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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-11-14 · 46 (14.11.1902) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
46 (14.11.1902)
Date
1902-11-14
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Sette 744 Dr. Bloch's Wochsnfchrifk. Nr. 46 von Angestellten berangebildt wurde. Alle diese aspirirten jetzt die wirkliche Selbstständigkeit. „keinen Schutz" mehr. Aber ihre Lebrhrrren, die ja selbst eine außergesetzliche Existenz gehabt hatten, waren außer Stande, ihnen die nothwendigen legalen Zeugnisse auszustellen. Vielfach waren es die Söhne dieser Chefs selbst, welche sich in dieser peinlichen Lage befanden. Weiters war gerade zu der Zeit haust; der Fall eingetreten, daß fähige junge Leute mit guten Vorstudien, aber ohne „Lehre", angelockt von dem damaligen Aufschwünge des Wiener Zwischenhandels, sich dieser Laufbahn gewidmet hatten; aber es war das erst in einem Alter geschehen, welches die orthodoxe „Lehrlrngsform" nicht mehr zugelaffen hätte. Sie waren beispielsweise sofort als „Buchhalter", also weder als „Lehrling", noch als „Commis", eingetreten, waren — überall thätig, überall mit zugreifend, Alles lernend — tüchtige Kaufleute geworden, und jetzt, vor der Etablirung, standen sie, ungeachtet der wirklichen Befähigung, ohne — wie man es heute nennt — „Befähigungs"-Nachweis. Diese Verhältniffe wurden aber durch die der Revolution nachfolgende Entwicklung unhaltbar. Der Handel drängte stürmisch nach freier Bahn. Die Aufhehung der Zwischenzoll-Linie gegen Ungarn, die neuen Bahnen brachten damals fortwährend neue Schichten von Käufern, welche neue vermehrte Verkäufer, neue Firmen verlangten. Was trat da nun ein? Das, was eintreten mußte, was unter gleichen Umständen wieder eintreten wird. An den unfahrbaren Hauptgeleisen vorbei, wurden, um zum Ziele zu gelangen, Nebengeleise eingeschlagen, und — gefördert durch die in der Beamtenschaft selbst feststehende Ueberzeugung von der Unmöglichkeit, den bestehenden Zwang weiter durchzuführen, aber immerhin auf Kosten der öffentlichen Moral — gefunden; Wege, welche bald darauf, 1859, die Regierung selbst gewiß nicht rechtfertigte, aber nahezu dadurch exculpirte, daß sie diese avitischen Gremial- und Zunftbestimmungen durch die „Gewerbefreiheit" aufhob. Hier wären wir also bei der Gewerbefreiheit angelangt. Welche Veränderungen brachte sie unserem Wiener Lu gros- Zwischenhandel? Da hatten natürlich die von mir soeben geschilderten corrupten Zustände ein Ende. Der Handel in Wien bekam nun gesetzlich Luft. Der nun, 1860-1870. folgende Aufschwung war unverkennbar. Er hatte schon vordem seinen finanziellen Ausdruck, in der Gründung von bisher unbekannt gewesenen, rein kaufmännischen Creditinstituten, wie der „Niederösterreichischen Escompte-Gesellschait", gefunden, jetzt fand er auch eine charakteristische. räumliche, sickt- und greifbare Verkörperung in dem Entstehen der neuen Stadt, die man heute unter dem Gesammtnamen „Quai" bezeichnet. Wir sagen nicht zu viel, wenn wir es aussprechen, daß diese neue Stadt von dem jüdischen Wiener Manufacturhandel, für ihn. durch ihn gebaut worden ist. Vergleicht man die Ausdehnung dieses Handelsviertels, wie es sich räumlich in seiner jetzigen Gestalt dem Auge darstellt, mit den wenigen Gassen und Häusern, die es vormals in der Inneren Stadt eingenommen, so ist dieser Handel offenbar percentuell mehr gewachsen, als die Stadt selbst. Wir sehen hier geradezu ein imponirendes Stück Arbeit, das Resultat großer Anstrengung von Seite unserer Glaubensgenossen, eine Arbeit, welche die Anerkennung jedes Unbefangenen erringen muß. Und mit dieser Anerkennung, meine Herren, ist auch in ganz zweifelloser Weise — und ich kehre hier zu dem Beginne meines Vortrages zurück — die Frage beantwortet, die ich gestellt habe: ob die wirthschaftliche Thätigkeit der Juden Wien von Bortheil und Werth gewesen! Meine Herren, wir können sie mit gerechtem Stolze und auf das Entschiedenste bejahen. Wenn eine Schichte sich um Wien verdient gemacht hat, sind es die Juden, die in Wien, wo ihnen nicht die Luft zu athmen gestaltet war. den ^ngros-Handel, den es vollständig verloren hatte, wieder geschaffen haben und durch diese Organisirung des Absatzes die Durchführung des Prohibitivsystems, die Schaffung der österreichischen Industrie mit möglich gemacht hat. Es ist nothwendig, daß diese unzweifelhaften Thatsachen auf wiffenschaftlichem Wege in das Inventar der österreichischen Wirthschaftsgeschichte einverleibt, actenmäßig. documentarisch begründet werden. Aber ich gehe weiter: Diese Aufgabe, die Feststellung des Antheils der Juden an der öconomischen Entwicklung und Förderung W-ens, ist nur eine vereinzelte unter vielen ganz gleicher Art, sie alle zusammen bilden jene Richtung, welche ich mir erlaubt habe, als im Allgemeinen vernachlässigt, aber gerade als die dringendste und nöthigste zu bezeichnen: Es muß vor Allem das Material für die Wirthschaftsgeschichte der Juden in Oesterreich hergestellt werden. Das ist nicht Laien-, das ist rechte und gerechte Gelehrtenarbeit. Hoffen wir, daß die Commission sich dieser Aufgabe baldigst bemächtigt, sie zu ihrem und unserem Ruhme löst. Meine Herren, ich bin zu Ende — endlich! werden Sie sagen — und ich danke Ihnen für die Geduld, mit der Sie mich angehört! (Lebhafter, langanhaltender Beifall und Händeklatschen.) _ Vom Jahrmarkt des Lebens. Gloffen zur Tagesgeschichte. (Rrrrtsch! — „Bedauern" rechts. — Bergani plaidirtfür die Lynchjustiz. — Ehrlich und unehrlich.) „Rrrrtsch!" Mit diesem unartikulirten Laute kennzeichnete Dr. Lueger im Parlamente den Ausfall der Landtagswahl. Es ist ihm gelungen, den Dr. Adler in Favoriten „abizudrahn". Er hatte es auch vorder angekündigt, er werde die Gegner „abidrahn", und die K aftausdrücke, die Herr Dr. Lueger in dieser Wahlcampagne zu Tage förderte, sind ein Document unverhüllter Roheit. Der Führer der Wiener Antisemiten thut sich viel darauf zugute, daß er ein „Sohn des Volkes" ist. Diesen, seinen Sohn aber hat das Volk wahrlich schlecht erzogen. Es ist wahrlich eine zeitgeschichtliche Erscheinung, daß ein Politiker, ein öffentlicher Würdenträger, der dem Volke zum Vorbild dienen soll, sich so ordinär benimmt, wie Dr. Lueger im Parlament. Dr. Lueger ist sehr eingebildet auf sein Wienerthum, aber seine Sprache hat die Merkmale des wirklichen Wiener Dialects längst verloren. Man muß in die „entersten" Gründe gehen, man muß in die tiefsten ungebildetsten Volksschichten hinabsteigen, um so reden zu hören, wie Dr. Lueger spricht. Das ist nicht Wienerisch, das ist nicht einmal Lerchenfelderisch oder Hernalscrisch. Es hieße die braven Frauen am Naschmarkt beleidigen, wollte man ihre Redeweise, wenn sie in Zorn gerathen, mit den Geberden und Ausrufen Lueger's vergleichen. Die Wasserer auf den Standplätzen der Lohnwagen würden sich einer so anwidernden Roheit schämen. Sogar das.clericale „Vaterland", das officielle Organ der Christlich-Socialen, ist genöthigt, dieses Benehmen Lueger's und seiner Rotte zu tadeln. Allerdings kleidet es diesen Tadel in recht milde Worte. Immerhin schreibt es. daß die antisemitisch-socialdemokratischen Scenen die Scandalsucht des Publicums befriedigt haben und es sagt ausdrücklich: „Wir haben es schon seit Langem aufgegeben, als Nufer in der Wüste diesem Parlament bessere Sitten zu predigen, können jedoch sp-ciell heute nicht umhin, der Thatsache Erwähnung zu thun. daß die Art und Weise, in welcher die C h r i st l i ch - S o c i a l e n die socialdemokratischen Angriffe abwehrten, auf der rechten Seite des Hauses, wo man den Wahlerfolge n der Wiener Christlich-Socialen gewißaufrichtigeSymPathien entgegenbrachte, Bedauern erregt haben." Aus diesem sanften Tadel allein kann man schon entnehmen, welchen Peinlichen Eindruck .das Betragen der Luegergarde auf ihre eigenen Freunde gemacht. Daß es die Entrüstung und den Abscheu der Gegner hervorrief und ihre Erbitterung auf's Aeußerste steigerte, ist selbstverständlich. Dennoch hätten wir gewünscht, daß die Socialdemokraten bei aller Energie doch in der Form des Angriffes sich nicht ins Unrecht setzen. Damit haben sie nämlich einer heimtückischen Absicht der Christlich-Socialen Vorschub geleistet, der Absicht nämlich, durch einen riesigen Scandal die Aufmerksamkeit von dem eigentlichen Kern der Sache abzulenken und eine Debatte über die Jnterpcllationsbeantwortung des Herrn Ministerpräsidenten, damit aber auch die Erörterung der beispiellosen Vorgänge bei der Stichwahl in Favoriten zu vereiteln. Aus diesem Grunde würdigte sich Lueger so weit herab, mit unarticulirten Lauten und läppischen Geberden seine Gegner ob der erlittenen Wahlniederlage zu verhöhnen; Geßmann und Strobach secuudirten ihm und führten Orgien der Gemeinheit auf. * * * Der Sieg der Christlich-Socialen in Favoriten war nicht das Resultat einer ehrlichen Abstimmung; er war durch Stimmenkaus, durch Einschmuggelung unberechtigter Stimmen, durch Auslassung berechtigter und chicanöfe Behandlung der socialdemokratischen Wähler, durch Entwendung von Stimmzetteln und durch Terrorismus erzielt. Das Vorgehen der Sicherheits-

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