Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 48 (28.11.1902)
- Date
- 1902-11-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 48 Dr. Bloch's Wochenschrift. «eite 783 das Land Böhmen bewohnenden Volksstämme entfremdeten sich immer mehr aus verschiedenen Ursachen. Die vornehmste Ursache war der Glaube. Das sich verbreitende Christenthum verfolgte die Juden mit ihrem bei der Kreuzigung Christi ausgesprochenen Fluche: Israel antwortete wieder, der Messias werde erst kommen, um einen einzigen Glauben auf der ganzen Welt zu stiften und zu verbreiten. Je stärker der Kampf um die religiöse Idee war, desto mehr Nachtheil brachte er den Juden, denn gegen das bereits mächtige Christenthum war Israel auch bei uns nur in geringer Anzahl vertreten. Die christliche Religion beschränkte die Juden im öffentlichen Leben immer mehr: sie wurden aller Ehrenämter enthoben, vom gesellschaftlichen Leben nahezu ausgeschlossen; das Volk wendete sich von ihnen ab und wiewohl ihnen das Handwerk und Gewerbe nicht verboten ward, so konnten sie sich dennoch, da sich die Leute vor ihnen scheuten, nicht wie Andere dadurch ernähren. Der aus religiöser Intoleranz entsprungene Haß gegen die Juden und ihre Verfolgung wurde noch durch andere Verhältnisse erhöht; die Juden wurden nämlich durch die Gesetze, Landes- und Staatsordnung in eine heikle Lage versetzt, indem sie nur auf das Geldgeschäft, welches den Christen verboten war, angewiesen wurden. Die Einhebung der Zinsen von baaren Darlehen war den Christen durch kanonisches Gesetz verboten. den Juden jedoch gestattet. Das weltliche Gesetz, die Privilegien der Herrscher bestimmten, daß der Jude, weil er viel höher besteuert war als der Christ, zehn bis zwanzig vom Hundert an Zinsen nehmen dürfe. Ein solcher gesetzlich den Juden erlaubter oder sogar aufgezwungener Wucher war ihr fast vorwiegendes Gewerbe und Geschäft. Zu dem religiösen Hasse gesellte sich der gesellschaftliche Neid. Der Jude forderte nach dem Gesetze hohe Zinsen und wurde dadurch schnell reich. Die Leute waren den Juden nicht hold, eiferten auf manche ihrer Vortheile, am meisten reizte sie aber zum Neide ihr wachsender Reichthum. Der Bürger, der Gewerbsmann, welcher mit seiner mühevollen Arbeit kaum soviel verdienen konnte, um die Bedürfnisse seines Hauses, seiner Familie zu decken, blickte mit wahrer Entrüstung auf das leicht gewonnene Gut des verfolgten, geschmähten Juden. Die beneideten Begünstigungen in Geldgeschäften waren zwar die Quelle ihres Reichthums, aber auch ihres Unglücks, weil sie deshalb furchtbar gehaßt wurden. Der Unterschied im Glauben und im gesellschaftlichen Leben warf unter das Volk den Funken des Verdachtes wegen angeblicher grausamer Verbrechen, welcher schwere, aus der Fremde erregte Stürme über die Juden brachte. Es gab aber zahlreiche Fälle, wo Uebermuth und Entrüstung eines Juden oder Christen zum Streite führte. Obwohl beide Theile feindlich gegen einander standen, so brauchte doch der Christ den Juden, wenn auch gegen hohe Zinsen. Die Juden in ihrer geringen Anzahl blieben trotz Allem ein wichtiger, großer Factor im volkswirthschaftlichen Leben, in dem sie die nöthigen Geldmittel zu den Unternehmungen großer und kleiner Herren aufbringen mußten. Sie wurden gehaßt, aber man brauchte ihre Hilfe. Sie wurden verfolgt und hatten Schutzbriefe und verschiedene um theueres Geld erworbene Freiheiten. Einerseits waren sie durch die Landesgesetze geschützt, andererseits wurden sie wieder aus dem Lande gewiesen und beraubt. Durch ein Thor wurden sie aus der Stadt verjagt, und durch das andere wieder eingelassen. Sie sonnten sich zuweilen in der Gunst der Könige und anderer großer Herren, bald wieder peitschte sie der Sturm des wüthenden Volkes. Mit Mißachtung, ja Verachtung wies man auf die Juden, wie auf Ungläubige und Heiden; und doch bat Johann Huß das böhmische Volk mit den Worten ihrer Propheten gelehrt und angeeifert; ihre Gebete, Psalmen und Klagelieder erschollen in den Wölbungen der christlichen Kirche; ihre heilige Schrift war und blieb dem böhmischen Volke in Zeiten des größten Elendes und Leidens ein nicht geringer Trost. Das eigentliche charakteristische Merkmal eines jeden Menschen ist seine nationale Sprache und Religion. Niemand, keine Macht auf der Welt hat das Recht, diese beiden Güter mit Gewalt anzugreifen, sie zu zerstören; ein jeder Mensch ist der oberste Herr seiner Sprache, seines Herzens, seiner Gefühle. Wir haben nur skizzenweise bemerkt, wie die Juden, von der leidenschaftlich aufbrausenden Volksmenge hin und her gedrängt, von dem Eigensinne der Obrigkeiten als Rente und Waare ausgenützt wurden; es ist daher äußerst interessant, zu betrachten, wie sich die Juden in dem entscheidenden, verhängnißvollen Momente unseres Volkes, als dasselbe um die eigene und fremde Freiheit kämpfte, mir meinen die hussitische Periode, verhalten haben. Die Juden begrüßten die Hussiten als Kämpfer nach Art des Alten Testamentes, sie leisteten ihnen Hilfe bei der Belagerung der Feste Vysherad; die Juden in den baierischen Grenzstädten wurden deswegen verfolgt, daß sie den Hussiten Geld und Waffen geliefert haben sollten; die Dominikaner regten in ihren Predigten die Welt gegen die hussitischen Böhmen und ihre Freunde, die Juden, auf. zwischen welchen keine ernstere Feindseligkeit bestand, obgleich die Hussiten gegen den Wucher der Juden nickt wenig eiferten und auch ihre Häuser geplündert haben. Aus den Ländern des Erzherzogthums Oesterreich flüchteten sich die wegen ihrer Religion verfolgten Juden in die böhmischen Länder, wo eine größere Freiheit der Religion herrschte. Ebenso wie zur Zeit der Kreuzzüge gegen die Türken, mordeten auch die deutschen Söldner in den gegen die ketzerischen Böhmen aufgebotenen Kreuzheeren alle Juden in Böhmen, die ihnen in den Weg kamen, als Ungläubige. Die Juden im Deutschen Reiche beteten und fasteten vier Tage lang (vom 8. bis 11. September 1421) und überdies noch drei Tage, um von Gott dem Herrn den Sieg für die Waffen der Huffiten zu erbitten, weil die Kreuzfahrer auf ihrem Rückzuge aus Böhmen alle Juden als „Ungläubige" ermorden wollten. Indessen als sie geschlagen aus Böhmen flohen, kamen sie elend und hungrig zur Thür eines oder des anderen Juden, um ein Stück Brod sich zu erbetteln. Und doch wieder welcher Umschwung in späterer Zeit! Die Prager Juden waren die Ersten, die den Sieg der kaiserlichen Waffen auf dem Weißen Berge am ». November 1620 gefeiert haben. Wie ist das Alles zu erklären? Wenn wir auch in manchen Fällen den Scharfblick ihres Geistes in die Zukunft zugeben, so gelangen wir doch bei eingehenderer Forschung zur Erkenntniß, daß sie sich nach den jeweiligen Verhältniffen richteten, in denen auch die Ursache lag, warum ein so kleiner Theil des jüdischen Volkes sich nicht den eingeborenen Böhmen assimilirte. mit denen sie durch so viele Jahrhunderte gemeinschaftlich lebten. Eine klare Erkenntniß dessen gewinnt man nur aus reinen, ungetrübten historischen Quellen, welche schon seit längerer Zeit mit nicht geringer Sorgfalt der in unserem Nationalleben hervorragende und auch sonst rühmlichst bekannte Großindustrielle Gottlieb Bondy sammelt. An zweitausend fast gänzlich unbekannter, in böhmischer, deutscher, lateinischer, italienischer und hebräischer Sprache verfaßter Urkunden wird eine große Public tion umfassen, welche folgende Aufschrift führen wird: „Quellen zur Geschichte der Juden in Böhmen, Mähren und Schlesien vou den ältesten Zeiten bis zum Jahre 1740." Dieselbe befindet sich bereits unter der Presse. Wir sind überzeugt, daß ein so bedeutendes, durch die Herausgabe der Quellen zur Geschichte der Juden in Böhmen gebrachtes Opfer von der Intelligenz Böhmens und insbesondere von den Glaubensgenossen des Herrn Gottlieb Bondy. der eben heute den 1 j. November seinen 70. Geburtstag feiert, wird freudig begrüßt werden. F. D v o r s k y. Director des Landesarchivs des Kön. Böhmen. Vom Jahrmarkt de» Leben». Glossen zur Tagesgeschichte. ( ,M au ft int r beiChri st en." — Die „Deuts cheZeitung" und die rumänischen Juden. — Gemeinderath und Wahlschwindler.) Die Verdrehung des wahren Sachverhaltes und die absichtliche Entstellung sind die Hauptwaffen des Antisemitismus, und auch die „Deutsche Zeitung" hat trotz der sprichwörtlich gewordenen Dummheit, die man ihr nachrübmt, den Gebrauch dieser Waffen erlernt. Ein „Eingesendet". das die „Oesterreichische Wochenschrift" veröffentlichte, hat die „Deutsche Zeitung" zu einem Leitartikel begeistert unter dem packenden Titel: „Der Weg ins Ghetto/ Sie hält sich über die Anregung auf, die von einem Abonnenten der „Oesterreichischen Wochenschrift" in der Richtung gegeben wurde, daß die Juden bei der Vergebung von Stellen und Arbeiten ihre Glaubens zenoffen berücksichtigen und Antisemiten principiell nicht beschäftigen sollen. Sie versieht diesen Abonnenten sogar mit Anführungszeichen, als würde sie nicht an seine Echtheit glauben. Zunächst sei der „Deutschen Zeitung" die beruhigende Versicherung ertheilt, daß sie es mit der Zuschrift eines wirklichen Abonnenten der Wochenschrift zu thun hat. Und wenn sie selbst so selten in die Lage kommt, einen wirklichen Abonnenten zu sehen, so find wir sehr gern bereit, ihr ein in den Räumen der „Deutschen Zeitung" so selten begrüßtes Wesen vorzustellen. Mit Gänsefüßchen mag also die „Deutsche Zeitung" nur ihre Abonnenten ausstatten. Was nun dem in jenem „Eingesendet" propagirten Gedanken betrifft, so stellt sich die „Deutsche Zeitung" an, als wollte sie es mit großer Freude aufgreifen, damit auch von arischer Seite Maßregeln ergriffen werden. Sie wünscht die strenge wirthschaftliche Scheidung zwischen Juden und Christen, die Aufrichtung eines Ghettos und vermeint, daß jenes „Eingesendet" auf diese Art den -Weg ins Ghetto gewiesen habe. Mit dieser Ausführung verleugnet die „Deutsche Zeitung" die ganze bisherige Geschichte der antisemitischen Bewegung, wie sie seit dem Jahre 1880 sich in Wien entwickelt hat. Das war ja der Grundgedanke des Antisemitismus, die Juden des Erwerbes zu berauben, ihnen jede Arbeitsgelegenheit zu benehmen, sie aus den Werkstätten der Producenten und des Händlers zu vertreiben. „Kauft nur bei Christen." So lautete Jahre hindurch die Vignette des „Deutschen Bolksblattes", und erst nachdem durch Erkenntniffe des Obersten Gerichtshofes und des mährischen Obersten Landesgerichtshofes die Aufforderung zum wirthschaftlichen Boycott politischer Gegner als verbrecherisch und unsittlich gebrandmarkt wurde, erhielt das „Deutsche Bolksblatt" von