Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 44 (31.10.1902)
- Date
- 1902-10-31
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021439-3021484--12185-3036765- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Aleppo 1× ep/1047811
OCR text
Sette 710 Dr. Bloch's Wochvnschrifl. »ir. 44 Und erst weit nach Palästina — wenn auch nichts anderes die Reihe unterbricht — kommt Kleinasien mit seinen 540.000 Quadratkilometer (so groß wie Deutschland und säst 20mal so groß wie Palästina) und mit einer Bevölkerung von circa 8 Millionen! Bon Syrien ist hier absichtlich nichts gesagt, und zwar aus folgenden Gründen: Als directes Nachbarland Palästinas kommt es insofern nicht in Betracht, als die an Palästina stoßenden Theile Syriens — der christlich-autonome Libanon und das Gebiet von Damaskus — national-jüdisch nicht in Betracht kommen, während Nord-Syrien (die Gebiete von Homs, Hama, Aleppo rc.) sowohl wegen seiner Entfernung von Palästina, wie von den Emigrationsländern, uns zunächst nicht intereffirt. Auch das bestehende Einwanderungsverbot, sowie die große Ausdehnung und Bevölkerungszahl des Landes sind ungünstig. (Syrien ohne Palästina und Libanon circa 110.000 Quadratkilometer mit circa 1,100.000 Einwohnern). Im Uebrigen ist ja auch Syrien noch niemals vom Standpunkt der jüdischen Colonisation ernstlich in Betracht gezogen worden, sondern findet sich nur in der Redensart: „Palästina und Syrien".*) Untersuchen wir die genannten Länder auf Eigenschaften und Verhältnisse hin, die sich nicht wie die obigen in Ziffern ausdrücken lassen, so ergibt sich — nach dem Stand unserer besten heutigen Kenntnisse — Folgendes: Palästina. Vom jüdisch-nationalen Standpunkte zweifellos und absolut das wichtigste Land. Dabei fruchtbar und entwicklungsfähig in jeder Richtung. Dagegen spricht: das Einwanderungsverbot und die Interessen der Mächte, welche die Verhandlungen erschweren. El-Arisch. Vom jüdisch-nationalen Standpunkte absolut einwandfrei. Als Theil des engsten Palästina moralisch ebenso werthvoll wie ein sonst ähnlicher Theil des türkischen Palästina. Kein Einwanderungsverbot. Dagegen spricht: nichts Positives. Allenfalls nur die eigene mangelnde Kenntniß von dieser Gegend, welche uns aber auch bei den meisten Theilen des türkischen Palästina stören würde. Die Halbinsel Sinai. Als nahes Nachbarland von Bedeutung. Mineralreichthum scheint vorhanden, kommt aber zur Zeit noch nicht in Betracht. Kein Einwanderungsverbot. Dagegen spricht: der Wüstencharakter und die verhältnißmäßig große Ausdehnung des Landes bei vorläufig geringen natürlichen Hilfsmitteln. Cypern. Historisch das jüdische Land nach Palästina. An Fruchtbarkeit, Entwicklungsfähigkeit und Klima wie Palästina. Kein Einwanderungsverbot. Dagegen spricht: nichts. Kleinasien. Durch seine Größe und Bevölkerungsziffer weniger geeignet. Jedoch für eine Maffenhilfe durch den Reichthum seines Bodens rc., durch sein Klima, welches dem der Auswanderungsländer ähnlicher ist, durch seine große Nähe zu diesen Auswanderungsländern und die entsprechende Billigkeit der Transportkosten von großer Wichtigkeit. Dagegen spricht: das Einwanderungsverbot. Zu Obigem ist zu bemerken, daß gegen die unter türkischer Verwaltung stehenden Länder und für die unter anglo-egyptischer die sich aus dieser Thatsache ergebenden bekannten Argumente sprechen. Was die Einwanderungsverbote betrifft, so ist hervorzuheben, daß diese Berhältniffe sich ja leicht ändern. Besonders bei Kleinasien find starke Möglichkeiten vorhanden, das Einwanderungsverbot in ein Einwanderungsreglement umzuwandeln. Ich bemerke bei dieser Gelegenheit, daß in der jüdischen Colonisationspolitik die völlig uneingeschränkte Einwanderung in vielen Fällen ebenso hinderlich sein wird, wie ein Einwanderungsverbot. Weitaus das Günstigste ist ein Einwanderungs-Reglement, welches nicht nur schädliche und erwerbsunfähige Elemente zurückhaltet, sondern auch die Einwanderung des brauchbaren Menschenmateriales den Verhältniffen des Landes entsprechend regelt. Gerade bei Erschließung neuer Länder und im Beginn einer Colonisation sind solche Maßregeln unbedingt nothwendig. Um ganz klar auszudrücken, was mich veranlaßt, von allen zu dem „größeren Palästina* gehörigen Gebieten wiederum besonders auf Cypern hinzuweisen, betone ich, was ich zum Theil schon angedeutet habe, nochmals: Man hat das Cypern-Project zionistischerseits abgelehnt, weil Cypern nicht Palästina sei. — Wenn dies der wahre Grund war, weshalb nahm man dann keinerlei Notiz von meinem Hin¬ *) Bezüglich dieses ganzen Passus siehe Tabelle auf S. 15 des ersten Heftes von Palästina. weis auf El-Arisch, das unbedingt zum engsten Palästina gehört? Sicherlich mußte ich aus diesem Umstande schließen, daß dem Argument gegen Cypern keine Bedeutung beizumessen sei. Und vollends eigenthümlich wird die Haltung der Partei- Zionisten erscheinen, seit jetzt ausdrücklich Verhandlungen geführt werden um Theile und Nachbarländer Palästinas. Die zionistische Bewegung ist — weitaus in erster Linie — hervorgerufen durch die Judennoth. Dieser unverrückbaren Thatsache gegenüber wär es ein Verbrechen, wesentliche Gebietstheile der altcn Judenheimat unberücksichtigt zu lassen, welche uns heute schon offen stehen. Die Judennoth läßt sich nicht behandeln wie ein Schachspiel mit hölzernen Figuren, mit denen es sich in 50 Jahren noch gerade so wird spielen laffen. Wir müssen dem Volke, das heute leidet, zu helfen suchen, (und zwar nicht aus Philanthropie, sondern aus nationaler Pflicht) heute und nicht in einer messianischen Zukunft. Es geht uns zuerst um das Volk — dann erst um das Land. — — Was Cypern betrifft, so wäre übrigens auch der Einwand hinfällig, daß die Juden unter englischer Herrschaft keine Aussicht auf eine Autonomie haben würden. Das Gegentheil ist der Fall. Auf Cypern ist heute schon jedes Dorf und jede Colonie autonom; ebenso hat jeder der sechs Districte der Insel für seine eigenen Angelegenheiten vollständige Selbstverwaltung und bezüglich der ganzen Insel beschränkt sich Englands Oberhoheit darauf, daß der englischen Krone das Veto-Recht zusteht. Im Uebrigen werden die Geschicke des Landes entschieden von einem Rathe von achtzehn Personen. Hierunter sind sechs Engländer und die übrigen zwölf werden von den cyprischen Steuerzahlern gewählt. Bedenkt man nun, daß von den circa 15.000 stimmberechtigten Einwohnern nur etwa 6000 das Wahlrecht ausüben, (also in manchen Distrikten erheblich weniger als 1000!) so ist es klar, daß die jüdischen Einwanderer — abgesehen von der communalen Autonomie, welche sie sofort haben — sehr schnell zu einer politischen Selbstständigkeit kommen werden, welche durch die englische Oberhoheit nur um so werthvoller wäre. Und schließlich will ich zu den obigen Ausführungen noch bemerken, daß ich bei Abwägung und Gegenüberstellung der Vorzüge und Nachtheile der verschiedenen Gebiete meines größeren Palästina nur meine Ansichten habe geben können, welche allerdings auf einer — zum mindesten verhältnißmäßig — umfassenden Kenntniß der orientalischen Dinge beruhen. Solange nicht meine Angaben oder Argumente widerlegt werden, sollten Diejenigen, welche nicht die Zeit oder Gelegenheit haben, sich zu infocmiren, mit meinen Ziffern und Werthen rechnen. Sollte dieser oder jener in der Lage sein, meine Gegenüberstellung auf Grund von thatsächlicher Kenntniß wesentlich zu corrigiren (ein Fall, der mir freilich noch nicht vorgekommen ist), so wird die von mir oben gegebene Darstellung ihm in jedem Fall nützlich sein und ihn anregen, nun seinerseits die Resultate aus der gegenwärtigen Lage im Orient zu ziehen. Dieser Aussatz, der ursprünglich eine Art Gelegenheitsarbeit war, hervorgerufen durch ein politisches Communique des Wiener zionistischen Actionscomites, ist mir unter den Händen zu einem ausführlicheren Artikel über „Greater Palestine“ angewachsen, als er bisher dem jüdischen Publicum Vorgelegen hat. Diese Kundgebung, welche diese Ausführungen veranlaßt hat, wird vielleicht sich noch als nutzbringend erweisen, wenn durch sie die Discussion eines Standpunktes angeregt worden ist, welcher mit einemmale die ganze Frage der jüdischen Ocientcolonisation in gesunde Bahnen lenkt — der dem Actionscomitö Actionsmöglichkeiten zeigt — und vor allen Dingen dem jüdischen Volke in seiner großen Mehrheit den Weg aus Golus und Hunger.' _ Vom Jahrmarkt ves Levens. Gloffcn zur TageZgeschichte. (Zur Psychologie der Wahlen. — Jubel sturm und Tücherschwenken. — Die Intelligenz der Wähler.— Bekenntnisse eines antisemitischen Journalisten. — Eine Abbitte Bergani's.) Der alte Josef Schöffel, der Mann, der den Wienerwald gerettet hat und dem noch zu seinen Lebzeiten von seinen Mitbürgern ein Monument gesetzt wurde, ist im Wahlkampfe gegen einen christlich-socialen Agitator unterlegen. Die Juden haben sich über die allzugroße Freundlichkeit des Herrn Schöffel niemals zu beklagen gehabt, und wenn wir von den Verdiensten absehen, die Schöffel sich durch seine unerschrockene Vertheidigung /