Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 47 (21.11.1902)
- Date
- 1902-11-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 4? Dr. Bloch's Worhenfthrrfk. Sette 765 wesen beziehen. Redner bedauerte es zunächst, daß in der vorangegangenen Debatte an Stelle des Dankes und der Anerkennung für das selbstlose und hingebende Wirken der Vorstandsmitglieder wüste Schimpfworte gebraucht wurden. Einer berechtigten Kritik werde auch der Vorstand nicht theilnahmslos gegenüberstehen; doch dürfe man nebensächliche Dinge nicht als oberste Programmpunkte behandeln. Redner bemängelt, daß im officiellen Bericht des Vorstandes der Gebahrungsausweis über Einnahmen und Ausgaben für die zweijährige Berwaltungsperiode, entgegen der früheren Gepflogenheit diesmal weggelassen wurde. Es wäre ein Recht der Wählerschaft, hierin Einblick zu bekommen, ein Recht, das nicht verkürzt werden sollte. Im weiteren Verlaufe seiner Rede kritisirte Herr Baum die hohen Taxen und Gebühren, welche allerdings im Hinblick darauf, daß nahezu 80 Percent gratis beerdigt werden muffen, eine Herabminderung nicht vertragen, dennoch - eine Reform angezeigt erscheinen lassen. Es sollte die netzt beliebte Einführung von Holz- und Metallsärgen, die den jüdischen Grundsätzen widersprechen, auch in unserer Gemeinde unterbleiben, ferner wäre ein Turnus für die mitwirkenden Functionäre behufs Gleichstellung der Bezüge der Bezirksangestellten höchst wünschenswerth. Unter lebhaftem Widerspruch der Versammlung plaidirt Redner für die Aufstellung einer Urnen-Halle nnd daß der Vorstand die Frage der Feuerbestattung in Erwägung ziehen möge. (Allseitiger Widerspruch.) Als Mitglied der Chewra- Kadifcha, deren einstige Obliegenheiten von der Gemeinde annectirt wurden, sollte die noch jetzt bestehende Bevormundung dadurch aufhören, daß dieser Vorstand nicht wie bisher ernannt, sondern aus freier Wahl der Mitglieder hervorzugehen hätte. Auf die vom Cultusvorstande beschlossene Concurrenz für zwei Hilfsprediger übergehend, findet es Redner angezeigt, selbst vier mit kleineren Bezügen wirkende Rabbiner anzustellen, als vermeintliche Capacitäten mit dreifachem Ministergehalt. Es ist beklagenswerth, daß nur zehn Pereent der jüdischen Bevölkerung als steuerpflichtig gelten, und es sollten Mittel und Wege gefunden werden, um die außenstehenden Massen für jüdische Interessen zu begeistern. Bei den Borstandswahlen aber und für sonstige jüdische Functionen, sollte man künftighin darauf Bedacht nehmen, derartige Stellen nur an Privatiers, die Zeit und Muße haben, zu übertragen. Es gibt in Wien Hunderte, die kein Erwerbsintereffe haben, und es würden damit Vorstandsmitglieder entlastet, die oft 15 Stellen cumuliren. Es mag schwer sein, jahrzehntelang eingenistete Uebelstände beseitigen zu wollen; der Anfang hiezu muß aber doch einmal gemacht werden, ohne Rücksicht auf Personen und Strömungen. (Beifall.) Redner verweist schließlich auf einige mustergiltige Einrichtungen der evangelischen Kirche, die auch bei uns Nachahmung verdienen würden. Präsident K l i n g e r würdigt hierauf die seiner Ansicht nach rein sachlichen Gegenstände, welche der Vorredner berührte: Der geehrte Herr Vorredner hat einige Bemerkungen vorgebracht, für die man ihm dankbar sein muß, und ich muß wiederholt bemerken, daß es angezeigt wäre, mit Wünschen und Recriminationen nicht zwei Jahre zu warten, um dieselben erst gelegentlich der Wählerversammlungen in Form von Angriffen gegen den Cultusvorstand vorzubringen. Wir werden gewiß in jedem einzelnen Falle bemüht sein, berechtigten Wünschen Rechnung zu tragen. Was die angebliche Nichtbeschäftigung jüdischer Handwerker und Gewerbetreibender in den Anstalten der Cultusgemeinde betrifft, ist der Vorstand nach wie vor bemüht, etwa bestehende Mißstände dieser Art abzuschaffen; es ist selbstredend, daß dies nicht mit einem Schlage möglich ist. Der geehrte Herr Vorredner hat weiters bemängelt, daß er im Thätigkeitsberichte eine Tabelle, analog der in den früheren Berichten enthaltenen Aufstellungen, betreffend die Finanzgebahrung der Cultusgemeinde, vermißt. Dem gegenüber verweise ich auf jene Stelle des Berichtes, in welcher ausdrücklich auf die alljährlich veröffentlichten detaillirten Rechnungsabschlüsse hingewiesen wird. Kein Gemeinwesen hält in dieser Beziehung ein liberaleres Vorgehen ein, wie die Cultusgemeinde. Obwohl statutarisch eine Verpflichtung des Cultusvorstandes, betreffend die Verlautbarung, daß der Rechnungsabschluß zur öffentlichen Einsicht aufliegt, nur insoferne besteht, daß eine diesbezügliche Kundmachung in der »Wiener-Zeitung" einzuschalten ist, wird diese Kundmachung doch auch durch Anschlag an den Gemeindebethäusern und Veröffentlichung in den jüdischen Blättern verbreitet. Trotzdem sind dem Vorstände keinerlei Recriminationen zugekommen. Wir haben einen Paragraphen, ich glaube es ist der § 91, wonach das Vertreter-Collegium binnen längstens 4 Monate nach Jahresschluß die Bilanz und den Rechnungsabschluß vorzulegen hat. Hievon erfolgt die Verlautbarung in der »Wiener-Zeitung", wonach es jedem Mitgliede der Gemeinde freisteht, Erinnerungen vorzubringen, welche sodann der Vorstand in Erwägung zu ziehen hat, und erst nach Ablauf der vorgeschriebenen Zeit erfolgt in öffentlicher Sitzung die Beschlußfassung. Wenn man sich darüber beschwert, daß die Verlautbarung nur im Wege der »Wiener-Zeitung" vorgeschrieben sei, so muß ich sagen, und Sie werden dem zustimmen, daß es mir als Pflicht einer jeden vorsichtigen Redaction irgend eines Blattes erscheint, die im Amtsblatte enthaltenen Kundmachungen, soweit solche geeignet find, seine Leser zu intereffiren, wiederzugeben. (Lebhafter Beifall.) Sigm. Kauders: Nachdem ich von mehreren Corporationen aufgefordert wurde, ein Mandat im Cultusvorstande anzunehmen, stehe ich nun, meine verehrten Herren, vor Ihnen und stelle mich Ihnen als Candidat vor! Ich bin seit meiner frühesten Jugend an Arbeit gewöhnt, — kann also arbeiten — und das verspreche ich Ihnen, so weit es mir meine Kräfte erlauben, auch als Cultusvorstand zu thun. — Meine Hauptaufgabe wird es sein, für meine Schmerzenskinder, für sämmtliche Tempelvereine, einzustehen (Lebhafter Beifall), darauf zu sehen, daß diese Vereine nach wie vor des Schutzes und Beistandes der Cultusgemeinde theilhaftig werden, denn diese Tempelvereine leisten ungemein Vieles und Gutes, ja fie find unentbehrlich geworden, da die Gemeinde ohne diese Vereine gar nicht in der Lage wäre, für all das aufzukommen, wozu fie verpflichtet wäre. (Beifall.) Ich will Alles an- und aufwenden, daß den Bezirkscommiffionen das Recht eingeräumt werde, welches ihnen laut Statut zukommt. Im Statut heißt es aber, es können den Bezizkscommiffionen Agenden zugewiesen werden. Es darf von dem Worte »Können" nicht Gebrauch gemacht werden, sondern das Wort »Können" muß in »Muffen" umgewandelt werden; es müssen den Commiffionen alle Agenden: »Armenwesen, Schulwesen, Tempelangelegenheiten, Aufsicht über sämmtliche der Cultusgemeinde gehörigen Anstalten rc.", überaeben werden, und die Bezirkscommifsionen haben dann über Alles dem Cultusvorstande zu referiren und Anträge zu stellen. Des Weiteren würde ich wünschen, daß das Statut insoferne abgeändert werde, daß nickt wie bisnun gewählt, sondern daß jeder Bezirk im Verhältnisse seiner Einwohnerzahl und seiner zu leistenden Steuer eine Anzahl CultusVorsteher zu wählen hätte. Meine Sorge wird es auch sein, das Schulwesen so weit als möglich verbessern zu helfen, ich werde mit einem Wort in aller und jeder Beziehung meine Pflicht thun, um sodann Ihr Vertrauen, das Sie mir schenkten, voll und ganz zu rechtferttgen. Ich gelte als ziemlich energischer Mensch, werde es somit auch hier an Energie nicht fehlen lassen, um das durchzuführen, was ich Ihnen beute versprochen. (Lebhafter Beifall.) Dr. Zins: Wenn ich mich zum Worte gemeldet habe, so geschah es deshalb, weil ich es für angezeigt halte und das Bedürfnis empfinde und überzeugt bin. daß die überwiegende Majorität der Versammlung und der Wählerschaft dieses Bedürfniß und die Ueberzeugung theilt, daß es geboten ist. an dieser Stelle die Tbatsache der Opposition in den heutigen Zeitläuften auf das Tiefste zu beklagen und gegen das System und die Waffen der Opposition entschiedene Einsprache zu erheben. (Stürmischer Beifall.) Ich bin nicht principieller Gegner einer Opposition im Allgemeinen, ich unterschreibe das Wort des berühmten englischen Staatsmannes, »hätte ich keine Opposition, ich müßte fiemir schaffen." Ich bin auch kein Gegner der zur Opposition verbundenen Parteien. Im Geaentheil, ich begrüße sowohl die jüdisch-nationale, als die zionistische Bewegung mit Befriedigung, da wir derselben die Aufrüttelung des Judenthums und die Wiedererweckung und Stärkung des jüdischen Bewußtseins besonders bei unserer Jugend verdanken. Aber beklagt und bedauert muß es werden, daß es in der gegenwärtigen Z-it in jüdischen Fragen Spaltungen. Anfeindungen und oppositionelle Parteien gibt. Unter anderen Berhältniffen, wenn wir nicht so sehr von allen Seiten bedrängt würden, wären wir berechtigt, die Gegensätze in unserer Mitte auszutragen, — heute aber darf unser einziges Programm nur die Einigkeit im Innern sein, dies ist die einzige Waffe, die uns im immer härteren Kampfe noch zur Verfügung steht und unsere Widerstandskraft erhalten kann.