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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-11-07 · 45 (7.11.1902) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
45 (7.11.1902)
Date
1902-11-07
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 45 Dr. Bloch's Wosrrnfchrifr. Seite 735 Budapest. Das Landes-Rabbinerseminar beging diese Woche sein 25jähriges Jubiläum. Aus diesem Anlasse machte das leitende Comite des Seminars unter Führung Martin Schweiger's bei den beiden Professoren, die dem Institut seit seiner Gründung angehören, Moses Bloch und Wilhelm Bacher, seine Aufwartung, wobei Oberrabbiner Samuel K o h n als Redner fungirte. Bei dem Festgottesdienste hielt Professor Dr. Bacher die Festrede, Director Bloch sprach ein hebräisches Gebet. Namens der gegenwärtigen Zöglinge gratulirte Michael Gutmann den jubilirenden Professoren, Abends veranstaltete Martin Schweiger aus Anlaß des Jubiläums, welchem fast sämmtliche ehemaligen Zöglinge der Anstalt beiwohnten, eine Soiree. Budapest. Das höchste richterliche Amt, das Ungarn zu vergeben hat, das Senatspräsidium bei der königlichen Curie, wird einem Glaubensgenossen, dem bisherigen Senatspräsidenten bei der königlichen'.Tafel, Dr. Sigmund Decsei, übertragen werden. Noch niemals hat bisher ein Jude diese hohe Würde erreicht. Die Wahl des Dr. Decsei bedeutet ein erfreuliches Zeichen der in Ungarn bestehenden vollständigen Gleichberechtigung der Juden. Berlin. Die Privatdocenten der Medicin an der hiesigen Universität Dr. Michaelis, Assistent der I. Klinik, Doctor Strauß und Dr. R o s i n, Assistent des Herrn Geheimrathes Senator in der Poliklinik, sind zu Professoren ernannt worden. Herr Dr. Rosin ist ein Sohn des verstorbenen Docenten am Breslauer Seminar Herrn Dr. David Rosin. Kaiser Wilhelm hat Herrn Professor Dr. Salomo n s e n, Director des Instituts für medicinische Bacteriologie an der Kopenhagens Universität, den K r o n e n o r d e n II. C l a s s e verliehen. Newyork. (Dank der rumänischen Juden.) Bei seiner kürzlich erfolgten Rückkehr nach Washington fand Secretär Hay, wie die Newyorker „Times" berichtet, auf seinem Pulte eine große Anzahl Briefe von Juden aus allen Theilen des Landes vor, welche ihren Dank für seine Bemühungen für die rumänischen Juden und für seinen Hinweis der Mächte auf den Berliner Vertrag aussprechen. Der Staat hat zwar in dieser Sache bis jetzt noch keine Veränderung gesehen, er ist aber überzeugt, daß, ob die Note bei den Mächten directe Resultate haben wird oder nicht, die Lage der rumänischen Juden sich verbessern wird, weil die rumänische Regierung das fortwährende Drängen nach Aenderung nicht mit Berufen auf judenfeindliche Gesetze beschwichtigen kann. Feuilleton. Silder ans Sibirien. Novelle von L. Melschin. Uebersetzt aus dem Russischen von Malwina Blumberg. (Schluß.) Endlich taucht vor den Blicken der Sträflinge Gornji Serentuj auf, das letzte Ziel ihrer schrecklichen Reise. Auf dem Gipfel des Berges angelangt, sehen sie in der Ferne das weiße, aus Stein erbaute Zuchthaus und an dasselbe gelehnt ein größeres Dorf mit einer Kirche in der Mitte. Ein Gefühl, aus Furcht und Freude gemischt, bewegt die Herzen der Sträflinge. Sie freuen sich, daß die unendliche Qual der langen Fahrt ein Ende genommen, und fürchten gleichzeitig die so nahe und doch ungewisse Zukunft. Da ist sie, die Zwangsarbeit! Wie wird sie sein? Schlimmer noch oder bester als die Reise? Nun, Niemand ist mächtiger als Gott, und Menschen gibt es überall. Für Boruchowitsch war die Zwangsarbeit nichts Unbekanntes; kam er doch nur von einem Gefängniß ins andere. Nichtsdestoweniger schlug auch sein Herz höher. . . Nur die Kinder empfanden nicht die geringste Angst, und fröhlich zeigte eines dem anderen die weißen, blendenden Mauern. Sie hatten so viel von Gornji Serentuj gehört, die Eltern hatten so lange schon von dem Ueberführtwerden in dieses Gefängniß geschwärmt, daß dasselbe in ihrer Vorstellung einem irdischen Paradiese glich, oder wenigstens einem Ort, wo man weder Kälte noch Hunger kennt. Die Sträflinge, die zu Fuß gingen, beschleunigten den Schritt, die Pferde, die Nähe des Stalles witternd, begannen heiter im Trabe zu laufen. Jetzt steht man schon die Häuser der Gerichtsbeamten, das Postbureau, das Verwaltungsgebäude, endlich das Gefängniß selber, ein großes, schönes, reinliches Haus, dessen weiße Steinmauern in der kalten Wintersonne in blendendem Glanze strahlen. Das ist kein Gefängniß, sondern ein phantastisches, aus den Zeiten der Ritter stammendes Schloß mit Thürmen. Schießscharten, Gräben. Zugbrücken. Für Augen, die an den Widerwillen und Ekel erregenden Schmutz sibirischer Etappen gewohnt find, ein neuer, unerwarteter Anblick. Die Compagnie blieb, des Empfanges harrend, vor dem Thore stehen. Bald erschien der Gehilfe des Aufsehers, ein noch junger, nicht großgewachsener, wohlbeleibter, leutseliger und im Dienste augenscheinlich ziemlich sorgloser Mann. Rasch nahm er die Sträflinge in Empfang, indem er der Reihe nach ihre Familiennamen las und dabei von Zeit zu Zeit nicht bösartige Witze einflocht. Ebenso rasch wurden die dem Staate gehörenden Gegenstände besichtigt. Die Männer wurden einzelweise in das Thor des Gefängnisses geführt, den Frauen und Kindern wies man die leer stehenden Baracken an, manche der Kleinen wurden sofort als Candidaten zur Aufnahme ins Kinderheim eingetragen. Endlich kam die Reihe an Boruchowitsch. „Nun, Freundchen, ein zwanzigjähriger bist Du? Ein Einwohner des Gefängnisses! Jn's Thor!" ries der Gehilfe mit einem Lächeln. „Und meine Kinderchen werdet ihr ins Asyl schicken?" fragte Mojsche zaghaft, seine Mütze schüchtern in der Hand haltend und den rasirten Kopf vor dem Aufseher neigend. „Welche Kinder?" „Nun, diese da; fünfe sind's ... Der älteste Sohn Abram. zählt elf Jahre, und vier kleine Mädchen: von zehn, acht, sechs und vier Jahren." „Und wo ist die Mutter?" »Im Jenseits. Sie starb während der Reise." „Das ist mal! Was thut man nun?" fragte verlegen der sorglose Beamte. „So mir nichts, dir nichts, kann man sie ja nicht ins Asyl schicken . . . Aber warte nur, Freundchen, warte: Du bist ein Jude?" „Zu Befehl, Ew. Wohlgeboren. Ein Jude." „So, so, das ist's. Ich sehe, deine Zunge ist nicht beschlagen", witzelte der Gehilfe, der den gewünschten Ausweg schon gefunden hatte. „Nun, dann wird man deine Kinder ohnedies in das Asyl nickt aufnehmen." „Warum nicht?" „Weil dem so ist. Der Vorsteher des Heims hat uns den Befehl zukommen lasten, die Zahl der in die Anstalt aufgenommenen Kinder dürfe den bekannten Percentsatz nicht übersteigen. Und es sind ihrer schon mehr. Was soll man jetzt thun? He, Tromifow!" wandte er sich zu einem der Wächter. „Lauf' so rasch als möglich zum Aufseher und sag', ich ließe ihn einer wichtigen Angelegenheit halber hierher bitten. Und du, Freundchen, geh' ins Gefängniß; hier hast du ohnedies nichts mehr zu thun." „Ew. Wohlgeboren werden verzeihen, aber wie kann ich gehen? Gestatten sie, daß ich hier erwarte den Herrn Aufseher. Es wird ja bald entschieden sein." Der Gehilfe wollte nicht widersprechen, so ließ er denn Boruchowitsch stehen und wandte sich zu den übrigen Sträflingen, die er in weiterer Folge in Empfang nahm. Nach Verlauf etwa einer halben Stunde wurde um die Ecke, auf einen Stock sich stützend, der in eigener Person langsam sich nähernde Gefängnißaufseher sichtbar. Es war dies ein kräftiger Mann mit einem dichten, schwarzen Bart und unfreundlichem, scheelem Seitenblick. Er mochte noch ungefähr dreißig Schritte von der Compagnie entfernt sein, als der Wächter schon mit lauter Stimme rief: ..Ruhig stehen! Mützen ab!" Der Gehilfe ging seinem Vorgesetzten raschen Schrittes entgegen, grüßte militärisch, stattete den Rapport ab und erklärte, warum er es für nothwendig befunden, ihn zu bemühen, „Jüdische Kinder dürfen unter keinen Umständen in die Anstalt ausgenommen werden", erwiderte sofort der schwarzbärtige Herr, indem er den demüthig vor ihm stehenden Boruchowitsch und die in einiger Entfernung ängstlich aneinander sich schmiegenden Kinder mit bösem Blicke musterte. Mojsche fi?l ihm zu Füßen. „Ew. Hochwohlgeboren! Wo soll man sie denn unterbringen? Meine Würmchen! . . . " „Steh' auf, steh' auf, das darf nicht sein. Ich bin weder Gott, noch der Kaiser", ermahnte ihn der Aufseher. „Und ihr

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