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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-11-21 · 47 (21.11.1902) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
47 (21.11.1902)
Date
1902-11-21
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 47 Dr. Bloch's Wortzrnfthrifl. Sette 767 die Erwartung erfüllt hat, welche an dieses Privilegium geknüpft w u r d e n. Ich war begierig. %u erfahren, was durch diese Herren zur Erhöhung des Glanzes und der Bedeutung der Cultusgemeinde neu geschaffen wurde, beziehungsweise was unterbleiben hätte müssen, wenn diese Neueinführung, die seinerzeit so viel Unzufriedenheit hervorgerusen hatte, unterlassen worden wäre. Ich muß gestehen, darüber, ob diese rekormaiio in membris in melius oder in pejus ausgefallen ist, finde ich in dem Rechenschaftsbericht keine Auskunft. (Lebhafter Beifall.) Im weiteren Verfolge seiner Rede beschäftigt sich Doctor Schreiber mit der Frage, worin denn eigentlich die Bedeutung der Cultuswahlen überhaupt und speciell der gegenwärtigen gelegen ist. Diesbezüglich erklärt Sprecher, eirer Parteiorganisation weder hüben noch drüben anzugehören und in dieser vollständigen, von jeder vorgefaßten Meinung losgelösten Unbefangenheit muß sich ihm, wie jedem Wähler jedenfalls die eine Ueberzeugung ausdrängen, daß all diese volltönenden, das Leid und das Unglück des Judenthums beklagenden Worte beiderseits aus echtem, jüdischem Herzen entsprungen sind. In uns Juden ist eben eine solche Summe von Verbitterung, Leid, Zurücksetzung und Zorn angesammelt, daß wir geradezu mit Sehnsucht das Verlangen nach der Organisirung einer Stelle tragen, welche in der Lage ist, uns vor Kränkungen zu bewahren und den berufenen, befugten Dolmetsch unserer Wünsche und Beschwerden zu bilden. (Stürmischer Beifall und Händeklatschen.) Fragen wir uns nun, ob die Cultusgemeinde diesen berechtigten Anforderungen vollauf gerecht wird. Würde man den gegenwärtigen Rechenschaftsbericht blos darnach beurtheilen, was in Bezug auf die vermögensrechtliche Verwaltung geschehen ist, so könnte Jeder beruhigten Gewiffens den geehrten Mitgliedern des Vorstandes die Decharge ertheilen. Darum allein kann es sich jedoch nicht handeln. Es fehlt eben an jenem Organe, welches den allseitig angestrebten Zweck erfüllen soll, die geistige Führung der Judenschaft zu übernehmen, den wirthschaftlichen Druck und Rothstand, die Sorge gegen die Folgen allfälliger Ausnahmsgesetze vom Judenthume zu nehmen, die Verhältnisse in dieser Stadt, die einem dauernden Siechthume und einer Bedrückung der Judenschaft gleichzuachten sind, einer gründlichen Verbefferung zuzuführen, einen Krystallisations- und Brennpunkt aller kulturellen und geistigen Jntereffen unserer Glaubensgenossen zu schaffen. Genügt das gegenwärtige Statut nicht, um diese Ausgabe voll und ganz zu erfüllen, dann wird man eben an eine Amendirung denken muffen, dann wird man nicht mehr davor zurückscheuen müssen, sich über den Grundsatz: „quieta non rnoveri" hinwegzusetzen und eine dem modernen Zeitgeiste und den vorgeschrittenen Bestrebungen unserer Glaubensgenossen würdige Neuorganisation zu schaffen. Diese Frage kann und wird von der Tagesordnung nicht mehr verschwinden. Wir haben ein Recht auf die Pflege der culturellen Bedürfnisse, jeder einzelne von uns hat ein Recht, bei dem Cultusvorstande vor Anfeindung und Bedrückung gegnerischer Parteiungen Schutz zu suchen und zu finden, und wenn nichts anderes diese Rechenschaftsversammlungen bezwecken sollten, als sich hierüber klar auseinandergesetzt zu haben, so liegt schon darin ihr bedeutungsvoller Werth. So erblicke ich auch darin die Wichtigkeit der Cultuswahlen, weil sie uns die Falcultät einräumten, unsere Wünsche an zuständiger Stelle vorzutragen. Man verlangt von einem Cultusvorstande jüdischen Kopf und jüdisches Herz. Ich verlange von den Mitgliedern des Gremiums ein warmfühlendes und nicht wankelm ü t h i g e s Herz, damit sie die Kraft und die Macht haben, sich unserer Bedürfniffe und unserer Bitten anzunehmen und den Jntereffen unserer Glaubensgenossen unaufhaltsam und unerschrocken Geltung zu verschaffen. Deshalb begrüße ich jede solche Gelegenheit, wie sie uns heute geboten wird, und will nur noch meine Ausführungen mit dem Wunsche schließen, der bei aller Dringlichkeit und aller Nachdrücklichkeit, die ich ihm verleihen möchte, in eine Bitte ausklingt: Meine sehr geehrten Herren vom Vorstande! versagen Sie uns mindestens nicht das Gehör! (Andauernder Beifall und Händeklatschen). Präsident Klinger: Der geehrte Herr Vorredner hat in seinen formvollendeten und flammenden Ausführungen bemängelt, daß im Thätigkeitsberichte des Cultusvorstandes des Wirkens der von den Höherbesteuerten gewählten Vorstandsmitglieder nicht gedacht werde. Nun meine Herren! Wir haben es absichtlich unterlassen, im Berichte der Thätigkeit des einen oder anderen College« besonders zu gedenken und seine Wirksamkeit lobend hervorzuheben. Bon den Vorstandsmitgliedern aus der Curie der Höherbesteuerten gelangen vier zum Austritte, Männer, die es verdienen, Perlen des Judenthums genannt zu werden: Dr. Josef Breuer, der es nie versäumt, die Petenten um Aufnahme ins Siechenhaus in ihren Wohnungen ärztlich zu untersuchen, Oberbaurath Sigmund Taussig, gewiß eine Zierde des Judenthums, Dr. Felix Katzau, der sich durch sein hingebungsvolles Wirken in der israelitischen Armenanstalt besonders verdienstlich um die Wohlthätigkeitspflege der Cultusgemeinde macht, und kaiserl. Rath Jonas Weil, den die Herren wohl alle kennen und von dem ich, weil er anwesend ist. nichts Anderes sagen will, als daß er Jonas Weil ist. Meine Herren! Es ist sehr leicht, zu sagen, daß die geschaffene Reform nicht demokratisch ist; aber was ich mit ihr geschaffen, das möchte ich mir einst gerne auf den Grabstein stellen. Hof- und Gerichts advocat Dr. Marcell H o f f m a n n : Verehrte Versammlung! Ich bin mir dessen vollkommen bewußt, daß der Augenblick, in dem ich zu Ihnen sprechen will, nach den soeben erfolgten Explosionen sehr gefährlich ist, — die Gereiztheit der Stimmung ist auf's Höchste gespannt, und die Atmosphäre ist mit so viel Elektricität geladen, daß ich mich hüten werde, ein zündend Wort in die Massen zu werfen, durch das ein Blitz sich entladen und ein Brand entstehen könnte. Ich will zur Beruhigung unserer Gegner sofort erklären, daß ich weder gegen die Personen, noch gegen das Programm der oppositionellen Candidaten hier kämpfen, vielmehr in ruhiger und sachlicher Auseinandersetzung blos einige Bemerkungen widerlegen möchte, welche in scharfen Anwürfen gegen unseren Cultusvorstand und gegen unsere „Religionsdiener" — wie ein Candidat unsere Rabbiner nannte — gemacht wurden. Meine Herren! Die Zweiseelentheorie ist mir fremd. Ich kann nicht, wie ein Candidat der Gegenseite kunstvoll es zuwege brachte, den Haß im Herzen, ein süßes Lächeln auf mein Antlitz zaubern, um so um Liebe zu werben. Ich habe nur eine Seele, die immer nur das zum Ausdruck bringt, was in ihr wohnt, und weil meine Seele rein ist, so wird sie nur die Wahrheit sprechen. Sie müssen aber auch, meine Herren von der Gegenseite, den Muth haben, die Wahrheit, auch wenn sie vom Gegner gesprochen wird, ruhig anzuhören, wie es Männern ziemt. Denn ich war es, der bei den vielen Unterbrechungen, die Sie erfuhren, Ihnen stets die Ruhe schaffte. Es hat einer der zionistischen Candidaten den in seinen Parteiblättern unserem Cultusvorstande gemachten, so böswilligen Vorwurf der Corruption heute mit anerkennenswerther Loyalität von sich und seiner Partei abzuwälzen sich bemüht und sein Bedauern über dieses Borkommniß ausgesprochen. Diese Partei hat aber neue Schuld auf sich gehäuft, indem sie neuerlich und in ganz unerhörter Weise Anlaß gab, das Epitheton der Partei der „jüdischen Antisemiten" sich vollauf verdient zu haben. Diese Partei hat in der vieswöch^ntlichen Nummer ihres mit ihr coalirten Blattes, im „Jüdischen Bolksblatt", das ehrwürdige Oberhaupt unserer ehrwürdigsten und ältesten Gemeinde in Oesterreich in so nichtswürdiger Weise besudelt, daß auf Aller Lippen die Frage schwebt, welcher Unterschied denn eigentlich zwischen dem „Jüdischen" und dem „Deutschen" Bolksblatt bestehe? (Bravo! Bravo!) Dieses „Jüdische Bolksblatt" nennt unseren ehrwürdigen Oberrabbiner Dr. Güdemann, den Mann, der im Dienste Gottes und seines Volkes ergraut ist und der des höchsten Ansehens als Gelehrter und Forscher sich erfreut, einen Schnorrer und erzählt von ihm, daß er zum Cultusvorstande um Erhöhung seines Gehaltes schnorren gegangen sei (Tumult; Architekt Marmorek: „Das ist nicht wahr!"). Dr. Hoffmann: „Was ich hehaupte, ist immer wahr: Lesen Sie die letzte Nummer des „Jüdischen Bolksblatt". Architekt Marmorek: „Das „Jüdische Bolksblatt" ist nicht unser Parteiblatt." Dr. Hoffmann: „Sie haben sich aber mit dieser Partei coalirt, dann müssen Sie auch die Verantwortung für dieselbe tragen und den Fluch dieser Solidarität mit ihr auf sich nehmen (Jemand ruft: „Und wie schreiben denn Sie Ihre Artikel gegen uns?"). „Ich schreibe meine Artikel mit meinem Herzblut und vertrete die Wahrheit, wie sie mir aus dem Herzen quillt!" (Lärm und Widerspruch — es tritt Ruhe ein.)

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