Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 49 (5.12.1902)
- Date
- 1902-12-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 798 Dr. Vloch's Wochsnfchrifr. Nr. 49 Stockjudenthum. „Daß eine Religion", sagt Harnack (das.), „welche eine so starke Scheidewand zwischen sich uno allen anderen Religionen aufrichtete und in ihrer praktischen Darstellung und in ihren Verheißungen so innig mit dem Volksthume verbunden -war, einen so lebhaften Missionstrieb besessen und so große Erfolge erzielt hat, ist erstaunlich. Letztlich ist dies doch nicht aus Herrschsucht und Ehrgeiz zu erklären, sondern ist ein Beweis, daß das Judenthum als Religion durch innere Umbildung bereits entschränkt war. Der Jude fühlte stolz, daß er der Welt etwas zu sagen habe und etwas bringen müsse, was die ganze Menschheit angehe — den e i n e n geistigen Gott, Schöpfer des Himmels und der Erde und sein heiliges Sittengesetz — und aus diesem Bewußtsein heraus empfand er die Missionsverpflichtung. Die jüdische Propaganda im Reich war primär die Verkündigung des einen Gottes, seines Sittengesetzes und seines Gerichtes; alles Uebrige trat ihr gegenüber zurück. Mochte es auch in vielen Fällen auf bloßen Seelenfang abgesehen sein; es war dem Judenthum doch ernst damit, die stummen Götzen zu stürzen und die Heiden zur Anerkennung des Schöpfers und Richters zu bewegen; die Ehre des Gottes Israels war dabei betheiligt". Harnack beleuchtet hierauf noch des Näheren die Ursachen des Erfolges der jüdischen Propaganda und schließt daran die folgende, uns zum Mindesten, durchaus nicht einleuchtende Behauptung : „Alles dies ist für die der jüdischen Mission nachfolgende christliche von höchstem Belang gewesen; aber mindestens ebenso belangreich für sie war die empfindliche Lücke, welche die jüdische Missionspredigt ließ: ein wahrer Sohn Abrahams kann doch der Nichtjude mindestens in der ersten Generation nicht werden, sein Rang vorGottbleibt ein untergeordneter, und darum bleibt es auch zweifelhaft, in welchem Maße der Proselyt — von den „Gottessürchtigen" nicht zu reden — an den herrlichen Zukunftsverheißungen theilhaben wird. Die Religion, welche dieseLücke ausfüllen wird, wird die jüdische Mission aus .dem Felde schlagen. Und wenn sie vollends verkündigt, die Letzten würden die Ersten werden, wenn sie die Freiheit vom „Gesetz" für das Normale und Höhere erklärt, die Gesctzesbcobachtung aber — im günstigsten Falle — für das eben noch zu duldende, wird sie Tausende gewinnen, wo die frühere Missions- Predigt nur Hunderte gewann". (S. 9.) Das Alles klingt so einleuchtend, wie nur möglich, zumal wenn es stets von Neuem unwidersprochen vorgetragen wird; ist aber in Wahrheit gar nicht einleuchtend. Sieht man näher zu, so findet man, daß das Diasporajudenthum mit nichten jene „empfindliche Lücke" gelaffen, wenn dies auch gleichzeitig mit Harnack von Bouffet behauptet wird. Wir lesen nämlich bei diesem Letzteren (S. 190) hierüber: „Auf der einen Seite gewahren wir, wie das Judenthum als religiöse Gemeinschaft eine mächtige Anziehungskraft auf Außenstehende, nicht dem Volksverband Angehörige ausübt. Auf der anderen Seite aber bleiben die meisten der so von der jüdischen Religion Angezogenen doch außerhalb deseigentlichenVerbandes derSynagoge. Um diese als den festen Kern lagert sich ein breiter Ring von plrobourneuoi (seborueuoi) Theön. Religionsgemeinde und Volksgemeinde decken sich nicht. Auch hier in der Schöpfung von Mitgliedern der Synagoge ersten und zweiten Ranges zeigt sich der Doppelcharakter des Judenthums. Das Christenthum, das diese Schranke zwischen Gläubigen ersten und zweiten Ranges niederriß, vernichtete dadurch die jüdische Propaganda". Ist dem aber auch in Wirklichkeit so? Standen in der Diaspora-Synagoge — und von dieser ist doch hier die Rede — thatsächlich die Proselyten außerhalb des eigentlichen Verbandes der Synagoge, Mitglieder des zweiten Ranges bildend? Befragen wir hierüber die competenten Quellen, dieselben Quellen, aus denen unsere beiden Gelehrten diese ihre Behauptung geschöpft haben. II. Es ist einleuchtend, daß das' Diasporajudenthum, hätte es nicht die vorbehaltlose Gleichberechtigung der Proselyten mit den im Judenthum Geborenen von vornherein ausgesprochen, auf einen Erfolg seiner so frühzeitig in der heidnischen Welt eingeleiteten Propaganda nicht hätte rechnen dürfen. Belastet mit dem stolzen Bewußtsein, daß die jüdische Abstammung an sich schon einen Vorrang bedeute, wäre ein Anschluß der heidnischen Massen an die Synagoge, wie er in Wirklichkeit erfolgte, ein Ding der Unmöglichkeit gewesen. Diesen Stolz auf einen ererbten Adel hatte das Judenthum denn auch, sobald es mit der griechischen Welt in engere Berührung gekommen und zu fühlen begonnen, „daß es der Welt etwas zu tagen habe und etwas bringen müsse, was die ganze Menschheit angehe", abgelegt, um seine Mission schrankenlos verwirklichen zu können. Der Glaube an eine Prärogative der Geburt vertrug sich eben von allem Anfang nicht mit dem Lehrgehalt des jüdischen Hellenismus. Nach diesem bedeutet die nationale Abstammung weder einen Vorzug noch einen Tadels, „sind alle Menschen verwandt und Brüder und müssen in Folge höherer Verwandtschaft einander anhänglich sein, find sie doch Alle Abkömmlinge derselben Mutter: der vernünftigen Natur"?) Allerdings das jüdische Volk genoß vor anderen das seltene Glück des Besitzes erhabener Vorbilder und göttlicher Lehrer, das ihnen die Vorsehung in ihren glorreichen Urvätern beschieden; aber ein solch seltenes Glück ist eben eine Gnade, berechligt jedoch nicht, sich stolz zu überheben, verpflichtet vielmehr, sich dieser Gnade würdig zu zeigen, den Weg zu wandeln, der ihnen früher als den übrigen Menschen gezeigt wurde, und ihn wieder den anderen, dieser Gnade nicht theilhaftig gewordenen Menschen zu zeigen. Umso strafbarer aber wird das jüdische Volk, wenn es von diesem Weg, ungeachtet es so vorzügliche Ahnen und Führer hatte, abweicht. Dieses Volk, „das einem vorzüglichen Geschlecht entsprossen, Kinder ruhmreicher Ahnen, das fortwährend unter unmittelbarer Leitung des Vaters und Schöpfers des Alls gestanden";^ dieses Volk im vorzüglichen Sinne Eigenthum Gottes von wegen der hohen Tugenden seiner Stammväter, die wie eine unverwelkliche Pflanze ewig zum Heile ihrer Nachkommen, wofern diese nicht ganz aus der Art schlagen, fortblühen werden: * 2 * 4 5) es hat umso größere Verpflichtung, sich rein und heilig zu erhalten, ein Priestervolk zu bleiben und die überkommenen Lehren und Grundsätze den übrigen Menschen zu vermitteln, und es ist umso verdammenswerther, wenn es, obgleich in der göttlichen Unterweisung auferzogen, dennoch in religiösen und sittlichen Verfall geräth. Da hilft alle edle Abstammung nicht, sie wird im Gegentheil, anstatt zum Segen, nur zum Fluch. So dachte das hellenistische Judenlhum. „Glaube ja nicht", lesen wir bei Philo, ,,daß edle Abkommenschaft an sich ein vollkommenes Gut sei, bedenke vielmehr, daß Derjenige schärfere Ahndung verdient, der, von ausgezeichneten Eltern abstammend, diesen durch die Schlechtigkeit seiner Handlungsweise Schande bringt. Denn er ist umso tadelnswerther, als er in seiner Umgebung Vorbilder der Tugend steht, die er nachahmen sollte, und sie dennoch nicht zur Verbesserung seines Lebenswandels benützt." (Das.) Und auf einer andern Stelle: „Gott läßt sein Volk von Unwürdigen überwunden und unterdrückt werden, weil es Unheiliges verübt, weil es, obgleich in einem Staate lebend, der von Gott geliebt, unter Gesetzen ausgewachsen, die zu jeder Tugend anleiten, von frühester Jugend an erzogen zu Allem, was dem Manne am meisten ziemt; dieses alles dennoch gering achtet und dagegen dem nachjagt, was in Wahrheit gering geschätzt zu werden verdient, Kleinigkeiten wichtig nehmend und große Dinge gleichgiltig behandelnd."^) Philo schildert die grauenhaften Strafen, mit welchen Gott sein Volk heimsuchen werde, falls es von ihm abfallen sollte, und fährt dann fort: „Das ist der Fluch und das sind die Strafen, welche die Verächter der heiligen Gesetze, der Gerechtigkeit und Frömmigkeit, die sich dem Glauben an mehrere Götter ergeben haben und in Gottlosigkeit enden, zu erleiden haben werden, weil sie der angestammten väterlichen Lehre vergaßen, in welcher sie von Jugend auf unterrichtet wurden, daß nur in Wahrheit ein Einziger als der höchste Gott angesehen werden dürfe, dem die, welche lieber der lauteren Wahrheit, als erdichteten Erzählungen nachgehen wollen, folgen müssen: Ich habe Alles offen herausgesagt? 0) Also durch seine Abstammung von einem gottgeliebten und gottunterwiesenen Geschlechte ist dem jüdischen Volke allerdings eine Berufung geworden, und zwar die: ein Priestervolk zu sein, ') Philo, de humanit. II. 440. 2) Philo, quaest. in genes. II, 60, p. 144: Omnes nos homines cognati sumus fratresque secundum supremae cognationis relationem sihi invicem adhaerentes; unius enim et eiusdem matris naturae rationalis sortem seeuti sumus.?) Philo II, 388. 4) Philo, de creat. princ II, 366. 5) Philo, de victim, off, II, 259. G) Philo, de execr. II, 435.