Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 48 (28.11.1902)
- Date
- 1902-11-28
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 48 Dr Vloch's Wortzonsthrifk. Sette 789 Wien hielt im Kaiserhofsaale ihre Jahresversammlung. Der Vorsitzende Herr Obmann S. Pollak begrüßte die Erschienenen und erörterte in kurzer Darstellung den Zweck des Hilfsvereines: der grenzenlosen Noth der arbeitswilligen jüdischen Bevölkerung in dem industrielosen Galizien durch Verschaffung von Arbeitsgelegenheit zu Hilfe zu kommen. Die Erwartungen, welche an die Baron Hirsch'sche Action geknüpft wurden, sind nicht in vollem Maße gelungen. Das Counts des Hilfsvereines hat nunmehr den Weg der Erlernung einer gewerblichen Thätigkeit in der Richtung eingeschlagen, daß dadurch keinem bestehenden Gewerbszweige Concurrenz bereitet wird. Wenn die Erfolge einstweilen noch mäßige sind, bleibt zu erwägen, daß ja kein Baum auf den ersten Hieb fällt. In Galizien ist eine Hilfsaction um so schwieriger, als die Culturfortschritte der letzten 50 Jahre an den Bewohnern dieses Landes sozusagen spurlos vorübergegangen sind. Wenn die Frage gestellt wird, was die Versammelten die galizischen Juden angehen, so ist zu erwidern: Die Juden haben ein Interesse daran, daß es Jedem gut gehe, gleichviel welcher Confeffion er sei, vornehmlich aber doch den Glaubens- und Volksgenossen. Wenn die eingeleitete Action einstweilen auch nur wenigen Familien Hilfe zu bringen vermag, ihnen die Existenz in ihrem Vaterlande zu ermöglichen, so ist das immerhin etwas und vielleicht der Vorläufer einer größeren, wirksamen Arbeit in späterer Zeit; für Bielitz-Biala gewinnt diese Action eine erhöhte Bedeutung durch seine Lage an der galizischen Grenze und als Einbruchsthor nach den westlichen Gegenden. Herr Advocat Dr. Aronsohn verlas als Schriftführer das letzte Versammlungsprotokoll und daran anschließend einen gedrängten Thätigkeitsbericht des Hauptvereines. Derselbe hat den Anfang mit der Erzeugung von Haarnetzen als Hausindustrie gemacht, für welche etwa 5 Millionen Kronen nach Oesterreich kommen und 80 Percent davon als Arbeitslohn ausgezahlt werden. In '14 Orten haben durch Fachlehrerinnen etwa 2000 Mädchen das Haarnetzen erlernt, und es konnten schon im August l. I. z. B. in Kossow 3028, in Jagielnica 2980, in Zablotow 1784, in Grozdziec 878 Kronen an Verdienst ausgezahlt werden. In 16 Orten sind im August 10.390 Kronen von dem ersten Unternehmer allein an Arbeitslohn gezahlt worden, deffen Lohnlisten von Monat zu Monat eine steigende Tendenz zeigen. Was die neuen Unternehmer an Arbeitslöhnen zahlen, darüber liegen keine zuverlässigen Informationen vor. Auch christliche Mädchen erlernen die Arbeit des Haarnetzens und freuen sich des kleinen Erwerbes. Alle Berichte heben hervor, daß durch Arbeit und Verdienst die Sittlichkeit und Widerstandsfähigkeit gegen mannigfache Verführungen wesentlich zugenommen hat. In den letzten Monaten wurden in Galizien in 65 neuen Orten Lehrcurse eröffnet. Im Anschluß an die Hirsch'schen Stiftungsschulen wurde vom Hilfsvereine die Einführung einer Holz-Spielwaarenindustrie als Hausindustrie für die arbeitslose männliche Bevölkerung in Stanislau eröffnet. Andere Haus- und theils Fabriks- und Heimindustrien werden zur Einführung in Galizien vorbereitet, vorwiegend solche, die für den Export arbeiten und der gegenwärtigen Landeserzeugung keinen Eintrag thun. Der Bericht wurde mit Beifall ausgenommen und dem Berichterstatter der Dank votirt. Bei der Vorstandswahl wurden die zurückgetretenen Functionäre, Präsesstellvertrer und Caffier, durch die neugewählten Herren Professor Ed. Feuerstein und Dr. Landau ersetzt und die übrigen wiedergewählt. Zu Vertretern der Ortsgruppe bei der Versammlung des Wiener Hauptvereines am 8. December wurden die Herren Präses S. Pollak und der Schriftführer Dr. Aronsohn gewählt. Herr P. Braff gab die Anregung, bei Zeiten Sorge zu Iragen, daß bei der Neuordnung der Bestimmungen über die Sonntagsruhe den Verhältniffen der orthodoxen Juden in Galizien Rechnung getragen werde. Herr Dr. Robinsohn regte zur Förderung der Vereinssache die Einsetzung eines Agitationscomites für Mitgliederwerbung und eines Vergnügungscomites an zur Veranstaltung von Wohlthätigkeitsunterhaltungen. Ueber alle drei Anträge entspannen sich lebhafte Debatten, welche mit der Annahme der Proportionen endigten. In das Agitationscomitä werden die Herren Dr. Robinsohn, Carl Korn, S. Wachtel. M. Körbel, P. Braff, Dr. Klein und Rittermann, in das Vergnügunscomite die Herren S. Pollack, Dr. Steckel, R. Korn, H. Krieger, G. Polatschek, F. Groß, Dr. Halbreich und Dr. Halpern gewählt und um halb 11 Uhr wurde die Versammlung nach Dankvotirung für den Vorstand geschloffen. Nikolsburg. Herr Professor Josef Frank am hiesigen Staats-Obergymnasium wurde zum Professor der VH. Rangsclaffe befördert. Im Anschluffe daran sei auch ein in heutiger schwerer Zeit immerhin hervorhebenswerther Zug des Direktors derselben Lehranstalt erwähnt. Bor wenigen Tagen verschied ein braver, armer Schüler des hiesigen Gymnasiums, in Pohrlitz, seinem Geburtsorte, wohin er nach längerem Krankenlager in Nikolsburg kurz vor seinem Lebensende gebracht worden war. Die Todesnachricht ging dem erwähnten Direktor telegraphisch zu, aber so spät, daß ihm nur ganz knapp die Zeit blieb, sich zum Leichenbegängnisse zu begeben, selbst dann, wenn er sich zu diesem Zwecke einen eigenen Wagen miethete. Obzwar der Tag ein Schultag war und der sehr pflichteifrige Director mit seiner Zeit sehr gewissenhaft Haus hält, scheute er weder die Kosten, noch die Beschwerde einer Winterreise und erwies mit dem ihn begleitenden Ordinarius des Vlll. Claffe dem verstorbenen Schüler die letzten Ehren. Man sollte meinen, das sei ja selbstverständlich, aber man meint es eben nur und darum gebührt ihm eben unser wärmster Dank. Budapest. In Anwesenheit der Vertreter der hauptstädtischen literarischen und journalistischen Kreise hat in der Vorwoche die Einweihung des für den verblichenen ästhetischen und philosophischen Schriftsteller Dr. Adolf Silberstein von seinen Verehrern gestifteten schönen Grabmals auf dem RLkoser Friedhöfe stattgefunden. Die Redaction des .Pester Lloyd" war corporativ erschienen und mehrere Corporationen batten ihre Vertreter zur pietätvollen Feier entsendet. Der Einweihungsact nahm folgenden Verlauf: Nachdem der Gesangschor des israelitischen Cultustempels unter Leitung des Obercantors Lazarus einen Trauergesang executirt hatte, gedachte Rabbiner Dr. Weißburg in poetisch schöner Rede Dr. Silberstein's. der nicht nur ein hervorragender Schriftsteller und guter Mensch war. sondern auch ein treuer Sohn seiner Kirche. Er hat Anspruch auf unsere Erinnerung, unsere Liebe auch über das Grab hinaus, weil er sich dadurch, daß er die Wahrheit liebte, daß er sie suchte, nach ihr forschte, unermüdlich, treu ihren Spuren folgte, solch ein Verdienst erworben, wie es kein größeres gibt. Dann sprach Rabbiner Dr. Weißburg das Gebet für die Todlen. Nach der Rede Dr. Weißburg's sprach namens der Redactionsmitglieder des .Bester Lloyd" in sehr wirkungsvoller Weise Max Rothauser. Reichstaasabgeordneter Josef Bößi (Präsident des Journalistenvereines) hielt hierauf eine ergreifende Rede. Diese schloß mit folgenden Worten: Aus den Philosophen von Aristoteles bis Schopenhauer holtest Du die herrlichste Poesie und aus den Poeten von Pindar bis Petöfi die tiefste Philosophie. Philosophie und Poesie war Dein ganzes Leben und nun ruhst Du hier auf den Lorbeern, die Du mit schwerer, großer Arbeit erworben. Dieser Denkstein hier ist höchstens gut um die Ruhestätte deffen. was sterblich war an Dir. zu bezeichnen, Deine unsterbliche Seele aber hat sich einen Altar geschaffen in den Herzen, wo die Liebe wohnt. — Schließlich sprach der Redacteur Sz ab olc s i, der die Worte des Psalters citirend hervorhob, der Verewigte habe die Wahrheit geliebt und das Böse gehaßt. Das altarähnliche Grabmal trägt (von Robert Kohn entworfen und von Arnold Kohn ausgeführt) auf der einen Seite einen hebräischen Vers, auf der anderen ein Gedicht von Ludwig Palagyi. Eine finnige Aufmerksamkeit wurde den Theilnehmern an der pietätvollen Feier vom Chef der Grabsteinfirma Arnold Kohn, Herrn Robert Kohn, nach dessen Entwurf'— wie erwähnt — das Grabmal ausgesührt wurde, erwiesen, indem er jedem Einzelnen eine getreue Reproduction des Monuments überreichte. Darmstadk. (Ein veru^theilter Richter.) Am 17. November hatten sich vor der Strafkammer Amtsrichter Dr. Mahr, Rechtsanwalt Dr. Geßner, Oberrechnungsrevisor Reitzel, sämmtlich aus Darmstadt, und Hofbuchhändler Reitzel aus Cannstatt wegen Beleidigung zu verantworten. Sie haben am Abend des 7. August nach feuchtfröhlich verbrachten Stunden auf der Fahrt von Mainz nach Darmstadt den 20jährigen Kaufmann Julius Hirsch aus Großgerau gröblich beleidigt. Die Angeklagten, von denen die Herren Dr. Mahr, Geßner und Oberrechnungsrevisor Reitzel als Antisemiten bekannt find, begrüßten den ihnen unsympathischen Reisegefährten bereits beim Eintritt in das Comitä mit den Rufen wie: .Es riecht nach Knoblauch! Macht die Fenster auf!" Sodann fuhr ihn einer der Biere an: .Wie können Sie es wagen, bei uns einzusteigen, wir wollen unter uns bleiben". Hirsch blieb und war während der Fahrt bis Großgerau der Zielpunkt fortgesetzter Beleidigungen, zumeist antisemitischer Natur. Dr. Mahr wetzte ein Messer an seiner Stiefelsohle und sagte dabei: Nun wollen wir einmal anfangen, zu beschneiden; soll ich bei Dir (zu seinem tzreunde gewandt) oder bei dem Jüngling (Hirsch) beginnen. In