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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-12-05 · 49 (5.12.1902) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
49 (5.12.1902)
Date
1902-12-05
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Sette 800 Dr. Bloch's Wvchrnsttzrifl. Nr. 49 Als das elastischeste Beispiel zur Erhärtung dieser These führt uns Philo den ältesten Stammvater des jüdischen Volkes, den Patriarchen Abraham, vor: „Er war", so lautet die Darstellung. „ein Chaldäer von Geburt, besten Vater zu jenen gehörte, die sich in die Studien der Astronomie und Mathematik vertieften, in dem Glauben, daß die Sterne Götter seien, und die Himmel und Weltall anbeteten. Was kann es da Schlimmeres, wo kann es einen unwürdigeren Geburtsadel geben? Dessen wurde Abraham, erleuchtet durch göttliche Eingebung, inne; und er verließ seine Heimat, seine Familie, sein Vaterhaus, wohl wistend, daß ihm, verbliebe er ferner in der bisherigen Umgebung, die in diesem Kreise herrschenden trügerischen Lehren und polytheistischen Anschauungen im Wege sein würden, zur Erkenntniß des einzigen und ewigen Schöpfers und Vaters aller Dinge zu gelangen; daß aber mit dem Verlassen der heimatlichen Scholle die ihn bislang umfangenden Täuschungen von ihm weichen und die Empfänglichkeit für die Aufnahme der Wahrheit sich einfinden würde. So drang er im Eifer des Forschens, gefördert durch göttliche Inspiration, in der Erkenntniß Gottes, soweit es nur menschenmöglich war, vor. Darum heißt es denn auch von ihm in der Schrift,*) er sei der Erste gewesen, der an Gott glaubte, da er der Erste war, der klar erkannte, daß es nur ein höchstes Wesen gebe, und daß dieses es sei, welches die Welt, und was in ihr, leite. Von dieser hohen und gefesteten Einficht aus gelangte er in den Besitz auch aller anderen Tugenden, so daß.er in den Augen Aller, die ihn bei sich aufnahmen, wegen seiner Seelengröße und erhabenen Gesinnung als ein König erschien. Seine Untergebenen verehrten in ihm ihren Führer und schauten bewundernd zu ihm empor, wie zu einem höheren Wesen . . . Sollte man nun da nicht mit Recht sagen, daß dieser Mann, der so seine Heimat verließ, seinen Verwandten und Freunden entsagte, der edelste aller Menschen gewesen, da er darnach strebte, Gott verwandt, sein Vertrauter und Freund zu werden? Daß er ferner verdientermaßen in die Elaste der vorzüglichsten Propheten eingereiht wurde, da er an kein geschaffenes Wrsen, sondern an den ungeschaffenen Gott, den Vater des Alls, glaubt? Er wurde nun. wie ich eben sagte, als König verehrt von denen, die ihn bei sich empfingen, sein Ansehen, nicht wie Andere, kriegerischen Thaten verdankend, sondern der göttlichen Berufung, durch welche gottesfürchtige Menschen zum Nutzen und Frommen ihrer Umgebung ausaezeichnet werden. Dieser Mann nun dient als wahres Vorbild des Adels allen Proselyten. welche den niedrigen fremden Satzungen und Gebräuchen, kurz allem Göttereultus den Rücken kehren, um fich einer herrlichen, lebensfrisch pulsirenden Verfassung anznschließen, deren oberste Leitung und Führung in den Händen der Wahrheit ruht.'^) Wie man sieht, wird in unserer Schrift ein intensiver Kampf gegen die tief eingewurzelte, den Anschluß der Heiden an das Judenthum vielfach behindernde Lehre von dem „Samen der Auserwählung" geführt, geführt in erster Linie zu Gunsten der jüdischen Propaganda in der Diaspora der Hellenen. In dem Reiche, in welchem die Religion herrscht, darf es kein Vorrecht der Geburt, keinen Erbadel geben, da gilt die Berufung auf die Abstammung von Abraham gar wenig, da verwirft Gott — wie wir bei Philo lesen — zur Belehrung und Warnung für die übrigen Menschen den unadeligen Sohn des auserwählten Volkes und „nimmt die Tugend, die aus wildem Stamme entsprossen, in Gnade auf, da gibt er die Wurzel des echten Baumes dahin, während der eingesetzte Schößling, weil er zahm wurde und zur Fruchtbarkeit umschlug, sein Wohlgefallen erregt." So lautete die Losung, mit der die Apostel des Diasporajudenthums zur Eroberung des Heidenthums ausgezogen waren. Und denselben Schlachtruf läßt später der dem kommenden Christ den Weg bereitende Täufer in Judäa erschallen: „Sehet zu", so rust er, „thut rechtschaffene Frucht der Buße. Denket nur nicht, daß ihr bei euch wollt sagen: Wir hoben Abraham zum Vater. Ich sage euch: Gott vermag dem Abrabam aus diesen Steinen Kinder zu erwecken. Es ist schon dieAxt denBäumen an dieWurzelgelegt Darum, welcher Baum nicht gute Fruchj Genes. 15, 6. a) De nobilit. II, 142, 143. bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen."*) Der Ruf des Täufers ist, das zeigt sich auf den ersten Blick, auf jüdisch-hellenistischen Ton gestimmt. Von dem Judenthum der griechischen Diaspora wurden diese neuen Werthe geprägt: Nicht der ist fromm, nicht der ist zur Auserwähltheit prädestinirt, der von vorzüglichen Eltern abstammt, sondern derjenige, der tugendliebend ist, fromme Gesinnung hegt und edel handelt. Und jeder, gleichviel ob seine Abstammung die niedrigste und schlechteste, kann sich aus eigener Kraft zur höchsten Frömmigkeit und zu Gottesnähe emporschwingen. Andererseits wieder vermag die edelste Abstammung vor Verfall und Gottverlastenheit nicht zu schützen. — Diese These wird in der Schrift de nobilitate zum Nutzen und Fromm en des Proselytenthums mit Argumenten der gesunden Vernunft und mit solchen aus der Schrift verfochten. Es war ein ganz ausgezeichneter Griff, den Patriarchen Abraham, dessen zur Auserwählung berufene Söhne zu sein, auch oder gerade jene Glieder des jüdischen Volkes gegenüber den Heiden sich rühmten, die ihrem Ursprung nicht zur Ehre gereichten, mit dessen Adel sie sich auch dann noch stolz brüsteten, wo sie von seinen Wegen abgewichen, sein vornehmes Beispiel verworfen hatten, „nachjagend Nichtigem, wichtig nehmend Kleinigkeiten und gleichgiltig behandelnd große Dinge"; es war, sagen wir, ein ausgezeichneter Griff, diesen selben Abraham seinen mit ihm sich brüstenden Söhnen abzusprechen und ihn dagegen als Vorbild den Proselyten aus dem Heidenthum hinzu stellen. Nein, Abraham darf nicht von jenen seiner Nachkommen, die edle Abkommenschaft an sich für die höchste Auszeichnung hielten, in Anspruch genonimen werden! Im Gegentheil lehrt er, der ja selbst von unheiligen, götzendienerischen Eltern abstammte und sich gleichwohl zur höchsten Frömmigkeit und zum „Vertrauten und Freunde Gottes" emporgeschwungen hatte, daß der Mangel des Geburtsadels die Erhebung zu Gott nicht hindere, daß jeder Heide, sobald er nur aufrichtig wolle, die vollste Gleichberechtigung mit den aus edlem Geschlechte entsprossenen Juden erlangen könne, „da Gott die aus wildem Stamme hervorblühende Tugend in Gnade aufnehme, dagegen den unadeligen Sohn des auserwählhen Volkes verwerfe". (Fortsetzung folgt.) Hieronymus Korm gestorben. (Der blinde Dichter.) Eine Depesche aus B r ü n n meldet, daß dort am 3. December Hieronymus Lvrm an den Folgen eines Schlaganfalles, den er in der Vorwoche erlitten hatte, gestorben sei. Hieronymus Lorm, der mit seinem wahren Namen Dr. Heinrich Landes mann hieß, hat ein Alter von 81 Jahren erreicht. Kaum 15 Jahre alt, hatte er Gesicht und Gehör verloren und war theilweise gelähmt; die Fesseln, welche ihm die grausame Natur anzulegen versucht hatte, vermochten seinen arbeitsfrohen Gerst aber nicht am Wirken zu hindern, und bis in sein spätes Greisenalter war der Dichter von unermüdlicher ProductivMt; die literarische Ernte, die wir ihm danken, ist reich und gehaltvoll. Hieronymus Lorm zählt zu den größten Helden unter den Kämpfern des Lebens, wenn auch sein Kampf sich nicht auf den geräuschvollen Schlachtfeldern der Oeffentlichkeit, sondern im stillen Heime abspielte. Und der Siegespreis den er errungen, war ein Trost für alle ihm verwandten Geister. Seine satyrischen Jugendschriften haben in einer Periode der geistigen Erhebung — vor dem Sturmjahr 1848 — anregend und fördernd mitgewirkt; die reiche Welt, die in seinen Novellen und in seinen Romanen abgespiegelt ist, hat viele dankbare Leser in ihre Kreise hinein gezogen, der Bollton schwermüthiger Empfindung und der zur Herzenssache gewordene Ernst des Denkers, die durch seine eigenartigen Gedichte hindurchgehen, haben unzählige Gemüther ergriffen und erhoben, und die praktische Philosophie einer hochgestimmten Beschaulichkeit, die durch seine reifsten Werke hindurchgeht und die in eine große Friedensbotschaft ausklingt, hat ihre Heilkraft an vielen empfänglichen Naturen bethätigt. Nicht um die absolute Schätzung seines Lebenswerkes zu einer relativen zu machen, — wohl aber, um den merkwürdigen Mann in seiner Eigenart völlig zu erfassen, mag daran erinnert ') Math. 3, 8-11.

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