Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 48 (28.11.1902)
- Date
- 1902-11-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 48 Dr. Bloch's WochrnschrM Sette 781 Mayor während seiner kurzen Amtsthätigkeit geleitet, respective beigewohnt hat. Nachdem er am 14. d. M. einen Bazar zu Gunsten einer katholischen Volksbibliothek geleitet und am 17. einem evangelischen Gottesdienst zu Ehren des kürzlich verstorbenen Prinzen Eduard von Sachsen-Weimar beigewohnt hatte, hielt er es für seine Pflicht, auch eine Veranstaltung zu Gunsten der jüdischen Religion zu leiten. Dem Diner wohnten auch die Aldermans und die beiden Sheriffs der City bei. In Erwiderung eines Toastes auf die jüdische Geistlichkeit hob Chief-Rabbi Dr. Adler den „männlichen und würdigen Protest des neuen Magistratsoberhauptes gegen die grausame Verfolgung der rumänischen Regierung" hervor. Dieser Protest beweist uns, daß die Zeit vorüber ist, wo die Juden angstvollen Herzens und mit leiser Stimme ihre Peiniger um Schonung anflehen mußten. In seiner Rede am Schluffe des Diners ging Sir Marcus Samuel auf das vom Chief-Rabbi angeregte Thema näher ein. „Ich denke", sagte der Lord-Mayor, „daß kein Jude, der es in diesem Lande zu einer hohen Würde gebracht hat, etwas thun könnte, was England schädigen könnte oder worüber ein Angehöriger des Judenthums erröthen müßte. Was meine Freunde und Collegen, die Sheriffs, mit mir zusammen gethan haben, ist vom gesammten Magi st rat gebilligt und gefördert worden. Wir wollten dadurch den Vertragsbruch brandmarken, welcher Roth und Jammer nicht nur über Tausende unserer jüdischen Brüder, welche der schrecklichen Verfolgung nicht entgehen können, sondern auch über zahlreiche Arme in London selbst gebracht hat. Diese müssen durch die Concurrenz derjenigen leiden, welche nicht durch persönliches Verschulden, sondern durch die eigene elende Regierung in die Fremde getrieben werden. Wenn diese Regierung durch unsere Action nur einigermaßen zum Bewußtsein ihrer Pflicht gebracht werden sollte, so werden sich Alle überzeugen, daß wir richtig und gut gehandelt haben." Die männliche That gegenüber der rumänischen Regierung ist also keine der Selbstherrlichkeit des Lord-Mayors entsprungene Handlung gewesen, sondern sie ist mit Einwilligung der beiden Sheriffs, der Christen Sir G. Wyatt Truscott und Sir T. Brocke - Hitching, erfolgt. Dieses dürfte die Bedeutung der Action noch wesentlich steigern. Am 18. November erneuerte Major Evans Gordon im englischen Unterhause seine Anfrage an den Unterstaatssecretär des Auswärtigen, ob er die Zeit bestimmen könnte, wann die Correspondenz über die Behandlung der Juden in Rumänien zur Veröffentlichung gelangen wird. Viscount Cranborne: Ich hoffe daß mein verehrter Freund meine Antwort nicht als ausweichend erklären wird, allein ich kann nur auf die ihm am 20. October gegebene Antwort verweisen: Es würde keinen großen Zweck haben, bei dem gegenwärtigen Stand der Angelegenheit die Correspondenz zu veröffentlichen. Der amerikanische Botschafter Andrew D. White hat über die Judenfrage in Rumänien an Herrn Henry Seligman in Frankfurt am Main, welcher den Botschafter brieflich gebeten hatte, bei Kaiser Wilhelm ein gutes Wort für die rumänischen Juden einzulegen, unterm 2. October nachstehendes Antwortschreiben gerichtet: Lieber Herr Seligman! Es freut mich immer, von Ihnen etwas über irgend einen Gegenstand zu hören, aber es war für Sie nicht nöthig, meine Entrüstung in Betreff der rumänischen Grausamkeiten (atroeities) zu erregen. Sie sind einfach monströs und rütteln die civilisirte Welt auf. Ich habe soeben das „Rumänische Bulletin" von London erhalten und man hat kein Document, das ihm an Grausamkeit nahekommt, gesehen, seit der Reihe von Gesetzen, durch welche Ludwig XIV. die Hugenotten verfolgte. Aber selbst diese, welche man für den Gipfel der Grausamkeit hielt, werden durch die im „Bulletin" mitgetheilten übertroffen. Ich kann nicht glauben, daß rechtlich denkende Rumänen oder die civilisirten Mächte erlauben können, daß dieser Zustand der Dinge fortdauert. Es erscheint als eine offene Verweigerung (äekanee) von Recht, Gerechtigkeit und gewöhnlichem An st and. Wollen wir das Beste hoffen. Sie erinnern sich dessen, daß, was die Sclaverei in unserem eigenen Lande betrifft, es gerade vor dem Anbruche des Tages am dunkelsten war, und so ist es in vielen anderen Fällen und bei vielen anderen Nationen gewesen. Die Bereinigten Staaten find nicht ohne Schuld bei der Behandlung einiger ihrer Bürger gewesen, aber sie haben ihr Unrecht in großem Maßstabe gutgemacht und werden es bald vollständig thun. Wollen wir dasselbe für Rumänien erhoffen. Dre Rumänen, mit denen ich bekannt bin, sind Männer von hohem Charakter, und ich kann nicht glauben, daß sie sich rechtlichen Maßregeln zur Berbefferung der Lage ihrer hebräischen Mitbürger widersetzen werden. Was die von Ihnen vorgeschlagene Methode anbetrifft, so will ich darüber Nachdenken und. wenn sich eine Gelegenheit bietet, dieselbe anzuwenden, versuchen, obgleich ich fürchte, daß es kaum möglich sein wird, es zu thun. Mit vielen freundschaftlichen Grüßen an Ihre Familie und Sie selbst, sowie mit meinen ernstlichsten Wünschen für die gute Sache, die Ihr Brief unterstützt, verbleibe ich aufrichtig der Ihrige. (Gez.:) And. D. White. Me Juden in den Vereinigten Staaten non Nordamerika. Die empörenden Seenen, welche sich gelegentlich der Beerigung Rabbi Josephs in New-York abgespielt haben, haben auch ihre guten Folgen gehabt. Die Juden New-Aorks haben anläßlich jener betrübenden Vorfälle dem Pöbel sowohl wie auch der New-Iorker Polizei gezeigt, daß sie im Staate New- Aork eine Macht geworden und fest entschlossen find, diese Macht gelegentlich auch zu gebrauchen. Seitdem beschäftigt sich die amerikanische Presse, welche dis dahin die Juden als quantit6 negligeable behandelt hat, sehr eifrig mit Juden und Judenthum, und es ergeht jetzt keine Woche, in der nicht jedes bessere amerikanische Blatt wenigstens einen größeren Artikel über die Juden bringt. Das „American Review of Review“ hat Anfangs October sogar zwei Artikel über diesen Gegenstand gebracht, von denen einer aus der Feder des Dr. Maurice Fischberg stammt und von den „Russischen Juden in Amerika" handelt. Verfasser beginnt mit dem Nachweis, daß die Juden bereits bei der Entdeckung Amerikas mit dabei gewesen find, indem unter den Männern, welche mit Christoph Columbus aus seine große Entdeckungsreise ausgezogen waren, fich mindestens 5 Juden befanden. Trotzdem haben die Juden während dreier Jahrhunderte nicht daran gedacht, das von ihnen mitentdeckte Land als Zufluchtsstätte vor ihren zahlreichen Verfolgern zu benutzen. Noch im Jahre 1818 schätzte der bekannte Major Mordechai M. Noah, der von einem unter dem Schutze des Sternenbanners zu errichtenden Judenst a a t e geträumt hat. die Zahl der in den Bereinigten Staaten wohnenden Juden auf nur 3000. Acht Jahre später hat fich diese Zahl verdoppelt, um im Jahre 1840 auf 15.000 zu steigen. Die Einwanderer waren zumeist süddeutsche Juden, vornehmlich aus Bayern und Hessen, welche vor dem nach dem Befreiungskriege in Deutschland überhandnehmenden Antisemitismus sich nach dem Lande der Freiheit, das keine Burgen und keine Schlösser hatte, flüchteten. Anfang der Sechziger-Jahre begannen die russischen Juden zunächst aus den Gouvernements Kowno und Suwalk nach Amerika auszuwandern. Es waren vorerst nur partielle Emigrationen ohne politischen Hintergrund, verursacht durch eine in den beiden Gouvernements ausgebrochene Hungersnoth. Dennoch mußte die Zahl dieser Auswanderer damals schon sehr beträchtlich gewesen sein, denn die jüdische Bevölkerung in den Bereinigten Staaten stieg rapid in die Höhe und erreichte im Jahre 1880 bereits die Zahl von 230.000. Die partielle Auswanderung aus Rußland wurde allgemein und umfaßte sämmtliche Gouvernements des Anfiedelungsrayons, als in Rußland unter Führung Pobedonoszew's, Jgnatiew's und Alexander lll. die. Judenverfolgung eine allgemeine, anhaltende und zielbewußte geworden ist. Schon im Jahre 1888, also acht Jahre nach Beginn der Judenverfolgung in Rußland, schätzte Jsaac Markens die Zahl der Juden in Nordamerika auf rund 400.000, und gegenwärtig dürften in den Bereinigten Staaten von Nordamerika über 1,500.000 Juden leben. Nach Rußland mit seinen 5l/2 Millionen und Oesterreich mit seinen 2 Millionen Juden nehmen die Vereinigten Staaten in Bezug auf ihre jüdische Bevölkerung jetzt schon den dritten Platz ein. Oesterreich dürfte von ihnen bereits in den nächsten zehn Jahren überflügelt werden und auch Rußland wird, falls die Verfolgungen daselbst nur noch ein Menschenalter anhalten sollten, den größten Theil seiner Juden an die junge zukunstssrohe Republik