Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 45 (7.11.1902)
- Date
- 1902-11-07
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 786 Dr. Bloch's Wochsnschrift. Nr. 45 otte", wandte er sich zu den Sträflingen, als habe er jetzt erst deren entblößte Häupter bemerkt, „setzt euere Mützen auf." „@to. Hochwohlgeboren, was wird also sein?" „So wird es sein, daß du nicht reden sollst, sondern ins Gefängniß gehen." „Und meine Kinder?" „Was kann ich thun? Soll ich sie zu mir nehmen? In die Anstalt dürfen sie nicht. Das ist Gesetz." »Soll man vielleicht den Dinctor des Gefängnisses benachrichtigen?" schob der Gehilfe schüchtern eine Frage ein. „Wovon?" „Nun, von den. Kindern. Was soll man denn mit ihnen machen auf der Straße bei solchem Frost? Der Vater im Gefängniß, die Mutter todt ..." „Der Director hat gestern erst die Bemerkung gemacht, daß in der Anstalt bereits ganze neun jüdische Kinder sich befinden. Noch ein bischen, und das Asyl wird voll von Judenkindern sein." „Wie soll es also werden?" „Nun, so wird es werden. Wir dienen hier nicht in einem frommen Stift. Bitte, thut eure Pflicht. Wächter, führt den Sträfling ins Gefängniß!" Sofort stürzten zwei Wächter, dem Befehl ihres Vorgesetzten Folge leistend, auf Boruchowitsch zu. Mojsche jedoch war wie wahnsinnig; mit Gewalt entriß er sich ihren Händen und blickt um sich mit so drohendem Blick, daß die Wächter vor Schreck erstarrten. „Wie, Ew. Wohlgeboren", rief er, abermals auf den Gestrengen zustürzend, der zwei Schritte zurücktrat und mit einer instinctiven Bewegung den Stock, gleichsam zum Schutze, vor sich hinstreckte. „Wie? sind jüdische Kinder etwa Hunde, die man bei solchem Frost auf die Straße jagen, ohne Mutter und Vater lasten kann? Sind sie nicht ebensolche Kinder wie alle Anderen? Verlangen sie nicht ebenso zu trinken und zu essen, weinen sie nicht ebenso wie alle anderen Kinder? Sind Juden keine Menschen? Ich gehe nicht ins Gefängmß, ich werfe meine Kinder nicht auf die Straße, schlagt mich lieber auf einmal todt, befiehlt den Soldaten, mich sofort niederzuschießen. . . Habe ich kein Herz in der Brust, daß ich mein eigen Fleisch und Blut fortwerfen, im Elend verlassen soll? Denkt an Gott, meine Herren! Auch über euch herrscht Gott. Auch ihr habt Kinder. Auch ibr seid Menschen ..." Etwas Eigenartiges war mit Boruchowitsch vorgegangen. Er sprach nicht so wie immer, schüchtern und demüthig, sondern gebieterisch, feierlich, ohne sogar wie sonst zu lispeln, und mit einer Stimme, die voller Thränen bis ins Innerste des Herzens drang. Und auch seine äußere Erscheinung war in diesem Augenblick eine andere geworden. Das war nicht mehr der lächerliche Mojsche Boruchowitsch, den Alle früher gekannt und gesehen hatten, das kleine Männchen mit dem spitzen Bärtchen, der schmalen, langen Nase, den unruhig hin- und herlaufenden Augen und der Mitleid erweckenden Gestalt. Er schien größer geworden, seine lodernden Augen waren ungewöhnlich weit geöffnet und das ganze Gesicht war anders, imponirend, fast schön. Zum allgemeinen Erstaunen gerieth der Aufseher nicht in Wuth, schrie nicht auf Boruchowitsch los, sondern hörte beunruhigt und gleichsam verwirrt deffen Worten zu. „Nun, ja doch . . . nun, was willst du, Freund ... ich hätte doch gern ..." stotterte er, hilflos um sich blickend. In diesem Augenblick näherte sich den Versammelten ein großgewachsener, magerer Greis. Er hatte einen lange.« grauen Bart, und trotzdem er einfache Sträflingskleidung trug, waren seine Bewegungen ungewöhnlich würdevoll; in seinen Gesichtszügen malte sich Verstand und Güte. Es war dies ein Jude, der gegenwärtig ein „Freier", von Beruf Juwelier und Goldarbeiter war und sich bei Allen einer großen Anerkennung und sogar Achtung erfreute. Lange schon stand er neben dem Gefängniß, hatte den ganzen Auftritt vom Anfang bis zum Ende mitangesehen und nun in höchster Aufregung Plötzlich einen Entschluß gefaßt. „Und was sagst du, Goldberg?" wandte sich der Aufseher zu dem Greise, als ob er Rettung von ihm erwarte. »Zwei kleine Mädchen übernehme ich zur Erziehung," erklärte, die Hand seines unglücklichen Stammesgenvssen ergreifend, der Alte mit trotz seiner Erregung ruhiger, deutlich klingender Stimme. „Nun, das ist schön," freute sich der Aufseher. „Und ich werde den Knaben zu mir nehmen. Ich brauche gerade solch' einen kleinen Jungen zu Botengängen." „Und ich nehme das kleinste Mädchen, fügte, wie eine Päonie erröthend, der junge Gehilfe hinzu. „Wir haben keine Kinder, und meine Frau wird sich sehr über die Kleine freuen." „Noch besser, das heißt, daß im Ganzen nur ein Mädchen übrig bleibt. Wenn du, Goldberg, darauf eingehst, die beiden mittleren zu dir zu nehmen, so wird die Aelteste wahrscheinlich bei den Oladirs eine Unterkunft finden, sie brauchen ein Kindermädchen für ihren Kleinen. Und somit wär' die Sache in Ordnung. Aber einen Lärm haben sie gemacht, und man weiß wahrlich nicht warum, — eines aufgegeffenen Eies halber. Immerhin hat die Angelegenheit auf diese Weise eine bessere Wendung genommen, eine menschlichere Wendung . . . Nun Paul Jakowlewitsch, seid ihr schon fertig mit dem Einregistriren? Und du . . . welches ist dein Name? ... Ein dummer Kerl bist du! ... Ein Jude — er ist doch ein Jude! Nimm rasch Abschied von deiner Gemeinde, und marsch in's Gefängniß! Es ist schon lange Zeit. Draußen ist es vollkommen dunkel und die Escorte muß auch ausruhen." Mit diesen Worten trat der Aufseher den Rückweg nach seinem Hause an; kaum hatte er sich jedoch einige Schritte entfernt, als er abermals stehen blieb. „Und du, Kleiner," rief er, halb sich umwendend, zu den Knaben, den er für sich bestimmt hatte, „wie heißt du dort? Folge mir!" Mittlerweile küßte der ganz entkräftete, wie im Fieber zitternde Mojsche unzähligemale die kalten Wangen seiner Kinder, die nach dem so eben erlebten, wenig für sie verständlichen, aber fürchterlichen Auftritt zu Tode erschreckt und leichenblaß dastanden. Maschinenmäßig, stumpf, ohne eine Thräne zu vergießen, nahmen sie von ihrem Vater Abschied. Endlich lud Mojsche seinen Sack wieder auf den Rücken und schleppte sich langsamen Schrittes zum Gefängnißthor, hinter dem er verschwand, ohne sich auch nur ein einzigesmal mehr umzusehen. Und in seiner ärmlichen Sträflingstracht, mit dem Sack, — der Staatseigenthum, — aus den gebückten Schultern, war er wieder die klägliche, unschöne, lächerliche Gestalt won ehedem! . . . Ende. Literatur. Zu den heiligen Gräbern der Juden. Gestatten Sie mir, hochgeehrter Herr Redacteur, eine Stelle in Nummer 43 Ihrer geschätzten Wochenschrift „Die heiligen Gräber der Juden" zu berichtigen. Die Sage von dem Grabe des Propheten Hosea ben Beeri, welches sich vermeintlich in Safet befindet, wird irrthümlich von Vielen, die dieser vermeintlichen Grabstätte des Propheten Hosea ben Beeri Verehrung zollen, getheilt. Es ist jedoch ganz unrichtig, daß der gedachte Prophet, der seine Mission in der babylonischen Gefangenschaft erfüllte, daselbst seinen Aufenthalt nahm, daselbst starb, in Safet seine letzte Ruhestätte fand (Ahab. Zion 29). Rabbi Jsak Luria oder Jsak Aschkenasi (geb. 1532), der, seiner Abstammung nach ein Deutscher, früh verwaist, in Egypten erzogen wurde und sich im Jahre 1568 nach Safet begab, erzählt Folgendes: „In Safet existirt ein jüdischer Friedhof, auf welchem sich eine Höhle befindet, die von einer herrlichen Kuppel überwölbt ist; von dieser Höhle geht die Sage, daß in ihr der Prophet Hosea ben Beeri begraben liege, was aber durchaus nicht der Fall ist. Richtig ist, daß der berühmte Tannaite „Josua ben Chananjah", welcher wahrscheinlich mit „Hosea" verwechselt wird, daselbst seine Ruhestätte hat. Ferner ist ganz richtig, daß es Gebrauch der jüdischen Bewohner von Safet ist, „nicht vor dem Neumond und vor dem Versöhnungstage," sondern am 7. Tage des Monates Siwan die außerhalb der Stadt gelegene Grabstätte des großen Tannaiten Josua ben Chananjah zu besuchen, um den großen Mann zu ehren und daselbst Gebete zu verrichten." (Chib. Jer. 15. S. 2). Wien—Josesstadt, 28. October 1902. Mit vorzüglicher Hochachtung Dr. Adolf Hahn, Rabbiner.