Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 47 (21.11.1902)
- Date
- 1902-11-21
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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«eite 768 Dr. BLmtz's Wochsnfchrift. Nr. 47 „Meine Herren! Nicht die sittliche Entrüstung allein ist es, die ob solch schnöder Art Ihres Auftretens jetzt aus mir spricht, nein, es ist vielmehr tiefste Trauer und Betrübniß, die jede Fiber und Faser meines Seins durchzuckt, wenn ich daran denke, daß solche Männer aus Ihrer Mitte die Schlafgesellen unseres Cultusvorstehers werden sollen und als dessen Tischgenoffen gemeinsam mit ihnen am grünen Tisch für unser Wohl berathen sollen." (Bravo!) Wenn jener zionistische Candidat so wehmuthsvoll darüber Nagt, daß unsere Jugend unsere alten Weisen und Talmudlehrer nicht mehr kennt, warum verleugnet seine eigene Partei die alte Talmudlehre: „Nauru rabboch, kemauru schumajim“ — die Eh rfurch t vor Deinem Rabbi muß der Ehrfurcht vor Gott gleichen! (Jubelnder Beifall und Bravorufe.) Meine Herren Zionisten! (Rufe: Sie sind selber Zionist!) Jawohl, aber ein jüdischer Zionist! (Lärmender Widerspruch: »Wir sind es auch!" — „Nicht weiter reden!" Es tritt Ruhe ein.) Sehen Sie, meine Herren, so häufen Sie, bewußt oder unbewußt, nur Spott und Hohn und Schmach und Schande auf die Häupter unserer Gemeinde, auf deren Führer und Lehrer, und da wagt es einer Ihrer Ca ndidaten, als er den von seiner Partei unserem Borstande gemachten Vorwurf der Corruption abwälzen wollte, sich dagegen zu verwahren, daß seine Partei mit der eines Gregorig und Schneider verglichen werde, wo doch erst in dieser Woche das „Jüdische Volksblatt" ganz im Sinne eines Gregorig und Schneider scand alisi rte! Der Candidat der jüdischen Volkspartei warnt uns vor dem Feinde in unserer eigenen Mitte. Jawohl, meine Herren, auch ich warne Sie vor diesem Feinde, die coalirtePartei der „Welt" und des „Jüdischen Bolksblatt" — nur die ist der Feind in unserer Mitte, nur die repräsentirt den jüdischen Antisemitismus. (Bravo.) Jawohl! Das „Deutsche Volksblatt" Vergani's druckt zum Gaudium der christlichen Antisemiten die Artikel der jüdischen Antisemiten ab. (Tosender Beifall und Lärm.) Meine H rren! Es wurde von der Gegenseite auch so viel von der erschreckenden Zunahme der Judentaufen gesprochen, als ob hicfür der Cultusvorstand verantwortlich gemocht werden könnte. (Widerspruch: So war es nicht gesagt.) Meine Herren Zionisten, das werden Sie nicht besser machen und nicht ändern, denn sonst hätten mit dem Erstehen des Zionismus die Judentaufen gleich ganz verschwinden müssen! (Bravo!) Die Zeit ist es, und nur die Zeit allein, die Solches bringt, und deren Strom können weder Sie, noch wir ein Halt gebieten, bis er wieder verläuft und im Sande verrinnt. Meine Herren! Es wurde weiters von der Gegenseite darauf hingewiesen, daß wir Juden aus dem Gemeinderath, dem Landtag und dem Reichsrath durch die Antisemiten hinausgedrängt werden, so daß uns jetzt einzig nur die Stube der Cultusgemeinde als Zufluchtsstätte bleibe, wo wir unsere Angelegenheiten nach Innen wie nach Außen vertreten können. Ja, wird denn dann unsere Cultusstube, wenn die Herren der Gegenseite in dieselbe einrücken, nicht das dreifach concenlrirte Bild des Gemein d e r a t h e s, des Landtages und des Reichsrat h e s geben? (Bravo,Bravo!) Jener Candidat empfahl uns endlich, daß wir uns auf den Standpunkt seines Programmes stellen und endlich zur Erkenntniß gelangen sollen, da dieses Programm das Beste für die breiten Volksmaffen und das sociale Heil derselben erstrebe. Das mag ja sein. Ich gebe diese gute Absicht unserer Gegner ohneweiters zu. Aber Eines muß ich Ihnen sagen: Dieses von Ihnen versprochene Heil wird sich in Unheil kehren, weil Sie genau nach dem Recepte Lueger's mit den großen socialen Heilsversprechungen zur Rettung des „kleinen Mann es" demselben viel versprechen, aber, wohl wissend, daß unsere Mittel dazu nicht ausreichen, nichts halt-n werden. (Bravo! So ist es! Junge Studenten, die nicht Wähler sind, rufen: Schluß, nicht weiter reden!) Dr. Hoffmann: Jenen Studenten, die die Wahrheit nicht hören können, möge Vater Arndt's Burschenlied, das sie so oft am Kaeiptisch singen, in den Ohren gellen: „Wer die Wahrheit kennt und saget sie nicht, der ist fürwahr ein erbärmlicher Wicht". (Bravo! Bravo!) Ich schließe, meine Herren, und wende mich ebenfalls an die breiten Wählermaffen mit dem Zurufe: Nun wählet zwischen uns und den Gegnern, jenen Gegnern, die mit ihrer Zweiseelentheorie die eine Seele mittlerweile in dieWäsche schicken, wenn sie die andere anzieh e n müssen. (Stürmischer Beifall. Der Redner wird beglückwünscht.) Wähler Dr. Lifczis: Die Aufregung über scharfe Worte unserer Presse ist eine unbegründete. Auch von der Gegenseite ist in dieser Beziehung viel gesündigt worden. Ich erinnere an den Wahlaufruf in der vorjährigen Wahlcampagne, in dem die oppositionellen Parteien der Verwendung von Gemeindegeldern zu Parteizwecken beschuldigt wurden, ferner an die Einschaltung der Wahlaufrufe in die „Neue Freie Presse". Auch der Appell zur Einigkeit muß aufrichtig gemeint sein. Es gab eine Zeit, in der Sie diese Einigkeit zerstört hatten. Als nämlich der Bezirksschulrath den beschimpfenden Erlaß ergehen ließ, wonach in den Schulen Judenkinder, getrennt von Christenkindern, in sogenannten Ghettoclassen unterrichtet werden sollten, hat der Präsident kaiserl. Rath Klinger an den Minister Worte gerichtet, welche die Zustimmung Aller fanden. Er sagte, bevor wir unserer Jugend in einer allgemeinen Schule den gelben Fleck anheften lassen, werden wir unsere eigene Schule errichten und unsere Kinder viel sittlicher erziehen. Damals wäre es gegenüber dem sogenannten äußeren Feind am Platze gewesen, zu demonstriren, daß hinter dem Präsidenten die ganze Gemeinde geschlossen wie ein Mann stehe. Die Gegner haben jedoch eine Versammlung einberufen, in der ihr Sprecher dem Präsidenten lebhafte Borwürfe wegen dieser Worte machte. Sie sagten, sie lassen nicht das Reichsschulgesetz verclericalisiren. Der ganze Effect dieses energischen Vorgehens war durch die Uneinigkeit, die Sie verursacht hatten, verloren. Der vielbesprochene Artikel: „Lueger in der Seitenstettengaffe", wollte der Jntregität der Persönlichkeit der Vorstände nicht nahe treten. Nur das System der Wahlordnung wurde gegeißelt. Das Statut enthält eine der rückständigsten Bestimmungen, welche alle Wahlordnungen über Bord geworfen haben. Wer mit der Cultussteuer rückständig ist. kann nicht wählen. Und so geschieht es, daß eine ganze Reihe jüdischer Mitbürger, welche durch Jahrzehnte Cultussteuer entrichtet haben, aus dem einfachen Grunde nicht zur Wahl gelangen, weil, wie in einer großen Stadt leicht begreiflich, das Jncaffo infolge Uebersiedlungen u. s. w. nicht besorgt werden konnte. Unsere Bitte, im Wege einer amtlichen Berichtigung die Person in die Wählerliste aufzunehmen, konnte nach diesem Statut nicht berücksichtigt werden. Dieser unhaltbare Zustand sollte gegeißelt werden. Die im Berichte angekündigte Reform der Verwaltung weist noch viele Mängel auf. Das Matrikelwesen wird von Einem, der gar nicht dem Beamtenkörper der Cultusgemeinde angehört, geführt. Die Armenpflege hat die Cultusgemeinde an den Verein „Armen Anstalt" übertragen, wiewohl gerade der Pauperismus, der sich aus den statistischen Ziffern des Berichtes ergibt, eine energische Reform der ganzen Armenverwaltung gebietend erheischt. Es ist bedauerlich, daß ein Kampf nothwendig ist, um Strömungen, welchen die Wählerschaft bei den letzten Wahlen ihre Zustimmung verlieh, in der Cultusgemeinde ihre Vertretung zu sichern. (Lebhafter Beifall bei den Parteigenossen des Redners.) Nachdem noch die Herren Architekt Marmorek, Dortor Kahn, Richard Rappoport, Siegfried Fleischer zur Affaire Bergmann, Plaschkes und Jacob Schick zum Gegenstand der Tagesordnung gesprochen, erhält zum Schluß das Wort Herr Josef Fuchs. Dieser erinnert daran, daß der Jude am Ende seines Lebens den Dajan haemes, den gerechten Richter, anerkennt, der nach Wahrheit richtet. So viele Recriminationen im Laufe des Lebens gegen Gott erhoben werden, am Ende bekehren wir uns Alle zur Anerkennung der Wahrheit und Gerechtigkeit. Auch bei Beendigung der heutigen Wahlbesprechung nach so vielen heftigen Recriminationen wollen wir der Wahrheit die Ehre geben, das gerechte Walten des Vorstandes, die unparteiische Leitung der Versammlung durch den verehrten Präsidenten einmüthig anerkennen und pflichtgemäß ihm den Dank aussprechen. (Lebhafter, langanhaltender Beifall und Händeklatschen.) Der Vorsitzende dankt der Versammlung für das zahlreiche Erscheinen, die rege Betheiligung an den Verhandlungen und erklärt die Versammlung für geschlossen.