Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 43 (24.10.1902)
- Date
- 1902-10-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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dir. 43 Dr. Bloch's Wortzrnfchrifr. Sette 605 Geschenk, womit uns Gott im Sabbath bedacht hat. Fraglos läßt sich talmudisch Alles beseitigen, was wir als eine „lästige Bestimmung" empfinden; denn der Talmud hat ja eben den Vorzug der Beweglichkeit nach allen Richtungen. Aber der jüdische Sabbath würde dann aufhören. Das Ideal der Sabbathruhe im Judenthum ging nicht dahin, daß man an Ruhetagen die Fabriken und die Bureaux schließe, um dann am selben Tage die Bergnügungslocale der Vorstädte aufzusuchen und sich da an Zoten und anderen Pöbeleien zu ergötzen. Wenn dies die Sonntagsruhe im christlichen Staate ist, so muß man es als einen Rest des „lebensfrohen" Heidentdums bezeichnen, wie vertrottelte Decadenten heutzutage sagen. Die Sabbathruhe bei den Juden war die Weihe, d. h. die innere Ruhe, die geistige Erholung. Der Sabbath war der Tag, an dem der Jude sich seiner Gottähnlichkeit erinnern konnte, der Tag des innigen, von einer höheren Weihe verklärten Familienlebens. Ob wir ihn auch jetzt haben können oder nicht — das zu untersuchen, will ich vorläufig unterlassen. Aber wie lächerlich ist es, wenn man mir zumuthet, statt des köstlichen Meisterbildes, das mir abhanden gekommen ist, irgend eine Sudelei an die Wand zu hängen, die doch nur meinen ästhetischen Sinn beleidigt. Anfangs der Bierziger-Jahre des vorigen Jahrhunderts wurde in Meiningen eine Verordnung erlassen, die jüdischen Kinder sollen fortan am Sabbath in den Schulen mitschreiben. Ein Rabbiner Hoffmann, einer der Reformbolde jener Zeit, hatte erklärt, dies sei talmudisch zu rechtfertigen. Zacharias Frankel fuhr diesen Rabbiner heftig an, und so entstand bald darauf eine lebhafte Discussion. Bei dieser Gelegenheit hat Samuel Holdheim eine von seinem Standpunkte aus richtige Ansicht verfochten. Das Schreiben am Sabbath, meinte er, sei wirklich nicht so schlimm; wenigstens ließe sich dies talmudisch vertheidigen. Viel schlimmer ist es, daß jüdische Kinder am Sabbath die Schule besuchen müssen und so überhaupt das Verständniß für den heiligen Ruhetag verlieren. Wer die Vorgänge unserer Zeit mit Ausmerksamkeit verfolgt, wird erkannt haben, daß ein starker Wunsch nach Judenthum in unserer Mitte vorhanden ist. Wie sich Jeder die Bethätigung des Judenthums denkt, thut nichts zur Sache. In erster Reihe kommt es darauf an, den Zug der Zeit zu erkennen und zu erfassen. Nur ist es lächerlich, wenn man jetzt mit liberalen Trivialitäten und Reformideen kommt. Dieser sogenannte Liberalismus ist nichts weiter als staubbedeckte Rückständigkeit, genau wie der politische Liberalismus, den kein Mensch mehr ernst nimmt und der nichtsdestoweniger in manchen Köpfen noch immer herumspukt. Was die Reformideen betrifft, so ist mit dem Worte Reformation bei uns Juden vom Anbeginne ein arger Unfug getrieben worden. Eine religiöse Reform setzt ein tiefgehendes religiöses Gefühl voraus, die innigste Ueberzeugung, daß die Religion den Menschen mit Gott vereinigt, und nun handelt es sich darum, den richtigen Weg zu finden und Alles zu beseitigen, was die wahre Religion beeinträchtigt. Geschichtlich läßt sich Nachweisen, daß eine religiöse Reform niemals die religiöse Pflicht erleichtern, sondern im Gegentheil sie viel erschweren wollte. Natürlich empfinden religiöse Naturen solche Erschwerungen nicht als Last — denn Gott dienen ist nie eine lästige Pflicht. Hingegen haben die sogenannten jüdischen Reformatoren stets einen „Ausgleich des Religionsgesetzes mit dem Leben" angestrebt, und wie die „Ausgleiche" im kaufmännischen Leben, war auch dieser Ausgleich nichts als Schwindel. Eine wahre Reformation, und eine solche thut uns noth, kann nur mit positiver Arbeit beginnen. Was veraltet ist, mag bleiben für den. dem es noch etwas ist, denn wozu Menschen in ihrem religiösen Gefühl verletzen? Und wem diese Dinge fremd geworden sind, mag davon lassen. Aber jedenfalls muß Neues, Positives geschaffen werden. Ich denke, es wäre an der höchsten Aeit. daß all diese Fragen in einer Versammlung von Rabbinern, jüdischen Gelehrten und anderen berufenen Führern der Judenheit erörtert würden, nicht etwa um „bindende" Beschlüsse zu fassen, sondern um sich überhaupt über alle Vorgänge unserer Zeit gründlich auszusprechen. Bon der Ersprießlichkeit einer solchen gemeinsamen Berathung bin ich fest überzeugt. Dr. S. B e r n f e l d. Wilhelm Stiaßny. Der sechzigste Geburtstag des Baurathes Wilhelm Stiaßny wurde in der abgelaufenen Woche festlich begangen. Die Mannigfaltigkeit der Auszeichnungen, die ihm an dem Festtage dargebracht wurden, war der Gradmesser für die Vielseitigkeit, die ein charakteristisches Kennzeichen der auf allen Gebieten des beruflichen und des öffentlichen Lebens sich kundgebenden Thätigkeit Wilhelm Stiaßny's. Um ihm gerecht zu werden, muß man ebenso sehr sein Wirken in der Cultusgemeinde, wie seine Hingebung an humanitäre und socialpolitische Aufgaben, seine politische Treue und seine fachmännische Arbeit ins Auge fassen. Der vieljährige aufopferungsvolle Dienst in der Cultus gemeinde kommt aber nicht blos wegen der auf den schwierigsten Gebieten der Verwaltung bethätigten Fürsorge in Betracht, sondern ebenso sehr wegen des von edelsten Gesinnungen getragenen echt jüdischen Geistes, der sich darin manifestirt, wegen der muthigen und selbst vor persönlichen Opfern nicht zurück schreckenden Stammes- und Religionszugehörigkeit, die er im öffentlichen wie im privaten Leben bekennt. In den Dienst der Gemeinde hat er aber nicht blos seine Gesinnung, sondern auch sein fachmännisches Wissen gestellt und die hervorragendsten Bauwerke der Gemeinde auf humanitärem Gebiete, das Rothschild-Spital, das allgemeine Krankenhaus, das Blindeninstitut u. a., haben ihn zum Erbauer. Aus seiner Liebe zum Volke, aus dem er hervorgegangen, stammte auch seine auf humanitärem Gebiete entwickelte Arbeitsfceudigkeit. Hier find es insbesondere zwei Institutionen, die ihn zum Schöpfer haben und an denen er sich unermüdlich betheiligt; es find dies der „Verein zur Unterstützung israelitischer Handwerker und Gewerbetreibender" und der „Verein für unentgeltliche Arbeitsvermittlung". Obwohl dies zwei getrennte Organisationen sind, so hängen sie doch nicht blos ideell zusammen, sondern es ist der eine Verein aus dem andern hervorgegangen, er hat dort seine erste Anregung empfangen, wenn auch die Durchführung erst durch die Mitwirkung eines anderen Humanitätsvereines zustande kam. Die beiden Vereine ergänzen auch einander materiell, und Baurath Stiaßny ist ein werthvolles Bindeglied zwischen beiden Vereinen. Wie er für seine Glaubensgenossen auf dem Gebiete der Arbeit fördernd einzugreifen und dem Solidaritätsgedanken Ausdruck zu geben bemüht war, so hat er auch auf geistigem Gebiete einen Sammelpunkt geschaffen, und zwar in dem Museum für historische und architektonische Denkmäler der Juden. Wir haben es an dieser Stelle wiederholt betont, daß wir dieser Schöpfung S t i a ß n y ' s eine weit über den Kunstwerth und die historische Bedeutung ver gesammelten Objecte hinausreichende Bedeutung beimeffen. Sie ist eines der schönsten Monumente jüdischer Arbeit auf allen Gebieten des Wissens, der Kunst, des Gewerbes; sie ist zugleich eine der glänzendsten, unwiderleglichsten Beweise für die Bodenständigkeit der Juden und ihrer steten Mitarbeit in allen Zweigen ideeller und beruflicher Thätigkeit. Wir halten uns daher für berechtigt und verpflichtet, gerade für das Jnslebenrufen dieses Museums den Verdiensten Stiaßny's die größte Anerkennung auszusprechen in der vollen Ueberzeugung, daß dieses Museum aus bescheidenen Anfängen sich zu einem, von der Gesammtheit der österreichischen Juden als gemeinsamer Sammelpunkt anerkannten Institut entwickeln wird, mit dessen Erfolgen Stiaßny's Name unvergänglich verbunden sein wird. Sein jüdisches Bewußtsein hat Stiaßny auch im politischen Leben bethätigt, und es soll allen Juden unvergessen bleiben.mit welcher Energie er, von edelstem und gerechtestem Zorn hingerissen, in den kräftigsten Worten eine den Juden angethane Beleidigung geißelte, ebenso auch wie er in politischen Vereinen und öffentlichen Discuffionen stets der Wortführer freiheitlicher Gesinnungen war, für Gerechtigkeit mit aller Wärme eintrat und die Toleranz, die er für seine Glaubensgenossen begehrte, auch jedem Anderen gegenüber bewährte. Seine großen Fähigkeiten konnte er bei den größten Wiener Bauten der älteren Periode: Wasserleitung, Donauregulirung, Berkehrsanlagen bethätigen, und in jenen Tagen, in denen der Mann galt, der etwas wußte und die Confeffion nicht qualificirend oder disqualifieirend in die Wagschale gelegt wurde, da war Stiaßny's Wort im Rathe der Gemeinde und anderwärts hochgeachtet. Sein sechzigster Geburtstag bot Allen, die mit ihm im öffentlichen, privaten oder beruflichen Wirken in Berührung kamen, die erwünschte Gelegenheit, ihm ihre Sympathien kundzugeben und nicht blos ihn zu beglückwünschen, sondern zugleich