Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 47 (21.11.1902)
- Date
- 1902-11-21
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 764 Dr. Bloch's Wochsnschrifk. Nr. 47 der Centralisation der Ausgaben, aber auch der Decentralisation durch Heranziehung größerer Kreise zur Recherche und Ermittlung der Nothlage und der Mittel, durch die derselben abzuhelfen wäre. Es wäre sehr gewagt, nach dieser Richtung Versprechungen zu machen, aber die intensivste Aufmerksamkeit des Vorstandes soll darauf gerichtet sein, hier durch Berathungen zu einer gedeihlichen Reform zu kommen. Dies, meine Herren, sind die Hauptpunkte meines Programmes, dessen Verwirklichung ich anstreben will. Wenn Sie das Vertrauen in mich sitzen, daß ich es damit ernst meine, dann bitte ich um Ihre Stimmen bei der Wahl, wenn Sie aber einen geeigneteren Mann finden, so trete ich gerne von meiner Bewerbung zurück, denn mir handelt es sich nicht um die Person, sondern um die Sache, und die Sache ist es, der ich mit ganzem Herzen und mit meinem schwachen Können dienen will. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Nach einer Interpellation des Wählers Josef Klein, welche der Candidat Herr Teltscher sofort beantwortet, ergreift das Wort der Hof- und Gerichtsadvocat Herr Dr. Kahn als Candidat der Opposition. Ec ist in seiner zionistischen Parteistellung den Wählern gewiß bekannt, auch das Programm der Opposition, welches jedem Wähler zugestellt worden setzt der Redner als bekannt voraus. Nichtsdestoweniger nehme er keinen Anstand, seine Candidatur auch auf das Programm des Central-Wahlcomitßs anzumelden. Redner geht die verschiedenen Programmpunkte durch und zeigt, daß wesentliche Differenzen zwischen dem Programm der Opposition und dem des Central-Wahlcomitss nicht platzgreifen. Allerdings hat man aus dem sogenannten »Programm" der Opposition einen Satz herausgenommeu, der zu Mißverständnissen Anlaß gab. Jenes sogenannte (in der »Welt"' publicirte) Programm haben einige »junge Leute" zusammengestellt, allein nur das »Deutsche Volksblatt" hat daraus Capital geschlagen und dann noch Dr. Bloch's »Oesterreichische Wochenschrift". Diese hat zu dem, wie Redner anerkennen will, ungeschickten Satz eine Erläuterung gegeben, welcher ihn in ein gehässiges Licht brachte. Wenn von der „Korruption" und »Bestechlichkeit" gesprochen wird, welche aus dem »Cultus und seinen Functionen" ausgemerzt werden müssen, so dachte Niemand daran, etwa den Vorstandsmitgliedern in ihrer Ehre zu nahe zu treten. Darüber sind wir uns klar, daß die Vorstandsmitglieder Ehrenmänner sind, die nach bestem Wissen und Gewissen arbeiten. Wir bekämpfen nicht die Personen, sondern das System. Redner kritisirt in seinen weiteren Ausführungen eingehend den ungenügenden heutigen Religionsunterricht und stellt diesbezüglich weitgehende Forderungen. Die Jugend müsse nicht blos mit der Geschichte des Judenthums vertraut sein, sie müsse auch genaue Bibelkenntniß besitzen, um ihr Urtheil über das Judenthum nicht aus irgend einer Broschüre zweifelhaften Ursprunges zu schöpfen. Aber auch in Mischnah und Talmud müssen unsere Kinder hinreichend eingeweiht werden, um jederzeit in der Lage zu sein, die gemeinen antisemitischen Verleumdungen zu widerlegen; sie muß endlich die hervorragenden Denker des jüdischen Volkes kennen und würdigen lernen. Zum Schluffe richtet er an den Vorstand die Bitte, dafür zu sorgen, daß bei der diesmaligen Wahl nicht wieder jene Wahlfälschungen und Vergewaltigungen prakticirt werden, wie bei der letzten Wahl. (Protest Rufe.) Er erhebe gegen die Vorstandsmitglieder keine Anschuldigungen, er sage ja nicht, daß die Vorsteher die Wahlfälschungen anordnen, es sei lediglich eine Mißwirtschaft und er wolle blos, daß diesmal derlei Vorgänge vermieden werden. (Oho-Rufe, Widerspruch.) Vorsitzender Präsident Klinger: Was hier ausgesprochen wurde, ist eine Beleidigung des Vorstandes, die ich nicht dulden kann. Ich habe erwartet, hier Thatfachen zu hören, auf welche sich die heftigen Angriffe gegen den Cultusvorstand, betreffend Wahlfälschungen, stützen. Sie sprechen hier blos von einer »Mißwirthschaft", ohne concrete Beschwerden und Thatfachen vorzubringen. Meine Herren! Ich muß constatiren, daß bisher niemals ein antisemitisches Blatt es gewagt hat, das Wirken des Vorstandes anzugreifen und daß es Juden Vorbehalten war, den antisemitischen Blättern Stoff zur Verdächtigung und Verleumdung des Vorstandes zu bieten, was ich als ein Unglück bezeichnen muß. (Lebhafter Beifall.) Wähler Herr Weinberger, der nunmehr zum Worte gelangt, erregte durch feine Ausführungen den heftigsten Widerspruch der ganzen Versammlung, die ihn fortwährend durch Schlußrufe unterbricht. Vergebens bemüht der Vorsitzende sich, >em Redner Gehör zu verschaffen, der warme Appell, die Redefreihp't zu respectiren, bleibt diesmal erfolglos; Herr Weinberger verzichlcr auf die Fortsetzung seiner Rede. Candidat Richard Rappaport (von den Parteigenossen mit lebhaftem und langem Beifall begrüßt): Indem wir in den Wahlkampf eintreten, handelt es sich uns nicht um das eine oder andere Mandat, sondern um die Betätigung unserer Principien und unsere Weltanschauung vor der jüdischen Wählerschaft. Aus dem Reichsrath, Landtag und Gemeinderath, kurz gesagt aus allen Stätten des öffentlichen Lebens verdrängt, bildet die Cultusgemeinde die einzige jüdische Körperschaft, die einzig jüdische Vertretung, in der rein jüdische Interessen behandelt werden. Die Cultusgemeinde hat als solche nicht einen reinen Verwaltungskörper zu bilden, sie muß die geistige Führerin des strammen und bewußten Judenthumes sein. Als geistige Führerin muß sie die Repräsentantin aller Strömungen im jüdischen Volke sein. ' Eine Körperschaft, in der nicht entgegengesetzte geistige Strömungen zum Ausdruck kommen, ist greisenhaft und dem Verfall nahe und verdient, nicht zu existiren. Kommen Sie mir nicht mit dem „Chillul Haschern". Die elastischen Philosophen sagten, nur im Kampfe liege Entwicklung und Fortschritt. Die größten Männer, die größten Ideen, die große geistige Entwicklung aller Völker und insbesondere unseres Volkes entstand aus dem Kampfe. Ihr Hinweis auf den äußern Feind läßt uns kalt. Wir wollen vielmehr den innern Feind bekämpfen und das ist insbesondere die jüdische Indolenz gegenüber jüdischen Angelegenheiten, dieses sich uneigennützige in den Dienst stellen fremder Ideen. Muth gegen den äußern Feind, Bekämpfung des inner» Feindes, Vertrauen in das eigene Volksthum verlange ich von der Cultusgemeinde und in diesem Sinne bin ich jüdischer Chauvinist. Man preist die Juden als vernünftig und gescheidt, in der Politik geht uns die geistige Reise ab. Lernen wir es endlich, jede Frage vom jüdischen Standpunkte zu behandeln. In diesem Sinne will ich kurz einige Details streifen. Es geht nicht an, einen so großen Körper wie die Cultusgemeinde Wien centralistisch zu organisiren. Es muß — mag man über die Bezirksbergerei denken, wie man will, den Bezirken ihr besonderes Wahlrecht und uneingeschränkt durch die anderen Bezirke — gegeben werden. Man hat stets die Erweiterung des Wahlrechtes verlangt, es ist eine Erweiterung des Wahlrechtes gekommen, aber nur das Wahlrecht der »Obern Zehntausend" wurde erweitert. Die untere Schichte erhielt nur die Farce einer Erweiterung in der Form einer facultativen Steuer. Wir verlangen, daß die Lieferungen nur an Juden gegeben werden und nicht, wie es leider vorgekommen ist, an enragirte Antisemiten. Die jüdischen Gewerbetreibenden, welche einen verzweifelten Kampf um ihre Existenz führen, welche unter antisemitischem Boycott zu leiden haben, haben mindestens das Recht, zu verlangen, daß von jüdischen Körperschaften nur jüdische Lieferanten berücksichtigt werden. Man könnte viele Fragen noch berühren, ich schließe jedoch, daß jede Frage nur vom rein jüdischen Standpunkte und rein jüdischen Interesse beurtheilt werden muß. In diesem Sinne verlangen wir: Die Cultusgemeinde nur den Juden. (Lebhafter Beifall bei den Parteigenossen des Redners.) Vicepräsident Dr. Alfred Stern (der inzwischen den Vorsitz übernommen): »Es hat der Herr Vorredner ganz richtig hervorgehoben, daß es Aufgabe des jüdischen Cultusvorstandes ist, insbesondere bei allen Arbeiten, welche er zu vergeben hat, jüdische Gewerbsleute zu beschäftigen. Ich glaube wohl namens des Cultusvorstandes Ihnen sagen zu können, daß dies jedenfalls in dem weitest ausgedehnten Maße thatsächlich geschieht. Ich glaube aber auch, daß es sehr gut sein wird, wenn die Herren, welche sich Opposition nennen, es nicht allein bei ihren Worten bewenden lassen, sondern ihre Worte auch in T h a t e n umsetzen werden, und daß sie dann ihre Blätter nicht bei einem Manne drucken lassen, der nicht einem anderen Volke angehört, sondern der Jude war, der es aber nicht mehr ist, der unserem Volke den Rücken gekehrt hat." (Allgemeine Sensation.) Auf verschiedene Protestrufe hin legt der Vorsitzende die amtliche Urkunde des Magistrates vor, daß der Druckereibesitzer Bergmann (»Industrie"), bei dem die »Welt", das »Jüdische Volksblatt" und alle zionistischen Drucksachen hergestellt werden, aus dem Judenthume ausgetreten sei. Die Mittheilung ruft allgemeine Erregung hervor; die Oppositionsführer erklären, daß ihnen diese Thatsache unbekannt war, von anderer Seite wird dem widersprochen. Es - dauert lange, ehe die Ruhe wiederkehrt und der nächste Redner sich Gehör verschaffen kann. Herr Moritz Baum ergreift das Wort zur Besprechung einiger interner Angelegenheiten, die sich namentlich auf das Friedhofs-