Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 49 (5.12.1902)
- Date
- 1902-12-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 40 Dr. Blvch's Wochsnschrifk. -Bette 737 Gericht einen Schadenersatz zuerkennt oder nicht. Es genügt uns, daß ihre Klage einen Protest gegen die schmachvolle antisemitische Agitation darstellt, die auch aus der jüdischen Frömmigkeit, mag auch deren Bethätigung mit materiellen Opfern verbunden sein, Capital zu schlagen sucht zu Gunsten der Judenhetze. Isegrim. Ein Schadenersatzproeeß gegen das „Deutsche Bolksblatt". Seit Jahren wird im »Deutschen Bolksblatt" durch den Zufruf an die Leser: »Kauft nicht bei Juden!" eine Art Boycott getrieben, der eine schwere materielle Schädigung einer großen AnzahljüdischerKaufleute bedeutet. Auf die gesetzliche Wehrlosigkeit speculirend, ist das »D. B." kürzlich noch weiter gegangen und hat unter namentlicher Anführung jüdischer Firmen den Boycott in anderer Weise verlangt. Am Versöhnungstage hielten zahlreiche Kaufleuts ihre Geschäfte geschlossen, eine Thatsache, die ebensowenig wundern kann, als wenn christliche Geschäftsinhaber am Neujahrstage geschlossen halten. Das »D. B." benützte diese Gelegenheit dazu, einen seiner Redacteure durch die Straßen Wiens zu schicken und notiren zu lassen, welche jüdische Firmen am Versöhnungstage geschlossen gehalten. Am nächsten Tage brachte es dann, nach Straßen geordnet, eine Liste dieser Firmen und setzte ihr natürlich eine tendenziöse Einleitung an die Spitze. Es war dies direct eine Aufreizung gegen eine bestimmte Claffe von Staatsbürgern, denn es wurden die Namen und Adressen der Kaufleute genannt und in der Einleitung gesagt, die christliche Bevölkerung möge bei den Juden nichts kaufen. Und da gleichzeitg mehr als hundert jüdische Geschäftsinhaber genannt wurden, ist es doch klar, wen das Blatt damit treffen wollte. Diese Liste diente keinem anderen Zwecke, wie als ein ständiges Verzeichniß jener Firmen zu gelten, gegen die »D. V." den Boycott ausgesprochen hat. Obwohl darin effectiv eine Schädigung materieller Interessen liegt, sah sich die Behö de nicht veranlaßt, hier einzuschreiten. Die Geschädigten haben sich deshalb zur Selbsthilfe aufgerafft. Da sich die Staatsanwaltschaft, die hier von selbst hätte einschreiten müssen, der Sache nicht annahm, haben 56 Firmen, welche in dieser Liste genannt wurden, durch Dr. Wilhelm Pappenheim beim Landesgerichte in Zivilsachen eine Klage gegen Ernst Bergani eingebracht, in welcher sie zusammen 1120 Kronen Schadenersatz für den Boycott verlangen. In der Verhandlung, die auf den 22. December vertagt wurde, soll zum erstenmale entschieden werden, ob civilrechtlich ein Anspruch für Schäden, die aus dem Boycott erwachsen, zu erlangen ist. Harnack «nd Ko«sset «der die historische Kedent««g der „Diaspora der Helle«»«". Von M. Friedländer. Es gereicht mir, der ich, seitdem ich wiffenschaftlich zu denken anfing, unaufhörlich auf die große Bedeutung dieser so arg verkannten und so heillos vernachläffigten Diaspora hinwies, zur freudigsten Genugthuung, zu sehen, wie sie nunmehr von Tag zu Tag zu immer größerer Geltung gelangt und bei Behandlung der Geschichte des Spätjudenthums und des Urchristenthums immer merklicher in den Vordergrund gerückt wird. Dahin mußte es ja doch einmal kommen, wenn endlich allenthalben ernstlich der Versuch gewagt wird, das Dunkel, das über beiden schwebt, zu lichten, die vielen zur Annahme von Wundern drängenden Räthsel zu lösen. Ist man doch heute schon dahin gelangt — und wohin wir bei eonsequenter Verfolgung dieses Weges noch gelangen werden, ist noch gar nicht zu überblicken, zumal ja auch die Steine aus der Erde zu sprechen anfangen — daß man die Entstehungsgeschichte des Christenthums nicht mehr schreiben kann, ohne der großen Leistungen der jüdischen Diaspora zu gedenken, ja ohne von ihr den Ausgangspunkt zu nehmen. Freilich solange die geistigen Schöpfungen dieses Diasporajudenthums nur von einer, nämlich von christlicher Seite, wie dies bis jetzt noch geschieht, gewürdigt und beurtheilt werden, solange wird die Beurtheilung eine einseitige bleiben. Denn wer nicht in den Geist des labyrinthisch irren pharisäischen Schriftthums einzudringen vermag — und der vermag es nicht, der ihn nicht, ich möchte sagen, mit der Muttermilch eingesogen, mag er auch in dem Talmud zu lesen und ihn zu citiren verstehen — der wird niemals die tiefe unüberbrückbare Kluft deutlich wahrnehmen» die zwischen der pharisäischen und jüdisch-hellenistischen Schriftauslegung und Weltanschauung gähnt, der wird vielmehr ahnungslos über sie Hinweggleiten, wird auch, wie dies allgemein geschieht, die zwischen beiden liegende Bolksliteratur: das apokryphe und pseudo-epigraphe Schriftthum, das sich gegen den jüdischen Hellenismus, von dessen Geist es ins Leben gerufen, wehrt und gegen deffen Tyrannis es ankämpft, dem Pharisäismus in die Schuhe schieben, mit dem es nichts als die Bibelgläubigkeit gemein hat, während es geistig ungleich näher dem conservativen jüdischen Hellenismus verwandt ist. Er wird eben Alles, was den Charakter des Nationalen und der Frommgläubigkeit auf der Stirne trägt, für pharisäisch und alles Gegentheilige für sadducäisch erklären. Darum ist es im Interesse der Erforschung der jüdischen Geschichte und Religionswiff-'nschaft tief zu beklagen, daß die jüdischen Gelehrten, denen der Talmud kein Buch mit sieben Siegeln, seit jeher dem Diasporajudenthum fremd und gleichgiltig gegenüberstanden und ihm noch heute gegenüberstehen und das ganze jüdisch-hellenistische Literaturgebiet ihren christlichen Collegen überlassen, welche auf demselben, als auf einer ihnen von keiner Seite streitig gemachten Domäne souverän schalten und walten. Vermöchten unsere jüdischen Theologen ihre Aversion gegen dieses Schriftthum, das ihnen, obgleich es aus einem anderen Geiste spricht, gar Manches noch zu sagen hätte, zu überwinden und sich in dasselbe mit dem erforderlichen Eifer zu vertiefen, wahrlich die Wissenschaft des Judenthums würde dadurch ungemein gewinnen und die neutestamentliche Forschung würde eine neue, ich wage zu behaupten, ungeahnte Beleuchtung empfangen. Es ist nur recht und billig, daß wir den christlichen Theologen zu Hilfe kommen und ihnen sagen, was wir unsererseits über die Geburt des aus unserem Lebensbaum hervorgesprossenen Christenthums zu berichten wissen, als Entgelt dafür, daß sie sich abmühen, die dunkeln Partien unserer Geschichte aufzuhellen. Es ist nur billig, daß wrr einander die Forschungsresultate controliren und corrigiren, um aus den Einseitigkeiten herauszukommen und auf den Weg der Wahrheit zu gelangen. Solche und ähnliche Reflexionen erwecken zwei eben erschienene Werke: »Die Mission und Ausbreitung des Christenthums in den ersten drei Jahrhunderten von A. Harnack" und »Die Religion des Judenthums im neutestamentlichen Z italter von W. Bouffet", welche Beide, gleichsam mit vertheilten Rollen, die schwierige Arbeit der Darstellung der Vorgeschichte und der Entstehungsgeschichte des Christenthums zu bewältigen suchen. Es ist nicht unsere Absicht, hier eine Kritik dieser Schriften zu geben, wir wollen nur manche, uns Juden besonders intereffirende Cardinalsätze, die hier gleichsam als unanfechtbare Dogmen reproducirt werden und bereits allgemein als nicht zu erschütternde Wahrheiten gelten, auf ihre Stichhältigkeit prüfen. Es muß anerkannt werden, daß beide Gelehrten fich redlich Mühe gaben, die Geistesarbeiten der jüdischen Diaspora in möglichst helles Licht zu stellen und zu zeigen, wie sie dem kommenden Christenthum die Wege bereitet haben. Bon den Synagogen der Diaspora sagt Harnack (S. 1), daß sie »die wichtigsten Voraussetzungen für die Entstehung und das WachSthum christlicher Gemeinden im Reiche find". »Das Netzwerk der Synagoge", so fährt er fort, »stellt die Mittelpunkte und Linien der christlichen Propaganda im Voraus dar. Die Mission der neuen Religion, im Namen des Gottes Abrahams und MoseS unternommen, fand bereits ein für sie bestelltes Feld." Aber nicht blos die Geistesschätzr und die synagogalen Institutionen des Diasporajudenthums hat das entstehende Christenthum als Erbe übernommen, sondern auch den Misfionseifer und die Virtuosität der Propaganda. »Auch für das Berständniß der Propaganda und Ausbreitung des Christenthums ist es wichtig, zu wissen, daß die Religion, unter deren »urabraeulurn* es in die Welt hinaustrat, nicht nur intensiv sehr bedeutend war, sondern auch extensiv einen beträchtlichen Bruchtheil der Bevölkerung umfaßte . . . denn das Christenthum hat seinen Missionseifer mindestens zum Theil von dem Judenthume geerbt" (S. 7). Freilich erschiene es immerhin räthselhaft, wie eine national beschränkte Religion, wie die des Judenthums, mit ihrer Propaganda in der heidnischen Welt so ungeahnte Erfolge erzielen konnte; allein das Diasporajudenthum war eben nicht mehr