Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 43 (24.10.1902)
- Date
- 1902-10-24
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 700 Dr. Bloch's Wochsnfchrrst. Nr. 43 was in solchem Munde ungeheuerlich, ja undenkbar ist. R. Akiba hat seinen Sohn nicht gelehrt, den Sabbath zu entweihen, so groß seine Achtung vor der Arbeit, sein Abscheu gegen den Müßiggang war, den er auch am Sabbath gebannt wissen wollte durch die Arbeit des Geistes im Dienste der Thora. Muthen wir dem Rabbi nicht etwas Anderes zu, denn, vernimmt er es, dann klagt er: „Es gibt doch was Neues unter der Sonne!'' Sollten wir, löbliche Redaction, Ihre Geduld und die der Leser Ihres geschätzten Blattes durch unsere Ausführung zu sehr in Anspruch genommen haben, dann möge es uns zu Gute gehalten werden, daß wir hiebei einen anderen Erfahrungssatz R. Akibas, freilich wieder nur im Sinnendes Talmud, gegeben, v. Tract. B. B. foL 112 a, berücksichtigt haben, der da lautet: Läßt man einen Jrrthum Wurzel fassen, dann ist er nicht mehr auszurotten. Dies zu verhindern, war unsere Absicht. Der gute Glaube des Herrn E. B. jedoch bleibe nach wie vor unangetastet. Hochachtungsvoll Rabbiner Dr. Böck. Auspitz, 20. October 1902. Berlin. In einer Wiener Correspondenz der „Vossischen Zeitung" wird der Angriff besprochen, den seit einigen Tagen der Pächter des Jubiläums-Theaters, Müller-Guttenbrunn, in christlich-socialen Blättern zu bestehen hat. Herr Müller-Guttenbrunn. heißt es dort, lieferte sich, nachdem seine Stellung im Raimund-Theater unmöglich geworden war, den Wiener Antisemiten aus. Sie begründeten ein Partei-Theater, an dem tisher weder ein jüdischer Schauspieler, noch ein jüdischer Abkunft verdächtiger Autor zu Wort kam. Trotzdem, oder vielleicht just wegen solcher Ausschließlichkeit ging es mit den Finanzen des Theaters nicht besonders. Zu Schluß der vorigen Saison kaufte die Gemeindevertretung dem Pächter den Fundus ab für 200.000 Kronen. Schon damals gab es Leute, die dahinter eine verschleierte Subvention vermutheten. Heute wiederum plaidirt einer der Geldgeber, A n g e r e r, im antisemitischen Hauptblatt für Jahressubvention des zu theuer, viel zu groß und zu überstürzt gebauten Hauses — durch die Commune. Seine Vorschläge haben einstweilen keine Aussicht auf Verwirklichung. Was folgen wird? Wer weiß es? Insterburg. (Rabbiner und Bischof.) Herr Dr. Beermann, Rabbiner der hiesigen Kreis-Synagogen-Gemeinden, brachte dem anläßlich der Einweihung einer katholischen Kirche hier weilenden Weihbischos seine Glückwünsche dar. In seiner Ansprache gab er der Hoffnung Ausdruck, daß die neuerbaute Andachtsstätte eine der Felsenburgen werde, an denen sich die Wogen verderblicher Zeitströmungen brechen, und daß aus dieser Duldung und Menschenliebe in die Herzen und Gemüther eindringe. Sichtlich gerührt und tief ergriffen antwortete der Herr Weihbischos. daß jedes dieser Worte ihm aus tiefster Seele gesprochen sei; die gesonderten Bekenntniffe hätten „wohl verschiedene Wege, aber ein Ziel: die sittliche Läuterung der Menschheit". Unter wiederholter Versicherung herzlichen Dankes entließ der Bischof den Rabbiner. Eydtkuhuen. Mit eigener Lebensgefahr rettete am 8. October Abends der Kaufmann Benjamin B e r k u s aus Wilna, der um diese Zeit mit dem Zuge hier ankam, den dienstthuenden Zugsführer des Zuges. Gleich hinter der Station Spirokeln, als der Zug schon in Bewegung war und der Zugssührer in sein Dienstcoupäe steigen wollte, fiel er rücklings in die Kuppelung. Herr Berkus sprang, wie der „Ges." berichtet, aus seinem Wagentheil heraus, packte den Zugsführer mit äußerster Kraft an und rettete ihn so vor dem Tode. Der Zugsschaffner bemerkte inzwischen den Vorfall und ließ den Zug sofort halten. — Wie nachträglich bekannt wird, hatte das Antwort-Telegramm des Kaisers für die aus Anlaß des Jahrestages des Kaiserrittes nach Wysztiten ihm gesandte Begrüßungsdepesche folgenden Inhalt: „An den Vorstand der jüdischen Gemeinde Wysztiten (Wysztinez). Mir gereicht es zur großen Freude, den Dank der Unterthanen Sr. Majestät des Kaisers Nicolaus aus der Stadt Wysztiten zu hören, die nach dem schweren Brandunglücke des vorigen Jahres neu im Entstehen ist, und dem Danke für das mir gesandte Begrüßungs- Telegramm schließe ich die besten Wünsche zu dem ferneren Gedeihen des Ortes an. Wilhelm I. R. Frankfurt a. M. Der Congreß zur internationalen Bekämpfung des Mädchenhandels hat natürlich auch für uns eine ethische Bedeutung. Dem Congreß ging am 7. d. M. eine deutsch-nationale Conferenz voraus, die von dem Vorsitzenden des deutschen Comitss, Kammerherrn Grafen Keller, eröffnet wurde. Er sprach seine Freude aus, daß Bekenner verschiedener Religionen und Confessionen, Männer und Frauen, sich zu dieser ernsten Arbeit zusammengefunden haben. Zum Schluß wendet sich Graf Keller speciell an die Vertreter der Presse, indem er vor Allem den vollständig unpolitischen und interconseffionellen Charakter der Veranstaltung betonte. Sanitätsrath Dr. Maretzki schilderte ausführlich die Thätigkeit des jüdischen Zweigcomitäs und „das vom Osten ausgehende Elend". Zu seiner Bekämpfung haben jüdische Verbände schon Vieles gethan. Eine Ergänzung wichtigster Art soll ihre Arbeit finden durch die Verbände jüdischer Frauenvereine. In das Präsidium des Congresses wurde u. A. auch Herr Sanitätsrath Dr. Maretzki berufen. An den Verhandlungen, auf die wir noch zurückkommen, nahm Herr Rabbiner Dr. Werner-München regen Antheil, ferner der Advocat Ferdinand Dreyfus-Paris, der das französische Nationalcomite vertrat, Frau Malvine Fuchs für Ungarn und Fräulein Heymann für Hamburg. Aus London war Herr C. S. Montef iore, von hier Herr Rabbiner Dr. Horowitz, welcher in der Schlußsitzung eine Ansprache an die Versammlung richtete, anwesend' Dr. H. sprach seine Bewunderung aus über die große Duldsamkeit, die hier während der Berathungen des Congresses geherrscht hat. Nur die allgemeine Religion hatte man vor Augen. Es gibt aber keine Religion, die nicht die Sittlichkeit zum Endziel hat. Dieser Congreß, das „erwachte Gewiffen der Völker", wird ein großes Beispiel geben. Er ist international, interkonfessionell, aber auch intersoeial. Möchte es uns gelingen, auch die sogenannten niedrigen Stände für die Sache zu intereffiren und zu gewinnen! In den social besser gestellten Kreisen tragen die Männer die Hauptschuld, darauf schwöre ich. Alle aber sollen an der Bekämpfung des Nebels betheiligt, keine sociale Schicht soll ausgeschlossen sein, gerade so wie keine nationale, keine confessionelle! Bukarest. (Die Intervention für die rumänischen Juden.) Die Vereinigten Staaten haben sich durch die bekannte Note des Staatssecretärs Hay hier in Rumänien keine Sympathien erworben. Selbst in solchen Kreisen, in welchen man den gerechten Beschwerden der israelitischen Bevölkerung eine wohlwollende Theilnahme entgegenbringt, wird das Vorgehen des Auswärtigen Amtes von Washington als ein in jeder Beziehung ungerechtfertigtes erklärt und würde, falls die hiesige Regierung eine Zurückweisung der amerikanischen Jnittative für nothwendig angesehen hätte, dagegen wohl von keiner politischen Partei im Lande Einsprache erhoben worden sein. Andererseits läßt sich aber doch nicht in Abrede stellen, daß die amerikanische Note hier einen großen Eindruck gemacht hat, und ist es wohl nur diesem Umstande zuzuschreiben, daß die rumänische Presse dem ganzen Complexe der rumänischen Juden- und Fremdenfrage eine größere Aufmerksamkeit zuzuwenden beginnt. So hat unter Anderem die alteonservative „Roumanie" eine Artikelserie veröffentlicht, in welcher für die unentgeltliche Zulassung der Israeliten zu den staatlichen Volks- und Gewerbeschulen plaidirt und der Fehler freimüthig zugestanden wird, welchen die Alt- Conservativen dadurch begingen, daß sie im Jahre 1893 im Bunde mit der liberalen Opposition die in obigem Sinne gehaltenen Schulgesetzvorschläge des eonservativ-junimistischen Ministeriums Catargiu-Carp zu Falle gebracht haben. Weiters wird versichert, daß das Executivcomitß der altconservativen Opposition den Beschluß gefaßt habe, für eine loyalere Anwendung des Naturalisationsverfahrens den einheimischen Israeliten gegenüber und gegen die Anwendung des Ausweisungsparagraphen unseres Fremdengesetzes auf die einheimischen Juden einzustehen. Doch ist diesen Beschlüssen kein besonderer Praktischer Werth beizumessen. Denn der Schwerpunkt der rumänischen Judenftage liegt nicht auf politischem, sondern auf erwerblichem Gebiete, und würde außerdem nur ein sehr kleiner Theil unserer armen jüdischen Handwerker in der Lage sein, die hohen Kosten aufzubringen, welche die Erlangung des rumänischen Bürgerrechtes erfordert. Stellt ja doch schon die unter der Regierung Sturdza's von 200 auf 500 Lei erhöhte Taxe für das Bürgerrechtsdiplom eine für den armen Handwerker unerschwingliche Abgabe dar. Was aber die Anwendung des Fremdengesetzes anbelangt, so liegt die diesbezüglich bereits eine Entscheidung des Obersten Gerichtshofes vor, welcher zufolge im Lande ihren Bürgerpflichten genügende und zu keinem Auslandsstaate in einem Unterthanenverhältniffe stehende Bewohner Rumäniens nicht als Fremde betrachtet und daher auch nicht aus Rumänien ausgewiesen