Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 47 (21.11.1902)
- Date
- 1902-11-21
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 47 Dr. Blmh's Wochrnschrifk. Sette 76- An die Wähler der Bezirke xil—xv. Die gefertigten Cultusgemeindewähler der Bezirke Xll—XV fordern hiemit auf, bei der am 23. November a. c. stattfindenden Wahl in den Cultusvorstand den verdienstvollen, bewährten und langjährigen Vertreter Herrn Gottlieb Taussig Ihre Stimmen zu geben/ nachdem wir es als eine Ehrensache betrachten, daß dieser Mann, der sich durch eine 27jährige Thätigkeit unvergängliche Verdienste, nicht nur für unsere Bezirke, sondern auch um die Großgemeinde Wien erworben, mit jener Stimmenanzahl gewählt werde, die seinem Wirken entspricht. KE*- Erscheinet Nütz an der Urne! Kaiser!. Rath Wilhelm P o l l a ck, Cultusvorsteher. Samuel Steiner, Obmann des Bethausvorstandes XII XV. Salomon Beer, Obmann der Bezirkscommission XII—XV. Heinrich Neufeld, Obmann-Stellvertreter des Bethausvorstandes XII—XV. Samuel Mohr, Präses des Einzelvereines Zion in Fünfhaus. Anton Pick, II. Präses „ „ „ „ Alexander Hecht, Director des Baron Springer'schen Waisenhauses. Anton Stern. Obmann-Stellvertreter des z i o n i st i s ch e n Loos-Bereines und Cassier der Chewra-Kadischa. Ignatz Sonnenfeld. Jacob Duschinsky. Ludwig Spitzer. Josef H e r r m a n n. Moriz Blödi. Leopold L a n d e i s. Hermann Weinberger. Siegfried Reichenfeld. Vom Jahrmarkt des Leben». Glossen zur Tagesgeschichte. (Vom „Deutschen Volksblatt" und von der Novaragasse. — Dr. Lueger als großer Schweiger. — Die Polizei in Favoriten. — Ein Blick in die Zukunft.) Nur kein Mißverständniß, Herr Dr. Geßmann! Wenn von einem verlogenen Schandblatte die Rede ist, so denkt Jedermann zunächst und zu allererst an das „Deutsche Volksblatt". Es war daher recht ungeschickt von Ihnen, den Ausdruck „verlogenes Schandblatt" zu gebrauchen, ohne vorher jenes Blatt zu nennen, das Sie selbst beschimpfen wollen; dadurch, daß Sie den Namen des Blattes nicht vorher nannten, haben Sie selbst verschuldet, daß wie von selbst und selbstverständlich den Worten „verlogenes Schandblatt" der Zwischenruf „Deutsches Volksblatt" folgte, an das man auch ohne den Zwischenruf sofort gedacht hätte. Denn wo in aller Welt gibt es ein Preßerzeugniß, das so vollberechtigten Anspruch auf diesen Titel hätte? Wir würden sagen, Vergani habe diesen Anspruch ersessen, wäre er nicht durch Verjährung dem Criminal entschlüpft. Das festzuhalten, ist aber wichtig, nicht wegen des Vergani und nicht wegen des antisemitischen Preß- und Erpreßgeschäftes, das er betreibt, sondern der christlich-socialen Partei und des Antisemitismus wegen, die sich dieses Organs zur publicistischen Vertretung ihrer Interessen und ihrer Ideen bedienen. Aus dem Charakter des Preßorgans ist ein Rückschluß zu ziehen auf den sittlichen Werth der Richtung, die es vertritt, und die Parlamentsdebatte über die Stichwahl in Favoriten hat den Beweis erbracht, daß die Antisemiten ihre Presse mit wissentlichen Lügen inspiriren und daß die Parteihäuptlinge die directen Mitschuldigen dieser Lügenpresse sind. HerrDc. Lueger, ein Virtuose in der Handhabung des Berichtigungs- Paragraphen, ist mit keinem Worte der in den Blättern veröffentlichten Angabe des antisemitischen Redacteurs Schäfer entgegengetreten, derzufolge er selbst den Reportern der Antisemitenpresse mitgetheilt hat, daß die liederlichen Frauenzimmer aus der Novaragaffe von den fortschrittlichen Parteien im zweiten Bezirke zur Wahlagitation verwendet wurden. Dr. Geßmann hat, wie Schäfer erklärte, diese Mittheilung Lueger's bestätigt, und auch Dr. Geßmann hat dieser öffentlich erhobenen entehrenden Anschuldigung nicht widersprochen, obgleich man auch seinen Namen in Verbindung mit dem § 19 jeden Augenblick in den Blättern liest. Um die Socialdemokraten zu verdächtigen und sich an den Frauen, die bei den Wahlen gegen die Christlich-Socialen agitirten, zu rächen, haben also die Antisemitenführer erdichtet, daß öffentliche Dirnen zu Gunsten des fortschrittlichen Candidaten agitirt haben. Herr Pernerstorfer hat diese Handlungsweise in seiner großen Rede als ehrlos charakterisirt, und die Erwiderung unseres Salonantisemiten Dr. Pattai auf die wuchtigen Ausführungen Pernerstorfer's ist sehr schwächlich ausgefallen. Dr. Pattai meint, Herr Schäfer hätte sich erst über die Richtigkeit der ihm ertheilten Information erkundigen müssen. Das ist eine jesuitische Verdrehung des ganzen Sachverhaltes. Das gerade Gegentheil ist richtig. Dr. Lueger unv Dc. Geßmann dursten eine solche Angabe nicht machen, wenn sie nicht über die Wahrheit derselben unterrichtet waren. Wie sollte der antisemitische Reporter, der eigens zum Bürgermeister beschieden wird, um dort Mittheilungen entgegenzunehmen, auch nur einen Augenblick daran denken, daß die Richtigkeit der ihm gegebenen Informationen auch nur im Geringsten zweifelhaft sei? Die Häupter der Partei und insbesondere Herr Dr. Lueger verfügen doch über einen viel umfassenderen Jnformationsapparat als irgend eine Zeitung. Das öffentliche Geständniß des irregeführten antisemitischen Berichterstatters ist freilich höchst compromittirend für die christlichsociale Partei, weil es die Mittel enthüllte, mit welchen sie kämpft, und es ist sehr merkwürdig, daß Herr Dr. Lueger es während der ganzen Debatte vermieden hat, in der seine persönliche Ehrenhaftigkeit tangirenden Angelegenheit das Wort zu ergre'fen. Damit, daß man sagt. Pernerstorfer habe Herrn Dr. Lueger in unzuläffiger Weise beleidigt, sind die Thatsachen nicht widerlegt, die Herr Pernerstorfer vorgebracht hat. Diese Widerlegung sind sowohl Geßmann als Pattai schuldig geblieben und Herr Dr. Lueger hat, was sonst wahrlich nicht seine Gewohnheit ist, zu der ganzen Sache geschwiegen. * * * Auch das Verhalten der Sicherheitswache in Favoriten ist weder durch die Ausführungen des Regierungsvertreters noch durch die wüthenden Ausfälle Geßmann's gegen die Socialdemokraten gerechtfertigt worden. Ob wirklich Bierkrügel aus dem Arbeiterheim auf die Straße geworfen worden sind oder nicht, ist nebensächlich. Thatsache ist, daß die Sicherheitswache mit gezückten Säbeln ins Haus eingedrungen ist und in blinder Wuth auf zahlreiche schuldlose Personen mit den Säbeln losgedroschen hat. Thatsache ist ferner, daß zahlreiche Wachmänner unfläthige Beschimpfungen und Drohungen gegen socialdemokratische Wähler ausstießen und überhaupt sich so benahmen, nicht als wären sie die unparteiischen Organe der öffentlichen Ordnung und Sicherheit, sondern als wären sie fanatische Agitatoren der christlichsocialen Partei, an deren Sieg sie ein unmittelbares politisches Interesse und deren Sieg sie zu fördern die Aufgabe haben. Das aber ist ein unerträglicher und für die Rechtssicherheit höchst beunruhigender Zustand. Die Debatte hat auch dafür, was übrigens für Niemanden mehr zweifelhaft war, den Beweis erbracht, daß der Wiener Magistrat nicht mehr die, von ihren Vorgesetzten abgesehen. unabhängige und unbefangene politische Behörde erster Instanz ist, sondern zu einer Art Parteisecretariat der Christlich - Socialen herabgesunken ist. Zum größten Erstaunen Aller, die von der Competenz einer Behörde nur eine Ahnung haben, verlas Dr. Geßmann Protokolle, die der Magistrat nachträglich über die in Favoriten stattgefundenen Ausschreitungen ausgenommen hat. Ja, was geht denn das den Magistrat an? Und wenn schon der Magistrat irgend einen uns nicht erfindlichen amtlichen Anlaß zu finden glaubte, die in den Protokollen enthaltenen Thatbestände zu erheben, wie kommen diese Protokolle in den Besitz des Dr. Geßmann? Der kleine giftige Herr genirte sich gar nicht, zu sagen, der Magistrat habe ihm diese Acten zur Verfügung gestellt. Che? dieses Magistrats ist Herr Dr. Carl Lueger, und dieser benützt somit den ihm unterstehenden, aus den Steuergeldern der gesummten Bevölkerung erhaltenen amtlichen Apparat zu parteipolitischen Erhebungen und zu parteipolitischen parlamentarischen Aetionen. Nach dieser unerhörten Probe christlich-socialer Amtsführung werden sich die fortschrittlich gesinnten Lehrer und Beamten klar sein darüber, was ihrer harrt, und bereits hat Dr. Lueger beim „Siegesfest" in der Leopoldstadt erklärt: Wir werden unseren Sieg rücksichtslos a u s n ü tz e n", als ob die Christlich- Socialen nicht auch bisher schon in der Ausnützung ihrer Macht alles Gesetz und alles Recht mit Füßen getreten hätten. Und in der Festversammlung des katholischen Schulvereines erklärte der schwarze Alois: „Wir werden den Lehrkörper von den