Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 44 (31.10.1902)
- Date
- 1902-10-31
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 44 Dr. Bloch's Wochonschrift. Sette 715 für die Toynbee-Halle getragene Ansprache Dr. Kohn's gefunden, gibt wohl der zuversichtlichen Erwartung Raum, daß dessen warmer Appell nicht wirkungslos verhallt sein, sondern fruchtbaren Boden gefunden haben wird. Krmnau. Hochgeehrter Herr Doctor! In Nummer 42 Ihres werthen Blattes brachten Sie die überaus herzliche Begegnung zwischen dem hochwürdigen Bischof K u n und Oberrabbiner Dr. Löw. Auch unserer Gemeinde wurde vergangenen Samstag den 18. d. M. vom hochwürdigen Budweiser Bischof die hohe Ehre eines überaus freundlichen Empfanges zutheil. Herr Cultusvorsteher Fabrikant L. Spiro, dessen Interesse an allem Guten und Schönen überall soviel fördert, sowie dessen Stellvertreter, der opferfreudige Herr Dr. Ad. K o h n, begaben sich mit Herrn Rabbiner Dr. Hirsch zum Empfange des hochwürdigen Bischofs M. R i h a in die hiesige Prälatur und wurden sehr huldvoll von demselben ins Gespräch gezogen. Ihre Eminenz erkundigte sich beim Herrn Vorsteher nach der Seelenzahl der Gemeinde und den sonstigen Institutionen. Lebhaftes Interesse bekundete sie besonders für die Anstalt, welche die Rabbiner in Oesterreich zunächst heranbilden soll, das Wiener Seminar. Dr. Hirsch gab die erbetene Aufklärung bezüglich des Bestandes, Besuches, der Prüfungen und sonstigen Einrichtungen des Seminars, Dinge, die Ihre Eminenz sichtlich intereffirten. Freundlich wurde die Deputation entlassen. Sonntag waren die Herren L. u. E. Spiro, sowie Herr Dr. K o h n zur Tafel geladen und äußerst aufmerksam behandelt. Unser hochverehrter Herr Prälat Grill ist eben auch bei dieser Gelegenheit wieder als das Muster eines katholischen Priesters hervorgetreten, der keinen Unterschied zwischen den Geschöpfen kennt und nur die einende Liebe walten läßt. Diese echte Duldsamkeit empfehlen wir unseren Antisemiten zur Nachahmung. Schließlich müssen wir noch des wackeren Herrn P. Czap gedenken, in dessen Hause wir derzeit den Gottesdienst abhalten müssen. P. Czap hat sich der armen Waisenkinder angenommen und ihre Erziehung sich zur Lebensaufgabe gemacht. So hat er auch in seiner edlen Gesinnung dem verwaisten Israel eine Stätte der Andacht in jenem Hause eingeräumt, das verlassenen Waisen ein Heim bietet. P. C z a p's streng-religiöse Gesinnung eben brachte es mit sich, daß er in dieser traurigen Zeit der Vorurtheile und gehässigen Strömungen gegen die Juden offen aller Welt zeigt, was eines Gottesdieners würdig ist. Wir empfehlen dieses Vorgehen ebenfalls unseren Gegnern! Man muß staunen, welch großes Interesse unser Freund für unfern Gottesdienst bekundet! Andächtig lauscht er dem Gesänge, mit großem Interesse verfolgt er die Predigt und vertheilt dann Rosen! „Die schönste Rose des Lebens ist entschieden die Duldsamkeit, eine Frucht der wahren Religiosität, des wahren Glaubens", das will uns eben unser menschenfreundlicher P. Czap immer wieder tröstend, beruhigend zurufen. Möge Gott uns recht viele solcher Männer senden, die wahrlich die ersehnte geula, die so nöthige Erlösung, zu bringen im Stande sind! Wenn solche Priester das Volk belehren, dann kann und darf uns um die Zukunft nicht bangen, sie muß sich lichtvoll gestalten, denn wahre Duldsamkeit .muß eine Zeit süßen Friedens anbahnen! Ihr eifriger Leser I. Gans. Ahlemb.Hannover. (Israelitische Erziehungs- Aust alt zu Ahlem bei Hannover.) Man schreibt uns: Die neu errichtete Mädchen-Erziehungsanstalt in Ahlem ist von der dort seit zehn Jahren segensreich wirkenden Knaben- Anstalt räumlich vollkommen getrennt, und obgleich Vorstand, Curatorium und Damen-Comits der Knaben-Anstalt auch die Oberaufsicht der Mädchenanstalt übernehmen, ist die Leitung des letzteren Instituts doch auch in dieser Richtung vollständig von der des ersteren getrennt. Fräulein Lazarus, eine auf dem Gebiete des Erziehungswesens bewährte, erfahrene und tüchtige Pädagogin, die bis zum 1. April d. I. an her Spitze des Israelitischen Central-Waisen- und Mädchenheims in Ems stand, übernimmt die Leitung der neuen Mädchenanstalt in Ahlem. Aus Wunsch des Vorstandes des letzteren Instituts hat Fräulein Lazarus in der Zeit vom 1. April d. I. bis Anfangs August die bewährtesten jüdischen und christlichen Erziehungsanstalten, sowie städtische und ländliche Haushaltungsschulen besucht und sich in den bestgeleiteten davon tage- und auch wochenlang aufgehalten, um die Einrichtungen und den Betrieb gründlich kennen zu lernen. Sowohl bei der inneren Einrichtung der neuen Anstalt, als auch beim theoretischen und praktischen Unterricht werden die bewährteste Methode der verschiedenen Institute und die gewonnenen Erfahrungen zur Geltung kommen. Somit sind alle Vorbedingungen gegeben, um die Zöglinge des neuen Instituts gründlich theoretisch und praktisch nach allen Richtungen hin auszubilden. Während das Knabeuhaus aus kleinen Anfängen entstanden, infolge der nothwendigen Vergrößerungen durch fortwährende An- und Umbauten verändert werden mußte, ist das neue Mädchenhaus von vorherein für 60 jüngere und 20 ältere Mädchen eingerichtet, und die Zahl soll auch nicht überschritten werden, weil nur dann eine individuelle Ausbildung der Zöglinge zu ermöglichen ist. Das Hauptgebäude selbst, sowie die Nebengebäude und die Gartenanlagen find, wenn auch nicht luxuriös, doch nicht nur gesund und praktisch, sondern auch schön angelegt. Die Mädchen haben Gelegenheit, Einrichtung und Betrieb sowohl eines einfachen, wie auch eines besseren Haushaltes kennen zu lernen. Wenn schon die Knaben-Anstalt trotz mehrerer primitiver Einrichtungen in Folge der überall herrschenden peinlichen Ordnung und Sauberkeit auf jeden Besucher einen vorzüglichen Eindruck macht, so ist dies bei der Mädchenanstalt in noch weit höherem Maße zu erwarten. Die Zöglinge müssen unwillkürlich durch die ganze Umgebung und Erziehungsmethode sich an Ordnung und Reinlichkeit in allen Dingen gewöhnen. Bei vollkommenster Disciplin ist doch nicht Strenge, sondern mütterliche Liebe der Vorsteherin und des Hilfspersonals der Haupterziehungsfactor. Ebensowenig wie in der alten Anstalt der schulpflichtige Knabe von vornherein für einen bestimmten Berus prädestinirt wird, will man schon bei dem Eintritt der Mädchen vorherbestimmen, welchem Beruf sie nach Beendigung ihrer Schulzeit zugeführt werden sollen. Dies wird sich hier wie dort nach der Veranlagung der Kinder richten. Wie die Knaben durch die in Ahlem erhaltene Erziehung dem Hausirhandel entzogen werden sollen und, gleichviel, welchem Be uf sie sich später zuwenden, zu gesunden, kräftigen und praktischen Jünglingen herangebildet werden, will man bei den Mädchen von frühester Kindheit an nicht nur den Sinn für Ordnung und Reinlichkeit, sondern auch gleichsam spielend die Lust und Liebe für die Arbeit in Haus und Garten erwecken. Man will sie vor überfüllten, schlecht bezahlten und in mancher Beziehung gefährlichen Berufsarten bewahren und sie durch den Aufenthalt tit freier Luft oder den gut ventilirten, sonnigen Räumen des neuen Gebäudes zu gesunden, kräftigen Jungfrauen heranbilden, die im Stande sind, später einen Beruf auszuüben, der sie nicht nur ernährt, sondern sie auch in den Stand setzt, ihre Angehörigen zu unterstützen oder sich selbst Geld zu sparen. Bukarest. Man ist in hiesigen Regierungskreisen immer sehr gekränkt darüber, wenn in der auswärtigen Presse über die schlechte Behandlung der rumänischen Israeliten durch die Landesbehörden Klage geführt wird. Statt aber hier den Beleidigten zu spielen, würde es sich empfehlen, in jenen Fällen, in welchen eine flagrante Verletzung der verfassungsmäßig garantirten confesfionellen Gleichberechtigung vorliegt, auf eure energische Zurechtweisung der schuldtragenden Persönlichkeiten bedacht zu sein. So muß es als eine für einen Rechtsstaat geradezu unerhörte Anomalie bezeichnet werden, daß es noch immer Richter in Rumänien gibt, welche es im Widerspruche zu der von humanitären Grundsätzen geleiteten Mehrzahl ihrer Collegen nicht verschmähen, von den zur Beschwörung ihrer Aussagen herangezogenen israelitischen Parteien die Eidesablegung „mors judaieo" zu verlangen. Vergeblich haben alle über diese Art der Eidesablegung befragten israelitischen Theologen erklärt, daß die damit verbundenen, geradezu entwürdigenden Gebräuche gar nichts mit einer rituellen Sitte zu thun haben, ja daß sie sogar im schroffen Widerspruche zu der alttestamentarischen Lehre und dem Geiste des Judenthums stehen. Nach wie vor bleibt es in Rumänien dem freien Ermessen des betreffenden Richters überlassen, ob er die zur Eidesleistung verpflichteten israelitischen Parteien auf die Bibel vereidigen oder ob er sie zum sogenannten Schwure „mors judaieo" verhalten will. In Ermanglung anderweitiger Mittel, den mit letzterer Schwurformalität verbundenen Unfug zu verhindern, haben verschiedene Judengemeinden ihren Rabbinern verboten, den Eidesleistungen „mors judaico* beizuwohnen, und sich außerdem geweigert, ihre Gebethäuser zur Vornahme entwürdigender und das Judenthum beschimpfender Ceremonien herzugeben. So ist es auch in Braila geschehen, wo der Rabbiner Margulies sich weigerte, die ihm zugemuthete Assistenz bei einem von der zweiten Section des dortigen Tribunals einer israelitischen Partei auferlegten Schwure „mors judaico* zu leisten. Die Folge davon