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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-11-21 · 47 (21.11.1902) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
47 (21.11.1902)
Date
1902-11-21
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sette 783 Dr. Bloch's Wochenschrifl. Nr. 47 gemeinde Ottakring, Hernals u. s. w. Er wolle nicht ein neues Programm entwickeln, denn er sei zahlreichen Glaubensgenossen, insbesondere den geehrten Wählern des XVI. und XVII. Bezirkes gut und genau bekannt. Wenn er auch in den Plenarsitzungen nicht so oft als Redner auftrete, so arbeite er umso fleißiger in den Commissionen, wo eben die Hauptarbeit zu leisten ist. Wenn die Wähler ihn neuerdings mit einem Mandat beehren wollen, so stelle er sich dafür zur Verfügung. (Lebhafter Beifall.) Als letzter von den ausscheidenden Vorstandsmitgliedern betritt Cultusoorsteher Fabrikant Herr Gottlieb T a u ß i g die Rcdnerbühne. Die Majorität der Versammlung bereitet ihm eine Kundgebung besonderer Sympathie, gerade weil er von oppositioneller Seite vielfache Anfeindungen und Anfechtungen erfahren bat. Der Redner faßt sich sehr kurz, er verweist auf seine 27jährige Thätigkeit im Dienste jüdischer Cultusinstitutionen und erklärt sich bereit, ein Mandat weiter zu übernehmen, wenn die Wähler mit seinem bisherigen Wirken einverstanden waren. Neuerlicher Beifall zeigt, daß die Wähler die Angriffe gegen seine Person nicht billigen. Professor Ehrmann entwickelt unter lebhaftem Beifall der Versammlung seine Anschauungen über die Ausgaben der israelitischen Cultusgemeinde, die in drei Richtungen gegeben sind: 1. Die des Cultus. In dieser Richtung muß verlangt werden, daß nach modernem und altjüdischrm Princip Derjenige, der in der glücklichen Lage ist, die Lasten mittragen zu können, diese auch trage, aber Derjenige, der dies nicht im Stande ist, ganz dieselben Ansprüche auf Befriedigung seiner religiösen Bedürfnisse hat, wie der Besitzende. Es müssen alle Anstrengungen gemacht werden, die uns diesem Ideale näher bringen. Die zweite Aufgabe ist die der socialen Fürsorge, die aus einer Nebenaufgabe durch die Ungunst der Zeiten und Menschen eine Hauptaufgabe geworden ist. Das Spltal ist für unsere zugereisten wie einheimischen Glaubensgenossen, die in den öffentlichen Spitälern keine Aufnahme finden, durchaus nothwendig, sowie es auch zweckmäßig ist, daß es ein Spital gebe, wo für eine Reihe jüdischer Aerzte ein unbestrittenes Feld der Bethätigung und Ausbildung rxistire. Wie die Siechen und die der Altersversorgung Anheimsallenden aller Confeffionen in den armen Landgemeinden behandelt werden, ist bekannt, umsomehr muß es anerkannt werden, daß durch das Siechcnhaus den Bedauernswerthesten der Siechen, nämlich den jüdischen, eine Stätte der Pflege geschaffen wurde, die möglich ausgestaltet und erweitert werden muß. Die dritte Aufgabe ist die des Religionsunterrichtes. Die jüdische Jugend hat sich in der Epoche der sogenannten — aber nicht wirklichen — Aufklärung angewöhnt, die Religion nicht aus den Quellen derselben kennen zu lernen, sondern aus wässerigen Darstellungen literarischer Revuen, die von parteimäßigen oder verkappten Gegnern herrühren. Während man bestrebt ist, die indische Religion aus der Vedas, die chinesische aus den Schriften des Konfutse zu studieren, lernt man seine eigene aus seichten Essays oder Zeitungsartikeln und nicht etwa aus den ewig schönen ergreifenden Worten der Propheten oder den tiefsinnigen Betrachtungen des Kohelet. Die Jugend muß wieder dahin gebracht werden, die eigene alte und ewig junge Literatur zu erkennen, um stolz zu sein, einem so alten uno doch so ewig grünenden Culturstamme anzugehören. (Lebhafter langanhaltender Beifall.) Nun ergreift das Wort als Oppofitionscandidat Architekt Oscar Marmorek, welcher unter Beifallskundgebungen seiner Parteigenossen den Standpunkt der Zionisten gegenüber der Cultusgemeinde darlegt. Die nationalen Parteien bekämpfen nicht die Personen der Cultusvorstehung, deren Ehrenhaftigkeit und Integrität über allem Zweifel erhaben ist, sondern das System, das sie befolgen und das schuld ist an dem Verfalle der jüdischen Gemeinde in Wien. Das System, das darin besteht, daß die Cultusgemeinde nur als Berwaltungsmaschine angesehen wird, und die Cultusvorstände sich nur als solche ftihlen, so lange sie in der Cultusstube sich befinden. Heute könne wohl Niemand mehr darüber im Zweifel sein, welche Bedeutung derCultusgemeinde für die Judenschaft zukomme. Es ist die einzige Vertretung, die die Juden heute haben, aber der gegenwärtige Cultusvorstand fasse die Größe seiner Aufgabe nicht auf und sehe seine Aufgabe nur darin, die Steuern einzuheben und damit die Möglichkeit jüdischer Hochzeiten und Beerdigungen, die Abhaltung des Gottesdienstes und den Zwangsunterricht der Jugend in der Religion durchzuführen. Die Frucht dieses Unterrichtes sei die stetig zunehmende Abfallbewegung. Redner spricht erregt von .Tausenden" der Abtrünnigen und fährt dann fort: Gefährlicher aber als die Schaar der offenen Abtrünnigen, deren Namen die Gemeinde mit unbegreiflicher Rücksichlnahme öffentlich bekanntzugeben sich weigert, ist die Zahl der Indifferenten, denen es nur an Muth und Gelegenheit fehlt, das Gleiche zu thun. Die merkwürdige Zweiseelentheorie erzeuge die noch merkwürdigere Thatsache, daß die berufenen Hüter des religiösen Judenthums in ihrer eigenen Familie davon keinen Gebrauch und die jüdischen Vertreter, wie concrete Fälle gezeigt haben, aus lauter Rücksichtnahme vor den Gegnern, das jüdische Gewerbe schädigen und den hart bedrängten Gewerbsleuten Arbeit entziehen oder nicht zukommen lassen, unter Argumenten, welche, wenn sie in christlichen Kreisen bekannt werden würden, die jüdischen Handwerker ganz brotlos machen würden. .Auf Grund meiner 17jährigen Beziehungen zum jüdischen Gewerbestande kann ich Sie", sagte Redner, .versichern,. daß die jüdischen Gewerbsleute in ihrer Majorität sich redlich bemühen, ihre Arbeiten aufs Beste und Billigste herzustellen; müssen sie es doch hierin ihren christlichen College» zuvorthun, wenn sie Arbeit finden wollen." Gegen dieses System kehre sich die Partei des Redners. Die Cultusgemeinde und ihre Mitglieder müssen beispielgebend sein und in diesen, schweren Tagen die Flagge Hochhalten, um die sich das hart bedrängte Judenthum in dieser Stadt schaaren könne. Die Politik der Rücksichtnahme und Furcht müsse ein Ende nehmen. Heute könne selbst Derjenige, welcher mit den Ideen und Principien des Zionismus nicht einverstanden sei, es nicht mehr leugnen, daß der Zionismus eine Weltbewegung sei und seine Repräsentanten nie und nirgends dem Judenthume geschadet hätten, sondern nur, von heißer Liebe zu ihrem Volke erfüllt, dessen Erhebung aus tiefer Schmach und dessen Sammlung und Stärkung zum Ziele haben, diese Parte: habe ein Recht, in der Cultusstube vertreten zu sein. In einer vor einigen Tagen stattgehabten Versammlung habe ein hervorragendes Mitglied des Cultusvorstandes den Zionisten zugerufen: .Was wollen Sie? Diese und jene Ihrer Forderungen sind ja von uns erfüllt wordenl" Das ist ein glänzendes Zeugniß, das den Zionisten gegeben wurde, denn es beweist, daß ihre Ideen und Forderungen selbst von Gegnern als durchführbar und werthvoll angesehen werden. Wenn dies aber der Fall ist, so ist umso eher die Forderung berechtigt, daß die Zionisten ihre Ansichten nicht blos alle 2 Jahre bei den Wahlversammlungen, sondern im engeren Rathe der Gemeinde zur Geltung bringen können. Ein englischer Minister hat gesagt: .Wenn ich keine Opposition hätte, würde ich eine solche erfinden." Rar aus dem Kampfe der Meinungen ergebe sich die reine Wahrheit. In einer Sitzung des Centralwahlcomitäs, das von der herrschenden Partei nach dem Muster des seUgen liberalen Wahlcomites geschaffen wurde, hat ein Redner sich dagegen gewendet, daß man oen Zionisten 2 Stellen im Cultusvorstände zugestehen solle, indem auf diese Weise, wie er ausgerechnet hat, in 24 Jahren der ganze Cultusvorstand zionistisch sein werde. Der gute Herr hat schlecht gerechnet. Nicht in 24 Jahren, sondern viel früher wird der ganze Cultusvorstand zionistisch sein. Es hängt nur von Ihnen ab, ob diese Umwandlung sachte sich vollziehen wird, oder ob Sie das Schicksal des liberalen Central-Wahlcomites theilen wollen, das auch geglaubt hat, seine Macht rücksichtslos gebrauchen zu dürfen und auftauchende neue Ideen einfach zu ignoriren. Das bisherige System im Cultusvorstande hat ausgespielt, und wenn der Cultusvorstand nicht zionistisch sein will, wird über kurz oder lang, aber viel früher als sie es ahnen, ein Cultusvorstand in Wien überhaupt nicht mehr nothwendig sein. .Wir sind das Lebendige im Judenthum, Ihr aber seid welkende Glieder". (Lebhafter, demonstrativer Beifall bei den Parteigenossen des Reoners.) / ^^Vorsitzender Präsident kaiserl. Rath Kling er^ Sie werden von dem Vorsitzenden dieser Versammlung nicht erwarten, daß er in eine Polemik eintrete. Nur aus ein Moment möchte ich zurückkommen, welches der Herr Redner berührt hat. Es ist dies die in der Gemeinde verbreitete fälschliche Ansicht von .Tausenden von Austritten". Ich bedauere, davon sprechen zu müffen. Es ist in Vereinsversammlungen üblich, der Todten rühmend zu gedenken. Die von uns Abgefallenen sind für 'uns Todte, denen wir keinen Nachruf widmen. (Lebhafter Beifall.) Ich erwähne es nicht gerne, aber nur weil von .Tausenden Austritten" gesprochen wird, möchte ich Sie bitten, mir Gelegenheit zu geben, Sie mit folgenden Daten bekannt zu machen.

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