Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 47 (21.11.1902)
- Date
- 1902-11-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 47 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 761 Mahtlresprechung der israelitischen Cnltnsgemeinde in Wien. Vorsitzender: Präsident kaiserl. Rath Klinger. Die von dem Vorstände der israelitischen Cultusgemeinde Wien einberufene Versammlung der Wähler für die israelitische Cultusgemeinde Wien fand Montag den 17. November, 6 Uhr Abends, im großen Saale des „Hotel Post", I, Fleischmarkt 14, statt. Die Versammlung, welcher eine große Zahl der Vorstandsmitglieder beiwohnte, war überaus zahlreich besucht und nahm, wie vorauszusehen war, einen stürmischen Verlauf. Die Gegensätze prallten stark aneinander, und wenn sich auch die Redner durchwegs sichtlicher Mäßigung befleißigten und die Oppositionsführer wiederholt bemüht waren, gewisse journalistische Excesse der Parteiorgane zu desavouiren, und — um den üblen Eindruck, den diese in allen Kreisen Hervorrufen mußten, zu verwischen — die hohen Verdienste und den unnahbaren Charakter all der Männer, welche seit Jahren an der Spitze der Wiener Gemeinde wirken, freimütig anerkannten und nachdrücklich betonten, so haben doch bald wiederum im Laufe der Debatte das Temperament und die Parteileidenschaft die ruhige Vernunft und die Vorsätze der Mäßigung zurückgedrängt. Was von vornherein die Stimmung unfreundlich beeinflußt, eine zweifellos wünschenswerthe Verständigung für diesmal gehindert, ja nahezu unmöglich gemacht hat und den Oppositionsführern durch Zurufe aus der Mitte der Versammlung sowohl als auch von den einzelnen Rednern vielfach vorgehalten wurde, ist die wiederholt in Erscheinung getretene Thatsache, daß die officiöse Journalistik der vereinigten Opposition eine häufige Ausbeute für antisemitische Verleumdungen bildet, daß das „Deutsche Volksbatt" und die „Deutsche Zeitung" ihre bösartigsten Schmähariikel den Journalen dieser Opposition wörtlich entlehnen. Es kam darum während der Discussion zu heftigen Conflicten und wilden Ausbrüchen der Leidenschaftlichkeit. Einen Moment schien es, daß die stürmischen Vorgänge der Versammlung bereits ein frühzeitiges Ende bereitet haben. Nur der Alles überwindenden Liebenswürdigkeit, der unerschöpflichen Nachsicht und Geduld des Präsidenten kaiserl. Rathes Klinger, welcher, ein Muster der Unparteilichkeit, nicht blos bemüht war, die weitestgehende Redefreiheit zu wahren, sondern auch die Oppositionsführer unterstützte und ermunterte, ihre Beschwerden über die angebliche „Mißwirthschafl" in der Gemeinde vorzulegen und zumotiviren, war es zu danken, daß die Versammlung in ordnungsmäßigen Formen und ohne ärgere Excesse zu Ende geführt werden konnte. Unter den Anwesenden bemerkte man außer dem Präsidenten die beiden Vicepräsidenten Dr. Alfred Stern und Dr. Gustav K o h n, Dr. Steiner, kaiserl. Rath Jonas Weil, kaiserl. Rath Wilhelm P o l l a k, Dr. K u r a n d a, Theodor Ritter v. T a u s s i g, Isidor G e w i t s ch, Hermann E l t b o g e n, Emil Horner, Dr. M. Spitzer, Architekt Fleischer, Salo Cohn. Oberfinanzrath Rappaport, Baurath Stiaßny, Emanuel Hoffmann, Dr. Berger, kaiserl. Rath Moriz Hirsch, Oberingenieur Arthur Edlen v. Mises, Gottlieb T a u s s i g, Salomon R o s n e r. Der Vorsitzende, Präsident Klinger, eröffnete die Versammlung mit folgender Begrüßung: Meine Herren! Ich gebe mir die Ehre, Sie im Namen des Vorstandes der israelitischen Cultusgemeinde zu begrüßen und danke, daß Sie unserer Einladung Folge geleistet haben. Aus der Ihnen zugesandten Kundmachung konnten Sie entnehmen, daß im heurigen Jahre statutengemäß Neuwahlen für den Cultusvorstand und die Vertrauensmänner stattfinden. Zum Austritte gelangen die Herren Salo Cohn, Max Fleischer, Dr. Benj. Rappaport, Salomon Rosner, Dr. Adolf Stein, Gottlieb Taussig, für welche Neuwahlen erforderlich sind, oesgleichen für die vor Ablauf ihrer Mandate aus dem Vorstände geschiedenen Herren David Simon, Dr. Heinrich Steger und Dr. Josef Grünfeld; im Ganzen sind also Neuwahlen für 9 Borstandsmandate erforderlich. Wir haben, einem alten Brauche folgend, uns veranlaßt gesehen, Sie zu einer Versammlung einzuberufen, um Ihnen Gelegenheit zu geben, Candidaten zu hören und Wünsche bekanntzugeben. Ich kann bei diesem Anlasse nicht umhin, mein Bedauern darüber auszusprechen, daß wir so selten von Seite der Wählerschaft während des Jahres mit Anregungen beehrt werden, obgleich das Präsidium sich fast täglich mehrere Stunden lang im Bureau der Cultusgemeinde befindet. Wenn Wünsche, die etwa in der heutigen Versammlung laut werden, schon während des Jahres vorgebracht worden wären, hätte der Cultusvorstand dieselben in Erwägung ziehen und vielleicht schon der Erfüllung zuführen können. (Lebhafter Beifall.) Meine Herren, ich kämpfe gegen ein Unwohlsein; trotzdem wollte ich mir die Ehre nicht nehmen laffen. Sie zu begrüßen, doch werde ich den geehrten Cvllegen Dr. Stern bitten, mich später im Vorsitze zu vertreten. Ich bitte die Herren, welche das Wort zu ergreifen wünschen, sich zu melden. Ich bemerke, daß Herr College Doctor Stein in dringenden Berufsgeschäften verreist und infolge defien verhindert ist, zu erscheinen. Zum Worte sind gemeldet die Herren: Salo Cohn, Mox Fleischer, Dr. B. Rappaport, Salomon Rosner, Heinrich Teltscher. Professor Dr. Ehrmann, Oscar Marmorek, Dr. Leopold Kahn, Josef Weinberger, Moriz Baum, Sigmund Kauders. Schon die Anzahl der vorgemerkten Redner dürfte es den Herren als Pflicht auferlegen, obwohl die Redefreiheit nicht beschränkt werden soll, sich so kurz als möglich zu soffen. Ich erkläre die Versammlung für eröffnet und ertheile das Wort dem Herrn Salo Cohn. Cultusvorsteher Salo Cohn ergreift als erster Redner von den austretenden Vorstehern das Wort und bemerkt sofort, die Versammlung dürfe von ihm eine lange Programmrede nicht erwarten. Seit 15 Jahren wirke er als Vorstandsmitglied im Dienste der Wiener Gemeinde und darf somit wohl voraussetzen, daß er sowohl als sein Wirken den Wählern nicht mehr unbekannt sei. (Lebhafter Beifall.) Geordnete Finanzen, mit besonderer Berücksichtigung unserer Steuerträger, den Frieden zu wahren nach Innen, das Ansehen zu schützen nach Außen: das waren die Principien seiner Wirksamkeit, denen er treu bleiben will, und wenn die Wähler mtt ihm zufrieden waren und auf seine Wirksamkeit weiter reflectiren, so will er dem Dienste der Gemeinde sich nicht entziehen. (Lebhafter Beifall.) Cultusvorsteher Architekt M. Fleischer, mit lebhaftem Beifall der ganzen Versammlung begrüßt: Ich kann umso leichter dem Wunsche des Herrn Präsidenten, daß wir uns der Kürze befleißigen, entsprechen, als ich ja bereits durch 23 Jahre die Ehre habe, dem Cultusvorstande anzugehören und wein Wirken dort zlemtrch bekannt ist. Ich bin ja auch in wiederholten Wahlgangen gewählt worden, ein Beweis, daß die geehrten Wähler mich würdig befunden haben. „Lau isch deworim onauche!“ Als Redner werden Sie mich nicht oft in den Berichten gefunden haben. In den Debatten nehme ich nicht zu oft das Wort, aber wenn es sich darum handelt, eine Arbeit der Allgemeinheit zu leisten, bin ich zu finden, und die geehrten Cvllegen werden mir das Zeugniß nicht versagen, daß ich mich finden laffe. Ich bin ergraut, bin älter geworden, aber nicht älter bin ich geworden in meiner Liebe zur Gemeinde, ihr will ich ferner meine Dienste widmen, wenn Sie mir Ihre Stimme geben und mich wählen. Noch Eines: Ich habe die Schwäche, es zu erreichen, der Gemeinde 25 Jahre gedient zu haben, um dann Gott zu danken für die Gnade, die er mir erwiesen und für die Kraft, die er mir hiezu verliehen. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Oberfinanzrath Doctor Rappaport erklärt, er sei nicht in der Lage, als Vorstandsmitglied auf eine so lange Wirksamkeit hinzuweisen. Es find wenige Jahre erst, daß man an ihn herantrat mit der Aufforderung, in den Cultusvorstand einzutreten. Er habe dem Wunsche entsprochen, aber gleichzeitig erklärt, daß er sich nicht auf ein bestimmtes Programm einschwören laffe, er wolle und müffe zunächst erst die Verhältnisse prüfen, nach genauer eigener Wahrnehmung vorerst sich ein Urtheil bilden. Nur das Eine versprach er, das Gute zu wollen und für das erkannte Gute auch seine ganze Kraft einzusetzen. Heute nach dem Ablauf seines Mandates ist es Sache der Wähler, über sein Wirken zu urtheilen. Man werde ihm nicht bestreiten, daß ihm manches Gute zu fördern gelungen ist, deffen er sich freuen darf, und wenn auch manchem Erstrebten der Erfolg versagt geblieben, so ist dies das Geschick alle; Ideale, daß sie nicht sofort und ohne Hindernisse im ersten Anlauf Realifirung finden. Sein Versprechen, die ganze Kraft in den Dienst der guten Sache zu stellen, habe Redner getreulich gehalten und ist bereit, in dem gleichen Sinne weiter zu wirken, wenn die Wählerschaft ihn ferner das Vertrauens für werth erachtet. (Lebhafter Beifall.) Cultusvorsteher Rosner stellt sich den Wählern vor. Im Dienste der Cultusgemeinde wirtt der Redner bereits seit mehr als 20 Jahren. Wenn auch nicht immer als Mitglied des Wiener Cultusvorstandes, so war er doch früher Präsident der Cuttus-