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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-11-28 · 48 (28.11.1902) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
48 (28.11.1902)
Date
1902-11-28
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 786 Dr. Bloch's Wochsnfchrist. Rr. 48 Mittlers zwischen Gott und Israel und die Meffiaszeit betrafen, wobei die bezüglichen Stellen aus der Bibel, dem Midrasch und anderen späteren Schriften citirt wurden. In schlagfertiger Weise trat jedoch der Rabbi seinem Widersacher entgegen. Der Vortragende schilderte ausführlich den Verlaus der Disputation. Es zeigte sich in ihrem Verlauf, daß der Rabbi auch im Evangelium gut Bescheid wußte. Plötzlich bat der Convertit den Fürsten, dem Rabbi zu befehlen, unter Eid anzugeben, welche Religion, die christliche oder jüdische, er für die rechte halte. Der Rabbi wies dies Ansinnen zurück, indem er betonte, seine bisherigen Ausführungen seien nur defensiv, nicht offensiv gemeint. .Wir verdammen/ ries er, .keinen Glauben derer, die an Gott als den Schöpfer des Himmels und der Erde glauben. Wir glauben, was uns gesagt, jene, was ihnen gesagt ist/ Um die siebente Abendstunde endete die religiöse Disputation in einer für den Rabbi höchst ehrenvollen Weise. Nicht nur, daß der Apostat, der als Ankläger gegen das Judenthum ausgetreten war, zurückgeschlagen wurde, sondern auch die hohen Fürstlichkeiten wandten sich huldvoll dem wackeren Streiter zu. Die Ausführungen des Redners fanden lebhaften Beifall der Zuhörer. Richard Wagner und der „Judendoetor". Bon Richard Wagner, dem großen Meister, aus der Zeit da er noch nicht der große Meister und Judenfresser war, erzählt der .^merloau Hebrew“ folgendes interessantes Erlebniß. Als Wagner 1849 wegen der Rolle, die er in dem Volksaufstande gespielt hatte, flüchten mußte, kam er eines Abends verkleidet und ohne einen Pfennig als Flüchtling nach Stadthagen. Im ersten Hotel daselbst fragte er die Wirthin nach dem populärsten Mann in der Stadt, den er, womöglich, sofort sehen müsse. .Der populärste Mann ist der .Judendoetor", erwiderte die Wirthin und schickte sogleich einen Boten, der dem Doctor bestellen sollte, daß ein mysteriös aussehender Mann ihn im Hotel zu sprechen wünsche. Als der Doctor ankam, wandte sich der Fremde mit folgenden Worten an ihn: „Mein Name ist Richard Wagner. Ich bin aus Dresden geflohen, wo ich an den, mißglückten Ausstand gegen die Regierung theilgenommen habe. Die Verfolger sind hinter mir her, und wenn sie mich in ihre Gewalt bekommen, bin ich für immer verloren. Da ich keine Mittel habe, die Flucht fortzusetzen, bitte ich Sie, mir eine Fahrgelegenheit zu verschaffen, die mich nach Pyrmont schafft. Dort befindet sich Franz Liszt. Sobald ich bei ihm bin, bin rch unter seinem Schutze geborgen." Der Judendoetor entsprach dem Wunsche, und in weniger als einer Stunde befand sich der große Zukunftsmusiker auf dem Wege zu seinem Freunde. Der Inhalt dieser Erzählung wird uns von einem noch in Stadthagen lebenden Sohn des Judendoctors bestätigt, der außerdem hinzufügt: Richard Wagner kam abgerissen, hungrig, ohne Geld hier an. Mein Vater unterstützte ihn mit neuer Kleidung, mit Reisegeld und brachte ihn mit Liszt über die Grenze nach Paris, Wagner hat nie wieder etwas von sich hören lassen. Als 1860 die Amnestie erschien, kam er 1861 von London nach Deutschland zurück und war aus Dankbarkeit gegen den .Judendoetor" Antisemit. Der Herr Sohn des .Judendoctors" scheint die Geschichte der antisemitischen .Größen" wenig zu kennen, da er sich über die Undankbarkeit gegen die Juden wundert. Gar viele von ihnen haben den Juden ihre Existenz zu verdanken und sind nachher die wüthendsten Antisemiten geworden. Wir werden voraussichtlich in nicht zu ferner Zeit uns mit einem geistlichen Herrn zu beschäftigen haben, deffen Studium durch jüdisches Geld ermöglicht worden ist, der mit Vorliebe in jüdischen Häusern verkehrte, um dann in der nichtswürdigsten Weise mit den frivolsten Beschuldigungen über die Juden Herzufa?, en. Daß aber Richard Wagner trotz dem Vielen, das er den Juden zu verdanken hat — denn gerade Juden waren es, die, vornehm sich über seine antisemitischen Schrullen hinwegsetzend, die eifrigsten Apostel seiner Zukunftsmusik waren — Antisemit geworden ist, wollen wir als durchaus nicht ungewöhnlich weiter nicht hervorheben; daß er aber als Mensch den 'menschlichen Judendoetor später so ganz ignorirt hat, das ist bezeichnend für den Antisemiten. „Staat, Molk, $t*rtuw>“ Unter dieser Überschrift veröffentlicht Georg Wilhelm Schiele im Novemberheft der .Preußischen Jahrbücher" einen Artikel, der in seiner Tendenz darauf hinausläuft, als das Fundamentale obiger drei Factoren das harmonische und verbindende Maß der Gerechtigkeit zu betonen. Dies Moment ist umso werthvoller, als der Autor seinen theoretischen Unterbau zu dem Zwecke aufführt, um ihm seine Auffassung der Polenpolitik aufzusetzen und nicht etwa, um Stellung zum Antisemitismus zu nehmen. Es wird also kein Gegner einwenden können, daß der Zweck die Mittel geheiligt habe. Schiele sagt: .Der Begriff Nation faßt Staat und Volk zusammen, als Einheit und leugnet ihren inneren Gegensatz. Das Volk ist Nation, wenn es im Staate das Organ seines Willens sieht, und der Staat ist national, wenn er in den Interessen des Volkes seine Aufgabe sieht." Staat und Volk stehen also zunächst in einem Gegensatz zu einander. Muttersprache, Glaube und Unglaube, Brauch und Sitte machen den Volksgenossen aus, den Germanen sowohl als auch den Polen, den Masuren, den Litthauer. den Dänen, den Franzosen und den Juden, die alle innerhalb der deutschen Reichsgrenzen wohnen und die nur um ein Centrum gravitiren sollen, um den Staat. Die Triebkräfte des Volkes bezw. der Völker in dem Gesammtkörper, der fälschlich .Volk" genannt wird und worunter fast immer die Nation zu verstehen ist, sind neutraler Natur; aus ihnen erwächst das persönliche Eigenleben, die Individualität. Hier gibt es Spitzen und Höhen, soweit man eben Vollreife und unausgeprägte Individualitäten unterscheidet. Anders ein Staat. Er ist die straffste Centralgewalt. An sich nivellirt er, er zwingt allen seinen Bürgern eine gewisse Mittellage auf. Für die einen bedeutet das eine Einbuße, für die andern eine Hebung. Das staatlich verlangte Mittelmaß ist eine Höhe moralischer und intellectueller Tüchtigkeit, die der Staat von seinen Bürgern fordert und die er ihnen .aufzwingt" durch Schul- und Gesetzeszwang und andere Zwangsformen. Wer sich dem freiwillig unterwirft, ist Bü grr im besten Sinne und hat einen wahlberechtigten Anspruch auf alle Einrichtungen des Staates, auf den Schutz des persönlichen Eigenthums und Lebens nicht minder wie auf staatliche Beamtenstellungen, deren Anforderungen er durch den Nachweis der erforderlichen Höhe moralischer und intellectueller Tüchtigkeit zu genügen verspricht. In dem Augenblick, wo der Staat diese Fragestellung bei der Auswahl seiner directen und indirecten Beamten verändert und nach Abstammung und Confession fragt, verläßt er die ihm eigenthümliche Rechtssphäre. Damit löst er den ihm innewohnenden Gedanken der Centralmacht auf, zersetzt sich damit selber und macht sich zum Spielball individueller Besonderheiten und Neigungen. Bei dem Begriffe der vom Staate zu übenden Parität kann es sich nicht darum handeln, rechnerisch für so und soviel Protestanten unter dem .Volke" auch eine verhältnißmäßig gleiche Zahl von protestantischen Beamten anzustellen, sondern der Staat hat gleichsam mit verbundenen Augen sich an dem durch Prüfungen und Lebensführung erbrachten Beweis der intellectuellen und moralischen Vollwerthigkeit genügen zu lassen. Was er in dieser Beziehung verlangt, ist ein Maß, das jede Confession und jeder Volksstamm innerhalb der Reichs- und Staatsgrenzen aufweisen kann, wenn nicht in diesem, so in jenem Individuum, so daß Bevorzugung der einen Gruppe und Hintansetzung der andern nicht anders als aus Absicht zu erklären ist. Gerechtigkeit allgemein, also auch bei der Auswahl der Beamten, bleibt die Grundlage des Staates. Die Antisemiten wollen in die Rechtssphäre und das Fundament des Staates ein neues Moment einführen, die Racenfrage. Damit reißen sie den Staat aus seiner objectiven Höhe wieder in das Gewirr subjectiver Gefühle und Gelüste. Der Staat hätte in dem Augenblick, wo er antisemitisch durchgeführt wäre, seine Centralidee aufgegeben und wäre in Atome zerlegt. Der Augenblick der Realistrung antisemitischer Wünsche würde die Entfesselung der crassesten Jntereffenpolitik und Demagogie sein. Da das Volk nur durch den Staat zur Ausprägung . als Nation gelangen kann, wie wir mit Schiele meinen, so müßte die staatliche Anerkennung der antisemitischen Lehren die Todesstunde der deutschen Nation sein. Ob eine solche Polittk .teutsch" ist, mögen die Herren Antisemiten selber entscheiden. Man mag das Blatt drehen und wenden wie man will: der Antisemitismus, vom Staate sanctionirt, ist der Leichenstein des Staates und der Nation. Das sollte die

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