Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 46 (14.11.1902)
- Date
- 1902-11-14
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 756 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 46 bedeckungrn der viele Tausende zählenden Menge wiegten sich, einer hellschillernden Schlange gleichend, kaum merklich hin und her . . . Aller Augen waren nach Oben gerichtet, aber Niemand aus der unabsehbaren Menge konnte die bleichen, ungreifbaren Schatten sehen, die gleich einem in der Sonne sich zertheilenden Nebel langsam über den Häuptern der Versammelten dahinflutheten. Diese Phantastischen Schatten füllten den Raum in zahllosen Schaaren, schmiegten sich an die steilen Felsabhänge, schwebten über den Ritzen der düsteren Bergesgipfel und bildeten lange, dahinwogende Reihen, die wie" weiße, flockige, verschiedene Gestalten annehmende Wolken an dem blaßblauen Horizont dahinzuströmen schienen. Es waren dies die Schaaren der Seelen künftiger Generationen, die zum heiligen Berge berufen worden. DaS Erbe der Väter, die Schatzkammer der Geschichte, die Tradition des Glaubens und des nationalen Selbstbewußtseins — all' dies schien nicht genügend fest und unerschütterlich — und es wurden daher berufen die Seelen aller derjenigen, die in der entferntesten Zukunft das Licht der Welt erblicken sollten, um in eigener Person alle Punkte des ewigen Bundes zwischen Gott und dem Menschen, alle Bedingungen des ewigen Vertrages zwischen Himmel und Erde mit anzuhören. Und hier am Felsabhang, über den tiefen Abgrund, dämmern im Schatten des dürren, staubbedeckten Strauches einer Wüstenpflanze zwei Schemen. Wie zwei junge Täubchen so schmiegen sie sich aneinander, von dem gleichen Gefühl unendlicher Freude, unsagbaren Glückes durchdrungen. Es sind dies die Seelen zweier Menschen, zwei Tropfen crystallklaren Thaues, die noch im Schooße der Ewigkeit ruhen, des Augenblickes harrend, da ihnen der Wille des Allmächtigen ihren Platz auf diesem irdischen Thal der Thränen und des Lachens, der Fröhlichkeit und des Leidens anweisen wird. Diese Schatten — wiffen sie jetzt, was ihrer in Zukunft wartet? .Bruder!" sagt der Eine, .was siehst Du dort, jenseits der Grenze der Ewigkeit, auf der dunklen, armen W.-lt, wohin eine unbekannte Kraft uns treibt?"' .Ich sehe Helle, in Blumenschmuck prangende Wiesen . . . Unter einer hohen, schattenspendenden Palme ruht ein schöner, schlanker Jüngling; er blickt in das durchsichtig klare Wasser der Quelle und spielt auf einer Hirtenschalmei. Ich sehe einen Greis, in weißes Linnen gekleidet. Er nähert sich dem Jüngling und bettäufelt dessen Stirn mit Oel aus einem heiligen Gefäß. Ich sehe diesen Jüngling in einem königlichen Mantel, mit einer Krone auf dem Haupte und einer Leier in der Hand. Auf eine goldene Tafel schreibt er seine Gesetze; er dichtet seine Psalmen und begleitet seinen Gesang auf einer goldbesaiteten Harfe. Könige bringen ihm voller Demuth ihre Huldigungen dar, Völker küssen den Staub zu seinen Füßen . . . Und Du, mein Bruder, was siehest Du?" Und die Seele eines Juden, der unser Zeitgenosse, antwortete der königlichen Seele König David's: .Ach, welche Finsterniß, welche Kälte umgibt mich! Ich sehe Reihen dicht aneinandergedlängter, dunkler, alter, elender Behausungen. Staubige, schmutzige, krumme Winkclgäßchen schlängeln sich, übelriechenden Strömen gleich, durch das verfluchte Reich der unterirdischen Finsterniß. Nicht Baum, noch Blume, noch Grashalm; kahl und öde ist Alles rund umher. In einer dieser elenden Hütten sehe ich ein Kind. Mager, bleich, in Lumpen gehüllt, führt es mit einer langsamen, apathischen Bewegung einen Löffel zum Munde; der Löffel enthält irgend eine breiartige Nahrung von einer unbestimmten, widerlichen Farbe, und das Kind schöpft dieselbe aus einer schmutzigen Holzschüssel, die ihm von einer mageren, bleichen, trotz ihrer Jugend welken Frau gereicht wird. .Iß', mein Söhnchen", bittet sie mit liebevoll klingender Stimme, .iß', mein Herzenskind! Mußt ja heute noch viel lernen . . ." Ich sehe einen Jüngling, der schwach wie ein Greis und so gebückt ist, als hätte er nach andauernder Krankheit soeben erst sein Schmerzenslager verlassen, und ich erkenne, daß es derselbe Knabe, den ich vorhin in der ärmlichen, elenden Wohnung gesehen. Und jetzt ist er Familienvater, und die Kinder, die ihn umringen, sind ebenso bleiche, blutleere, kraftlose Geschöpfe wie er eines gewesen. Einen Sack auf dem Rücken, einen Haufen alter Kleider unter dem Arm, eilt er die Märkte und Straßen entlang, geht in die Höfe, Läden und Trödelbuden, und ruft mit lauter Stimme den Namen seiner elenden Thätigkeit: .Handel! Handel!"' ruft er, und ln seinen Augen, die vor Hunger fieberhaft glühen, in dem einschmeichelnden Lächeln seiner anämischen Lippen zittert solch' ein bodenloser Abgrund geheimen Weh's, so schmerzlicher, hoffnungsloser Zweifel. Er biegt in eine Seitengaffe, befreit seine Schultern vorsichtig von dem großen Socke und läßt sich schwerfällig auf einen feuchten, im Scharten eines faulenden Holzzaunes liegenden Stein nieder. Nach der stundenlangen, mühseligen Wanderung gedachte er ein wenig auszuruhen. O, sieh' ihn an, mein Bruder! Dieser kaum vierzigjährige, weißhaarige, einem Greise gleich gebückte Mann ist schwach und kraftlos wie ein Säugling. Ja, es ist ein Greis, doch hat er keinen Sohn, der ihn zu sich nehmen und mit gesunder, kräftiger Hand seine Schritte leiten könnte; ja. es ist ein Säugling, aber seit Langem haben Vater und Mutter ihn verlassen und Niemand wird ihm Schutz gewähren, Niemand schirmend ihm zur Seite stehen, sein bitteres, schweres Leben, das Leben einer Waise tragen helfen. Ach! wie schrecklich finster ist es rund umher, wie durchdringend kalt!" So klagte zu Füßen des rauchenden Sinai die arme Seele eines gegenwärtig lebenden Trödeljuden der königlichen Seele König David's ihr unendliches Leid. ill. Und Jahrhunderte vergingen, es vergingen Jahrtausende... Dem Willen des Allerhöchsten zufolge wurde die erste Seele berufen und auf das Erdcnthal entsandt. Zu Bethlehem, im Hause Jsai's, ward ein Sohn geboren, der den Namen David erhielt und des gelobten Landes König wurde. Schönheit, Kraft und Muth einerseits und andererseits die wunderbare Gabe des schöpferischen Gesanges waren dieser glücklichen Seele in ihrer irdischen Verkörperung verliehen worden. Und doch lebte in dieser stolzen, leidenschaftlichen, nach Herrschaft dürstenden Seele eine unklare, verschwommene, farblose Erinnerung . . . Irgendwo, irgend Jemand hatte ihm bitteres Weh' geklagt . . . Ein ungreifbarer, trauriger Schatten des heimatlosen Bruders, des Bruders-Märtyrers, stieg auf vor dem hellen, durchdringenden Blicke des Königs von Zion, und unwillkürlich berührte die Hand des Psalmensängers die Leier, und leise, ganz leise erklangen die goldenen Saiten und eine aus weiter Ferne kommende, sehnsuchtsvolle Stimme sang in seinem Innern: .Ach! welche Finsterniß rund umher . . . welch' durchdringende Kälte! Vernimm' o Gott, meine Stimme . . . Erbarm' Dich meiner, erhöre mich . .. Verstoß' mich nicht, steh' mir bei, Gott, mein Erlöser. . . denn Vater und Mutter haben mich verlaffen ..." Und langsam, ein Ton nach dem anderen, ein Wort nach dem anderen entstand und strömte dieser blutige Sang des Leidens dahin, der Psalm David's, der die schmerzend.- Seele gleich sanft perlenden Thränen beschwichtigt . . . Und es schluchzte und sang die Seele des glücklichen Kön'gs von Zion. Und nicht von ihrem eigenen, neidenswerthen Lose sang sie. sondern das bittere Schicksal einer in Zeit und Raum entfernten, durch den großen Bund zu Füßen des Sinai jedoch nahen und verwandten Seele bildete den Inhalt ihres Liedes .. . Und wieder vergingen Jahrtausende . . . Und siehe! dieser Psalm, so eigenartig, für die unter Glücklichen auserwählte, stolze Seele des mächtigen Königs so unwahrscheinlich, wurde zum lebendigen Echo jener zweiten, trüben, von ihrem bitteren Lose träumenden Seele, jener Seele, die einst nmitten der sandigen, arabischen Wüste ihre schwermüthigen Klagen der königlichen Seele König David's anvertraut, an jenem Tage, da der ewige Bund zwischen Gott und Menschen, zwischen Himmel und Erde geschlossen wurde, zwischen dem kühlen, schweigsamen Himmel und der dunklen, kalten, verwaisten Erde . . . Biele sangreiche, freudige Lieder entströmten der Leier biblischer Propheten, viele harmonische Musikinstrumente erklangen in den Tempeln und Palästen, den Tdälern und Städten Judäas. Aber von allen .Hallelujahs" und Triumphgesängen wird der Psalm: „Adonai, oriw’ ischi“ dem menschlichen H.rzen stets der nächste und verständlichste sein, und von allen Zithern, Trommeln, Pauken. Cymbeln, Leiern u. s. w. hat nur ein eigenartig melodisches, düster klingendes Instrument sich bis auf unsere Tage erhalten. Es ist dies der Schofar ... Und wir beten diesen Psalm und lauschen dem schmetternden Schalle des Schofars an jedem Tage des Monats Elul, und für die übrigen elf Monate des Jahres sind drei andere Psalmen bestimmt, die mit dem viel zu denken gebenden Flehen beginnen: „Altasches!" — .Vernichte nicht! . . ." Welch' trauriges Erbtheil eines traurigen Schicksal-! . . . Ende.