Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 46 (14.11.1902)
- Date
- 1902-11-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Uv. 46 Dr. Bloch’s Jahr,an, XIX Centrslorgsn für die gelammten Interessen des Iudenthums. M. k. Postspsrcaffen-Nmk Clearing-Verkehr Nr. 810 976. Led.'.ctwn und AdministraNoi» W irn IX/1, Berggaffe Nr. 39. l'Glopkon Hr. 14.847. Wien, 14. November 1902. Erscheint jeden Freitag. --*- Brief-Adresse: Wien, IX/1, Berggaffe 39. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift. Wien. TerusvVrrto Mr Sektrrrrich Halbjährig 8 fronen. Sinzetexemvlare 50 Heller, lür'» Ausland: Halbjährig IO tkronen. Ganzjährig 20 A nzetgea- Dir4mal geivaltene Beiitzeile 24 Heller. Inhalt: Leitartikel: Die öconomische Entstehung und Entwicklung der heutigen Judenschaft in Wien. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. Zur Ritualmordlüge. — Die Juden in Amerika. — Die Juden in Rio de Janeiro. — Eorrespondenzen: Aus der Plenarsitzung des Vorstandes der israelitischen Eultusgemeinde in Wien. Wien, Brünn, Kojetein, Zwittau. Der Besuch der Burenführer in Berlm und die Antisemiten. Sarah Bernhardt in Berlin. Hamburg, Dublin. — Vermischtes: Kranzablösungsspenden rc., Wien, Austerlitz, Trebitsch, Hamburg. — Feuilleton: Einer für den Anderen. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Die öconomische Entstehung und Gntivickinng der heutigen Indenschast in Wien. Vortrag des Herrn Sigmund Mayer, gehalten am 8. November im Saale des Niederösterreichischen Gewerbevereins.*) „Greift nur hinein ins volle Menschenleben, „Ein jeder lebt's. nicht Vielen ist's bekannt, „Und wo Jhr's packt, da ist es interessant!" Goethe: „Faust". Meine Herren! Lassen Sie mich vor Allem und zwar anerkennend der Thatsache gedenken, die mich veranlaßt hat, gerade dieses Thema zum Gegenstand meines heutigen Vortrages zu wählen. Die hiesige Eultusgemeinde hat den guten, und wenn er gelingt, sehr glücklichen Gedanken gehabt, für die Erforschung der Geschichte der Juden in Oesterreich eine eigene historische Commission einzusetzen. Ein Mißlingen zu fürchten haben wir keine Veranlassung. Die Commission besteht zum weitgrößten Theile aus wirklichen, von Außen zugezogenen Fachmännern und der Arbeitsausschuß derselben wird von einem ernsten Historiker von wohl begründetem Rufe geleitet, und das von Letzterem vorgelegte Arbeitsprogramm ist ein tüchtiges und praktisches. All das verwehrt es wohl dem Verfasser Dieses nicht, daß er, allerdings nicht vom Standpunkte antiquarischen Sammelfleißes, sondern mitten aus dem actuellen Leben heraus, mit dem ja in letzter Linie auch die Wissenschaft in Fühlung bleiben muß, versucht, jene Richtung anzugeben, welche ihm für die Arbeit der Commission als die vorerst nöthigste erscheint. Die jüdische Geschichtsschreibung erscheint, so Vieles und Rühmliches sie auch bisher geleistet hat, nach einer bestimmten Seite hin, und zwar nach einer solchen von fundamentaler Wichtigkeit, wenig genügend. Sie ist zumeist: für die alte Zeit eine staatspolitische, für die spätere eine Religivns- und Dogmen- oder literar-historische. Ja — waren denn diese Juden, seitdem sie in die geschichtliche Erscheinung getreten sind, namentlich in den mehr als *) Wir glauben den Dank unserer Leser zu erwerben, wenn wir diesen wahrhaft glänzenden Vortrag unverkürzt» in seinem vollen Wortlaute, namentlich mit den speciellen, die Wiener Inden so hochinteressirenden, persönlichen undsachlichen Details zum Abdruck bringen. Die Redaction. zwei Jahrtausenden, die sie in Europa zu finden find, nicht auch und zwar in sehr entscheidender Weise auf einem anderen, sehr wichtigen, auf dem wirthschaftlichen Gebiete thätig? Und ist es nicht von dem höchsten actuellen und lebendigsten Interesse, die Frage zu untersuchen und zu beantworten, ob diese ihre Thätigkeit culturell, wirthschaftlich günstig oder abträglich gewesen? Nun, diese Frage zumindest auf dem beschränkten aber uns zunächst liegenden und interessantesten Gebiete, den Boden Wiens, und für jene uns wichtigste Zeit, der letzten zwei Jahrhunderte, zu beantworten, ist der Gegenstand, für den ich mir heute Ihre Aufmerksamkeit erbitte. Die heutige Wiener Judenschaft steht geschichtlich ohne Zusammenhang mit den Juden im mittelalterlichen Wien. Das heutige Judenthum Wiens ist nicht viel älter als ungefähr ein Jahrhundert. Ein scharfer, durchgreifender Riß trennt nämlich das gegenwärtige jüdische Gemeinwesen unserer Stadt von jenem des Mittelalters. Anno 1670, unter Leopold 1., ist das letzte von den Juden in Wien besessene Ghetto, jenes in der Leopoldstadt, aufgehoben, find die sämmtlichen Häuser dieser Judenschaft um 110.000 fl. von dem Rathe verkauft und die Juden selbst, 4000 Seelen an der Zahl, ausgewiesen worden. Vollständig tabula rasa, ganz reiner Tisch war damals gemacht worden, kein jüdisches Haus oder Geschäft war in Wien verblieben; durch Gesetz wurde den Juden jeder ständige Aufenthalt in Wien untersagt — von einer „Judenschaft" in dieser Stadt konnte keine Rede mehr sein. Und dieser Zustand war kein vorübergehender. Er hielt gut ein halbes Jahrhundert an. Denn die einzelnen reichen Wiener Juden, von denen Sie aus dieser Zeit lesen: Die Oppenheimer, die Wertheimcr. Mayer Herschel und Andere, sind durchaus nur einzelne Hvfjuden, Armeelieferanten und Regierungs-Banquiers, denen durch vereinzelte Willküracte kaiserlicher Gnade zum Zwecke und Dienste des Staates das specielle Aufenthalts-Privilegium gewährt wurde. Und dieses Privilegium wurde immer nur auf einige Jahre gegeben, mußte nach Ablauf immer wieder durch große Summen erkauft werden. Diese Privilegirten selbst waren, trotz ihrer Verbindung mit dem Hofe, trotz der wesentlichen, dem Staate geleisteten Dienste, gehalten, allwöchentlich den Stand ihrer Familienangehörigen, Angestellten und Diener einzugeben, damit sie keinem sonstigen . uden Unterstand und Schutz gewähren; sie durften zwar beten, so viel fie wollten, aber selbst nur für fich und ihre Familie in ihren Häusern keine Betstube, keine Haus-Synagoge einrichten. Kein Jude sonst sollte fich in