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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-10-31 · 44 (31.10.1902) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
44 (31.10.1902)
Date
1902-10-31
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 720 Dr. Blmtz's WmhVNfchrifk. Nr. 44 nicht mehr aushalten und schreit: »Ich wünsche, daß du sollst haben ein Haus, und in dem Hause vierzig Zimmer und in jedem Zimmer vierzig Betten. Und es soll dich schüttelll vierzig Tage ein solches Fieber, daß es soll dich werfen von einem Bett in's andere, von einem Zimmer in's andere." So, daß ihr's wißt, Kinder, fluchen sich die Juden." »Nu, schlaf' schon du Teufel!" sagt ärgerlich die Frau des Erzählers, und bald herrscht unter den Pritschen vollkommene Ruhe. (Fortsetzung folgt.) Literatur. Ein Märchenbuch »Altneuland" von Theodor Herz l.*) Das alte Märchen von Einem, oer lange Jahre im Elfenreich geschlafen und heimkehrend die Welt ganz wunderlich verändert findet, hat wieder einen neuen Dichter, eine neue Variante gefunden. Wie Bellamy, wie Hertzka so hat auch Theodor Herz! nun eine Zukunftsgeschichte geschrieben, »Altneuland", die sich wie ein hübsches Märckenbuch liest und den Kindern, denen sie erzählt wird, wohl gefallen dürfte. Daran allein läßt sich aber der Dichter diesmal nicht genügen; die naive Absichtslvsigkeit der Volksmärchen fehlt ihm und seiner Dichtung, deren Motto lautet: »Wenn Ihr wollt, ist es kein Märchen". — Das Buch Herzl's zerfällt in zwei Theile und der erste ist fast unglaublicher als der zweite. In einem Wiener Blatte fleht eine seltsame Annonce: »Gesucht wird ein gebildeter und verzweifelter junger Mann, der bereit ist, mit seinem Leben ein letztes Experiment zu wagen." Der junge Mann, der sich meldet, ist Dr. Friedrich Löwenberg, der Suchende, ein ehemaliger deutscher Edelmann und amerikanischer Millionär, Mr. Kingscourt. Der jüdisch: Doctor und der Deutsch-Amerikaner sind beide sreunolos, enttäuscht, deprimirt, der Welt und der Menschen müde; Mr. Kingscourt hat sich aus diesem Menschenhaß heraus eine Insel im Südsee-Archipel gekauft, auf der er in wundervoller Einsamkeit nur sich und seinen kleinen Paffionen leben will und bietet Dr. Löwenberg an, mit ihm zu kommen. Und Friedrich Löwenberg schlägt ein; leichten H'rzrns verläßt er die Welt, um für immer in eine unbekannte Ferne zu ziehen. Er läßt Niemand zurück, der ihn vermissen oder betrauern würde, auß*r der Familie eines jüdischen Hausirers, dem er aus bitterster Noth großmüthig geholfen. Und als Wien und alle kleinlichen und widerlichen Kränkungen hinter ihm wie ein wüster Traum liegen, findet sich der Held auf der schönen, behaglichen Jacht Mr. Kingscourt's und dampft der fernen seligen Insel zu. Auf dem Wege aber bekommt Mc. Kingscourt die Laune, ehe er der Welt für immer Ade sagt, seinen neuen Freund und Gefährten erst Palästina zu zeigen, das Land der Väter, das Land der Sehnsucht, das Land wunderlicher, sinnverwirrender Hoffnungen und Träume. Und so verbringen die beiden weltmüden Einsamkeitspilger einige Tage in dem alten Lande der Juden. Sie gehen traurig durch die vernachläffigten Straßen Jaffas, kommen in einer märchenhaft schönen Mondnacht nach Jerusalem und sind am Tage über die schrecklichen Zustände der alten Königsstadt entsetzt. Endlich führt sie ein alter ruffischer Augenarzt nach den Colonien Rischon le Zion und Rechoboth, und nachdem sie diese kleinen aber trefflichen Anfiedlungsversuche gesehen, verlassen sie das Land, das nach einer herrlichen Vergangenheit wie eine gedemüthigte verwitwete Königin darniederliegt und selbst in dieser Schmach noch einen Schimmer bewahrt von ehemaliger Schönheit, Würde und Macht. Und dann verschwinden Dr. Löwenberg und Mr. Kingscourt und fahren dem fernen Gestade der Vergessenheit zu. Das zweite Buch trägt die Aufschrift: Haifa 1923. Zwanzig Jahre find vergangen, die Jacht Kingscourt kehrt zurück, und von der Sehnsucht wieder zu den Menschen getrieben, sehen sich die beiden Männer die neue, veränderte Welt an. Wieder betreten sie Palästina, aber das Land ist nun zur strahlenden Fürstin geworden, deren süßes Bild sich von dem Goldgrund der Vergangenheit reizvoll abhebt; alle Vernachläffigung, aller Jammer, alles Elend ist verschwunden, der Traum der Sehnsucht ist erfüllt, die Heimatlosen sind in die Heimat zurückgekehrt, Altneuland ist entstanden. Und nun lernen die weltfremden Jnselleute, die zwanzig Jahre nichts von der Erde und den Menschen vernommen, allmählich alles Neue und Verwunderliche dieser seltsamen Welt kennen. David Littwak, der Sohn des armen Wiener Hausirers, der in Dr. Löwenburg seinen Wohlthäter verehrt, wird ihr Führer, in seinem prächtigen Hause erfahren sie alles Nöthige, um die »Neue Gesellschaft" und ihre Organisation verstehen zu können, und dort erzählt ihnen auch ein Phonograph, wie dieser neue Exodus geleitet und zu solch glücklichem Ende geführt wurde. Ein Zwang wurde nicht ausgeübt; wer in Europa bleiben wollte, dem wurde es nicht gewehrt, ja die Situation dieser Zurückbleibenden wurde bedeutend gebessert, sie konnten sich freier regen, wurden nicht als störend empfunden, ja eher gesucht als gemieden. Aber diese Zurückbleibenden waren nur eine ganz verschwindende Minderzahl; nach Palästina zog es die Meisten und ein mächtiger Strom von Einwanderern füllte das Land. So entsteht denn unter der Oberhoheit des Sultans das Jordanland in neuer Herrlichkeit. Paläste und Billen krönen die Ufer des Sees Genezareth, Salomons Tempel ist in Jerusalem wieder aufgerichtet, die Sümpfe sind ausgetrocknet, Eisenbahnlinien durchziehen das Land nach allen Richtungen und auf den Feldern blüht Korn, Wein und Tabak. Das Todte Meer wird in eine unerschöpfliche Quelle des Reichthumes verwandelt; aus seinen Salzen wird kostbares Brom gewonnen, man fördert Schwefel und Phosphate, man erbohrt Petroleum. Mit dem Mittelländischen Meer ist es durch einen Canal verbunden, der durch den Niveauunterschied eine Wasserkraft von 50.000 Pferdekräften erzeugt. Landwirthschaft, Gewerbe, Beleuchtungswesen, Alles wird aus dieser Kraftquelle gespeist. Und während im Innern des Landes blühender Wohlstand es in einen herrlichen Garten verwandelt, ist Haifa ein Hafen ersten Ranges, in dem sich die Schiffe dreier Erdtheile treffen. Das Genossenschaftsprincip ist als sociale Grundinstitution gewählt. Die riesigen Waarenhäuser, die Zeitungen, ja das ganze Besiedelungsunternehmen ist genossenschaftlich, so daß die Theilnehmer den Nutzen mitgenießen. Die Gegensätze von Arm und Reich sind daher auch nicht mehr so schroff und leichter überbrückbar, umsomehr als auf die altjüdische Einrichtung des Jubeljahres zurückgegriffen wurde, das immer nach fünf Decennien das private Eigenthum an Grund und Boden der Gesellschaft zurückgibt. Künste und Wissenschaften gedeihen, die Frauen genießen volle Gleichberechtigung, die Kinder werden nach großen, kosmopolitischen Grundsätzen erzogen, und um Alles das zu schaffen, war nur Eines nöthig: alle veralteten Einrichtungen der alten Welt wurden abgeschafft, ihre socialen und technischen Errungenschaften aber benützt und ausgebaut. Und die Beiden, denen die Menschen so ungeheuer gleichgiltig waren, daß sie zwanzig Jahre lang keine Sehnsucht und kein Verlangen nach ihnen hatten, die beiden spüren nun eine brennende Scham in dem Gedanken, daß sie that- und nutzlos bei Seite standen, als so Großes geschah, und bleiben natürlich in Altneuland, um als thäiige Mitglieder dieser wundervollen Bereinigung Glück und Befriedigung zu finden. Und dieses schöne Märchen von den armen Juden, die aus Druck und Knechtschaft, aus Jammer und Elend herausgehen, ausgerüstet mit allen technischen Errungenschaften des 20. Jahrhunderts und sich im alten Lande der Väter ein Helles, lichtes, modernes Heim erbauen, um in würdiger Arbeit würdig zu leben; dieses schöne Märchen erzählt Theodor Herzl voll Begeisterung und Kunst, und als leiser Unterton zittert durch das Ganze das Thema des Mottos: »Wenn Ihr wollt, ist es kein Märchen." Am Ende des Buches wird darüber gesprochen, wer wohl diese neue glücklichere Form des Zusammenlebens die, in Altneuland besteht, geschaffen, und verschiedene Menschen beantworten die Frage verschieden. »Die Noth" sagt der Eine, »das Wiffen" der Andere; »die Naturkräfte", »die gegenseitige Duldung", »das Selbstvertrauen" und noch manches Andere wird angeführt, endlich auch »der Wille", der Alles bezwingende, Alles besiegende, königliche Wille. Der alte Rabbi Samuel aber steht auf und sagt »Gott". — »Wenn Ihr aber nicht wollt", sagt der Dichter im Nachwort, »wenn Ihr nicht wollt, so bleibt es ein Märchen, was ich Euch erzählt habe." Und auch als Märchen ist es eine hübsche und erfreuliche That, an der man Vergnügen haben kann und Vergnügen haben wird. »Altneuland" ist ein schöner, stolzer Traum, der nur im Herzen eines innerlich starken, lebenskräftigen Volkes entstehen kann, aber es ist eben ein Traum. Nur der Optimismus des Poeten findet den Schluß: »Traum ist von That *) Verlag Herm. Seemann, Leipzig.

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