Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 45 (7.11.1902)
- Date
- 1902-11-07
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 732 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 45 Nagy-Karnzsa. Am 25. October d. I. beging die hiesige Cultusgemeinde in feierlicher Weise das 40jährige Amtsjubiläum des zweiten Cantors Herrn Samuel Goldmann. Schon am Vorabende wurde der Jubilar durch eine Serenade geehrt, die chm der Tempelchor unter Führung deS Chordirigenten Herrn Moriz E ck st e i n darbrachte und die ausgezeichnet ausgeführt wurde. Am Festtage selbst wurde im reichlich geschmückten Tempel ein feierlicher Gottesdienst abgehalten, bei welchem der Jubilar zur Thora aufgerufen wurde. Nach der Thoravorlesuug recitirte Herr Obercantor Kärtschmaroff einen von ihm für diese Gelegenheit verfaßten Mischeberach in bekannt vorzüglicher Weise. Nach Erwiderung des Jubilanten und dem Vortrag eines herrlichen Dankpsalms durch Herrn Obercantor Kartschmarosf bestieg Herr Oberrabbiner Dr. E. N e u m a n n die Kanzel, um in längerer, wirkungsvoller Rede die Verdienste des Jubilanten zn würdigen. Die in jeder Beziehung treffliche Rede übte aus die zahlreichen Zuhörer einen tiefen und nachhaltigen Eindruck. Nach dem Gottesdienste fand im Sitzungssaale des Tempelgebäudes eine Festsitzung des gesammten Gemeindevorstandes statt, zu welcher eine Deputation, geführt von Herrn Dr. M. O l l o p und der Frau Oberrabbinerin als Vertreterin des Frauenvereines, den Jubilanten und seine Familie einholte. Bei der Festsitzung, die unter Leitung des Präses-Stellvertreters Herrn Heinrich G r ü n h u t statlfano, wurde der Jubilant von vielen Deputationen gefeiert, sein verdienstvolles Wirken in seinem Amte anerkannt und gerühmt und ihm werthvolle Ehrengeschenke überreicht. So vom Präses-Stellvertreter Herrn G r ü n h u t Adresse und 1 Paar silberne Girandols, von der Präsidentin des Frauenvereins, Frau G. Bidor geborene Gutmann de Gelse, eine Adresse und ein mächtiger Becher. Vom Herrn Oberrabbiner im Namen der Gemcindebeamten eine Adreffe und eine prachtvolle Uhr. Vom Herrn Director Samuel B u n für den Lehrkörper eine Adresse und eine goldene Nadel; endlich vom Vereine Chewra-Kadischa, besten 40jähriger Secretär der Jubilant ist, eine große silberne Menorah. Auf alle Ansprachen erwiderte der Jubisar sichtlich erfreut und gerührt. Um das Zustandekommen und die Ausführung aller Feierlichkeiten hat sich der Gemeindesecretär Herr Ludwig Barta besondere Verdienste erworben, der auch die prachtvoll ausgestatteten Zuschriften der verschiedenen Körperschaften verfaßte. Aus Nah und Fern sind dem Jubilanten an dem Festtage Blumenspenden, Geschenke' aller Art, schriftliche und telegraphische Gratulationen zugekommen, so u. A. vom Präses der Gemeinde Herrn königlichen Rath Wilhelm Gutmann de Gelse, der seine Verhinderung entschuldigte, von den Gemeinden LegrLd, Pacsa, Zala-Lövö, in welchen der Jubilar als Cantor wirkte, von den Logen Oedenburg, Kanizsa, vom Cantorenverein und seinem Vorstand Herren Obercantoren Singer und Bauer, von den Rabbinen Dr. K a y s e r l i n g (Budapest), Dr. B ü ch l e r (Keszthely), Schwarz (Csakathurn) rc., von den Herrn Obercantoren Lazarus (Budapest), B a ch m a n n (Budapest), Gutmann (Wien), Moor (Prag). Kohn (Arad), L ö w i n g e r (Keszthely), Propper (Zohjom) rc. Der Erste Cantor am Seitenslettentempel in Wien Herr I. Schiller schickte seinem langjährigen Freunde nicht nur einen prachtvollen silbernen Becher, sondern kam in der Festwoche selbst nach Nagy- Kanizsa, um dem Jubilanten persönlich zu beglückwünschen, den dieser außerordentliche Freundschaftsbeweis aufs Tiefste rührte. Auch außer den hier Genannten hat eine große Anzahl von Freunden, Verwandten und Bekannten den verdienten Beamten an diesem Tage gefeiert. Nürnberg. Im Jahre 1650, aus Anlaß des Abschlußes westphälischen Friedens, ließ der Rath der Stadt Nürnberg durch eine Reihe von damaligen Künstlern, die zehn Jahre daran arbeiteten, einen kunstvollen Neptunbrunnen Herstellen, der in der Mitte des Marktplatzes aufgestellt werden sollte; wahrscheinlich aus Mangel an Master und an Geld ist es jedoch nie zur Aufstellung des großartigen Kunstwerkes gekommen, weshalb der Brunnen in der Peunt, dem damaligen Bauamt, in einem hölzernen Hause aufbewahrt wurde. 1798 verkaufte der Rath der Stadt Nürnberg, als die Stadt verarmt und durch die Kriegsverluste in schwere Schulden gerathen war, für 66.000 Gulden den Brunnen an den Kaiser Paul von Rußland, und beute noch bildet der Brunnen eine Zierde des SchloßgartenS in Peterhof. Der Wunsch der Nürnberger, ihren Brunnen wieder zu haben, ist selbstverständlich nicht erfüllbar gewesen. Der Kaiser von Rußland hat aber auf diplomatisches Ersuchen die Erbaubniß zur Herstellung eines Gypsabgusses zum Zwecke der Nachbildung für Nürnberg gegeben, und nunmehr wird eine Nachbildung des Brunnens auf dem Markt zu Nürnberg aufgestellt werden; dem Wassermangel ist jetzt abgeholfen und dem Geldmangel dadurch, daß ein Nürnberger Bürger die Kosten der Nachbildung und Aufstellung im Betrage von 80.000 Mark trug. Der Bürger heißt Ludwig Gerngroß, war oder ist ein Hopfenhändler und Commercienrath, israelitischer Religion und wohnt in Nürnberg, wo von 1499 bis 1848, also auch zur Zeit der Herstellung des Brunnenoriginals, kein Jude wohnen durfte. Die »Münchener Neuesten Nachrichten", welche des Spenders Namen nennen, aber nicht im Gerüche übertriebener Judenfreundlichkeit stehen, berichten den Sachverhalt und sagen: »Die hochherzige Spende ist eine nationale That, die im ganzen Vaterlande als solche gewürdigt zu werden verdient." Ludwig Gerngroß, der schon manche andere hochherzige Spende seiner heutigen Vaterstadt zuwendete, ist schon vor längerer Zeit zum Ehrenbürger der Stadt Nürnberg ernannt worden. Hamburg. Der langjährige Präsident der Bürgerschaft, Herr Siegmund Hinrichsen, ist, während er im Rathhaus seines Amtes waltete, infolge eines Herzschlages von plötzlichem Tode ereilt worden. Als Sohn des Rechenlehrers an der Stiftungsschule am 17.. Jänner 1841 geboren, widmete sich der Heimgegangene nebcr seiner Thätigkeit als Mitchef der Bankfirma Hardy und Hinrichsen sehr früh gemeinnützigen Interessen. Fleiß, Energie und seltene Begabung erwarben ihm ungetheilte Anerkennung, welche ihren ehrendsten Ausdruck darin fand, daß er im Jahre 1892 zum Vorsitzenden der Bürgerschaft, der nächst dem Oberbürgermeister höchsten communalen Stellung, gewählt wurde. Die gesummte hiesige Presse, das antisemitische »Deutsche Blatt" nicht ausgenommen, rühmt, daß der Entschlafene dieses Vertrauen glänzend gerechtfertigt hat. Der »Hamburger Correspondent" schließt seinen Nachruf mit den Worten: »Eines aber steht fest heute und für alle Zeit: Männer wie Siegmund Hinrichsen werden einem Gemeinwesen nur selten bescheert. Desto höher wird er aber auch eingeschätzt, und mit leuchtender unverlöschlicher Schrift füllt sein Name ein Blatt im Buche der Geschichte unserer Stadt, auf das die Augen der spätesten Geschlechter noch mit ehrfurchtsvoller Bewunderung blicken werden." Beileidsschreiben gingen dem Senat u. A. zu von den Staatssecretären Graf Posadowsky und v. Tirpitz, vom hanseatischen Gesandten Dr. Ktugmann-Berlin, von den Senaten zu Bremen und Lübeck, von nahezu sämmtlicheu deutschen Handelskammern rc. Anläßlich der am 26. October stattgefundenen Beerdigung waren sämmtliche staatliche und zahlreiche private Gebäude sowie alle Schiffe der Hamburger Rhedereien halbmast geflaggt. Mit den Bürgermeistern Dr. Mönckeberg, Hachmann und Buchard hatten sich sämmtliche Mitglieder der Bürgerschaft, der commandirende General des IX. Ärmeeeorps v. Massow mit seinen Adjutanten und zahlreichen höheren Offneren, die Oberbürgermeister Dr. Giese-Altona und Rauch-Wandsbek eingefunden. In den Straßen, welche der Leichenconduct passirte, bildete eine vieltausendköpfige Menge Spalier. Unter gleichen Ehrenbezeugungen ist in unserer Stadt noch nie ein Jude zu Grabe getragen worden. Paris. Der ehemalige Generalprocurator Manau, welcher in seiner amtlichen Eigenschaft das Schwurgerichtsurtheil gegen Zola vom Cassationshof aufheben ließ und dessen letzte Amtspflicht die Anordnung der Revision des Dreyfus-Proceffes gewesen ist, schreibt in einem Briefe an eine normannische Zeitung: „Trauer erfüllt meine Seele. Ich vermische meine Thränen mit den Thränen Frankreichs und der ganzen Welt, aber ich kann meine Entrüstung, meinen heiligen Zorn nicht meistern gegenüber dem herzbrechenden Schauspiele, welches Leute bieten, die Christen zu sein behaupten. Ohne Achtung vor dem Tode begeifern sie dieses edle Grab und begehen noch die Heuchelei, an ihm niederzuknieen und sich gegenüber diesem gütigen Manne eine lächerliche Verzeihungsgewährung zu erlauben. Uns steht es zu, jenen ewigen Feinden.der Wahrheit und Gerechtigkeit ihre bewußten Verleumdungen, ihre unfläthigen Beleidigungen zu verzeihen. Was mich betrifft, der ich ebenso wie er infultirt worden bin, bleibe ich glücklich und stolz, daß ich das von Zola begonnene Werk fortsetzen konnte. Zola's Anklagebrief, welcher zu meinem großen Bedauern, ich gestehe es, zunächst die Affaire Dreyfus von dem Rechtswege abirren ließ, welchen das Gesetz ihr gesichert, hat nichtsdestoweniger unter den vielfachsten Gefahren für ihn selbst die Thür der Revision geöffnet, und als vor den gesetzlichen Richtern am Obersten Tribunale die Frage aufgeworfen wurde, hat der höchste Gerichtshof anerkannt: daß Dreyfus 1. auf ein falsches Beweisstück hin verurtheilt wurde, das ihn nicht betraf, 2. auf ein Bordereau hin, das er nicht geschrieben hatte. — Und merkwürdigerweise wurde Derjenige, der es geschrieben, freigesprochen. Es gibt heute trotz Allem, was seither sich ereignet hat, Niemanden, nicht einmal unter Jenen, welche ihren politischen Leidenschaften ergeben blieben und niemals die Waffen strecken werden, der zu behaupten wagte, das Bordereau, welches