Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 43 (24.10.1902)
- Date
- 1902-10-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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- Amman 1× ep/1044017
- Hebron 1× ep/1047559
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Seite «94 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 43 liche Gebete; oft verbringen sie den ganzen Tag daselbst mit Gebeten und Predigten. Die nichtjüdischen Bewohner des heiligen Landes bezeugen für diese Zierden und Heiligen Jsrael's hohe Achtung und Verehrung. Obgleich wir den ganzen Tag unter freiem Himmel, in das Tallith gehüllt und mit Tefilliu angethan, zubrächten und trotzdem wir mit lauter Stimme unseren Gott vor den Gräbern dieser frommen Männer anriefen, wagte es Keiner der Nichtjuden, in die Stätte des Gebetes der Juden einzudringen oder — Gott behüte — ihre Gebete ins Lächerliche zu ziehen. Jeder ging ruhig seines Weges; Keiner öffnete den Mund, um Bemerkungen zu machen, die uns stören konnten. Ganz im Gegentheil: sie erwiesen den Gräbern der Tannaiten und den Heiligen der Synagogen Ehren, zündeten geweihte Lampen an und brachten Oel für die Synagogen dar. In den Orten Zerin, Ain Zeitun und Meron, welche wegen unserer Sünden unbewohnt sind, gibt es viele Synagogen mit einer großen Zahl von Thorarollen. Die Nichtjuden bezeugen für dieselben gleichfalls hohen Respect Die Schlüssel dieser Synagogen sind in ihren Händen; sie ehren diese Heiligthümer und zünden Lampen vor denselben an; Niemand rührt an die Thorarollen. Von Zeit zu Zeit besuchen wir diese Synagogen und verrichten darin, wenn die Umstände es erfordern, unsere Gebete." . . . Wenn die Muhammedaner aus eigenem Antrieb an der Verehrung der Gräber jüdischer Rabbiner und christlicher Möncke theilnehmen, wie viel mehr Ursache haben sie, die Weihe gewisser Orte sich zu eigen zu machen, mit denen das Gedächtniß biblischer Personen verknüoft ist! In diesem Kreise von Glaubenslehren stimmen ihre Traditionen bald mit denen der Juden und der Christen überein, bald verknüpfen sie mit den Namen der Patriarchen und der Propheten andere Orte als sie, bald haben sie einen Ausgleich zwischen ihnen hergestellt, bald die verschiedenen Ueberlieferungen angenommen. Wir schulden Herrn B a s s e t lebhaften Dank, daß er (in seinem Buche (Xeärowab et Ie8 Iraras. Paris 1901) eine bedauerliche Lücke unserer Kenntnisse auf diesem Gebiete ausgefüllt hat, indenl er in einem besonderen Anhang alle Traditionen der drei Religionen über „die Gräber der hervorragendsten Persönlichkeiten der Bibel" zusammenstellte. Dank seiner unerschöpflichen Literotur-Kenntniß hat er alle jüdischen, christlichen und muhammedanischen Angaben über diesen Gegenstand gesammelt und einer kritischen Prüfung unterzogen. Daß bei einer so reichen Ernte noch einige Nachlese bleibt, wird Niemand auffallend finden oder dem Verfasser zum Vorwurf machen. Auf einem derart umfassenden Literatur-Gebiete kann dies nicht anders sein Unter dem Vorbehalt dieser Bemerkung lasse ich hier einige Ergänzungen folgen: Man berichtet auch von einem Grabe Abel's (Labr Habil) bei Suk (in der Näh ' von Damaskus), dem alten Abila. Diese Tradition ist zwerfellos aus dem Gleichklang von Abila und Abel entstanden. Man hat den Schauplatz des ersten Brudermordes in die Nahe von Damaskus verlegt und ging sogar so weit, den Namen dieser Stadt als „Blut des Gerechten" zu deuten. In die Nachbarschaft, in das Thal Jahfufah im Antilibanus, wurde auch das Grab des Seeth verlegt. Der polttische Graf Nikolaus R a d z i w i l l, welcher im XVII. Jahrhundert den Orient bereist hat, bemerkt bei seiner Schilderung des Gebirges bei Damaskus: „Auf dessen Gipfel ragen zwei Hügel hervor, auf denen Kain und Abel dem Herrn ihre Ganzopfer dargebracht haben sollen; am Fuße eines derselben wird die Stelle der Ermordung und des Grabes Abel's gezeigt. Die Türken erzählten uns, daß an diesem Orte ein unterirdisches Geräusch vernommen wird zum Zeugniß jenes Brudermordes und zur Erinnerung an den unschuldigen Abel, weshalb der Ort vielfach verehrt wird, und man betheuert als sicher, daß ein von schwerer Krankheit Ergriffener, der sich nackt darauf legt, sofort wiederhergestellt wird. — Das Grab des Sem befindet sich nach Makrizi in der Moschee Ibu al-Lannü 150 Meter nördlich von Lab Zuweile bei Kairo. In der Nachbarschaft von Hebron, bei einer Ruinenstätte Las Kairan wird das Grab des Stammvaters der Kanaanäer erwähnt. Außer an den von Baffet genannten Stellen wird das Grab des Abraham in dem Dorfe Berzeh bei Damaskus gezeigt, wo alljährlich eine Dözeh zu Ehren des Patriarchen gefeiert wird. Nach Renan verlegt eine Tradition das Grab Esau nach einem Orte Namens 8min der Nabe von Damaskus. Die verschiedenen Ueberlieferungen über die Bcgräbnißstätten der S ö h n e I a k o b's habe ich in meiner Abhandlung „Aus dem muhammedanischen Heiligencultus in Egypten" zusammengestellt. Die Juden von Jspahan verehren in der Nähe dieser Stadt das Grab der S e r a ch, Tochter des Asser. Betreffs des Grabes des Moses haben die Muhammedaner verschiedene Traditionen. Die bekannteste laßt ihn in der Nachbarschaft des Tobten Meeres, auf dem Berge Heb! Nüsa begraben sein, wohin die Touristen von Jericho den obligaten Ausflug machen. Ich habe den Ort im Jahre 1873 besucht und daselbst eine sehr große Anzahl von Muhammedanern gefunden, welche mit Andacht die Grabstätte des Propheten umstanden. D a l m a n veröffentlicht in seinem kürzlich erschienenen „Palästinensischen Diwan" ein Lied der Pilger, welche zum Grabe des Xebi L üsa wallen. Aber man zeigt Moses' Grab seit mindestens stchs Jahrhunderten auch in einer allen Moschee in Damaskus, und nach einer allerdings sehr verdächtigen Quelle liegt drei Tagereisen von Mekka ein Berg, auf den mau das Grab des Moses verlegt. Auf dem Djebel Akkar in Phönizien gibt es einen Xebi Llüsa genannten Art. Die Muhammedaner haben dem Grabe des Aaron verschiedene Stellen angewiesen, bald ungefähr dort, wohin die biblische Erzählung dasselbe verlegt, bald auf den Berg Ohod bei Medina. Dieses arabische Grab Aaron's wurde mit der Legende von dem Aufenthalte Moses' und Aron's in Hedschas in Verbindung gebracht. Von einem „Propheten Urijah" ist in der Gegend von Amman (Rabbath Ammon) die Rede, neben anderen Ortslagen, welche biblischen Persönlichkeiten geweiht sind (das Schloß des Goliath, Betplatz des Salomo rc.) Für den Propheten Ezechiel haben die Muhammedaner gleichfalls Grabstätten anderswo als in Mesopotamien. Zeilfragen. u. Im vorigen Jahre, als in Berlin der Wahlkampf tobte, stand im Vordergrund des öffentlichen Interesses die Frage des Sonntagsgottesdienstes, über die auch in diesem Blatte bereits oft gesprochen worden ist. Die Führer dieser Bewegung versicherten u> aufhörlich, es sei ihnen in keinem Falle darum zu thun, die Sabbat hweihe zu beeinträchtigen, vielmehr gehe ihr Wunsch nur dahin, Allen, Die am Sabbath von ihren beruflichen Arbeiten nicht abkommen können, Gelegenheit zu geben, sich über das Judenthum zu belehren. Ich muß gestehen, daß auch ich irre geworden bin und mir oft die Frage vvrgelegt habe: vielleicht macht man doch den Versuch, zumal wir ja nicht viel zu verlieren haben. Die Gemeindewahlen haben gegen diese Bewegung entschieden, und ich freute mich über die Lebet.straft, die die Judenheit in einem solchen folgenschweren Moment gezeigt hat. Von einer officiellen Veranstaltung eines Gottesdienstes in den Gemeindesynagogen kann für absehbare Zeit nicht mehr die Rede sein. Nun haben die Leute, die sich dafür eingesetzt, sehr viel Geld; au Liebe und Begeisterung für das Zudenthum fehlt es ihnen nach. ihrer Versicherung auch nicht. Somit ist wohl die Frage erlaubt: warum thut ihr es nicht aus eigenen Mitteln? Es fehlt doch niemals an Geld, wenn es sich darum handelt, Lahme, Blinde und Altersschwache zu versorgen, wollt ihr nicht einmal euer lahmes, blindes und altersschwaches Judenthum schützen? Der Verdacht ist nicht abzuweisen, daß es diesmal wiederum nichts weiter als ein assimilatorischer Vorstoß, wenn auch ein etwas verspäteter, gewesen^ist; wieder ein Annäherungsversuch an „Jene", die uns mit aller Kraft vom Leibe zu halten suchen. Und daß ich darauf beinahe „'reingefallen" wäre, thut mir sehr leid. Jedenfalls war es wenigstens eine starke Bewegung. Man wollte die Gemeindesynagoge am Sonntag geöffnet wissen, nicht etwa um sie zu besuchen — bewahre! sondern um „Jenen" zu zeigen, daß wir keinen Sabbath mehr haben. Natürlich hätte man dann die unentbehrlichen „Minjanleute" bestellt, um überhaupt Publicum zu haben. Und da der Angriff abgeschlagen worden ist, wird fitzt nur noch herumgeplänkelt, in einer Weise, die weder sehr geistreich, noch sehr muthig erscheint. In einem hiesigen Blatte wurde die Sabbathruhe erörtert, wobei der Ansicht Raum gegeben wurde, Einiges sei in das Judenthum durch den Talmud in „spitzfindiger" Weise hineingetragen worden, so beispielsweise das Fahrverbot am Sabbath. das jetzt wohl beseitigt werden könnte. 0 saneta sinaplieitas! Wer nur einigermaßen die Entwicklungsgeschichte des Judenthums kennt, weiß, daß die strenge Sabbathruhe viel älter ist als die spätere sopherische Begründung. Wenn man von „Spitzfindigkeit" sprechen will, so kann man solche höchstens nur bei der Begründung mancher Religionsvorschrift finden. In Wahrheit ist dies selbst in diesem Falle falsch. Das sopherische Judenthum wollte Alles in ein einheitliches System bringen, während das Judenthum als das Product einer langen geschichtlichen Entwicklung sich schwer in ein solches Hineinpressen läßt. Beim Versuch, Alles systematisch zu ordnen, mag Manches gezwungen oder, wie die Herren jetzt so überaus geistreich sagen, „talmudisch-spitzfindig" sein. Was hat aber dies mit der geschichtlich feststehenden Sabbathruhe zu thun? Man spricht von manchen „lästigen Bestimmungen" der Sabbathruhe. Darin liegt ein großer Jrrthum. Wer den Sabbath i'ur vom Standpunkte der formalen Pflichterfüllung würdigt, der bat ihn bereits gänzlich verloren und soll gar nicht mitsprechen. Nicht, was wir dem Sabbath schuldig sind, sondern was wir dem Sabbath zu verdanken haben — das muß erörtert werden. Die Alten, die dem Geist des Judenthums viel näher standen als wir, sprachen daher immer sehr richtig von dem köstlichen