Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 46 (14.11.1902)
- Date
- 1902-11-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 46 Vr. Bloch's Wochrnschrifl. Seile 743 meinen Großvater noch in einem langen Drapptuchrvck, meinen Vater noch in einem grünen Quäker. Die Erzeuger aber dieser Tuche aus Reichenberg und Bielitz hatten schon seit zwei Jahrhunderten selbst eigene Niederlagen in Wien, weil sie anders den Verkauf an die griechischen Commissionäre für den Orient, wohin letztere diese Tuche stark expvrtirten, nicht bewerkstelligen konnten. Die ordinären Bauerntuche, sowie die mährischen sogenannten Jglauer Artikel hingegen: M^done, Flanelle, Schwoner u. s. w., auf welche die Jglauer Erzeugung gesunken war, wurden seit alter Zeit von jüdischen Händlern zur Zeit des Wiener Stadtmarktes hierhergebracht. Mit dem steigenden Bedarfe, namentlich in den Alpenländern, den Hauptconsumenten damals für Tuchartikel, machten sich diese bisherigen Marktbesucher hier stabil, und als dann die Mode von diesen glattfärbigen Strichtuchen auf gestreifte, carrirte, überhaupt gemusterte und blankgeschabte Waare überging, Struks. wie man sie damals nannte, Brünn sich dieser für seine Industrie besonders geeigneten Waare bemächtigte, sie forcirte, mit dieser Waare stetig stieg, nahmen diese Händler, welche bisher nebst Molldonen, Flanellen und Casimiren nur Wlldenschwerter, Trübauer, Zwittauer und Jägerndorfer Tuche geführt hatten, diese Brünner Modewaare mit in ihren Geschäftskreis auf und schufen das Wiener En gros-Tuchgeschäft. Die Geschichte der nahezu hundert Jahre alt gewesenen Häuser A. Pollak's Sohn. Turnowsky, Franz Koritschoner u. A. würde diese meine Darstellung genau bestätige»». Ich möchte aber überhaupt das Gesagte durch einige weitere, mir zur Hand liegende Beispiele illustriren. Nicht etwa durch verschollene Firmen aus den ersten Zeiten dieses wirthschaftlichen Processes, sondern durch einige seiner letzten Ausläufer, durch Namen, die Ihnen allen noch geläufig sind. Sie kennen beispielsweise die Namen H. Stiaßny, Krall, Franz und David Neuman, Jonas und Michael Fröhlich. Die alten Herren aller dieser Firmen waren vom Hause aus sämmtlich große „Marktenfahrer" in Ungarn gewesen, die schließlich in Wien blieben, um an die anderen Provinzler zu verkaufen. Bon den großen Cotton-Zwischenhändlern waren Jsak Breuer, Rüben Löwy, aus dessen Geschäft das ungleich größere seines Schwiegersohnes Sigmund Pollak hervorgegangen, Salomon Mayer durchwegs Provinz-Engrossisten, die von Preßburg zu gleichem Zwecke hierher übersiedelt sind. Und genau so waren, um auch aus anderen Branchen Beispiele zu bringen, von den „Nürrenbergern" Anton Bing in Nikolsburg. M. L. Kanitz in Pest und Biach in Preßburg Kaufleute gewesen; hatten die Seiden- und Garnhändler Koppel Benedikt u. A. m. sämmtlich zuerst in Nikolsburg „gehandelt". Natürlich standen damals solche Etablirungen mit den in Wien geltenden Gesetzen in Widerspruch. Waren die Etablirten doch ausnahmslos Juden, denen, wenn sie nicht zu den wenigen „Tolerirten" gehörten, in Wien auch nur zu wohnen, nicht gestattet war. Auf welchem Umwege »vurden nichtsdestoweniger diese Geschäftsbetriebe möglich? Einige Wenige — der Steuer- und des Fondsausweises wegen war dies nur die Vermögendsten im Stande — erlangten, ganz abseits vom bürgerlichen Gremium, direct von der Regierung das k. k. Großhandlungs-Privilegium". Diese Einzelnen vertraten dann später in dieser Corporation in ganz spärlicher Weise unseren eigentlichen Handel. Das bekannteste dieser Häuser war Jos. Boschan's Söhne. Der aber zur Erlangung dieser „f. k. Großhandlung" das Verinögen und die Protection nicht aufbrachte, »nußte Wege gehen, von denen die heutige Generation keine Ahnung hat. 1799 etablirte Josef Turnowsky aus Steken bei Jglau seinen christlichen Buchhalter als seinen Firmaträger in Wien, um dort auch außerhalb des Stadtmarktes die mährische und böhmische Wollwaare verkaufen zu können. Als in den Zwanziger-Jahren dieser Christ starb, mußte sich einer der Chefs, Ignatz Tournowsky, augenblicklich taufen, um nicht sammt seinem Geschäfte ausgewiesen zu werden. Er ließ aber seine Söhne gleich »nittaufen, um für die Roth getaufte Chefs auf Lager zu haben. Nun, zur Taufe entschlossen sich nur Wenige. Ein anderer klassischer, nur von Wenigen gekannter und nur selten betretener Weg war jener, nicht seinen Gott, aber seinen Kaiser zu wechseln, d. h. türkischer Unterthan zu werden und als solcher eine Handelsfreiheit zu gewinnen, die kein österreichischer Bürger genoß. In dem Sckema des Jahres 1845 figuriren unter den echten „Türken" fünfzehn solche falsche mit Namen, wie Gutmann, Spitzberger u. s. w., die dann gleichfalls weiter „schützten". Koppel Benedikt beispielsweise stand unter dem Schutze Spitzberger's. Der classischeste Ausweg war aber jener, den die Regierung mit Bewußtsein selbst protegirte; geleitet von dem lebhafte» Wunsche, die Industrie zu fördern, verlieh sie ohne Schwierigkeit ein k. k. landesfürstliches Fabriksprrvilegium, und der Schutz »uchende errichtete auch thatsächlich diesem seinem Handel zuliebe in der Vorstadt eine, wenn auch minimale Erzeugung, in welchem Falle er gleichsam statutarisch von der Behörde nie gehindert wurde, neben den eigenen Erzeugnissen, so viel er wollte und konnte. Waaren anderer Fabrikanten zu verkaufen. Speciell diese Latitude der Behörde kam der Industrie außerordentlich zustatten. Eine große Anzahl dieser zu Fabrikanten gepreßten Händler gab bald den Handel auf und forcirte dann umsomehr die Fabrication. Ich nenne Ihnen von denselben nur die jetzt wohl größte Seidenzeugfabrik Oesterreichs, jene nämlich vor» S. Trebitsch u. Sohn, deren Gründer ich als kleinen Händler in einem winzigen finsteren Laden des Sinai'schen Hauses in der Preßgasse noch wohl gekannt habe. Der usuelle Weg aber, den die meisten betraten, war der sogenannte „Schutz", den jeder der Privilegirten in den mannigfachsten Formen gewähren konnte, aber natürlich immer nur gegen hohes Schutzgeld gewährte. Fassen wir diesen jüdischen Handel ins Auge, die Ausdehnung desselben und seine Verbreitung, so können wir nur das Talent und die Ausdauer anerkennen, mit der diese Juden unter solchen Schwierigkeiten und Hemmnissen jene Erfolge erreichten. Und diese Hemmnisse, diese Schwierigkeiten blieben ganz unverändert bis zum Jahre 1848. Welchen Einfluß batte nun die mit der Revolution nngetretne neue Aera auf diese hier geschilderten Wiener Verhältnisse? Ward jetzt in Wien dem Handel der Juden Freiheit und ungehinderte Entfaltung? Noch lange nicht! Allerdings war und blieb von da ab die Freizügigkeit Gesetz. Zum Erwerbe eines Handelsbefugnisses war nunmehr kein Taufzeugniß niehr nöthig. Aber ein anderes großes Hinderniß, die alte Greunalversassung, blieb aufrecht. Zur Etablirung als Kaufmann mußte der Nachweis der gesetzlichen Lehr- und Servirjahre und des vorgeschriebenen „Fonds" geliefert werden. Da spielten sich nun in dem Kampfe zwischen dem letzten Zwecke jeder wirthschaftlichen Gesetzgebung, der ökonomischen Entwicklung und den zweckwidrigen gesetzlichen Bestimmungen merklvürdige Dinge ab. Es war nur sehr natürlich, daß vor Allem jene große Anzahl der jüdischen Engrossisten die nur formal gesetzliche Form des „Schutzes" durch ein vollberechtigtes Handelsbefugniß ersetzen wollte. Das traf nun auf sehr große factische Schwierigkeit. Diese Chefs von oft sehr bedeutenden Häusern waren ja der übergroßen Mehrzahl nach ältere, zum Theil sehr alte Herren, die alle vor dreißig, vierzig und fünfzig Jahren aus den verschiedensten Provinzen und aus den verschiedensten socialen Provenienzen nach Wien gekommen waren. Sie sahen sich gar nicht mehr im Stande, eine regelrechte Lehrlings- und Gehilfenzeit nachzuweisen, hatten auch vielfach thalsächlich eine solche gar nicht absolvirt. Biele hatten, wie wir ja oben beispielsweise gebracht, als Marktenfahrer begonnen, hatten als solche in Wien ihren Bedarf eingekauft, sich dann hier als „Platzsteher" heimisch gemacht. Mit dieser Gestalt des vormärzlichen Wiener Handels bezeichnet« man einen Mann, welcher ohne Schutz, ohne eigenen Laden im Morgengrauen in der Vorstadt Seidentüchel, Westen, Kleiderstoffe, Perkails und Anderes kaufte, all das dann im Laufe des Tages in irgend einem Winkel, in seinem Wohnstübchen oder im „Einsatz" d. h. in einem Laden, dessen Eigenthümer ihm einen Schrank vermiethet hatte, an Kunden, die er vom „Platze" wegführte, rasch verkaufte, dieses Spiel unermüdlich Tag für Tag wiederholte, bis aus diesem „Platzsteher" ein ganz regelrechter, häufig wohlhabender Kaufmann wurde. Eine solche charakteristische Type war der „alte Krall", der auf diese Weise angefangen hat und als Millionär starb. Aber selbst alle Jene — und sie dürften die Mehrzahl gebildet haben — welche seinerzeit, etwa in der ungarischen Heimat, thatsächlich in einem Kramladen „gelernt und gedient", waren trotzdem nicht in der Lage, diese Zeugnisse zu beschaffen. Der Zeit nach konnten die Lehrherren gar nicht mehr am Leben sein, und bei dem regelmäßigen Mangel von Gremialordnungen und Registern in den Ghettos der Provinz war das Zeugmß unmöglich zu beschaffen. Aber es handelte sich ganz und gar nicht um diese alten Herren allein. Es war ja auch selbstverständlich, daß im Verlaufe der langen Periode in diesen unter „Schutz" arbeitenden Geschäften durch diese blos geschützten Chefs eine große Anzahl