Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 48 (28.11.1902)
- Date
- 1902-11-28
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 48 Swch's Wochrnsüzrlrr. Sette 787 führenden Staatsmänner wohl veranlassen, auch schon den Schein antisemitischer Neigungen und Zugeständnisse zu vermeiden. Wenn aber heute noch eine Interpellation wie die des Abgeordneten Peltasohn vom vorigen Jahre betreffend die Zurücksetzung der Juden im Justizdienst nothwendig ist. so beweist das, wie selbst hohe Staatsbeamte in ihrer Auffassung von dem. was dem Staat zu seiner eigenen Existenzsicherung nutzt und frommt, sehr an der Oberfläche der Dinge haften bleiben. Wissenschaft und Glaube. Es ist vielleicht kein bloßer Zufall, daß in Berlin dieser Tage gleichzeitig in jüdischen und in christlich-evangelischen Kreisen über die Stellung der freien wissenschaftlichen Forschung zum Glauben lebhaft discutirt worden ist. In der Brandenburgschen Provinzialsynode wurde die alljährlich wiederkehrende Klage über die „Zügellosigkeit" der Wissenschaft vernommen und zur selben Zeit erörterte man in einer Versammlung, die zur Gründung einer Gesellschaft für die Förderung der Wissenschaft des Judenthums einberufen worden war, die Frage, wie man sich zu der modernen Bibelkritik stellen solle. Die inneren Vorgänge der christlich-evangelischen Kirche gehen uns Juden nichts an; hingegen muß einmal über die Stellung der jüdischen Theologie zur Bibelkritik und überhaupt zur wissenschaftlichen Forschung ein freies Wort gesprochen werden. Vor Allem soll gesagt werden, daß wir Juden uns insofern in einer weit günstigeren Lage befinden, als wir wohl eine Wissenschaft des Judenthums, aber keine Theologie kennen. Dies zuletzt genannte Wort ist in jüdischen Kreisen erst um die Mitte der Dreißiger-Jahre des vorigen Jahrhunderts aufgetaucht. Damals traten zuerst junge Rabbiner in Deutschland in der „Amtstracht" auf, und das so drapirte Judenthum mußte schleunigst eine Theologie werden. Theologie heißt — die Erkenntniß Gottes, nach der wir ja alle Juden sammt und sonders sterben müssen. Und was die Kenntniß der jüdischen Lehre und des jüdischen Schriftthums betrifft, so hat . es in unserer Mitte zu jeder Zeit Männer in unabhängiger, nicht beamteter Stellung gegeben, deren Gelehrsamkeit und Wissenschaftlichkeit über jener der Rabbiner standen. Wenn unsere Rabbiner Scheu tragen sollten, das Judenthum wissenschaftlich zu behandeln, nun gut — wir werden auch ohne sie fertig werden. Aber die Rabbinen sind doch dazu berufen, das Judenthum, wie es im Bewußtsein der Zeit lebt, dem Volke vorzutrageu, und nichts kann den Rabbinerstand so sehr in seinem moralischen Ansehen schädigen, als die Rückständigkeit. Ich sage es zu wiederholtenmalen, das Judenthum ist nie fertig gewesen und wird es nie sein; es lebt nicht in todten Büchern, sondern im Leben, im menschlichen Geist, der göttlich ist. Zu allen Zeiten sind wir berufen, das Judenthum fortzubilden, neue Ideale zu schaffen und neue ethische Gedanken in die Welt zu setzen. Nicht in verstaubten, dickleibigen Folianten liegt das Judenthum, sondern in unserem sittlichen Empfinden, das immer feiner und empfänglicher werden kann. Freilich liegen alle Keime der Fortentwicklung in dem, was uns unsere Vorfahren hinterlassen haben; aber wir wären ihrer nicht würdig, sollten wir nun bei dem stehen bleiben und denkfaul für nichts Verständniß zeigen, was vor uns und um uns vorgeht. Was kann uns die Bibelkritik und überhaupt jede wissenschaftliche Kritik anfechten? Ist uns das Judenthum etwa nur deshalb theuer und der Inhalt aller unserer sittlichen Ideale, weil festgestellt ist, diese oder jene Schrift sei zu der oder jener Zeit geschrieben worden? Im Talmud selbst wird keine Antwort darauf gegeben, wann das Buch Hiob geschrieben sei. Die Meinungen gehen darüber auseinander. Und während es Manche in die uralte Zeit hiuaufrücken, glauben Andere wiederum, es sei zur Zeit Mordechais geschrieben worden. Aber was thut dies zur Sache? Das Buch Hiob bleibt doch immer eines der schönsten und erhabensten, gleichviel wann es entstanden ist — seht nur, daß ihr es versteht und daß euere erwachsenen Kinder es fleißig und mit Verständniß lesen. Neulich hatte ich Gelegenheit, mit einem freisinnigen Theologen zu debattiren, der mir immer mit der „Minderwerthigkeit" der „Priestercodex" kam. Ich machte ihn aber darauf aufmerksam, daß ein jüngeres Buch noch immer kein minderwerthiges sein muß; eher das Gegentheil. da der menschliche Geist in der Regel, wenn kein momentaner Rückschlag eintritt, sich immer mehr vervollkommnet. Im 19. Capitel des dritten Buches Moses wurde die Menschenliebe proclamirt, die sich, wie ausdrücklich dort gesagt wird, auch auf den Fremden bezieht. Mögen sich nun alle europäischen Völker zu der Moral dieses „minderwerthigen" Buches bekennen! Und dann das Versöhnungssest, das ebenfalls durch den „Priestercodex" eingesetzt ward — was hat nicht das jüdische Volk in seinem religiösen Genie daraus gemacht! Ein Buch braucht nicht um tausend Jahre älter zu fein, um wahrhaft heilig zu sein, und eine religiöse Institution muß nicht aus dem grauen Alterthum datiren, um religiös-sittlich zu sein. Wenn es nur auf das Alter ankäme, dann wäre fraglos der scheußliche Götzencultns viel werthvoller als das Judenthum. Das Judenthum hat nie und nimmer die freie wissenschaftliche Forschung zu fürchten, wenn diese nur wahrhaft ist. Es ist viel schlimmer, die Wahrheit zu verheimlichen oder gar eine Lüge von der gottgeweihten Stätte aus zu verkünden, als die Wahrheit zu sagen, das heißt, was jeder ehrliche, wissenschaftlich geschulte Mensch für Wahrheit hält - denn die objective Wahrheit ist nur bei Gott. Warum fürchten wir eben stets, unsere wissenschaftliche Ueberzeugung offen auszusprechen? Warum kann dies mitunter wirklich gefährlich werden? Dies liegt nicht am Judenthum, sondern an uns, und nicht das Judenthum braucht die Reform, sondern wir Juden brauchen sie recht dringend Wir müssen zu den alten Tugenden unserer Vorfahren zurückkehren, deren erste die Ueberzeugungstreue war. Es kann nicht genug beklagt werden, daß ein Stamm, der Glaubenszeugen, die um ihre Ueberzeugung gekämpft und gelitten haben, zu Hunderttausenden aufzuweisen hat, jetzt so matt und leblos dahinschleicht. Noch in meiner Jugendzeit habe ich derartige ideale Gestalten, Männer, die von der Wahrheit durchdrungen waren, von ihr sprachen und sie ungescheut überall verkündeten, zu Dutzenden gesehen. Ich habe auch ihr Martyrium gesehen, und wie sehr ich auch ihr Schicksal beklage, so bin ich doch darauf stolz, einem Stamm anzugehören, der so viele wahre Helden geschaffen hat. Mögen die Anderen die Heldenhaftigkeit darin erblicken, daß man wegen einer Grimasse sich tödten läßt oder den Gegner unter Floskeln ermordet — unser Volk hat mehr Ursache, sich seines Muthes zu rühmen. Und dasselbe Volk muß jetzt seine Rabbiner und Lehrer jammern hören, man dürfe ja nicht mehr ein freies Wort sagen?! Die Alten, hatten Recht, als sie sagten: Jedes Geschlecht ist seiner Führer werth, und die Führer ebenso ihres Geschlechtes. Es wäre nicht gerecht, die Lehrer allein für die Mutlosigkeit, die sie zeigen, verantwortlich zu machen. Alle sind wir daran schuld, wir, die wir nie den Muth unserer Ueberzeugung haben, die wir im öffentlichen Leben unzähligemale heucheln und lügen, blos um „dabei" zu sein. Wie viele Lügen kommen nicht in Vereinen vor! In den Lobeserhebungen für „verdiente" Männer, in Nachrufen, in Bücherkritiken u. dergl. Natürlich kann in einer solchen Gesellschaft die Wahrheit nicht gedeihen. Ich wiederhole hier, was ich schon an einer anderen Stelle gesagt habe. Die Quelle des Judenthums ist die Jndenheit, und wollen wir, daß uns frisches, erquickendes und labendes Wasser fließe, so müssen wir darauf halten, daß die Quelle nicht verunreinigt werde. Nicht die freie Wissenschaft und nicht die Bibelkritik kann uns schaden — dem Judenthum, das göttlich ist, schadet überhaupt nichts; es ist unverwüstlich und unzerstörbar. Aber uns ist die