Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 43 (24.10.1902)
- Date
- 1902-10-24
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 43 Dr. Bloch's Wochenschrift. «ette 701 werden dürfen. Was die große Menge der einheimischen Juden und Hunderte im Lande geborene und außerhalb Rumäniens keine Heimat besitzende, aber hier noch nicht naturalisirte Christen wünschen und zu wünschen berechtigt find, ist ein Gesetz, welches erklärt, daß jeder in Rumänien Bürgerpflichten erfüllende und zu keinem anderen Staate in einem Unterthanenverhältnisse stehende Bewohner Rumäniens in Rumänien heimatsberechtigt und in Bezug auf Unentgeltlichkeit des Unterrichts, auf Freizügigkeit und erwerbliche Thätigkeit den rumänischen Bollbürgern gleichgestellt ist. — Als charakteristisch muß hervorgehoben werden, daß eben jetzt kein Geringerer als der Decan des Bukarester Advocatenbureaus, Advocat Danielopolu, in der „Gazeta Advocatilor* einen Artikel veröffentlicht hat, in welchem unter Betonung der von mir bereits in einem ausführlichen Berichte nachgewiesenen wirthschaftlichen Nachtheile der Ausschließung der Fremden vom Landbesitzerwerb eine diesbezügliche Abänderung des ominösen Artikels VII der Verfassung vom Jahre 1878, als im Interesse des Landes gelegen, verlangt wird. Bukarest. Seit einigen Tagen weilt in Rumänien der englische Abgeordnete Major Evans G o r d o n, der vor einigen Wochen die Londoner Regierung über die rumänischen Zustände interpellirt hat. Damals hat der englische Minister des Aeußern geantwortet, daß England schon mehrmals bei der rumänischen Regierung wegen der jüdischen Bevölkerung ohne Resultat intervenirt habe. Major Gordon, von einem rumänischen Journalisten befragt, erklärte, da er mit der Antwort seiner Regierung unzufrieden war, gab ihm diese den Auftrag, die jüdische Frage in Rumänien einem eingehenderen Studium zu unterwerfen. Bis jetzt habe er nur mit Staatsmännern gesprochen, die man nicht als judenfreundlich bezeichnen kann; von diesen Gesprächen habe er die Ueberzeugung gewonnen, daß die Lage der Juden in Rumänien unerträglich sei. Da er sich mit diesen Erklärungen nicht begnügen wollte, habe er das jüdische Viertel in Bukarest besucht; die dortige jüdische Bevölkerung habe auf ihn einen sehr guten Eindruck gemacht, und er kenne jetzt genau ihre Ansprüche und die Ungerechtigkeiten, denen sie ausgesetzt ist. Gordon zeigte eine große Mappe voll Notizen, die er für seine nächste Interpellation im englischen Parlament verwenden will. Bon anderer Seite wird uns geschrieben: Major Evans Gordon, der bekannte englische Parlamentarier suchte bei seinem Aufenthalte in Rumänien zweimal den Bukarester Rabbiner Dr. M. Beck auf und ließ sich von ihm sowohl die gesetzliche Lage der Juden schildern, wie sich auch durch die ärmsten Stadtviertel führen, die von Juden bewohnt sind. Wenn Major Gordon als Judenfeind Rumänien betrat, so verließ er es als warmer Philofemit. Die gesetzliche Lage der Juden fand er unglaublich und ließ sich erst durch die Lectüre von Schwarzfeld's Buch von der Wahrheit dieser Bedrückungen überzeugen. Mit seinem photographischen Apparate fixirte er bei seinen Jnformationsgängen mehrere Gruppen und Scenen und äußerte sich wiederholt ganz entzückt über die Reinlichkeit dieser armseligen Juden. Die jüdische Handwerkerschule „Cioeumul" veranstaltete ihm zu Ehren ein Schauturnen; als die strammen Jungen vor ihm defilirten, sagte er zu Herrn Salomon: „Schicken Sie uns diese Kerle nach England, solche Einwanderer können wir brauchen/ Major Gordon nahm auch Einsicht in die Auswandererlisten und überzeugte sich, daß, Juden nur in höchst geringer Anzahl nach England auswandern. Major Gordon kam auch mehrmals mit Take Jonescu zusammen, allein alle Liebesmühe des rumänischen Staatsmannes war vergeblich; Major Gordon hat sich überzeugt, daß die Klagen der rumänischen Juden berechtigt sind, und versprach, bald nach Eröffnung des Parlamentes die rumänische Judenfrage öffentlich zur Sprache zu bringen. Aus London kommt dann auch die Meldung: Die Frage der rumänischen Juden wird demnächst im englischen Parlament discutirt werden. Der englische Abgeordnete Major Gordon hat in den letzten Wochen Rumänien bereist, um sich mit eigenen Augen von der Behandlung der Juden zu überzeugen. Sein Urtheil geht dahin, daß dort die Bertragsverpflichtungen gegenüber den Juden in außerordentlicher Weise verletzt wurden. Major Gordon gedenkt, einen entsprechenden Dringlichkeitsantrag im Parlamente einzubringen. Zum 20jährigen Bestand der Abraham und David Schwarzmannffchen Schule in Braila. Gerade 20 Jahre sind es her, seit 2 hochherzige Männer, die Brüder Abraham und David Schwarzmann, die Judengemeinde Brailas mit einer Schule versahen. Ein prächtiges Gebäude im Centrum der Stadt, hat diese Schule wohl an 8000 Kindern die nothwendigen Kenntnisse vermittelt. Was für uns Juden in Rumänien eine Schule bedeutet, wo unsere Kinder nur ausnahmsweise in die Staatsschulen ausgenommen werden, brauchen wir wohl nicht auszuführen. Eine ganze Plejade von tüchtigen Leuten sind aus derselben hervorgegangen. Ein Theil derselben leitet heute die Angelegenheiten der Gemeinde in Braila und sorgt für die Schule, ein anderer macht dem jüdischen Namen in Handel und Gewerbe Ehre, und nicht Wenige find, jetzt auf der ganzen Erde zerstreut, in der Lage, dank den hier erworbenen Kenntnissen ihr Fortkommen zu finden. Nur wer sich mit der Frage der Kindererziehung bei uns beschäftigt und sich der ganzen Wichtigkeit derselben bewußt ist, wer selbst für diese Schule kämpft, kann beurtheilen. welche außerordentliche Bedeutung diese Stiftung für uns hat. Oft schon war das Schulcomite in den letzten Jahren rathlos, da die Mittel für die Erhaltung der Schule fehlten. Ja, oft waren wir nahe daran, die Schule zu sperren. Aber immer wieder stand das Bild der Stifter als ein beredtes Beispiel vor unseren Augen und spornte uns zu oft übermenschlichen Anstrengungen an und die Schule wurde nicht gesperrt! Wir konnten eben nicht dieses herrliche Gebäude leer und verweist lassen, es wäre wie ein stummer Vorwurf vor uns gestanden. Was aber am meisten unsere Dankbarkeit und Verehrung für die Stifter steigern muß, ist die Thatsache, daß sie die Ersten und bisher, trotz des Zeitraumes von 20 Jahren, der seither verflossen, bis auf einen Fall*) die Einzigen waren, die eine größere, dauernde Stiftung für jüdische Zwecke gemacht. Wohl wird bei uns viel Wohlthätigkeit geübt, aber sie wird verzettelt. Für kleine Zwecke wurde bei uns viel gestiftet, für Große nichts! Um so leuchtender ist das Beispiel dieser edlen Brüder, die, selbst aus bescheidenen Anfängen hervorgegangen, als sie zu Wohlstand gekommen, daran schritten, für die künftigen Generationen ihrer Vaterstadt eine Stätte des Lichtes zu schaffen. Daß diese That ohne Beispiel war, erhöht ihre Bedeutung weit über das Gewöhnliche. Es sei uns nun, da sich 20 Jahre erfüllt, gestattet, dem Leben der hochherzigen Stifter einige Worte zu widmen. Schon in früher Jugend erwarben die Brüder Schwarzmann durch Fleiß und Ehrlichkeit ein kleines Vermögen. Mit diesem gründeten sie im Jahre 1854 ein Kleidergeschäft. In kurzer Zeit nahm das Haus Abr. und David Schwarzmann einen großen Aufschwung und bald stand es an der Spitze dieser damals bedeutungsvollen Branche im Lande. Um dem Geschäfte eine größere Ausdehnung zu geben, wurde im Jahre 1861 in Wien ein Zweighaus eröffnet, dessen Leitung Herr David Schwarzmann übernahm und bis heute führt. In Braila blieb Abraham Schwarzmann. Dank dem Eifer des Wiener Chefs nahm die Firma auch dort bald eine hervorragende Stellung ein und gehörte binnen Kurzem zu den angesehensten Exportfirmen für fertige Kleider. — Das Geschäft wurde weit ausgedehnt und seine Erzeugnisse wurden weit über ihr ursprüngliches Absatzgebiet nach Osten und Westen verschickt. Als Herr David Schwarzmann im Jahre 1881 seine Vaterstadt besuchte und sah, daß die einzige jüdische Knabenschule aus Mangel an einem paffenden Locale ein Wanderleben führte und ganz unzureichend war, da machte er seinem Bruder den hochherzigen Vorschlag, eine Schule zu erbauen. Sofort wurde zur Ausführung dieser Idee geschritten und schon im Jahre 1882 konnte der Bau seiner Bestimmung übergeben werden. Dieser Bau. der noch heute nach 20 Jahren zu den schönsten Schulbauten unserer Stadt gehört, kostete mit der Einrichtung über 80.000 Francs. Anfangs von 200 Kindern besucht, stieg die Frequenz bald auf 450. Hier erhalten die Kinder Unterricht in deutscher, rumänischer (nach dem Programme der Staatsschulen) und hebräischer Sprache, und unsere Absolventen haben bei den Staatsprüfungen immer den besten Erfolg. Oft schon haben die staatlichen Autoritäten, trotz des ungeheueren *) Hier ist die Stiftung der edlen Frau Ernestine Kirschen in Braila gemeint.