Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-11-14 · 46 (14.11.1902) · page 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
46 (14.11.1902)
Date
1902-11-14
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021439-3021486--12229-3036811
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Sette 762 Dr. Blmtz's Wochsnfchrifk. Nr. 46 »väterliche Freund und treue Berather" ihnen allzeit entgegengebracht hatte. Der schier endlose Leichenzug, worunter man unter Anderen die katholiche Geistlichkeit. Vertreter der städtischen und politischen Behörden, der hiesigen Lehr- und Bildungsanstalten, Abordnungen der hiesigen Kaufmannschaft, Großindustrielle, Aerzte, Advocaten und den Gesammtvorstand der hiesigen Cultusgemeinde und Chewra-Kadischa erblickte, bewegte sich hierauf zum Bahnhofe, woselbst die Leiche, zwecks Ueberführung nach Brünn, einwaggonirt wurde. Das Leichenbegängniß gestaltete sich zu einer imposanten Sympathiekundgebung und gab beredtes Zeugniß von der Verehrung, der sich der so früh Dahingeschiedene in allen Bcvölkerungskreisen erfreute. Die cantorale Function versah Schreiber dieser Zeilen. Herr Paul Lemberger widmete aus diesem Anlässe namhafte Beträge der hiesigen Cultusgemeinde, Chewra-Kadischa und städtischen Armencaffa, wofür ihm allseits viel Dank gespendet wurde. Zwrttarr. Bor einigen Wochen hat hier eine selten schöne und erhebende Einweihungsfeier des ncuerbauten Tempels stattgefunden. Das neue Gotteshaus, ein architektonisches Meisterwerk des Wiener Architekten Herrn Ernst v. Gotthilf, gereicht sowohl unserer Cultusgemeinde als auch der hiesigen Industriestadt in jeder Beziehung zur Zierde. Um das Zustandekommen dieser Glaubensstätte haben sich besondere Verdienste erworben: Der allzeit das Wohl der Gemeinde mit dem Aufgebote aller Kräfte fördernde, rührige Vorsteher Herr Fabrikant Josef Stein und Tempelvorsteher Herr Max Zifferer. welche Beide im Vereine mit dem Gesammtvorstande dieses fromme Werk thatkräftig unterstützt und das Fertigstellen dieser heiligen Stätte mit sichtlichem Interesse und aufopfernder großer Umsicht eifrigst verfolgt haben. Dieselben Herren Leiter der hiesigen Cultusgemeinde bemühen sich auch weiterhin, durch innere, würdige Einrichtungen und auch äußere Decorationen zur Verherrlichung des Gotteshauses und Gottesdienstes beizutraqen. An der Einweihungsfeier, die sich geradezu als ein Lidduseli Haschern gestaltete, nahmen alle Honoratioren der hiesigen Stadt und des politischen Bezirkes, sowie Abordnungen vieler auswärtiger Cultusgemeinden, unter Anderen auch der Vorsteher der Brünner Cultusgemeinde, theil. Die Festrede Sr. Ehrwürden Herrn Doctor F. Kanter wirkte auf alle Zuhörer begeisternd und verdient durchaus die Anerkennung, die sie bei allen Festtheilnehmern gefunden. In überaus erhebender Weise executirte der zur Einweihungsfeier geladene Obercantor Herr I. Heller aus Brünn mit seinem trefflich geschulten Chorpersonale die Psalmen und Gebete; ein vom Obercantor Heller in der Schlußpiece (der sogenannte »große Adaun-Aulom“ von Sulzer D-dur) zu Gehör gebrachtes Solo wirkte geradezu entzückend, und mit der Absingung der Bolkshymne schloß die selten schöne Feier. M. G. Blowitz Ein Comite zur Förderung des Tempelbaues in Blowitz sendet uns folgenden Aufruf: Die arme israelitische Cultusgemeinde Blowitz steht vor der Thatsache, daß ihr das Gotteshaus wegen Baufälligkeit behördlich gesperrt wird. Wohl ist durch die Opferwilligkeit der Gemeindemitglieder bereits ein Fond zum Neubaue des Tempels geschaffen worden; bei der geringen Anzahl derselben reicht aber das Können nicht an den guten Willen heran, und es hat sich deshalb ein Comitä zu dem Zwecke gebildet, in dieser Angelegenheit an die jüdische Hochherzigkeit zu appelliren. welche sich noch immer bewährt hat! Dasselbe ist überzeugt, daß auch Euer Wohlgeboren diesen Schritt billigen werden, und wenn Sie uns in unserem Bestreben gütigst durch irgendwelche Beisteuer, welche in der »Oesterreichischen Wochenschrift" ausgewiesen werden soll, unterstützen wollten, wäre damit eine gute, dem Judenthume zum Wohle gereichende That erfolgt, für welche wir im Vorhinein, unseren wärmsten, herzlichsten Dank zum Ausdrucke bringen. Geldsendungen erbeten an »Anna R a d n i tz e r für den Tempelbau" in Blowitz bei Pilsen. Genehmigen Sie zugleich den Ausdruck unserer vollkommensten Hochachtung und Ergebenheit. Für das Comits: Anna Radnitzer, Josef Glauber, Ant. Radnitzer. Der Besuch der Burenführer in Berlin und die Antisemiten. Ein Pariser Blatt hat in diesen Tagen von Burenfreunden gesprochen, die in den Buren eine ausbeutungsfähige Quelle der Popularität erblicken. Daß es auch in Berlin solche Burenfreunde gibt, hat sich jetzt gezeigt. Wenn bei irgend einer Gelegenheit, so mußten bei dem Besuch der Buren ausgesprochene Parteimänner in den Hintergrund treten; das erforderte die selbstverständliche Rücksicht auf die Thatsache, daß unter den Zehntausenden, welche die Burengenerale umjubelten, Angehörige aller Parteirichtungen vertreten waren. Anstatt aber diesen Sachverhalt zur Richtschnur zu nehmen, haben sich sowohl Liebermann von Sonnenberg, wie Stöcker auf das Geflissentlichste in den Vordergrund gedrängt. Herr Liebermann in einem Wagen mit General Dewet, Stöcker, ein Gebet sprechend, vor dem Bankett — beiden gegenüber drängt sich der Verdacht auf, daß sie die eigene Popularität mit Hilfe der Popularität der Burengenerale erhöhen wollten. Gleich Stöcker und Herrn von Liebermann hat die , Staatsbürger-Zeitung" die Burengenerale als eine ausbeutungsfähige Quelle der Popularität benützt. Denn sicherlich ist es kein Zufall, wenn gerade während der Anwesenheit der Bucenführer von der »Staatsbüger-Zeitung" ein Aufruf zu finanzieller Unterstützung des Verlegers und des Redacteurs der »Staatsbürger-Zeitung" wegen ihrer Verurtheilung in dem bekannten Proceß erschien, und wenn in jenem Aufruf wörtlich gesagt wird: »Wir wollen eine Sammlung veranstalten für die »Staatsbürger-Zeitung", die in unserem Vaterland so burentapfer kämpft gegen die Uebermacht des Judenthums." Daß der Sache der Buren damit nicht genützt wird, ist klar. Was die Buren brauchen, das sind nicht schlechte Gedichte und hohle Phrasen, sondern Geld für die Opfer des Krieges. Daß die jüdischen Bürger stets eine offene Hand in Sachen der Wohlthätiqkeit haben, das wird ihnen auch ihr schlimmster Feind nicht bestreiten. Man wird es ihnen aber nicht verdenken können, wenn sie mißtrauisch werden und sich von einer Sache zurückziehen, an deren Spitz" Her^ v. Liebermaun steht. Tatsächlich haben unsere Antisemiten stets Juden und Engländer identificirt und den ganzen Burenkrieg den Juden in die Schuhe geschoben. Wie blödsinnig dieses Gebühren auch ist, es steckt doch Methode darin. Man will eben bei jedem Ereigniß für das antisemitische Geschäft etwas profitiren. Interessant ist die Thatsache, daß ein von G l ö ß gezeichneter antisemitischer Buren-Bilderbogen zusammen mit einem Dankschreiben des Dr. L e y d s für die Übersendung des Bilderbogens vertrieben worden ist. Auf eine diesbezügliche Information schrieb Dr. Leyds umgehend an den Verleger Bewer, daß dieser Bilderbogen Anstoß erregt und den falschen Eindruck hervorgerufen habe, als ob er sich an der antisemitischen Hetze betheiliqe; er erklärte darin, daß er der antisemitischen Agitation völlig fernstehe, und verbot in energischer Weise den weiteren Vertrieb der Bilderbogen unter Berufung auf sein Dankschreiben. Es dürfte wohl Niemanden in Erstaunen setzen, aber es ist überaus bezeichnend für die antisemitische Geschäftsmache, daß weder Glöß noch Bew'r diesen Brief veröffentlicht haben. Sarah Bernhardt in Berlin. In den letzten Wochen hatte man in Deutschland Gelegenheit, die große französische Tragödin in ihren Hauptrollen auftreten zu sehen, und nicht nur der kleine Kreis künstlerischer Gourmands, sondern ein Publicum, ans allen Schichten der Bevölkerung gebildet, drängte, sich zu dem Ereigniß der Theatersaison. Aus den Zuschauern wurden bald enthusiastische Bewunderer, die, von dem Genie dieser Frau hingerissen, ihr die Französin und zu guterletzt sogar die Jüdin verziehen. Der fromme Berliner »Reichsbote" fand Worte der höchsten Anerkennung für ihre unvergleichliche Künstlerschaft, — »so unsympathisch uns auch sonst ihre Persönlichkeit und Race sein mag", fügte er hinzu. Sarah Bernhardt wird sich aber wohl ebenso über diese persönliche Antipathie des »Reichsboten" zu trösten wissen, wie über die amüsante Erfindung, welche die antisemitische »Staatsbürger-Zeitung" ihren Lesern auftischte. Dieses Blatt wußte nämlich zu berichten: Frau Bernhardt sei gar keine Französin, sondern in Frankfurt a. O. als Tochter eines armen jüdischen Pferdehändlers Feibel Bernhardt geboren, habe in Berlin ihre Laufbahn begonnen und sei erst später nach Paris verschlagen worden. Was die »Staatsbürger-Zeitung" mit diesen Enthüllungen bezweckte, die die künstlerische Qualität Frau Bernhardt's doch absolut nicht berühren und überdies durchaus erfunden sind, war vollkommen unklar. Umso deutlicher spricht aber das Telegramm, das die große Tragödin an eine Berliner Dame richtete, die auf Grund der Mittheilungen der »Staatsbürger-Zeitung" mit der Künstlerin verwandt zu sein glaubte. Dasselbe wurde auch in der »Staatsbürger-Zeitung" veröffentlicht und lautet in deutscher Uebersetzung folgendermaßen: »Madame! Sie sind durch ein erpresserisches Blatt (Journal de Ghantage), welches in Berlin verkauft wird, ge-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.