Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 44 (31.10.1902)
- Date
- 1902-10-31
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 44 Dr. Bwch's Wochenschrift. «rite 719 yllitb bann?" „Dann? Nu, dann ruht man einen Tag aus." „Und nach dem Ausruhen, später?" „Später setzt man die Reise zur nächsten Etappe wieder fort." „Und dann?" „Dann? Nun, dann wirst du schon selber sehen. Wenn wir an Ort und Stelle anlangen, wird man euch alle in das Kinderheim führen. Das ist ein gutes Haus, ein so gutes Haus, wie ihr noch keines gesehen habt.... Man wird euch reine Schürzen vorbinden, weiße Kapuzen aufsetzen. Und viele, viele kleine Knaben und Mädchen werden dort mit euch sein. Heiter ist's dort und gut. Warm werdet ihr's haben und immer reichliches Essen. Dafür muß man aber fleißig lernen und sehr folgsam sein." „Und was wird man uns zu essen geben?" „Lauter gute Dinge, Brod und Rindfleisch, und Grütze, und allerlei." „Und Milch auch?" „Nun, Milch gibt es an Feiertagen." „Und Thee auch?" „Schau Einer die vornehme Dame an! Thee will sie haben! Nein, Thee werdet ihr nicht bekommen, aber Grütze die Hülle und Fülle." „Und die anderen kleinen Knaben und Mädchen werden auch lernen?" „Natürlich." „Und werden sie gut zu uns sein?" „Sehr gnt..." „Und wer wohnt hinter jenem Berggipfel?", fragt plötzlich die kleine, schwarzäugige Ruchele. „Menschen." „Und hinter jenem dort?" Unter solchen Gesprächen geht die Zeit dahin und endlich erreicht man die Etappe. Glücklicherweise ist die Compagnie nicht besonders zahlreich und kampflustig, so daß das Erobern eines Platzes mit nicht zu großen Schwierigkeiten verbunden ist. Manchmal jedoch geht es nichtsdestoweniger ziemlich bunt her. Die Etappen zwischen Strjetynsk und Gornji Serentuj gehören zu den fürchterlichsten ... Die Enge, der Schmutz und die Kälte, die daselbst herrschen, finden auf der ganzen Strecke, welche die Strafcompagnien in Sibirien durchziehen, kaum ihres Gleichen. Einige darunter sind von einer Beschaffenheit, daß der Aufenthalt einer solchen Anzahl Leute in ihnen während einer kalten Januarnacht jedem menschlich denkenden und fühlenden Wesen eine Unmöglichkeit dünkt. Aber die Obrigkeit, und insbesondere die sibirische Obrigkeit, fühlt und urtheilt nicht menschlich und die Unmöglichkeit wird ihr derart möglich, daß sie in diese engen eiskalten Schweineställe hundert Stück „Menschenvieh" hineinpfercht! Das Menschenvieh murrt, es ist unzufrieden, ja, es protestirt, indem es den Unterofficier ruft und den Versuch wagt, ihm die Ideen von Nächstenliebe und Gerechtigkeit begreiflich zu machen. Schließlich jedoch endet es damit, daß das „Vieh" in sein Schicksal sich ergibt. Es wird in den Schweinestall getrieben und daselbst eingeschloffen. Daß man dem übelriechenden Eimer ebenfalls einen Platz in diesem Raume anweist, ist selbstverständlich. Die Escorte zittert immer vor Furcht, und nicht um die Welt würde sie gestatten, daß der Eimer im Corridor bleibt, selbst nicht in dem Falle, wenn eine Wache vor der Thür steht. Ein Schloß ist immer sicherer: und wenn man die ganze Nacht über in der Wachstube Karten spielt, die Sträflinge können weder davonlaufen, noch die Soldaten todtstechen. Wohin sollten sie auch fliehen in dieser strengen Jahreszeit, in der kalten dunklen Nacht, aus einem Gebäude, daß, mit spitzen eisernen Stäben umgeben, von bewaffneten Soldaten umringt ist? In seinem Innern ist sich Jeder bewußt, daß diese Angst nur ein leeres Phantasiegebilde ist, nichtsdestoweniger jedoch findet man es richtig, sie officiell als berechtigt darzustellen. Es dämmerte bereits, als die hungrige, halberfrorene Compagnie auf einer dieser Etappen anlangte. Mit dem unvermeidlichen Lärmen, Schimpfen, ja, manchmal sogar mit Schlägereien suchen die Sträflinge in dem angewiesenen Stall sich unterzubringen. Häufig findet es dann statt, daß Boruchowitsch und seine Kinder zur Hälfte unter die Pritschen, unmittelbar neben dem Eimer zu liegen kommen. Die kalte Luft, die bei jedem Oeffnen der Thür hereindringt, überströmt sie mit eisigem Hauch. Alle Kinder husten fürchterlich, und wenn nicht die vorhergegangene, mehrjährige Abhärtung sie widerstandsfähig gemacht hätte, hätten sie sich seit Langem schon auf den Tod erkältet. Doch Gott sei es gedankt, daß man wenigstens solchen Platz erobern konnte! Die heutige Etappe hat den Höhepunkt an Grauen erreicht. In der kleinen Kammer sind die Leute so eng zusammengepfercht, wie Häringe in einer Tonne. Der Anblick dessen, was in der Tiefe vorgeht, ist fürchterlich: Das Klirren der Ketten, begleitet von dem nicht minder schrecklichen Zanken, schrilles Schreien der Weiber, lautes Weinen der Kinder, Körper an Körper gedrängt, ein Kopf über dem anderen ragend. . . Zu der entsetzlich stickenden Luft und der unerträglichen Hitze gesellt sich unter den Pritschen, wo es ebenfalls von lebenden Wesen — von Männern, Frauen und Kindern wimmelt, Kälte, Feuchtigkeit und ein unglaublich übler Geruch. . . „Aber uns, Kinderchen, ist es heute geglückt," suchte der scharfsinnige Boruchowitsch seine Kinder zu trösten, „dort kann man ersticken, allen Ernstes ersticken. . . Und hier ist es nicht schlecht, ein wenig feucht. . ." Die Kinder bitten um etwas zu essen, aber das dafür bestimmte Geld ist noch nicht ausgezahlt. Es dauert reichlich zwei Stunden, bis der Schultheiß dasselbe vom Unterofficier eingehändigt erhält und es unter die Sträflinge vertheilt. Mojsche gelingt es, bei den Verkäufern einige mit Käse gefüllte Kuchen zu erhandeln; er läßt in einem Kesselchen Waffer auffieden und brüht ein wenig von dem Thee in Täfelchen auf. Letzteren eroberte er auf Kosten einer Unzahl grober Schimpfworte und sogar einiger Fauststöße in die Brust, mit denen die übrigen Sträflinge ihn fortzutreiben versuchten, denn an jeden Herd drängt sich eine Menge Volkes, und um das kleinste Plätzchen entsteht ein Kampf, fast auf Leben und Tod. „Wohin kriechst du, räudiger Jud? Siehst du nicht, daß hier Menschen stehen?" „Nun, und was bin ich? Nicht auch ein Mensch? Meine Kinder sind nicht ebensolche Kinder wie die deinen? Müssen nicht ebenso trinken und essen?" „Ach, du jüdisches Scheusal! Ueberall muß er reden! Ueberall muß er hineinkriechen!" Mojsche jedoch gibt nicht nach und beharrt bei seinen Menschenrechten. Der Fauststöße achtet er nicht, der Schimpfworte noch weniger. Nun sind seine Kinderchen gesättigt. Die Kleineren schlafen, einander mit dem Aermchen umhalsend, in alle erdenkliche Fetzen eingehüllt; die Aelteren find beschäftigt, indem sie das Eßgeschirr und auch Anderes in Ordnung bringen. Im Bewußtsein seiner für den heutigen Tag gewissenhaft erfüllten Pflicht hat sich Boruchowitsch ebenfalls zur Ruhe begeben. Er liegt auf seinem Pelz und denkt nach. Woran denkt er? An seine verstorbene Frau, an die glückliche Vergangenheit, an seine Kinder, an die Zukunft, die ihnen bevorsteht? Oder lauscht er nur einfach den verschiedenen Klängen, die aus diesem, einer Hölle gleichenden Raume zu ihm dringen? Häufig, wenn er, die Arme um den Kopf geschlungen, auf dem Rücken liegt, (seine liebste Stellung in diesen abendlichen Ruhestunden) fingt er halblaut ein langes, eintöniges, trauriges Sträflingslied, das einzige, das er kennt und in dem man nur einen in einemfort sich wiederholenden Vers unterscheiden kann: „Ach! unglücklich ist mein Schicksal..." „He, Jude!" ertönt eine Stimme aus dem Dunkel unter den Pritschen, „ist es nicht dieses Lied, das ihr fanget, als man euch aus Egypten vertrieb?" „Und du warst damals der Pharao, nicht wahr?" antwortete Boruchowitsch muthig, und unmittelbar darauf fügt er, als Zeichen seiner höheren Verachtung, gleichsam zu sich selber, sein Lieblingssprichwort hinzu: „wie es scheint, ist es eine Kuh, und sie will krepiren." „Schau nur Einer, solches Gesindel, und das schimpft noch," erwidert der Unsichtbare, insbesondere beleidigt, weil man ihn einen Pharao genannt hat. „Und habt ihr gehört, Kameraden, wie die Juden untereinander sich zanken? Ich hab's gehört. Der Eine sagt zum Anderen: „Der Teufel hole deinen Vater!" Darauf erwidert der Zweite: „Lieber deinen Großvater!" Nun sagt wieder der Erste: „Deinen Vater und Großvater, und den Urgroßvater deines Großvaters!" Da kann der Zweite es