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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-11-07 · 45 (7.11.1902) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
45 (7.11.1902)
Date
1902-11-07
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 45 Dr. Bloch's Wochsnschrifk. Seite 731 Correspondenzeu. Wien. (Lese- und Redehalle jüdischer Hochschüler in Wien.) Die „Lese- und Redehalle jüdischer Hochschüler in Wien" hielt am 25. v. M. ihre 17. ordentliche Plenarversammlung ab, welcher mehrere Vertreter der jüdischen Studentenvereinigungen und als Vertreter des , Jüdischen Volksvereines" Herr Dr. Leo Sofer beiwohnten; Herr Dr. Richard Rappaport, Ehrenmitglied des Vereines, hatte sein Fernbleiben entschuldigt. Aus dem Rechenschaftsberichte des Obmannes oauä. jur. Josef Marco geht hervor, daß der Verein im abgelaufenen Semester 96 Mitglieder hatte und daß er durch Abhaltung der verschiedenen Sectionen den Zielen, die er sich gesteckt hatte, näher gekommen ist. So wurde in einer juristischen Section den Rechtshörern Gelegenheit geboten, ihr Fachwissen zu vertiefen, eine literarische Section hatte das Interesse für die Literatur unter besonderer Berücksichtigung der Moderne zu wecken, in besonderen Cursen wurden Sprachen und Stenographie gelehrt und auch für die körperliche Ausbildung der Mitglieder wurde durch einen rege besuchten Fechtcurs gesorgt. Ganz besonders anerkennend wurde auch des hingebenden Wirkens des Shakespeare-Forschers Herrn Dr. Adolf Gelber gedacht, der durch einen im Vereinslocal abgehaltenen Cursus über Shakespeare-Literatur sich den besonderen Dank der Theilnehmer erwarb. In Würdigung dieser Verdienste wurde denn auch Herr Dr. Gelber mittels einhelligen Beschlusses der Plenarversammlung zum Ehrenmitglieds ernannt. Durch Abhaltung von Vorträgen in der Universität wurde auch ein Programmpunkt des Vereines erfüllt; es hielten Vorträge: Herr Professor Doctor Benedikt über „Criminalanthropologie"; Herr Dr. Martin B u b e r über „Kunst und Gesellschaft" und Herr Dr. Arthur Bader über „Hygiene des Judenthums". Daß das Wirken der Lesehalle die gebührende Anerkennung in der Außenwelt gefunden hat, beweist die große Zahl derer, die den Verein durch materielle Unterstützung in seinem edlen Streben förderten und bestärkten; nur so wurde es möglich, die übergroßen Ausgaben des Vereines zu decken. — Zum Schlüsse hob noch der Obmann das erfolgreiche Wirken des L ctionen-Bermittlungscomitös hervor, welches einer großen Anzahl von unbemittelten Mitgliedern zugute kam. Nachdem der Vorsitzende allen Jenen den Dank des Vereines ausgesprochen hatte, welche den Ausschuß in seiner Thätigkeit unterstützt hatten, und nachdem dem abtretenden Ausschüsse per acclamationem das Absolutorium ertheilt worden war, wurde zum nächsten Punkt der Tagesordnung: Neuwahl des Ausschusses. übergegangen. Aus dieser Wahl gingen hervor: Jur. Carl Schächter als Präses, als dessen Stellvertreter Med. Geza Salzer und Med. Alexander Lichtendorf; ferner wurden gewählt: Jur. Otto F a l t i n, Techn. Jacob Meissner, Med. Osias Sprecher, Med. Eduard K ö l b e r, Med. Carl Goldenthal, Med. Otto Schwarz und Jur. A. E i d i n g e r . Nachdem noch einige Anregungen und Anträge der Mitglieder zur Sprache gekommen waren, wurde die 17. Plenar- Bersammlung geschlossen. Tabor. An den öffentlichen Schulen Böhmens wird der Unterricht in den einzelnen Lehrgegenständen nach den von der hiesigen Schulbehörde herausgegebenen, beziehungsweise bestätigten Lehrplänen ertheilt. Nur für den israelitischen Religionsunterricht fehlen bisher solche Lehrpläne und so steht es jedem einzelnen Religionslehrer frei, den Lehrstoff für den genannten Gegenstand festzusetzen. Infolge dessen wird fast an jeder Schule nach einem anderen Plane unterrichtet; auch soll es, wie böse Zangen behaupten, Vorkommen, daß an mancher Schule ganz planlos vorgegangen wird. Da diese Lehrpläne oft bedeutend divergiren. haben die Schüler beim Uebertritte von einer Anstalt in die andere nicht selten mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen. Um diesem Uebelstande abzuhelfen, hat der israelitische Landeslehrerverein in Böhmen Lehrpläne für die verschiedenen Schul-Kategorien ausgearbeitet und dem hiesigen k. k. Unterrichtsministerium behufs Genehmigung und Einführung in den Schulen Böhmens unterbreitet. Es wäre daher die hiesige Behörde mit der Bitte anzugehen, diese Lehrpläne zu genehmigen, damit das jetzige Chaos ein Ende finde. Die Hebung des Religionsunterrichtes heischt auch, daß dem bereits fühlbaren Mangel an lehrbefähigten Religionslehrern abgeholfen werden. Das wird nur dann gelingen, wenn die Stellung dieser Lehrpersonen in socialer und materieller Beziehung der Wichtigkeit einer religiösen Erziehung unserer Jugend angepaßt werden wird. Marienbad. Die Einweihung der Ceremonienhalle des erweiterten israelitischen Friedhofes fand Donnerstag den 9. v. M. um 3 Uhr Nachmittags unter Anwesenheit des k. k. Bezirkshauptmannes Herrn P e z e l l e n und des Bürgermeisters Herrn Dr. Nadler sowie fast sämmtlicher Mitglieder der israelitischen Cultusgemeinde Marienbad statt. Nach erfolgter Begrüßung des Herrn Bezirkshauptmannes und des Herrn Bürgermeisters seitens des Cultusgemeinde-Vorstehers Herrn Emil Baruch hielt Herr Baumeister Stern, der Erbauer den Ceremonienhalle, eine Ansprache, in welcher er darlegte, daß er die Halle licht und hehr und mit einem Zug ins Monumentale erbaut habe; hierauf übergab er die Schlüffel zu derselben dem Vorsteher der Cultusgemeinde Herrn Baruch. Dieser nahm die Schlüssel mit folgenden Worten entgegen: Indem ich die Halle in das Eigenthum der Gemeinde übernehme, danke ich Ihnen Herr Baumeister im Namen des Vorstandes für die schöne und gediegene Ausführung des Baues, welcher allgemeine Anerkennung findet. Seiner Gnaden dem hochwürdigsten Herrn Prälaten als Vertreter des Stiftes Tcpl sage ich an dieser Stelle unseren besten Dank für die Ueberlaffung des Grundes. Dem Herrn k. k. Bezirkshauptmann und dem Herrn Bürgermeister danke ich nicht nur für ihr Erscheinen zur heutigen Feier, sondern auch für ihr liebenswürdiges Entgegenkommen anläßlich des Baues und bitte die Herren, unserer Gemeinde auch fernerhin ihr Wohlwollen zu erhalten. Hierauf recitirte Herr Cantor Goldenberg einen Psalm und unter einem Segenspruche des Rabbiners Herrn Dr. Gold berge: wurde das Thor der Ceremonienhalle geöffnet. In derselben wurde das übliche Nachmittagsgebet verrichtet, worauf Herr Rabbiner Dr. Goldberger die Weiherede hielt, in welcher er den Bibelspruch „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst" zum Texte nahm. Budapest. Unter dem Schlagwort „Ungarn und Juden" veröffentlicht das „Neue Pester Journal" folgende köstliche Satyre: Zu Rovnye im Comitate Trescin befindet sich ein von schönem Parke umgebener Herrensitz. Dieser gehörte seinerzeit dem freiherrlichen Geschlechte derer v. Skrbensky und war anno dazumal theils wegen seiner zwerghaften Stechpalme», theils wegen der über dem Gitterthore des Parkes angebrachten Aufschrift berühmt. Erstere bildeten eine Laube von Spießruthen, in welcher Niemand ungestraft wandeln durfte; letztere lautete folgendermaßen: „Hunden und Juden ist der Eintritt verboten." Seitdem hat fich Manches geändert. Es find viele Freiherren auf den Hund gekommen, und mehrere Juden haben es selbst ohne die Erntrittsberechtigung in den Rovnyeer Park zu etwas gebracht. Der Eine und der Andere wurde Millionär, ein Dritter Kriegsminister (allerdings im katholischen Italien), ein Vierter Lord- Mayor der Stadt London u. s. w. — keinesfalls aber erinnern wir uns auch nur eines einzigen Israeliten, der daran gestorben wäre, daß es ihm nicht gegönnt war, den Rovnyeer Schloßpark zu betreten. Das Rad der Weltgeschichte rollt pflichtgemäß weiter. Was ist ihm Hekaba, was kümmert es sich um Rovnye, was um die dortige Gttter-Aufschrift? Und was läßt es sich in seinem Weiterrollen durch einen anderen winzigen Fleck des Erdballs hemmen, durch ein Aussatz Bröselchen am Haupte der civilisirten Menschheit, oder sagen wir, um ein verschwindend kleines Unschönheits-Pflaster am reinen Körper menschlichen Fortschrittes? Wenn eine mikroskopische Eintagsmücke auf dem Balkan zufällig Rumänien heißt und auf einmal einen Hustenanfall bekommt: nnr hat den Schallvergrößerungs-Apparat am Ohr und wer hört Solches? Und so mag denn die liberale Regierung im Staate des Königs Carol (so sehr hat sich das Schlagwort des Liberalismus schon lange nicht compromittirt), so mag sie denn in ihrem Amtsblatts die Statuten eines Spar- und Borschußvereines genehmigen, zu welchem jedem Lebewesen mit Ausnahme von Ungarn und Juden der Mitgliedschaftsbeitritt gestattet ist. Weder der Üngarstaat noch das in mehrtausendjährigen harten Prüfungen erprobte Volk Israel wird von dieser jedenfalls recht witzig erdachten Maßregel besonders Nachtheiliges verspüren. Weder die Ungarn noch die Juden werden Selbstmorde begehen ob der grausamen Ausschließung vom Bucarester Spar- und Borschußverein. Aber selbst denjenigen Naturliebhabern, die es nicht ungern hören, wenn an stillen Abenden das keusche Schweigen der Natur vom Quaken eines Frosches unterbrochen wird, muß der königlich rumänische antimagyarisch-antisemitische Witz kläglich Vorkommen. Ein Frosch soll eben quaken. Und wenn er fich, von plötzlichen Größenwahn befallen, aufbläht, auf daß er aussehe wie ein Ochs, so kann man ihm eigentlich auch das nicht verübeln. Es ist dies Ambitionssache. Wenn jedoch etwas schon ein fertiger Ochs ist, wozu bläst sich das auf? Darin gipfelt in diesem Falle die einzige glücklicherweise recht harmlose Rovnye rumänische Frage.

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