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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-11-07 · 45 (7.11.1902) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
45 (7.11.1902)
Date
1902-11-07
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Sette 780 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 45 Brief mit einem Gemisch von Verblüffung, Bewunderung und Freude. Der ganze erste Theil des Proceffes ging vorüber, ohne daß ich Gelegenheit gehabt, ein Wort mit Zola zu wechseln. Aber am Tage meiner Aussage forderte beim Schluffe der Sitzung der Polizeipräfect uns Beide auf, im Sitzungssaale zu warten, bis das Publicum sich entfernt hätte. Ich werde nie diesen Abend vergeffen. Die Lichter waren fast alle erloschen. Der ungeheure Saal, der der Schauplatz so vieler dramatischer Zwischenfälle gewesen und noch werden sollte, lag im Halbdunkel da. Man hörte draußen die wilden Rufe einer überhitzten Menge, die »In den Tod!" brüllte. Zola verließ eine kleine Gruppe von Freunden, kam zu mir und sagte einfach: »Ich habe Sie vor Ihrer Aussage nicht sprechen wollen, aber jetzt, da Sie gesprochen, gestatten Sie mir, Ihnen die Hand zu drücken/ Picquart schließt seinen Artikel mit den Worten: »Ich bedauere Diejenigen, die Zola hochmüthig nennen. Aus Unvermögen oder Verstimmung verkennen sie das, was in dem Charakter dieses ausgezeichneten Mannes wahrhaft groß war/ OeffimtUche WohllhatigKeit. Man MUß schon geradezu blind sein, um nicht einzusehen, daß es mit der jüdischen Wohlthätigkeit rapid bergab geht, und bald wird vom Ganzen nichts bleiben als der Name und die geschichtliche Erinnerung. Mögen sie noch so viele Prachtgebäude aufführen und luxuriös ausgestattete Anstalten ins Leben rufen — es spiegelt sich darin — bewußt oder unbewußt — nur die eigene Eitelkeit und das Wohlthätigkeitsprotzenthum. Jüdisch ist diese Art von Wohlthun gewiß nicht, denn die jüdische Ethik verlangt dabei, daß weder der Geber den Empfänger noch der Empfänger den Geber kenne; am allerwenigsten darf es die ganze Welt erfahren. Ich habe den Kampf gegen diese unjüdische, verderbliche und demoralisirende Wohlthätigkeit aufgegeben, weil ich mich überzeugen mußte, daß ich eher einem Zulukaffer Kant's »Kritik der reinen Vernunft" beibringen werde, als einem reichen Glaubensgenoffen die Einsicht, daß er nicht der Gescheidteste sei. Aber gegen einen Zweig der öffentlichen Wohlthätigkeit, der selbst nach der Anschauung unserer Wohlthäter keinen Nutzen bringt, hingegen aber unermeßlichen Schaden anrichtet, muß ich doch meine Stimme erheben, auf die Gefahr hin, gute Freunde dadurch zu kränken, die es natürlich gut meinen, aber sehr schlecht handeln. Ich meine die sogenannte »Chanukabescheerung?. mit der wir seit etwa fünfzehn Jahren bescheert werden. Es ist dies nichts, als die leidige Nachahmungssucht, die das ga:>ze Judenthum zum Gespött aller denkfähigen Menschen, Juden wie Christen, gemacht hat. Wo in aller Welt war es in der Judenheit Brauch, Hunderte von armen Kindern in einen mit raffimrtem Luxus ausgestatteten Salon zu führen, um erstens in den kindlichen Herzen Neid und Verbitterung hervorzurufen und dann die armen Kinder vor einem Kreis von Schaulustigen zu beschenken? Denkt man nicht dabei, welches Gift in ihr Herz geträufelt wird? Und wie können feinfühlige und gebildete Menschen dies mitansehen? Ein einzigesmal war ich bei solcher Bescheerung und nie mehr laffe ich mich dazu bewegen, diesem herzbrechenden, tieftraurigen Schauspiel wieder beizuwohnen. Dadurch erzieht man einerseits gewerbsmäßige Schnorrer, deren Schamgefühl frühzeitig ertödtet wird, und andererseits Wohlthätigkeitsprotzenthum, das selbst mit dem Elend unserer Mitmenschen ein frivoles Spiel treibt. Voriges Jahr passirte mir Folgendes: Ich suchte eine Lehrerin an einer öffentlichen Schule für ein Kind zu interessiren, das trotz außerordentlicher Begabung in Folge der Armuth der Eltern nicht vorwärts kommen kann. Die Leute waren einst sehr wohlhabend und suchen auch jetzt ihre Armuth nach Möglichkeit zu verbergen. Denn „Armuth ist keine Schande", heißt es in der Kindersiebel, aber wehe dem, der ihr verfällt; sie bringt nicht nur ihm Schande, sondern auch seiner Nachkommenschaft bis ins zehnte Glied — wenigstens ist es so bei uns Juden. Die Eltern, von denen hier die Rede ist, müssen sich nur sehr schwer und in drückender Noth entschlossen haben, ihr Kind an der Chanukabescheerung theilnehmen zu lassen, die angeblich im engsten Kreis stattgefunden hat. Wie war ich nun erstaunt, von der Lehrerin zu hören: Aber dies Mädchen kenne ich ja!. Es. fiel durch seine Intelligenz bei der letzten Chanukabescheerung auf. Und dann wurde mir vorgerechnet, wer alles dabei war. Ist es unser guter Wille, die armen Kinder zu beschenken, halbnackte Kinder im Winter zu bekleiden — wozu diese Schaustellung? Wozu diese breite Oeffentlichkeit? Ich sage es Euch ins Gesicht: Nicht wohlthun wollt Ihr, sondern damit prunken! Mit Stumps und Stiel müssen wir solches Wohlthun ausrotten, wenn anders das Judenthum noch eine Wahrheit ist und keine Lüge! Man hält mir entgegen: Es sollen die armen Kinder nicht nur beschenkt werden, sondern sie sollen auch die Chanukafeier mitbegehen. Darauf habe ich zu erwidern: Die Kinder der Armen brauchen nicht bei Euch die Chanukafeier zu sehen; arme Leute halten fast immer treu zum Judenthum, für sie ist es stets »modern". Ihr braucht der äußeren Schaustellung und der Pikanterie, um nicht das Judenthum gänzlich zu verleugnen. Ihr braucht die Chanukabescheerung. um nicht den Weihnachtsbaum aufstellen zu müssen. Im Uebrigen können ja die Kinder zu Kaffee und Kuchen eingeladen werden; beschenkt sollen sie in aller Stille werden. Nicht nur dürfen nicht die reichen Kinder, die mit dabei sind, die Herabwürdigung der Mitmenschen mitansehen; selbst untereinander dürfen die armen Kinder von der ganzen Sache nichts wiffen. Es gibt viele unter uns — gottlob — die an der Sache Anstoß nehmen, die das Ganze geradezu unwürdig finden. Aber kein Mensch hält es für nöthig, dagegen seine Stimme zu erheben. Man vergißt dabei, daß es sich nicht um Personen handelt, sondern um ein sehr wichtiges Princip, um die Grundlage der jüdischen Ethik. Die jüdische Armenpflege ist von der anderen grundverschieden, indem sie von dem Standpunkt ausgeht, daß sie nicht nur des Armen wegen da sei, sondern auch des Reichen wegen, und zwar seinetwegen am allermeisten. Die Wohlthätigkeit hat bei uns gar nicht den Zweck, der Noth zu steuern, sondern den Menschen zum Menschen zu machen. Es kommt somit nicht darauf an, was und wie viel wir geben, sondern w i e wir geben. Jede Spende, bei der das Herz des Spenders nicht veredelt wird, fällt nicht in das Gebiet der jüdischen Wohlthätigkeit. Das ist die gesetzliche Armenpflege, die dem Magistrat anheimfällt. Die kann sehr strenge und rücksichtslos gehandhabt werden, wenn der Pflegling nur zu dem kommt, was er erhalten soll. Da ist ein Punkt, wo die Rabbiner eingreifen müssen und können. Vor Allem ist es nicht genug zu bedauern, daß die Chanukafeier jetzt zu einem Schnorreract herabgewürdigt wird, und noch mehr, daß dabei die liebe Eitelkeit und das Protzenthum Orgien feiern können. Haben deshalb unsere Vorfahren ihr Leben in einem glorreichen Kampf gewagt, damit nach zwei Jahrtausenden arme, halbverhungerte Kinder von reichgeputzten Damen öffentlich »bescheert" werden? Haben wir denn schon jeden Sinn für geschichtlich gewaltige Thaten verloren, jedes Verständnis für unseren einstigen Ruhm eingebüßt? Das Chanukafest soll wieder das werden, was es einst gewesen ist: eine Erinnerung an den todesmuthigen Widerstand, den einst unsere Vorfahren gegen Gewissenszwang und geistige Knechtschaft geleistet haben. Es ist dies kein Spiel für Kinder und für kindische Damen, die ihre Roben zeigen wollen. Wenn die Rabbiner keinen Muth haben sollten, gegen dieses greuliche Heidenthum sich auszuspcechen, dann hört schon Alles auf! Sollte dabei die menschliche Eitelkeit sich verletzt fühlen, so daß die Beschenkung der Kleinen minder reichlich ausfällt, wäre es kein so großes Unglück. Der die Raben speist und die Lilien auf dem Felde kleidet, wird auch sie nicht verlassen. Haben die Leute noch ein jüdisches Herz, so werden sie sich der gegebenen Anregung freuen und ihre Wohlthaten so üben, daß dabei kein moralischer Schaden entsteht. Es ist jetzt vor Chanuka. Die Vereine rühren sich bereits und fordern zu reichlichen Spenden auf. Jetzt ist es an der Zeit, dieses Uebel zu beseitigen. Wer es stillschweigend duldet, macht sich zum Mitschuldigen. Dr. S. B e r n f e l d.

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