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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-11-28 · 48 (28.11.1902) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
48 (28.11.1902)
Date
1902-11-28
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sette 788 Dr. Bloch's Wochrnfrhrifl. Nr. 48 jenseits des großen Wassers abgeben müssen. Die Zukunft wird es lehren, ob es dem jüdischen Volke bestimmt ist, seinen Schwerpunkt noch weiter nach Westen zu verlegen ... lleber die Zahl der Juden in New-Hork selbst sind bekanntlich von dem jungen ausstrebenden jüdiscb-amerikanischen Blatte „Jewish World“ zum erstenmale authentische Daten veröffentlicht worden. Aus der Zahl der Todesfälle, der Geburten und der Eben im Jahre 1901 hat bekanntlich dieses Blatt die Zahl der jüdischen Einwohner New-Aorks auf etwa 580.000 geschätzt. Eine viel genauere Schätzung beruht auf der Confession der Einwanderer. Von den feit 1881 in New-Iork eingewanderten Personen waren von den Rumänen 100 Percent, den Russen 80 Percent, den Oesterreichern 70 Percent und den Deutschen 5 Percent jüdischer Confession. Danach läßt sich die Zahl der seit 1881 in New-Iork eingewanderlen Juden auf mindestens 509.000 berechnen. Dazu kommen noch 60.000 Juden, welche bereits vor 1881 in New-Iork gewohnt haben. Macht zusammen 570.000 Juden, welche durch die natürliche Vermehrung um etwa 30.000 und die Einwanderung von 50.000 Juden bis zum 1. August 1902 im Ganzen auf 650.000 Seelen gestiegen sind. New-Aork beherrscht demnach mehr Juden als die fünf großen Ghettos Warschau, Wilna, Oreffa, Berditschew und Jerusalem zusammen. Es zählt allein mehr jüdische Einwohner als Preußen, Frankreich und Italien In den ganzen Vereinigten Staaten von Nordamerika wohnen nach den Angaben des Dr. Fifchberg circa 600.000 russische Juden, von denen 360.009, wiederum nur in New-Iork wohnen. Es gibt in der Thal in ganz Rußland selten noch eine jüdische Familie, die nicht einen oder zwei Angehörige in Amerika hätte. Selbst die reichen Leute, die es sonst nicht nöthig haben auszuwandern, senden häufig ihre Kinder nach New-Jork, weil diese in Rußland durch die percentuale Beschränkung bei der Aufnahme in den Mittel- und Hochschulen, keine Möglichkeit haben, sich eine gewisse Bildung anzueignen, während im freien Amerika ihnen sämmtliche Bildungsanstalten gern ihre Pforten öffnen. Daß es nicht allein der auf ihnen lastende, politische und öconomische Druck, sondern auch der Ausschluß aus den Lehr- Anstalten ist, der die Masse der jüdischen Emigranten aus Rußland nach Amerika treibt, beweist u. A. auch die Thatsacke, daß zahlreiche amerikanische Schulen überaus stark von Juden fre quentirt werden. So si->d die Studierenden am Citycollege und Normal- College zu New-Aork zu 60 Percent Kinder des Ghetto, 50 Percent d r Mitglieder der über 400 zählenden Mitglieder East Medical Society zu New-Hork sind Juden. Endlich zählt New-Aork 1500 jüdische Anwälte, die erst in den letzten zehn Jayren ihre Approbation erlangt haben und deren Wiege einst in einem der zahlreichen Ghettos des russischen Ansiedlungsroyons gestanden hat. Ueberaus zahlreich sind endlich die jüdischen Ingenieure, Baumeister, Maler, Bildhauer, Schriftsteller und Schauspieler. Der überwiegende Theil der jüdischen Bevölkerung New-Iorks gehört natürlich dem Handels- und Handwerkerstande an. Dres ist schon durch die Thatsache bedingt, daß bei den Juden in Rußland über 12 Percent Handwerker sind, während in Deutschland der Handwerkerstand nur 4% der Gesammtbkvölkerung bildet. Dabei findet bei der Auswanderung nach Nordamerika noch insofern eine weitere natürliche Auswahl statt, als die jüdischen Emigranten in Rußland durch die Erfahrung wissen, daß nur ein Handwerker „drüben“ Aussicht auf Existenz hat, es wandern daher fast nur Handwerker aus, während die Kleinhändler und die Angehörigen liberaler Professionen nothgedrungen zu Hause bleiben. Diesem Umstande, sowie der Thatsache, daß die jüdischen Handwerker in Rußland zum hauptsächlichsten Theile Schneider und Schuhmacher find, ist es zuzuschreiben, daß die jüdischen Einwanderer in Nordamerika die gesammte Bekleidungsindustrie revolutionirt und gleichzeittg monopolifirt haben. Der Gebrauch alter Kleider ist in Amerika fast völlig verschwunden, und Alles was der Amerikaner vom Scheitel bis zur Sohle auf dem Leibe trägt, ist vorher durch jüdische Hände gegangen. Daß die Juden daneben auch allen anderen Zweigen der menschlichen Erwerbsthätigkeit obliegen,-braucht keiner besonderen Erwähnung. Selbst die stehende Armee, die in den Bereinigten Staaten doch aus freiwillig sich meldenden Berufssoldaten gebildet wird, weist sehr zahlreiche jüdische Elemente auf. Es ist im letzten Kriege gegen Spanien sogar direct aufgefallen, daß die jüdischen Emigranten sich in unverhältnißmäßig größerer Anzahl, wie die Emigranten aller anderen Nationen in den Listen der Freiwilligen aufnehwen ließen. Daß die Juden auch als Soldaten sich concurrenzfähig erwiesen haben, haben zahlreiche amerikanische Officiere der regulären Armee bekundet, welche häufig sich veranlaßt sahen, den Muth, die Ausdauer und die Energie ihrer jüdischen Soldaten amtlich hervorzuheben. Trotz der starken jüdischen Bevölkerung hat der Antisemitismus in den Vereinigten Staaten Nordamerikas bei manchem Anlauf keine Zukunft. Der Antisemitismus ist nichts weiter als der Ausdruck einer zum Bewußtsein gelangenden eigenen Schwäche eines greisenhaft werdenden oder noch kindlich schwachen jungen Volkes. Daher der Antisemitismus in Oesterreich und Frankreich, in Rumänien und Rußland, während den alten Römern und den heutigen Engländern der Fremdenhaß gänzlich unbekannt war. Auch die jugendliche, kraftstrotzende und selbstbewußte Republik jenseits des atlantischen Oceans ist sich ihrer eigenen Kraft viel zu sehr bewußt, um sich ernstlich vor den Juden zu fürchten. (Kurilen zur Geschichte der Inden in Kähmen, Mähre« ««fr Schlesien. (Aus der „Politik" 15. November 1902.) Die Gesckiichte der Juden bildet eine der interessantesten Episoden der Weltgeschichte. Hohe Ideen erhoben, mächtige Leidenschaften erschütterten dieses Volk, dessen „Schrift" zu einem Buche der Bücher bei fast allen gebildeten Völkern ward. Die Bücher Moses', als Geschichte dieses Volkes, und alle übrigen heiligen Bücher, als: Psalmen, Sprüche, Jeremias' Klage, Nehemia u. s. w. sind Zeugen ihres Ringens, ihrer Klage, ihrer Leiden. Wir müssen ihre Ausdauer, ihre Begeisterung im Glauben, ihre Liebe zum Vaterlande, ihre Treue zur nationalen Individualität bewundern. Auch dann, als die Juden in alle Welttycile zersprengt wurden (im Jahre 70 nach Christi), nachdem Jerusalem von dem römischen Heere erobert, der Tenrpel Salomons verbrannt, ein Drittheil der Juden ermordet worden, ebensoviel in Gefangenschaft gerathen waren und die übrigen sich in fremde Länder zerstreut hatten, auch in jenen Zeiten, als religiöse Unverträglichk it die Juden grausam zu verfolgen begann, erhielt sich Israel durch die Erinnerungen aus seinem Stammland, bestrebt seinen eigenen nationalen Charakter zu bewahren. Beinahe zweitausend Jahre rang das zerstreute Judenthum mit der Welt, um sein Dasein, seine Existenz unter den Völkern zur Geltung zu dringen. Es gab kein Land, wo sich nicht wenigstens ein oder das andere Mitglied dieses „auserwählten Volkes" befunden hätte. Von aller Welt zurückgesetzt und gehetzt, waren die Juden nur auf sich selbst angewiesen. Gegen die zersprengten Söhne Jacobs verbanden sich einstens die herrschenden Fürsten, die Kirche und das Volk in der Absicht, den am meisten verlassenen Benjamin unter den Völkern zu verderben. Allein ihre ausdauernde Bemühung und die Idee des Judenihums, in deren Hochhaltung sie stets vereint blieben, brachten ihnen Rettung, so daß sie trotz aller Verfolgung, trotz der religiösen Unduldsamkeit, welche sie durch Gesetze von der christlichen Gesellschaft abschied und tief unter dieselbe stellte, ihre Eigenart bewahrten und mit Selbstbewußtsein auftraten. Im Lichtstrahle der neuen Zeit hoben sie sich empor und traten in den Wettkampf mit allen anderen Völkern. Das Drama der Geschichte der Juden spielte auch in unserem Lande Böhmen, in Mähren und Schlesien, wo dieselben von Anfang an als Kauf- und Handelsleute lebten, ja sogar unter dem Volke als Landleute ansässig waren und sich durch Feldarbeit und von Feldfrüchten ernährten. Sie waren entweder in irgend einer Gegend angesessen oder pflegten von einem Orte m einen anderen zu übersiedeln, je nachdem es ihr Gewerbe erheischte. Bekanntlich war unser Volk seit undenklichen Zeiten ein Volk des Friedens und der Nächstenliebe. Seiner Natur nach that es Niemanden Gewalt an, sondern lebte womöglich wie mit seinem Nächsten. Dadurch ist es erklärlich, daß der gehetzte, verfolgte Jude bei uns. nicht als ein mit allgemeinem Fluche behafteter Mensch, als ein Auswurf der Menschheit betrachtet wurde, wie es in Spanien, Deutschland und mit einigen Unterbrechungen auch in Italien und Frankreich der Fall war. Bei uns wies man ihm als einem fremden Ankömmling seinen Ort zum Aufenthalte an, gönnte ihm die Freiheit, seine besondere Gemeinde zu gründen und sich nach seinen Glaubensgesetzen und Vorschriften zu richten. Wir finden die Juden schon in ältester Zeit in der Vysehrader-Gasse und unter der Prager Burg angesiedelt. Nur unter dem Schutze der heimischen Gesetze war es möglich, daß die Juden unter allen Kaufleuten und fremden Geldwechslern durch fabelhaften Reichthum hervorragten. Der Besitz von Silber, Gold und anderer Waare gewann ihnen ein Ansehen und weitere Freiheiten, die sie damals in anderen Ländern nicht genossen. Sie nahmen an Zahl und Reichthümern zu. In Mahren gründete ein reicher Jude Podiva die Burg Podivln, ein Anderer war Rath des herrschenden Fürsten und erster Beamter im Lande, und wieder ein Anderer wurde wegen seiner großen Gelehrsamkeit bis auf unsere Zeit berühmt. Das reiche und freie Leben der heidnischen und halbheidnifchen Zeit begann jedoch zu schwinden. Die

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