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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-12-05 · 49 (5.12.1902) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
49 (5.12.1902)
Date
1902-12-05
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 49 Dr. Bloch's Wochenschrift. Sette 799 will sagen: als „Wegweiser des Lebens" den übrigen Völkern zu dienen?) Diese Berufung legt ihm die schweres Verant> Wartung und Verpflichtung auf, sich selbst in der Lehre Gottes zu vervollkommnen und als Vorbild und Lehrmeister den übrigen Völkern voranzuleuchten. Bleibt es dieser seiner Mission getreu, dann gereicht ihm seine edle Abstammung zur hohen Zierde, aber auch nur dann; allein irgend ein ererbtes Vorrecht oder einen Vorzug, dessen man sich unter allen Umständen rühmen dürfe, birgt sie nicht in sich. Vielmehr ist die Ahndung eine umso schwerere, wenn man ungeachtet bester Erziehung auf Abwege geräth und seine edle Abkunft befleckt. Dann steht der Heide, der, von gottlosen Eltern abstammend, den Weg zu Gott sucht und findet, ungleich höher, dann tritt der Proselyt an die Stelle des Volkes der Auserwählung und die diesem gewordenen Verheißungen gehen auf jenen über: die Zukunft gehört dem Proselytenthum! „Dann wird", wie Philo sagt, „der übergetretene Fremdling im Hellen Glanze leuchten und von Jedermann wegen zwei herrlicher Vorzüge gepriesen werden: einmal weil er zu Gott seine Zuflucht nahm, und weil er zum Lohne dafür die feste Stellung im Himmel erwarb, die ich nicht nennen darf. Dagegen soll der Sohn des auserwählten Volkes, weil er das Gepräge anererbten Adels verdarb, hinunter in den Tartarus und in die tiefste Finsterniß gestoßen werden, damit Alle, welche diese Beispiele göttlicher Strafgerechtigkeit sehen, sich warnen lassen und erfahren, daß Gott die Tugend. dl? aus wildem Stamm entsprossen, in Gnade aufnimmt, daß er dagegen die Wurzel des echten Baumes aufgibt, während der eingesetzte Schößling ihm wähl gefällt, weil er zahm wurde und zur Fruchtbarkeit umschlug."') Da finden wir es deutlich und unverhohlen ausgesprochen, daß es keinerlei Vorrecht bedeute, ein Jude von Geburt zu sein, daß der aufrichtige Proselyt aus dem Heidenthum dem im Judenthume Geborenen nicht nur ganz ebenbürtig, sondern sogar ungleich höher als dieser siebe, wenn er ihn an Frömmigkeit und Gottergebenheit übertreffe. Diese Auffassung ist aber auch gar nicht so unjüdisch, als sie auf den ersten Blick erscheinen möchte. Die jüdischen Missionäre der Diaspora befanden sich vielmehr mit derselben in gut jüdischer Gesellschaft. Sie brauchten da nur auf den Propheten Jesaia hinzuweisen, der da lehrt: „Und der Fremde, der dem Herrn sich angeschlossen, soll nicht sagen: der Herr wird mich scheiden von seinem Volke. Und der Verschnittene soll nicht sagen: Siehe, ich bin ein dürrer Baum. Denn also spricht der Herr zu den Verschnittenen, welche meine Sabbathe halten und erwählen, was mir wohlgefällt und meinen Bund selbst fassen: Ich will ihnen in meinem Hause und in meinem Mauern einen Ort geben und einen besseren Namen, denn den Söhnen und Töchtern; einen ewigen Namen will ich ihnen geben, der nicht vergehen soll. Und die Kinder der Fremden, die sich dem Herrn angeschlossen, daß sie ihm dienen und seinen Namen lieben, auf daß sie seine Knechte seien, ein Jeglicher, der den Sabbath hält, daß er ihn nicht entweihe und meinen Bund festhält; dieselben will ich zu meinem heiligen Berge bringen und will sie erfreuen in meinem Bethause und ihre Opfer und Brandopfer sollen mir angenehm sein auf meinem Altar; denn mein Haus heißt ein Bethaus allen Völkern."* 2 3) in. Die Lehre, daß die Abstammung von Abraham, Jsaac und Jakob an sich keinerlei Prärogative gewähre, gelangt sehr eindringlich zum Ausdruck in der Philonischen Schrift äe nodilitate. Da werden für diese These alle möglichen Bernunftsgründe und Schriftbeweise aufgebracht. „Jene", so hebt unsere Schrift an, „jene sind über alles Maß zu tadeln, welche edle Abstammung als das höchste Gut und als Ursache großen Glückes preisen."4) Der eigentliche Gcburtsadel, so wird hier ausgeführt, sei der reine Geistesadel, und darum seien alle Menschen, welche diesen besitzen, adelig zu nennen, und wären sie in Ketten geboren, und wären sie für Geld erkaufte Sclaven; dagegen sei Jenen, welche, von vornehmen Eltern abstammend, schlecht sind, der Adel abzusprechen?) Aber abgesehen davon, daß solchen Menschen, und stammten sie auch von den edelsten Vätern und Urvätern ab, ') Vgl. Orae. sibyll III, 194 f. 2) Philo, de execr. II, 433. Dem ähnlichen Gedankengang und demselben Bilde begegnen wir bei Paulus, Röm. 11, 16—26. *) Jes. 55, 3—6. 4) De nobilit IT. 437. y Das. II, 438. niedrige Gesinnung anhaftet, wenn sie durch Wort und That ihren Ursprung verleugnen; sind sie sogar geschworene Feinde des Geburtsadels, da sie ja den von den Vätern begründeten Ruf zerstören und allen Glanz, welcher ihr Geschlechts umstrahlt, trüben und auslöschen.J) Die Richtigkeit meiner These, so fährt Philo fort, läßt sich leicht durch Beispiele erhärten: Was könnte es beispielsweise Jemandem frommen, daß seine Ahnen mit der schärfsten Sehkraft begabt waren, wenn er selbst blind ist? Könnte dies ihm wohl zu feinem Augenlicht verhelfen? Oder was könnte es dem mit einem Sprachfehler Behafteten nützen, daß seine Väter und Vorväter stimunnächtig waren? Und könnte Jemand, der durch anhaltende Schwindsucht entkräftet, seine Gesundheit leichter wieder erlangen, weil seine Ahnen, Dank ihrer athletischen Kraft, zu den Siegern bei den olympischen oder anderen periodischen Spielen zählten? Ihre leiblichen Schwächen werden dieselben fein und werden keinerlei Verbesserung dadurch erfahren, daß ihre Ahnen sich eines blühenden Wohlbefindens zu erfreuen hatten. Genau so sind gerechte Eltern von keinem Vortheil für ungerechte Kinder, noch mäßige Eltern für unmäßige Kinder, noch überhanvt vorzügliche Ahnen für schlechte Nachkonlmen; ja nicht einmal die Gesetze sind es für Jene, die sie übertreten — und was sind denn ungeschriebene Gesetze anders als das Leben ftuer Menschen, welche die Tugend üben? Hienach glaube ich. daß der Adel selbst, ließe ihn Gott in menschlicher Verkörperung vor diese abtrünnigen Nachkommen hintreten, sie also ansvrechen würde: Verwandtschaft wird vor dem Richtstuhl der Wahrheit nicht blos nach dem Blut beurteilt, sondern nach Aehnlichkeit der Handlungen und Nacheiferung der Lebensführung der Vorfahren; Ihr aber beobachtet das Gegentheilindem Ihr, was mir tbener, verachtet, und mir werth, liehet... ») Dieses erwägend, werde ich Jene immer als meine Feinde betrachten, die den feindlichen Funken nähren und werde sie schärfer prüfen, als Jene, welchen dunkle Abkunft zum Vorwurf gemacht wird. Denn diese können zu ihrer Entschuldigung anfübren, daß sie keine Vorbilder der Tugend in ihrer Nähe haben; Ihr aber seid umso schuldiger, als ihr edlen Geschlechtes entsproffen. Euch gern Euerer vornehmen Abkunft rühmt und sie als eueren Stolz betrachtet: den'» obgleich Ihr Vorbilder der Tugend vor Euch habt und diffe Euch gleichsam eingepflanzt wurde, hat das bei Euch dennoch nichts aefruchtet. Daß aber der Adel nur in der Errunaenschast der Tugend besteht, und daß Ihr zu bedenken habt, daß nur Derjenige, der sie besitzt, der wirklich edle Mensch ist, nicht aber, wer von vornehmer» Eltern geboren, das erhellt aus vielen Beispielen?) Um dieses unwiderleglich zu beweisen, führt uns nun Philo Beispiele aus der heiligen Schrift vor : Das erste Menschenpaar. das doch unmittelbar aus der bildenden Hand des Weltschöpfers hervorgeqangen, also doch gewiß vollkommen und von unvergleichlichem Adel gewesen, Hab? dahin gestrebt, eine ihm ähnliche Nachkommenschaft heranzuziehen. Wie sei es aber in Wirklichkeit gekommen? Von den beiden Söhnen, die es gezeugt, habe der ältere den jüngeren umgebracht, somit das schwerste und verdammenswertheste aller Verbrechen, einen Brudermord, begangen, die Erde mit Menschenblut best ckend. Was also habe hier der Geburtsadel genützt? Da habe ferner in den folgenden Generationen ein heiliger Mann gelebt. Während der großm Sintfluth, die alle Städte zerstört, sei er allein mit seiner Familie wegen seiner hohen Tugenden von Gott erhalten worden. Dieser Mann nun habe drei Söhne gehabt, und obgleich diese ihre Rettung der Frömmigkeit ihres Vaters verdankten, habe dennoch der eine von ihnen den Vater zu verspotten gewagt, habe den herabgewürdigt, der ihn gezeugt. Und was lehre die Geschichte der Söhne des frommen Isaak? Es waren Zwillinge, physisch und geistig einander unähnlich: der jüngere von sanfter, gottgefälliger Grmüthsart, der ältere störrisch, unmäßig, schlemmerhait, er betrog den Bruder und kränkte die Eltern, daher verurtheilte ihn Gott, seinem jüngeren Bruder dienstbar zu werden; d>nn ein böser Mensch soll nicht sein eigener Herr sein. Da er sich jedoch nicht fügen wollte, wurde er sich und seinen Nachkommen Gegenstand großen Schimpfes, so daß sein elendes Dasein unauslöschlich als ein Beweis verzeichnet ist, von welch geringem Nutzen der Geburtsadel denjenigen ist, die ihn nicht verdienen?) ') Das. ft Das. 3) Das. II, 439. 4j Das. II, 441.

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