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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-11-14 · 46 (14.11.1902) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
46 (14.11.1902)
Date
1902-11-14
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Sette 740 Dr. Bloch's WochvnMMk. Sir. 46 Wien aufhalten dürfen, und um dieses Gebot wirksam zu machen, wurde jede koschere Traiterie verboten. Noch Anfangs des vorigen Jahrhunderts wurde dem David Jos. L. Boskowitz aus Alt- Ofen, dem Gründer des Hauses Boskowitz, des schon damals größten ungarischen Manusacturgeschäftes, die Eclaubniß, zum Behufe des Einkaufes sich ständig hier aufzuhalten, abgeschlagen. War es nun auch nicht zu vermeiden, daß von den fremden Juden, die immer wieder nach Wien kamen, der Eine, um hierein-, der Andere um hier zu verkaufen, stets einzelne hier blieben, so waren diese Juden rnernbra ckisjeota, Theile ohne Zusammenhang und Gememsamkeit. Aus diesem Mangel an Zusammenhang und Solidarität ist es zu erklären, daß sich damals, wie aus einem Regierungserlasse aus dem Jahre 1718 hcrvorgeht, zwischen diesen vermögenden Juden und den besseren Classen der Christen ein gewisser socialer und Familienverkchr etablirte, dem eben dieser Erlaß entgegentrat — allerdings vergeblich; denn wir kennen ja den Höhepunkt, zu welchem bis zur Zeit des Franzosenkrieges und des Wiener Congreffes dieser Verkehr gelangte, die Rolle, welche damals die Mitglieder der vornehmen jüdischen Gesellschaft, wie Eskeles, Arnstein u. A. m. spielten. Mit dem heutigen Wiener Judenthum aber hat diese Schichte nichts zu thun. Beispielsweise war der Großvater des Banquiers Eskeles allerdings noch zugleich mährischer Landesrabbiner gewesen, aber schon der ungetanste Vater des Letzteren hatte mit den Juden so wenig Zusammenhang wie seine geschäftlichen College», die Banquiers Freiherr von Geymüller und Gras Fries. Nur sehr allmälig und verhältnißmägig ziemlich spät sammelte sich in unserer Metropole das Material zu einer neuen wirklichen Judenschast. Welcherart war diese nun, und wie entstand sie? Um Charakter und Wesen dieses von Neuem sich einpflanzenden und sortentwickelnden Wiener Judenthums lebendig und deutlich vor Augen zu führen, muß ich Ihnen, meine Herren, dasselbe auf jenem Punkte der Entwicklung zeigen, von wo ab es wieder ökonomisch wie social eine ganz andere Gestalt, ein anderes Gesicht erhält — das ist der Zeitpunkt knapp vor dem gründlichen Umsturz, den das Jahr 1848 herbeigeführt hat. Zum richtigen Verständnisse des damaligen, des vormärzlichen jüdischen Wien wird es sich aber außerordentlich empfehlen, wenn ich Sie zuerst einen kurzen Blrck aus dessen Gegeubüd, aus das Judenthum der Provinz in der gleichen Zeit, werfen lasse. Wohl wenige von Ihnen, meine Herren, werden noch ein echtes und rechtes Ghetto aus dieser vormärzlichen Zeit gekannt haben, ein Ghetto, wie jenes, in welchem ich geboren und erzogen worden bin. Dieses Ghetto, eine Mustertype für alle, bestand aus einer einzigen schmalen Gaffe. Dieselbe wurde noch jeden Abend auf beiden Seiten von der Polizei durch schwere Gitter abgesperrt und konnte des Nachts, ohne daß letztere durch die Wächter geöffnet wurden, nicht verlassen weroen. In dieser Gassenenge, der das Gesetz keine Erweiterung gestattete, waren zu meiner Zeit ungefähr fünftausend Menschen in elenden, sanitätswidrigen Häusern zusammengepfercht; in diesem engen Raume mußten sie leben, wohnen, sterben. In dieser Gasse, wo, um mit dem Dichter zu sprechen, „trübe und schwer der Himmel auf meinen Scheitel sich senkte"', wurde nur gearbeitet und gesorgt, kannte man nicht das, was ein Leben voll Sorgen und Arbeit allein erträglich macht, die stellenweise Unterbrechung des grauen Daseins durch zeitweilige Heiterkeit und Frohsinn. In dieser Gasse wurde nicht gelacht, selbst nicht von den Kindern. Diese Atmosphäre ging natürlich und hauptsächlich von den Erwerbsverhältmffen aus, in denen sich diese fünftausend Seelen befanden. Denn wie „ernährten" sich dieselben? Wie war ihre wirtschaftliche Lage? Die Hausbesitzer in der Judengasse waren zumeist Christen. Durch die Uumöglichkeit der Erweiterung gegenüber dem Anwachsen der Bevölkerung waren die Miethverhältmffe so gräßliche geworden, daß schon um die Mitte des 18. Jahrhunderts sich in einem Acte der Verzweiflung sämmtliche Gemeindeglieder zusammengethan und einen Revers unterschrieben hatten, daß es keinem Juden innerhalb der Gemeinde gestattet sein solle, ein Local zu beziehen, das der frühere Miether einer Zinssteigerung wegen hatte verlassen müssen. Der Revers ward Gemeindestatut und blieb in Geltung bis zu der Oeffnung des Ghetto im Jahre 1840. Das „Handwerk" war unter ihnen fast gar nicht vertreten. Kein jüdischer Lehrling wurde von einem christlichen Meister in die Lehre, kein jüdischer Geselle in Arbeit, kein Jude, wenn er auch durch besondere Verhältnisse Meister geworden wäre, in eine Zunft ausgenommen. Man kannte in dieser Gasse nichts als Handel — aber welcher Art! Alle Erdgeschosse der Gaffe waren Kaufmannsläden — aber mit wenigen Ausnahmen nur Krämereien. Diese jüdischen „Kaufleute"' waren Kleinhändler, kleine, zumeist arme Leute, unter 1500 Familien fand sich nur ein halbes Dutzend, deren Existenz über dieses Niveau hinausragte. Und — die eisernen Gitter waren nicht nur eine räumliche Trennung. Geistig und social stand die ganze Judenstadt ohne jeden Zusammenhang mit der Christenstadt. Die Stadt hatte als Sch des ungarischen Reichstages ein starkes politisches Leben und, damals eine außerordentliche Seltenheit, eine wirkliche politische Zeitung — aber nicht für die Juden. Unter ihnen war auch nicht ein Exemplar dieser oder einer anderen Zeitung zu finden. Theaterbesuch galt als excentrisch, bei den Frommen auch nur Lesen eines anderen als jüdischen Buches als sündhaft — kurz, zwei Welten, die neben-, nicht miteinander leben. Die Stadt, dessen Ghetto ich Ihnen hier geschildert, ist heute von Wien nur eine Bahnstunde entfernt. Welchen Anblick boten zu jener Zeit dagegen die Juden Wiens. Vor Allem ist hier von einem geschloffenen Ghetto keine Spur! Wir sehen in zwei Bezirken, der Inneren Stadt und der Leopoldstadt, viele Juden, so viele, daß sie gewissen Bezirkstheilen die Physiognomie geben; aber sie bewegen sich vollständig frei, sie wohnen ohne jede Beschränkung, sie nehmen einen lebhaften Antheil nicht nur an dem Verkehrs- und geselligen, sondern auch an dem geistigen Leben. Nicht nur rst Lebenshaltung und Lebenslust eine viel freiere als im Ghetto, sie sind nicht nur im Kaffeehause, in allen Theatern zu finden — sie sind Mitglieder des „Gewerbe-"', des „juridisch-politischen Lese- Vereines"', der „grünen Insel"', der damaligen Vereinigung der Künstler und Schriftstellerkreise, sie stehen mitten in der socialen und geistigen Bewegung, insoweit man zu jener Zeit von einer solchen reden konnte. Das hatte sich ja auch in den Märztagen des Jahres 1848 sofort gezeigt. Der Contrast mit dem Ghetto wird aber noch ungleich auffallender, wenn wir. unsere Aufmerksamkeit dem Erwerbe, der geschäftlichen Berufstätigkeit der Wiener Juden jener Zeit zuwenden. Deren Wirthschaftsverfassung war folgende: Der jüdische Handwerker fehlt, genau so wre im Ghetto der Provinzstädte. Die durch den israelitischen Handwerker-Verein ausgebildeten Lehrlinge und Gesellen gehen zumeist wieder in die Provinz. Aber auch das, was im Ghetto vorzüglich, fast ausschließlich ernährte, der Detailhandel, ist den Wiener Glaubensgenossen damals ganz und gar fremd. Nicht nur bis zum Jahre 1848, sondern noch ungleich später, fast bis zum Jahre 1860, das heißt bis zur Aufhebung des Gremialzwanges, bestand in sämmtlichen Straßen Wiens kaum ein jüdisches Detailgeschäft. Dieser Zweig war von den Wiener Juden vollständig ungepflegt. Welch ganz anderes Bild bietet sich dagegen unserem Auge dar, wenn wir die Ausdehnung betrachten, in welcher diese Juden den En gros-Handel betreiben. Allerdings vorwiegend nur in einem Zweige, im Manufacturhandel. Aber innerhalb dieser Branche waren fast sämmtliche Engrosslsten Juden. Ich erinnere mich hier nur einer einzigen wirklich bedeutenden nichtjüdischen Firma und auch diese nur schon aus sehr später Zett: Eduard Josef Dräsche; zwei andere christliche Besitzer bedeutender solcher Ln §ros-Geschäfte waren geraufte Juden. Und dieser ganze Textllhandel tzü gros spielte sich in dem engen Gebiete, in dem Bienenkörbe ab, welcher sich nicht weiter als vom Hohen Markt und Wipplingerstraße bis zum Salzgries erstreckte. Laden an Laden, Stockan Stockwohnung, Firma an Firma; zumeist unter den größten, durch die Miethverhältnlsse bedingten Unbequemlichkeiten schwirrte hier von früh Morgens bis spät Abends ein Verkehr, wie er an wirklicher Lebendigkeit, an effectiver Thätigkeit jenen der eleganten Straßen der Inneren Stadt weitaus überflügelte. Der Absatz der Wiener Vorstadt-Erzeugnisse ging nämlich zur Gänze, jener der Industrie Gesammt-Oesterreichs zum größten Theile durch die commerciellen Caüäle dieses kleinen Stadttheiles. Aber — und jetzt gelangen wir zu einem Verhältnisse, welches die geradezu bewußte Verlogenheit des ganzen früheren, den Wiener Juden gegenüber beobachteten Systems bezeichnet: die Thatsachen des Lebens dieser Juden standen mit den gesetzlichen Bedingungen, unter denen die Existenz derselben stehen sollte, in vollständigem, oben ganz gut gekanntem Widerspruche. Schwerlich hat auch nur einer von Ihnen, meine Herren, mehr so wie ich das berühmte „k. k. Judenamt"' gekannt, welches jeder Jude nach seiner Ankunft passiren mußte, um die Aufenthaltskarte, giltig für zwei Tage, zu bekommen. Gesetzlich durfte nämlich auch damals noch kein Jude sich länger in Wien aufhalten; in diesen zwei Tagen mußte jeder seine

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