alles Jüdische verfalle. Warum haben wir älteren Juden noch immer einen gewissen Respect vor dem Judenthum? Warum betrauern wir unseren Niedergang und gedenken mit Wehmuth der schönen Zeit, wo wir im Elternhaus das Judenthum in voller Blüthe sahen? Eben nur deshalb, weil wir damals etwas vor uns sahen, das voller Leben und voller Poesie war. Man spricht so oft davon, das Judenthum leichter zu machen, um es erhalten zu können. Mit dreißig oder vierzig Jahren zurück ist es uns nicht eingefallen, in dem Glauben unserer Väter eine Last zu erblicken. Wir haben diese weder in den vielen Geboten und Verboten des Judenthums gefunden, noch in den vielen Beschränkungen, die wir seinetwegen auf Schritt und Tritt im bürgerlichen Leben erfuhren. Heutzutage kann man es oft von sogenannten „guten" Juden hören: „Denken Sie sich einmal! Mein Sohn wäre Primus in der Claffe geworden, aber als Jude konnte er's nicht." O! über dieses kraft- und gedankenlose Geschlecht! Die Gedankenlosigkeit ist ein viel schlimmerer Feind als der Jndifferentismus. Wer dem Juden aus Gleichgiltigkeit den Rücken kehrt, gleichviel ob er formell in unserer Gemeinschaft bleibt oder nicht, thut nur das, wozu er durch Erziehung geneigt ist. Biel schlimmer ist es, angeblich im Judenthum zu „leben" und dabei ganz und gar todt zu sein. Denn diese Gedankenlosigkeit hat dahin geführt, daß die Zahl der Indifferenten von Tag zu Tag wächst. Vor einiger Zeit las ich, in London habe sich eine neue jüdisch: Gemeinschaft gegründet, um dem überhandnehmenden Jndifferentismus entgegenzutreten. Männer, die der Synagoge in der Regel fernbleiben, weil sie ihr entfremdet sind, haben sich in einem Privatsaal vereinigt, um auf ihre Weise einen Gottesdienst abzuhalten. In London soll die Gleichgiltigkeit gegen das Judenthum einen geradezu erschreckenden Umfang angenommen haben. Und dabei ist London sonst eine Stadt, wo die Kirchlichkeit, wenn ich mich so ausdrückcn darf, eine große Rolle spielt. Man geht dort vielmehr in die Synagoge als bei uns in Norddeutschland und spendet auch so viel. Für Leute, die sich mit einer oberflächlichen Betrachtung der Dinge begnügen, mag dies befremdend erscheinen, wie trotzdem das Judenthum in London soweit sinken konnte. Ich aber finde, daß nicht nur das Eine das Andere nicht ausschließt, sondern es sogar bedingt. Viel in die Synagoge gehen und viel spenden, heißt, das Judenthum zum Fetisch machen und es verkümmern lassen. Das Hauptübel liegt nämlich darin, daß man das Judenthum in die Synagoge und in die Küche verbannt hat; auf unser geistiges Leben übt es keinen Einfluß mehr aus. Ich sage nicht, man brauche nicht in die Synagoge zu gehen, oder man solle um keinen Preis in Speise unv Trank die religiösen Vorschriften beobachten. Rituelles Essen kann ebenso gut schmecken wie nichtrituelles, und jedenfalls schadet es nicht. Wenn man glaubt, dadurch bei der nichtjüdischen Welt auf Vorurtheile zu stoßen, so mag man sich damit trösten, daß Judenfeinde auch vor schweinefleischeffenden Juden nicht Halt machen. Ich will überhaupt diese Frage nicht anschneiden. Für mich handelt cs sich nur darum, daß der Synagogenbesuch und die rituellen Speisen nicht Selbstzweck würden. Ich kann mir keine lebensfähige Religion unter solchen Umständen denken. Außerdem muß man sich stets in Erinnerung bringen, daß das Judenthum nicht blos Religion ist. Es ist die Möglichkeit vorhanden, daß Jemand in der Synagoge und in der Küchr dem Judenthume treu anhängt und doch ihm innerlich entfremdet sei. Das ist das Judenthum, das ich bei den meisten sogenannten Orthodoxen in Deutschland sah: kleinlich pünktlich in der Erfüllung des Gesetzes, sonst aber „Culturmenschen", d. h. Hüllen. Wenn sich das Judenthum nicht im Charakter und in der Lebensanschauung ausprägt, so ist es eben inhaltlose Form, ein äußeres Gethue. Im Zeitalter der alexandrinischen Cultur haben die gebildeten Juden ebenfalls einen Gegensatz zwischen Glauben und Leben empfunden. Der hellenistisch gebildete Jude konnte nicht gut begreifen, welche sittlichen Folgen das jüdische Ceremoniell habe. Damals entstanden jüdische Religionsphilosophen, die diese Kluft zu überbrücken suchten. Wir mögen jetzt geringschätzig lächeln über diese Art von Philosophie, über das Symbolisiren des Judenthums, das uns kindlich-naiv vorkommt. Zu seiner Zeit war es eine große That, ebenso wie es eine solche später im Mittelalter war, als jüdische Denker es unternahmen, das Judenthum mit den Ideen ihrer Zeit in Einklang zu bringen. Alle diese geistigen Bestrebungen mögen von einem falschen Standpunkt ausgegangen sein. Aber was thut dies zur Sache? Leben heißt sich bewegen. Ich gehe tausendmal lieber falsch und sehe mich gezwungen, immer vom Neuen den richtigen Weg zu suchen, als daß ich auf einem Punkt bleibe und dabei einfriere. So häßlich der Kampf für und gegen Maimonides gewesen sein mag — auf beiden Seiten wurde gleichmäßig viel gesündigt —, jedenfalls ist mir dieser Kampf lieber als die Friedhofsstille, die fitzt bei uns herrscht. Worin bethätigt sich jetzt unser jüdisches Leben? Blos in der Gemeinde! Und was ist unser Gemeindeleben? Vorstandswahlen, Wohlthätigkeitsvereine, das Geflügelschächten, Steuerzettel, Waisenhaus, Armencommission u. dgl. Wabrlich, ich möchte die größte Ketzerei gegen das Judenthum veröffentlichen, wenn ich nur wüßte, es würde eine Bewegung in der Gemeinde entstehen. Und wenn ich gar wüßte, daß ich dafür feierlich aus der Gemeinde ausgestoßen würde — wie gerne bliebe ich dann in ihr! Was ist das für ein Judenthum, wo Alles gesagt und Alles verschwiegen werden darf? Höchstens, daß der Rabbiner keine Bibelkritik treiben darf! Ich stelle somit eine These auf: Wir brauchen eine neue moderne Religionsphilosophie, höchst kühn und freisinnig; d. h. ohne jede Voraussetzung und ohne Scheu soll das Judenthum beleuchtet und durchwühlt werden. Seine Documente sollen geprüft, der Werth eines jeden einzelnen Gebotes oder Verbotes soll untersucht werden. Die Denkfaulen sollen aufgerüttelt werden, neue Gedanken sollen umgesetzt werden. Man sage nicht, wer solche Religionsphilosophie schreiben will und kann, mag sie schreiben. Ich weiß überhaupt nicht, ob sie Jemand jetzt schreiben könnte; aber wir müssen ein Verlangen nach ihr haben, wir müssen überzeugt sein, daß sie uns unentbehrlich ist. Warum traut sich keine Gemeinde ohne Schächter zu bleiben? Warum lese ich, welche Anstrengungen die Wiener Gemeinde beiipielsweise macht, um den Koscherfleischverkauf zu organisiren? Mit nicht geringem Stolz erzählen sich die Berliner, von Wien sei man zu uns gekommen, um die Controle des Koscherfleischverkaufes zu studiren. Es ist dies wahrhaft eine Satyre. Wäre es nicht dringender, man mühte fick ab, das in allen Fugen krachende Judenthum zu befestigen? Dieses Gemeinde„leben" ist der Nährboden des Jndifferentismus. Dr. S. Bernfeld. Correspondenzen. (Probe-Predigten in den Bethäusern der Wiener israelitischen Cultusgemeinde.) Rücksich! lich der von dem Vorstände beschlossenen Abhaltung von Probe-Predigten wurde festgesetzt, daß dieselben am 12. d. M. Abends beginnen sollen. Hiebei wurde normirt, daß jeder vom Vorstände berufene Candidat, u. zw. in der Regel in alphabetischer Reihenfolge, je an einem Freitag-Abend eine Probe- Predigt und an dem darauffolgenden Samstag Nachmittag eine Exhorte für die Schüler der Mittelschulen abzuhalten habe. Zu diesen Predigten werden im Sinne des Statutes § 35 die Herren Vertrauensmänner eine besondere Einladung seitens des Bethausvorstandes erhalten. (Die Familie des G emeinder athes Herrn Donat Zifferer.) Wir haben im Matrikelamt der israelitischen Cultusgemeinde constatirt, daß die Behauptung, die Enkel des Herrn Donat Zifferer seien getauft, absolut unwahr ist, und wir können constatiren, daß der Religionslehrer B. Fuchs einem achtjährigen Knaben Religionsunterricht ertheilt, bas noch nicht fünfjährige Enkelkind mit Rücksicht schon auf die gesetzlichen Bestimmungen des Staates nicht getauft sein kann. (Israelitische Cultusgemeinde Wien.) Eingelaufene Spenden: Von den Hinterbliebenen nach Sigmund Ritter von Bauer, im Sinne des Verblichenen für Arme K 2000.— Von Herrn Rudolf Auspitz, zur Verköstigung armer israelitischer Schulkinder in der Brigittenau . , 200.— Von Herrn Benno Rothziegel, für Arme . . . „ 200.— Von E. N. für das Siechenhaus ...... „ 200.— Von Frau Therese Kann, für den Erhaltungsfond der israelitischen Versorgungsanstalt. . . . r 100.— Von H. T. für den Verein für fromme und wohlthätige Werke.. , 100.—