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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-11-14 · 46 (14.11.1902) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
46 (14.11.1902)
Date
1902-11-14
Page
– (sequence 4)
Language
German
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-Lette 742 Vr. Vloch's WochenjÄrrift. Nr. 46 und zwar unglaublich früh in jenen nicht allzuvieten Orten, die über ein geeignetes Walkwaffer verfügten, die Wollweberei concentrirt und die primitive bäuerliche Tucherzeugung überwunden: für die ordinären Tuche in Zwittau, Trübau, Wildenschwert, Reichenau und Oderau u. A. m. Für die besseren Artikel hatten schon im fünfzehnten Jahrhundert einwandernde „Flamländer" in Jglau, Reichenberg und Brünn eine wirkliche Fein-Tuchindustrie zu schaffen verstanden. In Steiermark waren dessen Erzlager und Wasserkräfte die natürlichen Schöpfer einer gesunden Eisen- und Stahlindustrie geworden, und waren namentlich die Erzeugnisse der dortigen Klingenschmiede von der Sense bis zum Eßbesteck und Federmesser schon sehr starke Artikel, die einen Weltruf und zum Theile einen Weltmarkt besaßen. Für den Absatz nun aller Erzeugnisse der böhmischen und mährischen Weber, der steirischen Eisen- und Geschmeidearbeiter u. s. w., der eigentlichen Handelswaare, gab es damals nur einen Weg: die verschiedenen Messen, die Märkte in Linz, Graz, Pilsen, später namentlich Brünn, das mit seinem Markte alle anderen überflügeln mußte, weil es den mährischen Productionsorten und den immer wichtiger werdenden ungarischen Consumenten zunächst gelegen war. Zu jener Zeit war aber auch einer der wichtigsten dieser Messen der „Wiener Stadtmarkt". Wir können diese einstmalige Bedeutung des „Wiener Stadtmarktes" der heutigen Generation kaum mehr begreiflich machen. Trotzdem reicht sie bis knapp an unsere Zeit heran. Es lag noch vor nicht gar so vielen Jahren in der Erinnerung der älteren Kaufleute, daß nicht blos die kleineren böhmischen und mährischen Weber ihre Maaren, sondern auch jene, welche seither zu den heutigen Weltfirmen geworden sind, wie zum Beispiel die L i e b i g s, ihre Orleans, ihre Tüchel oder Baramatas u. s. w. in den Hüttei, welche bald in der Taborstraße, bald in der oberen Augartenstraße standen, verkauft haben. Noch vor vierzig Jahren, innerhalb meiner Erinnerung, hatten die Rumburger Webenerzeuger: die Holfeld, Lorenz, Rudolf u. s. w., die Tradition, nach Wien stets zur Zeit des Stadtmarktes mit ihrer „Waare" zu kommen, obwohl letzterer schon nur mehr ein „Jahrmarkt", das Ergötzen der Kinder, geworden war und sie sozusagen gar nichts mehr anging. Weiters hatte gerade der Wiener Markt die specielle Anziehung für den Provinzkaufmann, daß die Steirer und Niederösterreicher, die Erzeuger aller der Metallwaaren, in der Regel auf ihm zahlreicher und sicherer zu finden waren als auf den böhmischmährischen Märkten, und daß die Marktgäste zugleich die Gelegenheit wahrnehmen konnten, auch die nothwendigen ausländischen Artikel bei den obenerwähnten „Niederlägern" im Köllner- und Regensburgerhofe einzukaufen. Bon zwei Seiten her vollzog sich nun langsam und allmälig, aber stetig und unaufhaltsam eine Aenderung. Die ausschließliche Marktgelegenheit ward dem rasch auflebenden und wachsenden Consum zu eng, dem ungarischen und sonstigen Zwischenhändler zu spärlich. Diese letzteren Kaufleute brauchten sämmtlich jetzt einen Platz, an welchem sie zu jeder Zeit, so oft sie es nöthig hatten, ihren Bedarf decken konnten. Hierzu trat ein noch entscheidenderes Moment. Das Prohibitivsystem Karl's des Sechsten, energisch fortgesetzt von Maria Theresia und Josef dem Zweiten, hatte eine österreichische Industrie geschaffen. Der Sitz dieses neuen reichen industriellen Lebens war aber fast ausschließlich Wien. In dem oben schon erwähnten zweiten Theile meines Buches habe ich eine Entstehungsgeschichte dieser Wiener Industrie zu geben versucht. Sie finden nun in dieser meiner Studie beispielsweise, daß zu jener Zeit die Textilwaare in allen ihren Schattirungen in Wien vertreten ist. Erst seit ungefähr dreißig Jahren ist dieselbe von Wien weg auf das flache Land verlegt worden. Damals war mit Ausnahme der Tuch- und Leinwandweberei die Textilindustrie fast ganz Oesterreichs in Wien zu Hause, vielfach hier fast ganz und gar concentrirt. Das heißt: die Erzeugung der Stoffe für die gesammte große eine Hälfte der Bevölkerung, für die Frauenkleidung, vollzog sich damals fast ausschließlich hier in Wien. So finden Sie die Weißwaare vom billigsten Organtin bis zum feinsten Mousseline, das, was wir heute Barchent nennen, dann den unendlich großen Artikel des Umhängtuches vom ordinärsten Baumwolltuche bis zum feinsten türkischen Shawl, die ganze Seiden- und Bandwaare, all die Artikel, welche damals die heutige große Erzeugung in Asch, Neustadt!, Reichenberg vertreten haben, die ganze Druckindustrie in Cotton wie Schafwolle, dazu für Herrenkleidung die damalige große Westen-Erzeugung — alle diese Artikel haben in Wien ihren Anfang genommen und sind erst viel später von da aus durch die Weber der Provinz in billigerer Waare vielfach imitirt worden. Neben der Textilindustrie blühte ebenso rasch jene der eigentlichen sogenannten Wiener Industrien auf, in Holz, Leder. Bein, Bronze, Stahl u. s. w. All diese Producte des neuen Wiener Gewerbefleißes brauchten nun einen anderen Absatz als den bisherigen der Messe. Auch der Wiener Stadtmarkt bot hier keine Hilfe, und zwar aus den verschiedensten Gründen. Der böhmische Weber war seit Jahrhunderten gewohnt, sich jedesmal nach langen Monaten in die „Hütte" auf einem Markt zu stellen und die Käufer zu erwarten. Der Wiener Erzeuger prätendirte, während des in seiner eigenen Stadt staltfindenden Marktes in seinem Hause ausgesucht zu werden. Das ist überhaupt eine Eigenthümlichkeit des Erzeugers. Sie konnten sie auch in Brünn beobachten, der Brunner Weber stand nicht auf dem Markte. Weiters waren diese Wiener Erzeugnisse Modeartikel, also zumeist Waare, die nicht, wie die böhmischen Leinwände und Tuche, auf den Verkauf ein halbes Jahr warten durfte. Inzwischen waren ja die Dessins, oft auch das ganze Genre überholt. Schließlich und hauptsächlich: auf dem „Markte" hatte der Einkäufer aus der Provinz die verschiedenen Zweige der Erzeugung je in einem Theile der sich zu Gassen reihenden Hütten concentrirt und gruppirt gefunden und sich Hütte an Hütte das ihm gerade Convenirende aussuchen können. In wenigen Stunden, war er „expedirt". Um seinen Bedarf aber bei den in den Vorstädten Wiens zerstreuten Fabriken zusammenzusuchen, fehlte diesem Provinzkäufer die Platzkenntniß und noch mehr die Zeit. Kurz, das Bedürfniß nach einem vermittelnden Zwischenhandel ward von allen Seiten her lebendig und drängend. Wie sollte nun diesem Bedürfnisse entsprochen werden? Die k. k. priv. Großhändler betrieben, wie schon erwähnt, das Bankgeschäft und hatten die Function der heutigen Banken. Den oben schon erwähnten, im Schema angeführten „bürgerlichen Kaufleuten", den Gremialisten am Graben und Kohlmarkt oder gar den „gemischten Kaufleuten" der Vorstadt fehlten zu der Vermittlung des Absatzes der Wiener Erzeugnisse sowohl die Fühlung mit der Provinz wie die Schulung und Eignung für diesen Handel. Umgekehrt besaß eine andere Kategorie von Geschäftsleuten nicht nur diese Eigenschaften alle in hohem Maße, sondern gerade ihnen war auch die Nothwendigkeit des Lu gros-Zwischenhandels speciell in den soeben erwähnten Zweigen zu allererst fühlbar geworden. Das waren jene jüdischen Kaufleute aus Pilsen und Prag, Papa und Pest, Tritsch und Trebitsch, Proßnitz und Horic, Preßburg und Nikolsburg u. s. w., welche zu Hause und aus den Märkten diesen Zwischenhandel an die Landkrämer, wie an die Hausirer, zu jener Zeit die Hauptvermittler auf dem flachen Lande, aus historischen Gründen seit vielen Jahrhunderten betrieben und zu diesem Zwecke veranlaßt waren, in Wien auf dem Stadtmarkte, bei den „Niederlägern" und jetzt' auch die Erzeugnisse der dort entstandenen neuen Industrie einzukaufen. Den Unternehmenderen unter diesen Leuten lag es sehr nahe, mit ihrer Thätigkeit die oben dargelegte klaffende Lücke ausfüllen zu wollen. Und das haben sie auch gethan. Es waren durchwegs Provinzkaufleute dieser Art, welche sich in ununterbrochener Folge vom Beginne des 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts hier in Wien zu diesem Zwecke etablirten. Es war weiter nur ein ganz natürlicher Verlauf, daß diese nach Wien übersiedelten Provinzialen sich bald nicht mehr auf den Verschleiß der Wiener Vorstadterzeugnisse beschränkten, sondern auch auf das Erzeugniß der Provinz griffen. Und zwar machte sich das sehr einfach und rasch. Die böhmischen und mährischen Leinwand- und Baumwollweber waren bis dahin mit ihren Maaren regelmäßig zu jedem der Wiener Stadtmärkte erschienen; jetzt kauften ihnen diese in Wien stabil gewordenen jüdischen Kausteute ihre Waare ab. Zuerst auf dem Stadtmarkte, dann suchten sie sie in ihren Weberdörsern: Warnsdorf und Rumburg, Sternberg und Schönberg, Grulich und Rothwasser, Trübau und Freudenthal u. s. w. auf, kauften dort an Ort und Stelle. Alle Weber sind immer sehr zufrieden, wenn sie zu Hause bleiben können, unsere Böhmen und Mährer hörten auf, den Wiener Stadtmarkt zu besuchen, der Wiener Textil-Zwischenhandel wurde ein centraler. Am spätesten gelangte in die Hand des Wiener jüdischen Händlers der Tuchhandel. Das hing mit folgenden Verhältnissen zusammen: Bis in die ersten Vierziger-Jahre des verflossenen Jahrhunderts kannte man keine dessinirten und keine Mode-Herrenkleiderstoffe, sondern man trug nichts anderes als glattfärbige Strichtuche: blau, grün, hellbraun, drapp, grau u. s. w., Stoffe und Farben, wie sie sich heute noch in den Livreen erhalten haben. Ich kannte

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