Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 44 (31.10.1902)
- Date
- 1902-10-31
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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r.N 44 Vr. Bloch's Wochrnfchrifk. Sette 711 des Wienerwaldes gegen ein Consortium von Speculanten, um die Hebung der Stadt Mödling und um die Armenpflege erworben hat. absehen und nur seine Haltung den Juden gegenüber ins Auge fassen würden, so konnte uns der Mann keinerlei Sympathie einflößen. Er hat allzuhäufig mit den Christlich- Socialen fraternisirt und aus mancher derben Aeußerung, die aus seinem Munde kam, sprach oft genug das Vorurtheil gegen die Juden. Das hätte ihm in der Meinung der verhetzten christlichen Bevölkerung eigentlich zum Vortheil gereichen müssen. Entsprach er also in dieser Hinsicht den Wünschen der niederösterreichischen Wählerschaft, so war er im Uebrigen vermöge seiner vieljährigen öffentlichen Wirksamkeit ein Candidat, den fallen zu lassen grober öffentlicher Undank ist. Ihm stand ein Mensch gegenüber, der sich auf keinerlei verdienstliche Leistung berufen kann, und ein Mann, der Jahrzehnte aufopferungsvoll im Interesse seiner Mitbürger gewirkt hat, der als Bürgermeister von Mödling und als Landesausschuß mit der größten Hingebung gearbeitet hat, der geradezu ein Fanatiker in der Erfüllung der übernommenen Ehrenpflichten war, wird dem erstbesten christlich-socialen Agitator geopfert. Nach dieser einen Wahl ist das gesummte Resultat der Wahlen in den niederösterreichischen Landgemeinden auszufassen, das uns weder überrascht noch sonderlich alterirt. Ob christlich - sociale oder deutschnationale Antisemiten im Landtage sitzen, kann uns so ziemlich gleichgültig sein. Die Niederlage Schöffel's zeigt nur drastisch, wie die systematisch betriebene Irreführung des Volkes seitens der Christlich-Socialen ihre Früchte getragen hat. Nicht die Fähigkeit und nicht die Würdigkeit des Candidaten kommt auch nur im Geringsten in Betracht. Maßgebend ist einzig und allein, ob er der iLuegergarde angehört. Dann kann er ein Mittermayer und Purscht oder ein Ernst Schneider sein, und das Mandat ist ihm sicher. Die große Lüge, daß das Wohl des Volkes von der Unterdrückung der Juden abhänge und daß alle Gegner der Christlich-Socialen „Judenknechte" seien, daß die Christlich-Socialen mit dem Christenthum identisch sind und ihre Bekämpfung eine Sünde gegen die Religion sei, wurde den Bauern seit Jahren gepredigt und die urtheilslose Menge glaubt daran, der religiöse Sinn des Volkes ist das Object einer empörenden Täuschung, eines fortgesetzten politischen Schwindels, und es wird uns nicht im Geringsten überraschen, wenn die Christlich-Socialen neuerdings die Majorität im Landtage erlangen, weil eben ein großer Theil der Bevölkerung durch Dr. Lueger und seine Stumpredner seit Jahren in den Versammlungen systematisch bearbeitet und von einer verlogenen Presse im Dusel der Begeisterung für Lueger erhalten wird. Die Berichte über die christlich-socialen Versammlungen sind da ungemein lehrreich, allerdings auch oft von komischer Wirkung. Da finden wir beispielsweise in einem Berichte über eine Frauenversammlung die Ausbrüche dieser Begeisterung verzeichnet. Der Herr Stadtrath Oppenberger wird „stürmisch begrüßt", der Herr Stadtrath Wesselsky wird „lebhaft acclamirt" und Gemeinderath Laßmann wird „sympathisch begrüßt", Prinz Liechtenstein wird „mit stürmischem Jubel begrüßt", Bezirksvorsteher Müller wird stürmisch, Fräulein Seywald lebhaft begrüßt. Endlich kommt Er, der Große, der Einzige, der Unvergleichliche, kurz: der schöne Karl. Er wird „von einem wahren Jubelsturm und mit Tücherschwenken begrüßt". Liest man dann die einzelnen Reden, so kann man nur über die Verwegenheit staunen, mit welcher insbesondere Dr. Lueger seinem Publicum die verlogensten Schlagworte vorschwefelt. Er vertheidigt die Religion; die Anderen sind Feinde der Religion. Er ist gut österreichisch; die Anderen sind Hochverräther. Er hält die christliche Familie zusammen; die Anderen zerstören sie. Dabei wird den Leuten das Blaue vom Himmel versprochen. Heute sind es die Dienstmänner und morgen die Briefträger, heute die Diurnisten und morgen die Fiakerkutscher. Ihnen Allen, Allen wird der Dr. Lueger helfen, wenn sie nur am Wahltag an die Urne schreiten. Sechs Jahre lang hat sich der Stadtrath nicht um die Fiaker und Einspänner gekümmert. Unmittelbar vor den Wahlen befaßt er sich mit der Ermäßigung der Licenzgebühren. Das ist denn abermals ein Beweis nicht etwa dafür, daß die Fuhrwerker diese Abgaben nicht leisten können und berechtigt sind, eine Ermäßigung zu verlangen, sondern für die — Berechtigung des Antisemitismus. Liest man gar noch den completen Unsinn, den beispielsweise ein Bielohlawek in den Versammlungen schwätzt und daß auch ihm bei jedem Satze zugejubelt wird, so kann man sich von der Intelligenz und der politischen Reife dieser Wählerschaft einen ungefähren Begriff machen. In diesen Versammlungen tritt Niemand auf, der die falsche Sentimentalität, die mangelnde Logik, die sachliche Unrichtigkeit der Reden, die Unerfüllbarkeit der üppigen Versprechen und die Gemeinschädlichkeit der Verhetzung darthun würde, und so ist denn das vorläufige Ergebniß der Landtagswahl, insbesondere die charakteristische Niederlage Schöffel's, ein trauriger Beweis von der politischen und intellectuellen Rückständigkeit der Wählerschaft in Niederösterreich. * * * Mit welchen Mitteln die christlich-sociale Partei den Wahlkampf betreibt, zeigt die compromittirende Enthüllung, die ein gewesener Redacteur der „Deutschen Zeitung" zum Besten gegeben hat, compromittirend für ihn und noch mehr für die Führer der Christlich-Socialen, Allen voran den Dr. Lueger. Ein sicherer Lothar Schäffer hatte in der „Deutschen Zeitung" geschrieben, daß bei den letzten Wahlen gewiffe Bewohnerinnen der Novaragasse von den Socialdemokraten zur Agitation verwendet wurden. Er stellte die Sache so dar, als hätten diese Frauenzimmer durch die „Freie Liebe", die sie gewährten, Stimmen für die Socialdemokraten geworben. Das war nun allerdings eine infame Verleumdung einer politischen Partei, und die Socialdemokraten ließen sich den niederträchtigen, auf Erdichtung beruhenden Schimpf nicht gefallen. Die „Arbeiter-Zeitung" kennzeichnete den Verfaffer als Verleumder, und zwar in Ausdrücken, die man nur dem verächtlichsten Menschen gegenüber wagt. Schäffer klagte das Blatt wegen Ehrenbeleidigung und die „Arbeiter-Zeitung" bot den Wahrheitsbeweis an. Plötzlich — und es ist interessant, daß dies ebenfalls unmittelbar vor den Wahlen geschieht — zieht Herr Schäffer seine Klage bedingungslos zurück, und zwar gibt er als Motiv Folgendes an. Die Behauptung, daß die Socialdemokraten liederliche Weibsbilder zur Agitation verwendet haben, sei allerdings unwahr, aber er habe beweisen wollen, daß er sie, als er jenen Artikel schrieb, für wahr gehalten habe. Da erzählt er nun Dr. Lueger habe am Tage der Wahl die antisemitischen Journalisten zu sich berufen und neben anderen Geschichten auch die von der Theilnahme der Prostituirten aus der Novaragasse erzählt. Herr A x m a n n, der Leiter der christlich-socialen Wahlagitation, habe sich für die Richtigkeit dieser Angaben verbürgt und ein Redactions college in der „Deutschen Zeitung" habe ihm mitgetheilt, er sei mit einem jener Frauenzimmer, die fich an der Agitation betheiligten, selbst in intimen Verkehr gestanden. Für diese Angaben, so sagte nun Herr Schäffer, stünden ihm jetzt die Zeugen nicht mehr zur Verfügung, und darum ziehe er die Klage zurück. So sieht die sogenannte „christliche Preffe" aus, die für die „christliche Familie" kämpft, und auf die hier geschilderte Art wird diese Sorte Publicistik von den Parteiführern inspirirt, und das ist dieselbe Preffe, aus der die christlich-sociale Wählerschaft ihre Ueberzeugungen und Ansichten schöpft. Jetzt begreift man, wie es möglich ist, daß ein Alexander Purscht und ein Hans Arnold Schwer im Gemeinderathe der Reichshauptstadt fitzen. * * * ] In einer Reihe fulminanter Veröffentlichungen wurde der jüdische Advocat Dr. I a c>b s oh n vom „Deutschen Bolksblatt" verdächtigt, daß er bei einem Duell, bei welchem er als Secundant fungirte, einem der Duellanten präparirte Pistolen in die Hände geschmuggelt habe. Wer jene Artikel las, hatte den Einoruck, als ob der „Jude" fich zum Mitschuldigen eines tückischen Mordes gemacht habe. Infolge der von Dr. Jacobsohn anhängig gemachten Preßklage hat nun das Berganiblatt die Anschuldigung als unbegründet erklärt und dem Kläger Abbitte geleistet. Daß das „Deutsche Volksblatt" frech verleumdet, ist nicht neu; daß es in hündischer Feigheit Abbitte leistet, wenn ihm die verdiente Züchtigung droht, hat es wiederholt bewiesen. Eigenthümlich berührt es aber, daß ein geachteter Advocat, der in solcher Weise beleidigt wird, sich mit einer schäbigen Abbitte begnügt. Wir hätten es begreiflich gefunden, wenn Dr. Jacobsohn das Blatt nicht geklagt hätte, aus dem einfachen Grunde, weil eine so bodenlos gemeine Zeitung überhaupt Niemanden beleidigen kann. Die Verachtung, von der alle anfiändigen Menschen vor dem „Deutschen Bolksblatt" erfüllt sind, ist so groß, daß man fich über keinerlei Anwurf, der in diesem Blatte erhoben wird, zu alteriren braucht. Diesen Standpunkt hat aber Dr. Jacobsohn nicht eingenommen, sondern hat das Berganiblatt der Ehre einer gerichtlichen Klage würdig gehalten. Hatte er dies gethan, so hätte es sich gebührt, daß der Proceß auch durchgeführt worden wäre und der Verleumder seine verdiente Strafe erhält. Daraus macht sich das schmutzige Blatt wahrlich nicht viel, daß