Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 43 (24.10.1902)
- Date
- 1902-10-24
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 704 Dr. BLoch's Wochsnschrifk. Nr. 43 liches Schreien des von den Zähnen der Hundemeute gemißyandelten Wildes. „Erbarmen, Erbarmen! . . . . Euer Hochwohlgeboren, ich bin unschuldig . . gebt mich frei!* „Unseren Juden Boruchowitsch hat man gegriffen*, murmelte Kitajew unter seinem Mantel, „er büßt für fremde Schuld!* Das hysterische Schluchzen einer Frau bildete die Fortsetzung dieses Auftrittes: es war die kranke Jenta, die ihrem Gatten zu Hilfe eilte. Auch die aus dem Schlafe geweckten Kinder begannen zu weinen. „Du bist der Hüter? Du hast hier Wache für die Spielenden gehalten?* schrie der Officier, vor Wuth mit den Füßen stampfend. „Nein, Euer Wohlgeboren, ich bin ein rechtschaffener Jude. Ich ging nur, eines eigenen Anliegens halber, dorthin zum Eimer.* „Er ist mein Mann, Euer Wohlgeboren, mein Mann . . wir haben eine zahlreiche Familie . . wir sind arme Juden . .* „Ja so! Dann treib' dich des Nachts nicht umher. Fort auf die Pritsche, so lange ich gut bin.* Die kleine, unscheinbare Gestalt des Officiers tauchte, von Soldaten, die mit Gewehren uns Laternen bewaffnet waren, umgeben, in dem Zimmer auf. Langsamen Schrittes machte er die Runde und blickte unverwandt auf die regungslos wie Leichen auf den Pritschen liegenden Sträflinge. „Plötzlich hat sie alle der Schlaf überfallen*, wandte er sich mit ironischem Lächeln an die Soldaten. „Das nächstemal werdet ihr Jeden, den ihr bei den Karten antrifft, ins Dampfbad führen.* Mit diesen räthselhaften Worten verließ Capitän Petrowski den Raum, um die gleiche Umschau im Nebenzimmer zu halten. Nach Verlauf etwa einer Viertelstunde vernahm man abermals das kreischende Geräusch der vorgeschobenen Riegel und dann trat wieder vollkommene Stille ein. Aus ihrer augenblicklichen Erstarrung erwacht, begannen die Sträflinge mach und nach aus ihren Schlupfwinkeln hervorzukriechen und bald wurden erst leise und ängstliche, dann lustigere und höhnische Reden hörbar. „Verfluchte Teufel!* klagte der Kranich. Kitajew lachte über den gemißhandelten Boruchowitsch. „Wie, Bruder Mojsche, die Seiten thun dir gehörig weh?* „O, wie haben sie mich bearbeitet, die Teufel. .* „Ha, ha, ha! Das ist ein Capitän! Der sieht nicht rechts, noch links, haut Jeden, der ihm in den Weg kommt! Um Pardon hast vu gebeten?* „Du hättest es auch gethan . . Aber von welchem Dampfbad sprach er?* „Schade, daß man dich nicht hingeführt hat. Sie hätten dich mit Birkenreisern so windelweich gehauen, daß du sogar deine Jüdin und alle deine Judenstämmlinge verleugnet hättest . . . Unserem Mangirow käme so was auch zu Statten. Gähne nicht, Hallunke, sobald du Geld nimmst!* „Das ist bereits bekannt.* „Und wo steckt denn unser Marktpächter? Hat man unseren Freund vielleicht schon ins Dampfbad geschleppt?* „Nicht weniger schlimm geht's mir als im Dampfbad. .* erklang unter dem Mantel die Stimme Nikolajew's, „kaum, kaum, mit genauer Noth gelang es mir, mich zu retten . . Da Hab' ich mir mal eine Suppe eingebrockt! Weißt Du was, Kitajew, kauf' du den Markt von mir. Für fünfzehn Rubel tret' ich ihn dir ab.* „Hast den rechten Narren gefunden. Glaubst du wirklich, du alte Schlafmütze, Löwenstein habe ihn kaufen wollen? Wir haben dich, du Schieserstein, absichtlich angespornt und wie einen Truthahn gereizt.* „O, mein Gott!* „Ja, jetzt hast du gut jammern. Bei dieser Strenge wirst du dein Geld auch in einem halben Jahre nicht herausbekommen. Was hilft es, daß unsere Campagne eine heimkehrende ist, sobald von den Neuen vielleicht zwanzig Mann an den Galgen kommen werden.* „Was soll ich, Unglückseliger, jetzt anfangen? Da bin ich mal hereingefallen! Und schämst du dich nicht, Kitajuschka, dich über einen alten Kameraden so lustig zu machen? Warum hast du mich zum Narren gemacht? Was habe ich dir Schlechtes gethan?* „Thut nichts. Fürchte dich nicht, Alterchen. Es kann noch Alles gut gemacht werden. Nun, und wenn man dich ein- oder zweimal durchhaut, ist das solch' ein Unglück? Sieh' dir Borucho witsch an: ein Jude — und doch ein ganzer Kerl. Erst blöckte er wie ein Schaf unter dem Schlachtmeffer und jetzt scherzt er selber mit uns. Nun, Kinder, laßt uns wieder an die Arbeit gehen. He, Nikolajew, Karten und Kerzen gib her!* „Nein, und wenn ihr mich todtschlägt, rühr' ich mich nicht mehr vom Fleck!* „So, Alter? Du hast dich verpflichtet, wir können Dich zwingen!" In demselben Augenblick jedoch tauchte, als käme er unter der Erde hervor, plötzlich Mangirow auf und begann seines Amtes zu walten. Nachdem er die Fenster mit Kleidungsstücken verhängt, breitete er wieder die Decke aus, legte ein Spiel Karten auf dieselbe und zündete eine Kerze an. In Nu waren von allen Seiten Spieler herbeigeströmt. Der alte Nikolajew jedoch saß auf der Pritsche, kraute sich den Hinterkopf, murrte in einemsort vor sich hin und schüttelte tadelnd sein Haupt. Hat der Mensch jahrelang gespart und gespart — um zum Schluffe nicht auszuhalten und so hereinzufallen! . . . Und ihm selber scheint es wunderbar, ja fast unglaublich, daß er solchen Fehler begehen konnte. (Fortsetzung folgt.) De lütt Akzesser.*) Die Freunde von Fritz Reuter's „Stromtid* kennen die liebenswürdige episodische Gestalt des „lütt Akzesser*, und sie werden mit Theilnahme erfahren, daß das Urbild jener guten, mitleidsvollen Seele vor einigen Tagen zu Berlin das Zeitliche gesegnet hat. Es war die verwitwete Frau Sanitätsrath Anna Reß geborene Liebmann, die nach längerem Leiden im 60. Lebensjahre hier verstorben ist und auf dem Dankeskirchhof an der Tegeler Chaussäe ihre letzte Ruhestätte gefunden hat. Die verewigte war ein besonderer Liebling Fritz Reuter's; oft hat der Dichter ihre goldblonden Locken gestreichelt. Frau Sanitätsrath Reß war die Tochter von Reuter's altem Freunde Dr. Michel L i e b m a n n, einem wackeren, uneigennützigen Arzte zu Stavenhagen, dem Urbilde des „Doktor So und So* in der Stromtid. Daß aber „de lütt Akzesser*, das hübsche Mädchen, das mit Luise Hawermann herzliche Freundschaft schloß, und die auf dem „ehrwürdigen Klavezimbel* der Frau Pastor so schön zu spielen wußte, Niemand anders war als Anna Liebmann, ergibt sich klar aus dem vierunddreißigsten Capitel des dritten Theiles der Stromtid. Dort liest man wörtlich: „ ... de lütt Akzesser was de Dochter von en Dokter, und Dokters und Dokterkinner witen ümmer wat Nig's tau vertellen.* Und Frau Pastor, die so was gern hörte, sagte zu Luise: „... Wenn meine Schwester, die Triddelfitz, mir das erzählt, dann hört sich das Alles so scharf an, wenn mir aber die kleine Anna etwas erzählt, dann hört sich das so unschuldig und lustig an; es muß doch ein klein gutes Kind sein.* Die Freundschaft zwischen dem „lütt Akzeffer* und Luise erprobte sich erst, als Hunger und Elend in dem kleinen „Rahnstädt* (Stavenhägen) herrschten. Reuter schreibt: „De Bader von de lütte Anna was en Dokter, un en Titel hadd hei gor nich; äwer hei hadd wat Beteres, hei hadd en Hart für de Armauth; un wenn hei von hir und dor tau Hus vertellt hadd, denn kämm de lütt Akzesser tau de Fru Pastern un tau Luise und vertellte dor wedder, wo't hir stünn un dor stünn, un denn gung de Fru Pastern in ehr Spis'kamer un up den Vörrathsbähn un in den Keller un packte en Korw; un de beiden lütten Mätens drogen in'n Halwschummern dormit af, un wenn sei wedderkemen, gewen sei stk 'n Kuß, un de Fru Pastern einen un Hawermannen einen, un dat was't All.* — Als Reuter noch nicht der berühmte Dichter war, schrieb er manches Polterabendlied für seine Freunde. Allmälig aber wurden diese Gelegenheitsepisteln doch eine Belästigung für den Dichter, und so erhielt 1861 selbst Anna Liebmann, als sie ihn um ein solches Gedicht bat, einen Korb von ihm; aber er entschuldigte sich bei seinem „lieben Töchterlein Anna* damit, daß er ein für alle Mal es „abgelobt* habe, „sich mit Polterabendscherzen zu befassen*. „Ich werde Dir aber* — so fügt er hinzu — „in anderer Weise zeigen, wie sehr mir an einem freundlichen Gesicht von Dir gelegen ist." *) Aus dem „Berliner Tageblatt" vom 9. Juli.