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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-11-07 · 45 (7.11.1902) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
45 (7.11.1902)
Date
1902-11-07
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 45 Dr. Bloch's Wochrnschrifk. Sette 739 In einer vor dem Wahltage abgehaltenen Versammlung sprach der Abgeordnete Daszynski über den Dummen Kerl von Wien und machte dabei die zutreffende Bemerkung, daß Wien die einzige Stadt der Welt sei, die über einen „Dummen Kerl" verfügt. Man hat noch niemals etwas von einem Dummen Kerl von Berlin, Paris oder London gehört. Nur Wien verfügt über diese, mit Respect zu sagen, symbolische Gestalt. Nur in dieser Stadt ist es möglich, daß ein B i el o h l a w e k, ein G r e g o r i g , ein S t r o b a ch rc. in eine parlamentarische Körperschaft entsendet werden, und an der geistigen Capacität und dem Bildungsgrade dieser Individuen läßt sich der Culturgrad Derjenigen beurtheilen, die solche Leute als die Blüthe des Bürgerthums betrachten. Die Partei der „ehrlichen Arbeit", des Gegensatzes zum mühelosen Gewinn, stellt einen geriebenen Buchmacher, der im verwegenen Spiel am Turf ein Vermögen ergattert hat. als ihren Repräsentanten auf. Die Candidatur des Herrn Victor Silberer an sich war eine beispiellose Kühnheit. Daß er gewählt wurde, hat er, abgesehen von der Jncorrectheit der Wählerliste und der scrupellosen christlich-socialen Wahlmache, entweder der Discretion des fortschrittlichen Wahlcomitös zu danken oder dem Umstande, daß eine dem Herrn Victor Silberer gewidmete Publikation eines Sportblattes, die seinerzeit großes Aufsehen hervorrief, in Vergessenheit gerathen ist. Die Buchmacherei am Turf ist ja ein gesetzlich erlaubtes Gewerbe, aber die Basis und der Betrieb desselben ist ein wildes Spiel, bei dem das gute oder schlechte Laufen eines Gauls oft über Hunderttausende entscheidet. Glückt es einem solchen Buchmacher, den Wettenden ihr Geld abzunehmen, so mag er ungestört des leicht erworbenen Besitzes sich erfreuen, allein für das Mandat eines Volksvertreters und noch dazu im Verbände einer Partei, die sich, allerdings fälschlich, als die alleinige Repräsentantin des „arbeitenden Volkes" gerirt, ist denn doch das Buchmachergewerbe die allerschlechteste Empfehlung. Allein in Wien deckt der Antisemitismus Alles, auch wenn Einer so spät sein antisemitisches Herz entdeckt hat, wie der Turf- und Börsespeculaut vom Annahof. Jüdische Spielkunden bei seinem Buchmacherstand im Wettring waren ihm stets willkommen, und er handelte mit ihnen um die „Odds", und wir glauben nicht, daß er bei dem Betriebe seiner Sportzeitung jemals jüdische Abonnenten und Inserenten zurückgewiesen hatte. Nunmehr sind wir neugierig darauf, ob Herr Victor Silberer der neu erstandenen antisemitischen Gesinnung wegen sein Restaurant im Annahof und sein Hotel zum Erzherzog Johann am Semmering judenrein erhalten wird. Neben diesem notorischen Ueberläufer, der einst als „der liberale Buchmacher" im Gemeinderathe galt, werden wir nur wenige neue Erscheinungen im künftigen Landtage zu begrüßen haben. Mit dem Schandfleck Ernst Schneider wird auch der neue Landtag behaftet sein, und der antisemitische Unflath aus seiiem Munde wird abermals den Sitzungssaal durchtönen. D?r Strobach und der Gregorig werden nach wie vor ihre wohlgemästeten Gestalten dem hungernden Volke zeigen, das von den Juden ausgesogen wird, und der einst liberale Dr. Weiskirchner wird in der Fortsetzung seiner Karriere den Lohn für die Herrn Dr. Lueger geleisteten Dienste finden. * * * In dieser Gesellschaft wird Ernst Schneider den Vorrang an Gesinnungsroheit und infernalischem Judenhaß nicht lange behaupten können. Er hat einen sehr gefährlichen Concurrenten an dem wiedergewählten Josef Sturm. Dieser Mensch ist Mittelschullehrer in einem Staate, deffen Grundgesetz die Gleichberechtigung aller Confessionen festsetzt. Wenn man die frechen und verleumderischen Hetzreden liest, die dieser Mensch in der Wahlcampagne gehalten und in welchen er die Judenhetze in einer Weise trieb, deren man bisher nur einen Ernst Schneider fähig hält, so muß man wohl sagen, es sei keine Ehre für den gebildeten Lehrerstand, daß er einen solchen Mann in seiner Mitte dulden muß. Vor uns liegt ein Bericht des „Deutschen Volksblatt", Abendblatt vom 30. October 1902, über eine von besagtem Joses Sturm gehaltene Rede. Nur wenige Stichproben seien hier angeführt aus dem, was dieser Lehrer der studirenden Jugend, dem Dummen Kerl von Wien vorzulügen wagt. Er sagt, die Juden betrachten es nach den bei ihnen geltenden Gesetzen als ein Verdienst, den „Nichtmenschen" ihren Besitz wegzunehmen, jede Lüge, jeder Berrath, jeder Meineid sei dem Juden geboten, wenn er dadurch „Nichtmenschen" schädigen kann. Bekanntlich ist es der Gesinnungsgenosse und Rivale dieses Professor Sturm, nämlich Ernst Schneider, der den Unterschied zwischen Menschen und Juden erfunden bat. Diesen blöden Witz des Sechshauser Trunkenbolds hat sich nun der Herr Sturm zu eigen gemacht und zu einer giftigen Lüge verwerthet. Er dichtet den Juden an, daß sie Andersgläubige als Nichtmenschen betrachten. Um die weiteren hier citirten Verleumdungen gegen die Juden vorzubringen, dazu gehört entweder bodenlose Dummheit oder bodenlose. Den Herrn Professor Sturm halten wir nicht für dumm; die Alternative mag er sich vervollständigen, ganz wie es ihm beliebt. Er citirt auch einen Ausspruch Cremieux' in einem Aufrufe zur Gründung der Alliance Jsraelite — da soll Cremieux gesagt haben, „die Zeit sei nicht mehr ferne, wo die Reichthümer der Erde ausschließlich den Juden gehören werden". Die Behauptung, daß Cremieux das jemals gesagt, ist vor Jahren schon als erlogen nachgewiesen worden, wie überhaupt Cremieux an der Gründung der Alliance gar nicht betheiligt war. Das wissen die Antisemiten sehr genau, aber es war immer Uebung bei ihnen, auch solche Behauptungen, deren Lügenhaftigkeit bewiesen worden, trotz der Kenntniß ihrer Unwahrheit zu wiederholen. Das ist antisemitische Moral, die Moral der „Rohlinge", und der Mittelschulprofessor Josef Sturm hat diese Moral sich zu eigen gemacht. Wir übergeben diesen Herrn der Berurtheilung aller anständigen Menschen und überlassen es dem Nachdenken der christlichen Bevölkerung, zu erwägen, ob es gerecht, ob es menschlich und ob es christlich ist, mit solchen vergifteten Waffen den Wahlkampf zu führen und durch Verleumdungen den Haß gegen ihre jüdischen Mitbürger zu erzeugen. * * Im Uebrigen betrachten wir, wie wir bereits in unserer vorigen Nummer auseinandersetzten, den Wahlsieg der Christlich- Socialen vom Standpunkte der Juden keineswegs als ein Ereigniß von großer Tragweite. So lange ein gesetzlicher Zustand herrscht und so lange die Leute nicht die Macht haben, das Gesetz der bürgerlichen Gleichberechtigung aufzuheben, wird die antisemitische Clique über gewisse Grenzen der Gemeinschädlichkeit nicht hinauskommen. Die öffentliche Verwaltung sowohl als die gesammte Bevölkerung Niederösterreichs haben allerdings Grund, die Fortdauer des antisemitischen Regimes auf's Lebhafteste zu beklagen, wie dies erst in diesen Tagen Dr. Alfred Stern in einem ausgezeichneten Artikel in der „N. Fr. Presse" sachkundignachgewiesen hat. Gegen die ziffermäßigen Constatirungen dieses Artikels läßt sich mit Lueger'schen Witzen nichts machen. Innerhalb sechs Jahren christlich-socialer Verwaltung ist das Laudeserfordernlß um 50 Percent gestiegen, die Landesumlage auf die Grund- und Gebäudesteuer um ein volles Viertheil erhöht worden, die Umlage auf die Personalsteuern um nahezu 75 Percent. Gleichzeitig hat der Schuldenstand der Stadt Wien eine Vermehrung von 375 Millionen erfahren. Die Antisemiten rechnen freilich aus, der Werth der öffentlichen Straßen und Plätze haben sich von 44 auf 73 Millionen erhöht, der Werth der Canäle und Bäche von 18 auf 31 Millionen. Leider kann man die so sehr im Werthe gestiegenen Straßen und Plätze nicht verkaufen, und die Hausse in Bächen und Canälen nicht in Geld umsetzen. Die erhöhten Steuern aber müssen wie Alle Jud und Christ, baar bezahlen. I s e x r i m. Emile Zola und Picquart. In der „Gazette de Lausanne" veröffentlicht der Oberst Picquart einen außerordentlich schönen Artikel über Zola. Picquart erklärt es für unbegreiflich, daß selbst noch viele Verehrer Zola's nicht einzusehen vermöchten, wie Zola sich einzig aus Güte, aus Mitleid, aus einer hochgesteigerten Sensibilität in den Kampf für die Befreiung Dreyfus' geworfen. Dann erzählt er, wie er Zola zum erstenmale gesehen. Er hatte ihn vor dem großen Zola-Processe nicht kennen gelernt, nie mit ihm correspondirt. „Ich hatte allerdings sagen hören, daß er sich mit der Dreyfus-Affaire beschäftigte, aber die Artikel, die er im „Figaro" schrieb, entgingen mir. (Picquart befand sich damals bei seinem Regiment in Tunis.) Ich kannte sogar den Brief „J’accuse“ erst durch die „Aurore", von der man mir, wie alltäglich, eine Nummer am Morgen meiner Jnhaftirung auf dem Mont Valerien zugestellt. Als ich in meiner Zelle eingeschlossen war, hatte ich die Idee, das Blatt aus meiner Tasche zu ziehen, um mich in meiner aufgezwungenen Muße zu beschäftigen, und ich las den

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