Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-10-31 · 44 (31.10.1902) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
44 (31.10.1902)
Date
1902-10-31
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021439-3021484--12193-3036773
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Sette 718 Dr. Bloch's Wochsnschrifk. Nr. 44 Zala-Egerszeg. Am zweiten Tag Rosch-Haschono fand unter zahlreicher Betheiligung der hiesigen Bevölkerung und Studentenvereine das Leichenbegängniß des begabten Sohnes des Hoteliers Fidrich statt. Die Trauerpsalmen trug der neugewählte Ob rcantor Jenö Weiß mit dem Chore wirkungsvoll vor. Warschau. (Ein neues jüdisches Tageblatt.) Polnische Blätter berichten, daß vom 1. Jänner 1903 ab in Warschau eine ausschließlich den jüdischen Interessen gewidmete, in polnischer Sprache geschriebene Tageszeitung mit zionistischer Tendenz erscheinen wird. Die Conceffion lautet auf den Namen des Direktors der Warschauer Discontobank G. Posnanski, während Herr K. Hertz zum Chefredacteur des Blattes designirt worden ist. Odessa. Die Generalversammlung des Odessaer Comitßs für die Colonisation Palästinas wird, wie jetzt bekannt wird, am Donnerstag den 6. November stattfinden. Die Versammlung ist diesmal insofern von hoher Bedeutung, als sich die Verhältnisse in Palästina seit der letzten Generalversammlung wesentlich geklärt haben und der seit einigen Jahren herrschende Pessimismus einer vernünftigen optimistischen Auffassung der in den palästinensischen jüdischen Colonien herrschenden Zustände zu weichen beginnt. Es wird daher allgemein erwartet, daß die russischen Chowawen-Zion auf der diesmaligen Generalversammlung in Odessa für die Colonisation Palästinas wichtige positive Beschlüsse fassen werden. Troppau. Der hiesige „I ü d. l i t. V e r e i n", der durch Veranstaltungen interessanter und belehrender Vorträge über jüdische Geschichte und Literatur, sowie durch die Pflege edler Geselligkeit unter den Mitgliedern sich viele Verdienste um unsere Gemeinde erworben hat, nimmt immer mehr an Ausdehnung zu — Heuer wurde eine „Jüdische Turnabtheilung" unter der vortrefflichen Leitung des Herrn Dr. Med. R. Lichtwitz gegründet, so daß der Vereinsvorstand, infolge des regen Vereinslebens und der steten Zunahme der Mitglieder sich gezwungen sah, größere und geräumigere Localitäken aufzunehmen. Anläßlich des vergangenen Simchas Thorafestes wurde nun das neue, schöne Heim des Vereines, das prächtig decorirt und mit hebräischen Sprüchen geschmückt war, mit einem „Geselligen Abend" durch den zweiten Obmann Herrn Victor Kulka officiell eröffnet. Herr Dr. Max Huß, Religionslehrer der hiesigen Mittelschulen, hielt eine formvollendete und sehr interessante Festrede, in welcher er einen Rückblick auf die Geschichte und Literatur unseres Volkes warf und zum Schluffe in warmen und herzlichen Worten die Anwesenden aufforderte, dem Jüd. lit. Vereine treu zu bleiben und ihn auch ferner materiell und moralisch zu unterstützen, der doch solch edle und schöne Ziele in so uneigennütziger Weise verfolgt und sich um unsere Gemeinde so sehr verdient macht. Stürmischer Beifall lohnte die interessanten und fesselnden Ausführungen des geschätzten Redners. Einige unterhaltende Gesangsvorträge und ein gemüthlicher Tanz hielt die animirte Gesellschaft bis zum Anbruch des Morgens in heiterster Stimmung beisammen. Feuilleton. Kilder aus Sillirren. Novelle von L. Melschin. Uebersetzt aus dem Russischen von Malwina Blumberg. (Fortsetzung.) In einem langen Zuge schleppt sich die Compagnie von Strjetynsk ihrem Bestimmungsorte entgegen. Zu der eine Etappe von der anderen trennenden Entfernung von zwanzig bis dreißig Werst verbraucht d.ie Compagnie, die mit Tagesanbruch sich auf die Reise macht und ihr Ziel mit sinkender Nacht erreicht, eine Zeit von zehn Stunden, obgleich man den Weg auf dem ärgsten Pferde in vier bis fünf Stunden mit Leichtigkeit zurücklegen kann. An der Spitze klirren gewöhnlich die Ketten der zu Fuß gehenden Sträflinge. Es sind dies die jüngeren und kräftigeren Mitglieder der Compagnie, die an das Gehen und Laufen gewöhnt sind und die manchmal ein langjähriger Aufenthalt nicht „fertigt machen kann. Sie gehen gleichmäßigen, elastischen Schrittes, und nur mit Mühe gelingt es der Eskorte, sie einzuholen. Ihnen folgt im Schneckenschritt die lange Procession der Schlitten, auf denen Frauen, Kinder und Kranke trübe nebeneinander kauern. Etwas unsagbar Trauriges und Wehmüthiges liegt in diesem eintönigen, verzweiflungsvoll langsamen Sich-vorwärts-schleppen! Und so geht es Tag um Tag, Wochen-, monate-, ja, für Manche jahrelang! Rasche, mit drei Pferden bespannte Schlitten fliegen, ganze Regimenter ziehen, Fußgänger schreiten vorüber, — und die Compagnie schleppt sich ohne Eile, träge, müde, schläfrig. . . . Eigentlich stimmt das nicht ganz: die Compagnie möchte rascher vorwärts kommen; „die Stute hat immer Eile," sagen die Sträflinge mit Ironie auf sich selber; aber gegenüber der strengen, streng eingehaltenen Vorschriften ist ihre ganze Hast vergeblich. Der Weg, den sie täglich zurücklegen dürfen, ist genau vorgeschrieben, und jeden dritten . Tag müssen sie auf einer „Etappe" zubringen. Und, in der That, warum sollen sie sich beeilen? Geht's doch zur Zwangsarbeit, nicht in's Vaterhaus! . . . In der gegenwärtigen Compagnie finden wir von allen unseren Bekannten nur Mojsche Boruchowitsch wieder. Die Uebrigen wurden, laut Befehl, entweder dem Gericht überliefert, oder siedelten sich in verschiedenen Dörfern an. Mojsche geht in der ersten Reihe und laut klirren seine schweren Ketten. Es macht den Eindruck, als wäre er noch magerer und eingefallener, als wäre sein spitzer Bart noch svitzer, der Ausdruck seiner Augen noch furchtsamer und scheuer geworden; in seiner ganzen Erscheinung malt sich Sorge, — und bald ernste Entschlossenheit, bald vollkommene Verzweiflung. Und kein Wunder ist's, wahrlich! Sind doch erst vierzehn Tage verflossen, seit in Strjetensk seine treue Gattin Jenta, die Mutter seiner Kinder, seine einzige Stütze, auf deren Mithilfe er bei all' seinen Plänen, Hoffnungen und Träumen so felsenfest gebaut, aus dem Leben schied. . . . Was bleibt ihm jetzt noch auf dieser Welt? Was nützt ihm die Freisprechung? Ist es ihm jetzt nicht einerlei, in welchem Gefängniß und wie viele Jahre er noch leben wird? Seine Kleinen wird die Regierung im Kinderheim unterbringen und Mojsche selber. . . . Wem ist er jetzt nothwendig? Und auch er bedarf nichts mehr, und nichts in der weiten Welt kann ihn interessiren! Nichtsdestoweniger eilt er von Zeit zu Zeit aus der ersten Reihe in die Mitte der Fahrstraße, und wartet daselbst, bis die langsam nachziehenden Schlitten sich blicken lassen. Einer derselben ist ganz von seinen zahlreichen Kindern besetzt. Fünf an der Zahl, eines kleiner als das andere, in Pelze, Mäntel und allerhand Kleidungsstücke gehüllt, schmiegen sie sich eng aneinander und begrüßen den Vater, dessen düstere, eingetrocknete Gestalt sie schon von Weitem bemerken, mit lauten Willkommsrufen. „Und schämst du dich nicht, Abram, den ganzen Weg über auf dem Schlitten zu sitzen?" frägt Mojsche seinen Aeltesten, den künftigen Stammhalter der Familie Boruchowitsch mit strenger Stimme. „Wenn ich dir was versetze, wirft du rascher laufen, als der rascheste Traber! Mach', daß du herunterkommst!" Gehorsam steigt Abram vom Schlitten und läuft nach vorn, seinen Platz dem ermüdeten Vater überlassend. Langsam klettert Mojsche in das Fuhrwerk, nimmt sein Lieblingskind Ruchele auf die Knie und beginnt mit den Töchtern ein Gespräch, das sich von dem, welches er gestern und vorgestern mit ihnen führte, und aller Wahrscheinlichkeit nach, wenn Gott ihm Leben und Gesundheit schenkt, auch morgen führen wird, in Nichts unterscheidet. „Nun, wie, Kinderchen? Schwer zu leben ohne die Mama? Ach, schwer, schwer, sagt ihr. Wir werden alle zu Grunde gehen. Nun, zu Grunde gehen wohl nicht, aber sehr viel Trübes werden wir ertragen müssen. Du, Chassa, mußt jetzt unsere Wirthin und unser aller Mütterchen sein. Bist du doch schon ein großes Mädchen. Bis du nicht heiratest, mußt du für uns kochen, nähen, flicken und waschen. Ja, Mamachen war eine Frau, ach, solch' eine Frau... Nein, Chasse, nein, Bruche, solch' eine Frau war nicht auf der Welt und wird nicht sein. Ich spreche die Wahrheit. Und alle sollt ihr euch Mühe geben, so zu werden, wie sie war." „Und wann, Papachen, kommen wir zur Etappe?", fragte die rothhaarige Surele. „Bald, bald, Töchterchen. Am jenen Gipfel müssen wir biegen. Dort, sagt man, ist die Etappe." „Und morgen fahren wir wieder bis zu einer Etappe?" „Morgen wieder."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.