Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 49 (5.12.1902)
- Date
- 1902-12-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 49 Dr. Bloch's Wochrnschrifk. Sette 801 sein, daß Hieronymus Lorm mehr als zwei Menschenalter hindurch als gestaltender Schriftsteller thätig war, ohne daß die Anregungen der beiden vornehmsten Sinne, durch die das Leben der Außenwelt unmittelbar in unser Bewußtsein strömt, ihm zu Hilfe kamen. Fünfzehn Jahre alt, verlor Heinrich Landesmann aus Nikolsburg — dies der bürgerliche Name des Dichters — infolge eines Krankheitsfalles das Gehör, und bald darauf erlosch sein Gesicht. Schon der Student aus der deutsch-mährischen Stadt Nikolsburg, der in Wien seine ersten literarischen Versuche machte, war ein von der Buntheit des Lebens abgeschlossener Mann, der die Hauptstützen seiner Entwicklung in der Erinnerung und in der Innerlichkeit fand. Rastlos aber sorgte der rege Geist dafür, die Fühlung mit dem Lebendigen rings umher zu erhalten und das weise Gezweigs der Erfahrung an den Stamm des Innenlebens anzusetzen. Der Tastsinn trat in seine Rechte, um rastlos Vorstellungen und Gedanken zu vermitteln. Eine vom jungen Lorm erfundene Fingerstenographie. die die treuen Angehörigen in seine Hand schrieben, ersetzte das lebendige Wort und die Wahrnehmungen des Gesichtes; mehr als sechzig Jahre lang strömte durch dieses schmale Bett der Fingerschrift eine Fluth von Anregungen in seinen Geist. Eine Unzahl von Nachrichten und Büchern, eine unübersehbare Fülle von Gedaukengängen ist ihm in die Hand geschrieben worden. Man hat ihn auf einige Gedichte hin, in denen nicht etwa die Klage über seinen persönlichen Mangel, sondern die über das ewige allgemeine Leid am Leben, in schwerem Wogenschlag einherfluthet, den deutschen Dichter des Pessimismus genannt. Das Tiefe und Bedeutende seiner Entwicklung aber liegt darin, daß er über den mächtigen Ausdruck dieser Stimmung hinausgekommen ist, um an die Quellen des wahren Lebensgenusses vorzudringen. Aus dem Mangel schmiedete er eine Waffe gegen alle Lebensnoth, und als Ueberwinder wurde er so recht im antiken Sinne zum blinden Seher. Der äußere Lebensgang Lorm's tritt selbstverständlich völlig gegen seinen ineren zurück. Als Jüngling hat er den literarischen Sturm und Drang, der der Erdebung von 1848 vorauging, tapfer mitgelebt. Sein erstes Buch: „Wiens poetische Schwingen und Federn", das im Jahre 1846 erschien und das gleich den Schriften Anastasius Grün's, Moriz Hartmann's und Bauernfeld's die Forderungen der neuen Zeit in O st^rreich verkündete, zog ihm Verfolgungen zu, die ihn zur Flucht nach Berlin nöthigten, von wo er während des Revolutionsjahres nach der Heimat zurückkehrte, um sich der Bewegung anzuschließen. Später hatte er in der Hut seiner treuen Gattin, die seine Pflegerin, sein Auge und sein Ohr war, und die später von den heranblühenden Kindern darin unterstützt wurde, dem regen Geiste die Außenwelt zu vermitteln, lange Jahre in Dresden gelebt, bis er vor wenigen Jahren nach Brünn, in die Hauptstadt seiner engeren Heimat, übersiedelte. Literarisch gestaltete sich das Leben Lorm's um so reicher, je weniger es den Ablenkungen des alltäglichen Daseins ausgesetzt war. In der Kunst der prickelnden Ironie, der satyrischen Anspielung, der feinen Wendung der Anekdote hatte es Lorm's beweglicher Geist früh zur Virtuosität gebracht, und seine „Gräfenberger Aquarelle", die er 1848 herausgab, lesen sich auch heute noch, trotzdem die Aetualitäten, auf die in den geistvollen Scherzen gezielt wurde, dem Gesichtskreis des großen Publikums längst entschwunden sind, wie Meisterstücke einer anmuthig spielenden Feuilletonkunst. Dann wurde er der philosophische Poet einer Zeit, in der sich Philsophie und Poesie unversöhnlich von einander trennen zu wollen schienen. In der ersten Zeit des Lorm'schen Schaffens hatte dabei die Poesie die Oberstimme, während das philosophische Denken als eine leise und doch immer vernehmliche Begleitung mitklang. In dieser Zeit entstanden die Lorm'schen Novellen und Romane, die keineswegs von des Gedankens Blässe angekränkelt sind, sondern in glücklicher Beobachtung das gesellschaftliche Leben abspiegeln, sogar nach Art der alten italienischen Novelle das Anekdotarische und die äußere Begebenheit stark in den Vordergrund stellen und dabei doch die sich emporringende Lebensanschauung des Autors, sein sich klärendes Verhältniß zu der Buntheit der Gestalten- und Jnteressenwelt erkennen lasten. Die Ironie, die aus der vormärzlichen Züt und aus den Tagen der Revolution an dem Style Lorm's haften geblieben war, vertiefte sich immer mehr zu einer skeptischen Betrachtung der Güternnd Jnterestenjagd, von der die Menschen umhergetrieben werden, sie ging aus dem Politischen ins Weltbürgerliche, aus dem Weltbürgerlichen ins Weltüberlegene über, und die Beschaulichkeit, die anfänglich hinter den Gestalten ihr Werk verrichtete, tauchte immer sichtbarer hervor, um über ihnen zu thronen und gleichsam als Weltbeherrscherin das letzte Wort zu sprechen. In einem besonders spannenden Romane von Lorm, der „Der ehrliche Name" betitelt ist und der tief in das leidenschaftliche Getriebe der Gesellschaft untertaucht, indem er das Ringen nach der Reinigung eines befleckten Rufes darstellt, kann man jenen Uebergang auf das Deutlichste verfolgen. Die fesselnde, an bunten Zwischenfällen reiche Geschichte ist einem alternden Mädchen in den Mund gelegt, das die letzten Zuckungen weltlicher Begierden überwindet, um die Leidenschaften der Menschen, die ihr vertrauen, zu beruhigen: aus der Fülle stürmisch bewegter Weisen arbeitet sich das Grundmotiv einer hochgestimmten und beglückenden Entsagung als das herrschende und im Gemüth nachklingende hindurch. Im vollen Gleichgewicht offenbaren sich dichterische und philosophische Kraft in Lorm's Gedichten aus der späteren Zeit, in denen die Bildkraft, die den tiefen Gedanken versinnlicht, oft bewunderungswerth ist, und der dunkle Stimmungsreiz der Melodie jede Reflexion in Gesang verwandelt in dem wahrhaft köstlichen und heilkräftigen Buch „Der Naturgenuß, eine Philosophie der Jahreszeiten", das man als eine epische Aufrollung der Stimmungen, die in der ersten Scene des zweiten Fausttheils anklingen, bezeichnen könnte. Der Vorwurf ist der einer Dichtung: die Geschichte eines zum Tode verwundeten Mannes, der in der Einsamkeit durch die Vertiefung in das Naturleben den inneren Halt und den Mulh zu einem unverlierbaren Lebensgenuste zurückgewinnt; der Inhal»: eine in Anschauung umgesetzte Naturphilosophie, die rastlos auf das Wesentliche hindeutet, das durch die Haft unsere Begierden hindurchwirkt und das, in seiner Stärke erkannt, sich alle Begierden zu unterwerfen vermag. In diesem überaus werthvollen Buche, von dem sich ohne Uebertreibung sagen läßt, daß ein krankes Herz daran genesen kann, und in der gehaltvollen Novellen- und Skizzensammlung „Der Abend im Hause", die der genialen Freundin und Landsmännin Lorm's, der Dichterin Marie von Ebner-Eschenbach, gewidmet ist, vollzieht sich der Uebergang von der künstlerischen Epik zur Philosophie, die in Lorm's merkwürdiger Schrift „Der grundlose Optimismus" das letzte, entscheidende Wort behält. In der Vorrede zu der erwähnten Novellensammlung vertagt der Dichter die Aufgabe, seine Lebensanschauung im Zusammenhänge darzustellen und in der „Ruhe der Leidenschaft" die wahre Quelle des sittlichen Lebens aufzuweisen. In dem „Buche der Betrachtung" : „Der grundlose Optimismus" tritt er beherzt an diese Aufgabe heran. Es ist ein kühnes, originelles, noch lange nicht voll gewürdigtes Buch, das mit anfeuerndem Wahrheitsmuthe den ganzen Ertrag eines tiefen Gedanken- und Gemüthslebens der Mitwelt darbietet. Hieronymus Lorm war ein treuer Sohn des Judenthums, nahm an seinen Kämpfen und Leiden innigsten Antheil. Aus Anlaß seines 80. Geburtstages hat der Wiener israelitische Cultusvorstand ihn beglückwünscht und das „Jüdische Museum" ihm zu Ehren einen Festabend veranstaltet. Das jüdische Volk wird sein Gedenken als das eines seiner besten Söhne stets bewahren. Gedankenloses Indenthnm. In den jüdischen Blättern und überhaupt überall, wo jüdische Fragen besprochen werden, ist es eine stehende Klage, daß der Jndifferentismus bei uns überhandgenommen habe und mit aller Macht bekämpft werden müsse. Was heißt das, den Jndifferentismus bekämpfen? Wo das Leben zu pulfiren aufgebört hat, da ist der Tod, und gegen diesen ist, wie das Volkssprichwort lautet, kein Kraut gewachsen. Selbst wenn man die sogenannten Indifferenten dazu bewegen könnte, jüdische Zeitungen zu lesen oder in die Synagoge zu kommen, wo ihnen wegen ihres Jndifferentismus der Text gelesen werden soll, würde dies absolut nichts nützen. Wenigstens müßte man geradezu an Wunder denken, wenn diese vermoderten Leichen wieder zu Leben erwachen sollten. Warum denn nicht? Unsere Geschichte ist ja der Schauplatz solcher wunderbarer Ereigniffe; aber unsere Zukunft auf Wunder bauen, würde heißen, sie dem Zufall preisgeben. Wir haben heutzutage eine Volkshygiene. Diese ist auf der Ansicht begründet, man dürfe nicht warten, bis erst die Krankheit sich gezeigt hat, denn da ist selten völlige Heilung zu