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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-11-28 · 48 (28.11.1902) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
48 (28.11.1902)
Date
1902-11-28
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 784 Dr. Bloch's Wochsnfchrifl. Nr. 48 Seite des Staatsanwaltes einen vertraulichen Wink, diese Vignette abzuändern und sich mit dem harmlosen klingenden, täglichen Aufruf »Kauft nur bei Gesinnungsgenoffen" zu begnügen. Das war nur der Beginn einer Reihe unausgesetzter und sich immer steigernder widerrechtlicher Angriffe auf die Erwerbsthätigkeit der jüdischen Bevölkerung. In den großen antisemitischen Volksversammlungen wurde von den antisemitischen Führern und ihrem Anhänge immer leidenschaftlicher zur Boycottirung der Juden aufgefordert, immer wirkungsvoller wurde die Parole hier ausgegeben: Kauft ja nicht bei Juden, betretet kein jüdisches Geschäftslocal, schließt die Juden von allen Geschäften aus! Wie oft haben wir auf den scandalösen Vorgang hingewiesen, daß der Bürgermeister der Stadt Wien, der Chef jener politischen Behörde erster Instanz, welche die Erwerbssteuer von den Juden eintreibt und häufig genug durch Pfändungen hereinbringt, eine mächtige Bewegung leitet und aufstachelt, deren offen angekündigter Zweck es war, die Existenz der Juden zu vernichten, sie ihres Erwerbes und damit auch selbstverständlich ihrer Steuerkrast zu berauben. Auf der einen Seite sollen also die Juden ihre staatsbürgerliche Pflicht erfüllen, ihre Söhne dem Militärdienst zur Verfügung stellen und ihre Steuern bezahlen. Auf der anderen Seite wird ein verbrecherischer Feldzug gegen sie unternommen, der mit allen Mitteln der Lüge und Verleumdung geführt wird, um sie in der Bevölkerung verhaßt zu machen, sie ihrer bürgerlichen Rechte zu berauben, ihre gesetzlich gewährleistete Gleichberechtigung mit Füßen zu treten. Es mag ja den Antisemiten zur Freude gereichen, daß diese Absicht, die Juden in ihrem Wohlstände zu schädigen, zum Theile in Erfüllung gegangen ist. Allein damit sind auch die Juden in den Zustand der Nothwehr versetzt, der sie zwingt, soweit es ihnen möglich, einander wirthschaftlich zu unterstützen. Niemals ist es den Juden eingefallen, den Weg des wirthschaftlichen Boycotts freiwillig zu betreten, wenn aber unter hoher Patronanz die Judenhetze systematisch betrieben wird, wenn die Käufer nicht mehr nach der Qualität der Maare und der Arbeit, sondern nach der Confession des Producenten und des Kaufmanns fragen, dann wäre es ein Berrath an den Interessen des Judenthums, wenn die Juden selbst bei Arbeiten, die sie vergeben, bei allen Ankäufen, die sie vornehmen, bei allen Stellen, die sie zu vergeben haben, nicht in erster Linie auf ihre Glaubensgenoffen bedacht sein würden. Was will denn ein jüdischer Geschäftsmann beginnen, wenn der Antisemitismus dem Juden Verdienst bei den Christen raubt und ihm überdies auch die Juden die Arbeit entziehen! Er müßte rein verzweifeln und zu Grunde gehen. Die antisemitischen Herrschaften scheinen ganz daran zu vergessen, oder richtiger, sie haben niemals daran gedacht, daß ihr nichtswürdiges Vorgehen dem Gesetze und der Menschlichkeit wiederspricht. In ihrem Angriffe liegt die Rechtswidrigkeit und nicht in der Bertheidigung, die den Juden aufgenöthigt wird. Wenn ein jüdischer Geschäftsinhaber einen antisemitischen Angestellten entläßt oder mit einem antisemitischen Geschäftsmanne nichts zu thun haben will, so liegt die Berechtigung zu diesem Vorgehen in dem Begriffe und dem Programm des Antisemitismus. Der Haß und die Verfolgung des Juden, seine politische und wirthschaftliche Vernichtung ist ja der Inbegriff der antisemitischen Bewegung. Das ist keine politische Gegnerschaft, das ist die bürgerliche Todfeindschaft, die es auf die Ausrottung des Anderen abgesehen bat. Den Todfeind sollte man im eigenen Hause dulden! Niemals haben die Judrn in ihrer wirthschaftlichen Bethätigung und in ihren geschäftlichen Beziehungen aus dem Unterschiede des Glaubens irgend eine Consequenz gezogen. In vollster Einigkeit und gegenseitigem Einvernehmen arbeiteten Christen für Juden und Juden für Christen. Erst seitdem die fluchwürdige antisemitische Bewegung emporgekommen ist, hat dieser Zwiespalt das gesellschaftliche und wirthschaftliche Leben in Wien und in Oesterreich vergiftet. Nicht den Weg in das Ghetto gilt es zu zeigen, sondern den Weg zur Gesetzlichkeit, zur Respectirung der bürgerlichen Rechte, die uns die Verfaffung gewährleistet. Und ob der Antisemitismus dem geschäftlichen Leben in Oesterreich zum Vortheile oder zum Fluche gereichte, darüber wird der „Deutschen Zeitung" selbst ein . christlicher Geschäftsmann die allergründlichste Auskunft ertheilen können. * * * Aus einem analogen Gesichtspunkte ist eine zweite Angelegenheit zu beurtheilen, welche die »Deutsche Zeitung" zum Gegenstand eines zweiten Leitartikels machte. Es handelt sich um die Juden in Rumänien und um einen angeblichen Beschluß der »Israelitischen Allianz" in Wien, ihren Präsidenten David Ritter von Gutmann zu veranlassen, er möge durch seinen Einfluß dahinwirken, daß Rumänien keine neue Anleihe erhalte, bevor es nicht die Lage der Juden gemäß des Berliner Vertrages verbessere. Die »Deutsche Zeitung" nehme hiemit zur Kenntniß, daß dieser Beschluß seitens der »Israelitischen Alliance" in Wien nicht gefaßt wurde. Allein der Antrag auf diesen Beschluß wurde eingebracht, und zwar von dem Herausgeber der »Oesterreichischen Wochenschrift" Doctor Bloch, der aber mit seinem Antrag nicht durchgedrungen ist. Was ist aber natürlicher als die Ausschließung Rumäniens von öffentlichen Anlehen in dem Falle, als das Geld hiefür von Juden hergegeben werden soll! Ist es vielleicht ein unberechtigtes Verlangen, daß Rumänien seinen jüdischen Unterthanen dieselben Rechte gewährleiste, wie allen anderen, und darf ein jüdischer Financier sich dazu hergeben, mit einem Staate ein Geschäft zu machen, der seine jüdischen Unterthanen verfolgt und austreibt? Die armen Juden austreiben und von den reichen Juden Geld nehmen, das mag allerdings eine Moral sein, wie sie dem Geschmack der Vergani und seiner Concurrenten von der »Deutschen Zeitung" entsprechen mag. * * * Die Antisemitenblätter haben in den Berichten über die Berurtheilung des Herrn Josef Laßmann ganz daran vergessen, daß dieser Herr Gemeinderath der Stadt Wien ist, wobei gerade darin die Bedeutung dieses Wahlschwindelproceffes liegt. Zum großen Leidwesen aller antisemitischen Fälscher hat die Urteilsbegründung die Vertuschung der Thatsache, daß ein christlichsocialer Gemeinderath der Stadt Wien vor Gericht stand, vereitelt. Der Gerichtshof verurtheilte Laßmann deshalb strenger als die anderen Angeklagten, weil er als öffentlicher Würdenträger der Bedeutung des Wahlrechtes sich mehr bewußt war und über die Verwerflichkeit der Wahlfälschung sich umso mehr klar sein mußte. Aus den Berichten über diese Verhandlungen geht hervor, daß die Wahlmogelei seitens der Christlich-Socialen mit der größten Schamlosigkeit öffentlich betrieben wurde, daß in den Agitationslocalen mit den Stimmzetteln manipulirt wurde, als wäre das ein harmloser Vorgang, und das Beispiel des Gemeinderathes Laßmann zeigt, daß nicht einzelne Wahlbetrügereien stattgefunden haben, sondern daß der Wahlbetrug und die Unterschiebung von Stimmzetteln mit Borwissen der gesammten christlich-socialen Partei und mit wissentlicher Duldung und Förderung seitens des herrschenden Regimes stattgefunden haben. Wir sind nur begierig auf die fernere Haltung des Gemeinderathes in dieser Angelegenheit, ob nämlich die christlich-sociale Majorität die öffentliche Schamlosigkeit so weit treiben wird, daß der wegen Wahlschwindels verurtheilte Gemeinderath Laßmann im Besitze seines Mandates bleiben wird. Nach der versuchten Vertuschung der Sache zu schließen, zweifeln wir daran nicht im Geringsten, daß eine Körperschaft, in der Herr Hans Arnold Schwer und Herr Purscht eine Rolle spielen, auch einen Laßmann vertragen kann. Das Betrügen bei den Wahlen gilt in den Augen der Christlich-Socialen nicht als unehrenhaft, sondern als eine verdienstliche Handlung im Interesse der Partei, und so sind wir denn darauf gefaßt, daß ein gerichtlich abgeurtheilter Wahlfälscher auch fernerhin eine Zierde des Gemeinderathes sein und bleiben wird. Isegrim. Die Oesterreichisch-Jsraelitische Wohtthätigkeits- Gesellschaft in New-Horr versendet ihren ersten Jahresbericht, in welchem ein detaillirtes Bild des wohlthätigen Wirkens dieser Vereinigung geboten wird. Der Präsident derselben, Dr. M. Neustädter, faßt in einer längeren Rede die Details zusammen und spricht darin sowohl über das Ziel, das sich die Gesellschaft gestellt, wie über die Wege, die sie einschlug, um dasselbe zu erreichen. Es wurde in der kurzen Zeit eines Jahres Beachtenswertes und unendlich Verschiedenartiges geleistet; Kranke wurden behandelt und verpflegt, Obdachlose untergebracht, Arme bekleidet und verköstigt, Handwerker mit Werkzeugen versehen, Auswanderern die Möglichkeit geboten, an anderen Orten bessere Existenzbedingungen zu suchen, Arbeitslosen wurde Arbeit verschafft und überhaupt jedem Bittenden nach Möglichkeit geholfen. Das Wirken des Vereines hat sich aber nicht nur auf Amerika beschränkt und nicht nur die gewöhnlichen Grenzen einer Wohlthätigkeits-Gesellschaft für bindend erachtet, seine Hauptthat in diesem Jahre ist österreichischen Juden in Galizien zugute gekommen und hat die „United Austrian Hebrew Gharities Association“ speeiell in

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