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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-10-31 · 44 (31.10.1902) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
44 (31.10.1902)
Date
1902-10-31
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 44 Dr. Blvch's Wochenschrift. Seite 709 Diese Sätze sind geeignet, in den Kreisen der denkenden Palästinenser — Zionisten und Anderer — starkes Befremden hervorzurufen, und es wäre dringend zu wünschen, daß das Actionscomite die unklaren Stellen der sicherlich mangelhaft abgefaßten Notiz möglichst bald und mit aller Ausführlichkeit, die der Gegenstand verdient, klarstellen möge.*) Zunächst würden sich aus den oben wörtlich citirten Sätzen folgende Thatsachen ergeben: 1. Die zionistische Partei erstrebt die Schaffung einer sicheren Heimstätte vorerst in zusammenhängenden Theilen Palästinas und Kleinafiens —, es ist also nicht von ganz Palästina zunächst die Rede und nicht von Palästina allein —, sondern außer Palästina auch von dem recht entfernten Kleinasien. 2. Se. Majestät der Sultan hat sich bereit erklärt, einer jüdischen Ansiedelung gewiffe Zugeständniffe zu machen. 3. Dr. Herzl hat diese Zugeständniffe als nach dem zionistischen Programm nicht ausreichend zurückgewiesen. 4. Der Verfasser der Notiz und die Redaction halten, falls nicht eine ganze Kette gleichartiger Versehen vorliegt, Palästina für einen Theil Kleinasiens. Auf Grund dieser Thatsachen stelle ich die folgenden Fragen: 1. Ist es den leitenden Kreisen der zionistischen Partei wirklich klar, daß es sich vorerst nicht um ganz Palästina, sondern nur um einen Theil des Landes handeln kann? 2. Ist es weiter klar, daß dieser Theil des Landes keiner der heute schon stärker bevölkerten Theile sein kann? 3. Wenn die beiden Vorfragen — oder auch nur die erste von beiden — in der Weise beantwortet sind, welche der Notiz in der „Welt" zu Grunde liegt, warum ist dann nicht der unter egyptischer Oberhoheit stehende südwestliche Theil Palästinas, nämlich der Küstenstreifen zwischen Tell-Refah und dem Wadiel-Arisch, in Betracht gezogen worden, und warum beschränkt man sich bei den zionistischen Verhandlungen principiell auf Theile des Theils von Palästina, der unter türkischer Oberhoheit steht? 4. Wie kommt man mit einem Male auf außerhalb Palästinas liegende Gebiete? 5. Warumauf so weit entfernte wie Kleinasien, wovon noch niemals partei-zionistisch die Rede war? 6. Wenn schon außerpalästinenfische Gebiete in Betracht gezogen werden, warum dann nicht Cypern, welches ungleich näher liegt, eine geordnete Verwaltung hat und auch sonst einer größeren jüdischen Ansiedelung viel günstiger ist als zur Zeit irgend ein türkisches Gebiet? 7. Welche Zugeständniffe hat Se. Majestät der Sultan einer jüdischen Ansiedelung gemacht? 8. Warum genügten diese Zugeständniffe den Vertretern der zionistischen Partei nicht? 9. Ist man zionistischerseits überhaupt berechtigt. Zugeständniffe, welche für viele Tausende der Juden des Ostens immer noch eine Erlösung bedeuten können, zurückzuweisen, weil sie die zur Zeit geltenden zionistischen Parteiforderungen nicht erfüllen? (Wenn Zugeständniffe, welche irgendwie diese Bezeichnung verdienen, Vorlagen, — wäre es da nicht nothwendig gewesen, einen Congreß einzuberufen? Oder haben die Vertreter des Actionscomitss das Recht, in so entscheidenden Fragen nach eigenem Ermessen zu handeln?) 10. Und schließlich: Wie ist es möglich, daß an hervorragendster Stelle der „Welt" — und in der wichtigsten politischen Kundgebung der Parteileitung — eine so unglaubliche Unkenntniß oder Fahrlässigkeit zu Tage treten kann, wie die, welche in den Worten liegt „Palästina und andere Gebiete Kleinasiens?" Mir will es scheinen, daß hier bedenkliche Mängel in der zionistischen Parteileitung zu Tage treten. Es wird jedem, der die Entwicklung beobachtet hat, klar sein, daß nicht ich darüber Klage führen werde, wenn da ein Land außerhalb des engeren Palästina plötzlich in das zionistische Actionsgebiet mit einbezogen wird. Bin ich es doch gewesen, der (— nicht als Erster: dieser Ruhm gebührt unter den Neueren *) Seither sind — bis zu der Drucklegung dieser Zeilen — noch 5 Hefte der „Welt" erschienen, in denen die beftemdliche Kundmachung in keiner Weise modificirt wurde. Auch die übrigen jüdischen Zeitungen gehen fast ausnahmslos über den Kern der Sache hinweg. Um so nöthiger erscheint es, daß der Gegenstand in „Palästina" zur Sprache gebracht wird. Nathan Birnbaum*), aber am nachdrücklichsten und übrigens unabhängig von dem genannten Autor —) auf die Nothwendigkeit eines größeren Palästina hingewiesen hat. gerade jetzt, so lange das engere Palästina uns noch verschlossen ist. Ich habe seit dem ersten Congreffe immer und immer wieder auf die von mir als nothwendig erkannte Vergrößerung des Landgebietes hingewiesen und habe bis zur Grenze des Möglichen für diese Idee gearbeitet. Aber die Wenigsten haben mich verstanden, und die noch kleinere Anzahl derer, welche bereit gewesen wären, praktische Schritte in den von mir gezeigten Richtungen zu thun, wurden theils durch Parteidisciplin und theils durch Schlimmeres (denn schon Parteidisciplin ist schlimm, wenn sie sich gegen den Kern ihrer eigenen Bestrebungen wendet) davon zurückgehalten. Ich wies auf Cypern hin — man antwortete mit Fanatismus und Verleumdungen. Ich zeigte in Kleinafien ein Abflußgebiet für die rumänische Auswanderung und half dort die Colonien begründen, welche in dieser kurzen Zeit so außerordentliche Resultate geliefert haben-man warf mir vor: ich wiffe nicht, was ich wolle: „erst Cypern, jetzt Kleinafien". Ich wies auf El-Arisch hin, 1000 Quadratmeter des engeren Palästina, etwa Vro des ganzen Landes, ein Gebiet, das unter angloegyptischer Verwaltung steht, Einwanderungsverbote nicht kennt unv sicher die Aufmerksamkeit der Palästinenser verdiente — — — man schwieg die Sache todt. Niemand wollte verstehen — wenigstens in der Oeffentlichkeit nicht —, was ich doch von allem Anfang an klar ausgesprochen hatte, nämlich, daß ich nicht eine Anzahl verschiedener „Projecte" zu verschiedenen Zeiten vertrat, sondern, daß es immer die große Idee des größeren Palästina war, die mich leitete — des größeren Palästina, welches historisch und logisch und nothwendig ist, und dessen Nothwendigkeit nun endlich auch in der zionistischen Parteileitung eingesehen zu werden scheint. Also: nicht ich werde Klage führen, wenn man die Keine, falsche, unhistorische, unlogische und hinderliche Politik des kleinsten Palästina nunmehr verläßt und auch von anderen Gebieten spricht — das mag Sache der großen Menge derer sein, die mein größeres Palästina für einen Berrath am Zionismus hielten-wenn ich Klage führe, so ist es über die Art. mit der man nach dem engeren Palästina jetzt auch dem größeren zu Leibe geht. Sollte man nicht meinen, die Herren seien mit Blindheit geschlagen, welche, nachdem sie die Nothwendigkeit von Verhandlungen auch für andere Gebiete eingesehen haben, nun plötzlich und als erstes Kleinafien in Betracht ziehen, welches von Palästina an seinem nächsten Punkte etwa 400, an seinem entlegensten etwa 1100 Kilometer in der Luftlinie entfernt ist, während Cypern von Akka 240 Kilometer (von Beyrut 180, und von Latakie in Syrien gar nur 115 Kilometer) entfernt ist. und während El-Arisch — selbst ein Theil Palästinas — unmittelbar an dieses stößt. Aber es find ja nicht nur die Entfernungen maßgebend. Zionistisch von allererster Bedeutung ist die Frage, ob das zu besiedelnde Land uns die Möglichkeit jüdischer Bevölkerungs- Majoritäten bietet, denn große Ansammlungen von Juden innerhalb noch größerer Bevölkerungsmaffen find längst als werthlos erkannt worden. Die national-jüdische Colonisation braucht Landgebiete, die administrativ von den umgebenden getrennt find oder leicht getrennt werden können, und sie braucht Gebiete, deren Bevölkerungs -Berhältniffe zumindest die Möglichkeit jüdischer Majoritäten in sich schließen. Diese Bedingungen erfüllen von den Nachbarländern Palästinas: In erster Linie El-Arisch mit circa 1 Einwohner per Quadratkilometer (etwa 1000 Einwohner auf 1000 Quadratkilometer) und seiner leichten Abgrenzbarkeit. In zweiter Linie entspricht diesen Erfordernissen die Halbinsel Sinai mit ihrer ziemlich gesonderten Verwaltung, der gleichfalls anglo-egyptischen Oberhoheit, einem Flächeninhalt von 59.000 Quadratkilometer (die doppelte Größe von Palästina!) und etwa 16.000 Einwohnern. In dritter Linie kommt Cypern — ganz getrennt verwaltet, englisch regiert, mit 230.000 Einwohnern auf 9300Quadrat° kilometer. An vierter Stelle steht — von diesen Gesichtspunkten aus — Palästina mit etwa 600.000 Einwohnern auf circa 29.000 Quadratkilometer. *) Siehe den oft von mir citirten Artikel „So lange es Zeit ist" in der „Jüdischen Volkszeitung" 3. April 1894, im wesentlichen Auszuge wiedergegeben im Leitartikel der Berliner „Israelitischen Rundschau" 16. August 1901.

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